Pummelfee in Lederhosen und Altpunks als poetae vates. Zur unerwarteten Aktualität von „Bayern“ von Die Toten Hosen

Die Toten Hosen

Bayern

Es gibt nicht viel auf dieser Welt,
woran man sich halten kann.
Manche sagen die Liebe,
vielleicht ist da was dran.
Und es bleibt ja immer noch Gott,
wenn man sonst niemand hat.
Andere glauben an gar nichts,
das Leben hat sie hart gemacht.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Nur eins weiß ich hundertprozentig:
Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen.

Ich meine, wenn ich 20 wär
und supertalentiert,
und Real Madrid hätte schon angeklopft,
und die Jungs aus Manchester.
Und ich hätt auch schon für Deutschland gespielt
und wär mental topfit
und Uli Hoeneß würde bei mir
auf der Matte stehen.

Ich würde meine Tür nicht öffnen,
weil's für mich nicht in Frage kommt,
sich bei so Leuten wie den Bayern
seinen Charakter zu versauen.

Das wollt ich nur mal klarstellen,
damit wir uns richtig verstehen:
Ich habe nichts gegen München,
ich würde nur nie zu den Bayern gehen.

Muß denn sowas wirklich sein?
Ist das Leben nicht viel zu schön?
Sich selber so wegzuschmeißen
und zum FC Bayern zu gehen.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Ganz egal, wie hart mein Schicksal wär,
ich würde nie zum FC Bayern München gehen.

Was für Eltern muss man haben
um so verdorben zu sein,
einen Vertrag zu unterschreiben
bei diesem Scheißverein?

Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!
Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!

     [Die Toten Hosen: Unsterblich.  JKP 1999.]

Manche Lieder erscheinen zu früh. Als Die Toten Hosen 1999 das Album Unsterblich mit dem Song Bayern veröffentlichten, konnte man aber zunächst den gegenteilige Eindruck bekommen – dass es zu spät erschienen sei: Die Phase, in der der FC Bayern München Ligakonkurrenten systematisch kaputtkaufte, indem Spielmacher, Stürmer oder, wenn gar nichts mehr half, auch Trainer abgeworben wurden (Werder-Bremen-Fans wissen, wovon die Rede ist), schien sich ihrem Ende zuzuneigen, und mit der Ausweitung des Teilnehmerfelds der Champions League zur Saison 1997/1998 gewann die UEFA-Fünfjahreswertung an Bedeutung. Mit ihr wurde die Auffassung „International bin ich für Bayern“ zunehmend salonfähig, weil der FC ja gewissermaßen auch für die anderen deutschen Mannschaften spielte. Nicht zuletzt das tragisch verlorene Champions League-Finale 1999 dürfte zu einer partiellen bundesweiten Solidarisierung geführt haben.

In den Folgejahren gelang Bayern u. a. durch ‚Rettungsspiele‘ bei finanziell angeschlagenen Vereinen wie 2003 beim FC Sankt Pauli, geographisch und ideologisch eigentlich der Gegenpol zu Bayern, ein Imagewandel. Sogar Uli Hoeneß bewies Humor und zeigte sich in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Weltpokalsiegerbesiegerretter“ (in Anspielung auf das nach dem 2:1-Sieg von St. Pauli gegen Bayern am 6. Februar 2002 gedruckte „Weltpokalsiegerbesieger“-Motiv).

Gerade die öffentliche Person Hoeneß remodelte sich langsam, aber im Ergebnis grundlegend: Vom für die „Abteilung Attacke“ zuständigen Intriganten entwickelte er sich in der öffentlichen Wahrnehmung zum zwar aufbrausenden, aber großmütigen Patriarchen, der sich um seine Angestellten – sowohl die des FC Bayern als auch die seiner Wurstfabrik – sorgt. Und im Vergleich zu den hochverschuldeten spanischen Großvereinen Real Madrid und FC Barcelona oder den von Milliardären übernommenen englischen Clubs wie dem FC Chelsea und Manchester City wurde der FC Bayern nicht mehr primär als bedrohlich übermächtiger Liga-Krösus wahrgenommen, sondern als solides (Festgeldkonto!) deutsches Gegenmodell.

Den Höhepunkt dürfte die Bayern-Akzeptanz mit der Verpflichtung von Pep Guardiola als ‚begehrtestem Trainer der Welt‘, die wesentlich Hoeneß‘ Verdienst war, erreicht haben. Nicht nur, dass man aufgrund der Vereinsstruktur, die Guardiola dezidiert als einen Grund für seine Entscheidung anführte, finanzstärkere Konkurrenten wie den FC Chelsea ausgestochen hatte; mit dem schöngeistigen, weltgewandten (Sabbatical in New York!) und politisch eher links stehenden Katalanen („Wir spielen linken Fußball“) schickte sich der FC Bayern an, den letzten Rest des Reaktionär-Provinziellen abzustreifen. Wer käme sich nicht lächerlich vor, „Zieht den Bayern die Lederhosen aus?“ anzustimmen, wenn Guardiola im Anzug an der Seitenlinie steht? Selbst Tote Hosen-Sänger Campino hatte mehrfach Sympathie für Hoeneß geäußert (vgl. etwa im Interview in der Münchener Abendzeitung vom 17.2.2012).

So stellte sich die Lage dar – bis zur vergangenen Woche, als zwei Ereignisse, mit denen wohl kaum jemand gerechnet hatte, das mühsam erarbeitete Bild zunichte und das Lied plötzlich tagesaktuell machten: Zuerst wurde die Selbstanzeige von Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung bekannt, dann der Wechsel von Mario Götze vom BVB Dortmund zum FC Bayern München. Nicht nur, dass jedes Detail der Phantasie des im Song probehandelnden Sprecher-Ichs auf Götze zutrifft (Alter, Nationalmannschaftseinsätze, kolportiertes Interesse von Real Madrid und Manchester [United und City]); Mario Götze, der von seinen Mitspielern „Pummelfee“ gerufene Heintje des deutschen Fußballs, eignet sich geradezu ideal für die Rolle des naiven Jungstars, der nun seiner unausweichlichen charakterlichen Deformation an der Säbener Straße entgegengeht. Und Hoeneß‘ im Anschluss an das Lied im Video zitierte Untergang des Abendlands-Rhetorik angesichts eines respektlosen Fußballsongs („Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird.“) taugt im Lichte seiner eigenen mutmaßlichen Straffälligkeit als ideales Beispiel für die Doppelmoral der Mächtigen, die schon immer ein zentrales Thema in Punktexten war, in denen hinter jeder gut bürgerlichen Fassade Abgründe vermutet werden.

So hat das Lied 14 Jahre nach seiner Veröffentlichung endlich seine Realitätsreferenz gefunden und dürfte zugleich aber für die meisten Hörer seine Mehrfachcodierung verloren haben: Aus der Allegorie für moralische Standhaftigkeit, in der Fußball, ähnlich wie im thematisch verwandten Erinnert sich jemand an Kalle Del’Haye von …But Alive, nur als Metapher dient, ist ein konkret adressierbares Schmählied geworden.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Strategische Selbsterniedrigung. Zu „Fußball ist unser Leben“, gesungen von der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für die WM 1974 (Text: Jack White)

Deutsche Fußball-Nationalmannschaft (Text: Jack White)

Fußball ist unser Leben

Ha! Ho! Heja heja he!
Ha! Ho! Heja heja he!

Fußball ist unser Leben,
denn König Fußball regiert die Welt.
Wir kämpfen und geben alles,
bis dann ein Tor nach dem andern fällt.

Ja, einer für alle, alle für einen.
Wir halten fest zusammen,
und ist der Sieg dann unser,
sind Freud'und Ehr' für uns alle bestellt.

[Ein jeder Gegner will uns natürlich schlagen. 
Er kann's versuchen, er darf es ruhig wagen. 
Doch sieht er denn nicht, 
dass hunderttausend Freunde zusammen steh'n.]

Wir spielen immer, sogar bei Wind und Regen.
Auch wenn die Sonne lacht und andre sich vergnügen,
doch schön ist der Lohn,
wenn hunderttausend Freunde zusammen steh'n.

Ja! Fußball ist unser Leben [...]

Ha! Ho! Heja heja he! Ha! Ho! He!

     [Die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft: Fußball ist unser Leben. Polydor 1973.
     In der Studiofassung findet sich die in eckige Klammern gesetzte Stophe.]

Wenn die Fassungslosigkeit und Fremdscham, die dieser Auftritt auslöst, langsam nachlassen, machen sie einer recht angenehmen Erkenntnis Raum: So schlecht, wie man (und der Musiklehrer damals) dachte, kann man selbst doch gar nicht singen, und das eigene Rhythmusgefühl ist auch ausgeprägter als bislang angenommen. Es ist der gleiche Effekt, der sich beim Rezipieren der Deutschland such den Superstar-Castings einstellt.

Doch während diese von Jugendschützern teilweise als sozialethisch desorientierend eingeschätzt wurden und die dort Bloßgestellten nach der Sendung teilweise Mobbing ausgesetzt waren, erfüllte die – durch Wim Toelkes ironische Anmoderation des Stücks als „eines der bedeutendesten Chorwerke der modernen profanen Chorliteratur, das Schicksalslied der Profis“ zusätzlich der Lächerlichkeit preisgegebene – Vorführung der begrenzten musikalischen Fähigkeiten von Georg Schwarzenbeck, Jupp Kapellmann, Paul Breitner, Bernd Franke, Uli Hoeneß (unten v.l.n.r.), Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier, Bernd Cullmann, Jürgen Grabowski, Wolfgang Overath (oben v.l.n.r.) eine sozial stabilisierende Funktion und dürfte den Beteiligten sogar genutzt haben.

Denn gemäß der Theorie der sozialen Vergleichsprozesse vergleichen sich Menschen ständig mit anderen. In der Regel dienen diese Vergleiche aber nicht, wie man spontan annehmen könnte, einer möglichst zutreffenden Einschätzung der eigenen Fähigkeiten (dies geschieht nur in wichtigen Konkurrenzsituationen), sondern sollen vor allem das eigene Selbstwertgefühl stützen: Man sucht zum Vergleich ein Feld aus, auf dem man voraussichtlich besser abschneidet als der, mit dem man sich vergleicht. Gelingt es nicht, ein solches Feld zu finden, wird der andere häufig aufgrund üblicherweise nicht vergleichsrelevanter Merkmale (Hautfarbe, Geschlecht etc.) abgewertet.

In den 1970er Jahren ändert sich der Status von Profifußballern in Deutschland fundamental: Aus Halbprofis werden Spitzenverdiener (1972 lässt der DFB die Gehaltsobergrenze für Vereinsfußballer von 1000,- Mark monatlich fallen, von der zuvor für Nationalspieler allerdings auf Antrag bereits Ausnahmen möglich waren), die dies auch öffentlich zeigen (etwa mittels ihrer Autos). Mithin werden für die Fans, deren Zuneigung Fußballer ja letztlich ihren Status verdanken, selbstwertdienliche Vergleiche mit ihnen schwieriger, womit die Gefahr steigt, dass sie die Profis ablehnen (etwa als arrogant, abgehoben etc.). Für dieses Problem schafft im Land der Männergesangsvereine die öffentliche Ausstellung inexistenten Gesangstalents Abhilfe, indem dem Publikum wieder ein Feld gezeigt wird, auf dem es sich selbstwertdienlich mit den Stars vergleichen kann – Prominente aus der Showbranche nutzen zu diesem Zweck andersherum gerne Sportveranstaltungen, bei denen sie ihre Unsportlichkeit demonstrieren.

Der Liedtext selbst bietet explizit zusätzlich ein weiteres für die Fans attraktives Vergleichsfeld an: Arbeitszeiten und -bedingungen der Spieler werden gegenüber anderen als nachteilig geschildert: „Wir spielen immer, / sogar bei Wind und Regen. / Auch wenn die Sonne lacht / und andre sich vergnügen“.

Zudem wird jeder Elitarismus vermieden: Die Nationalmannschaft wird als Truppe von Freunden, die das Motto der Drei Musketiere (und d‘Artangnans) verinnerlicht haben, gezeichnet, die ihr Ziel nicht etwa aufgrund überragender Fähigkeiten, sondern durch beharrliche harte Arbeit erreicht: „Wir kämpfen und geben alles, / bis dann ein Tor nach dem andern fällt.“ (In Fortschreibung dieser Malocher-Ästhetik hatte ich, bevor ich den Text gelesen hatte, beim bloßen Hören des Liedes statt „und ist der Sieg dann unser, / sind Freud‘ und Ehr‘ für uns alle bestellt“  immer verstanden: „und ist der Sieg dann unser, / wird Korn und Bier für uns alle bestellt“).  In der letzten Strophe werden dann auch noch die Fans in den Kreis der Freunde aufgenommen (wie in der beliebten Rede vom ‚zwölften Mann‘): „doch schön ist der Lohn, / wenn hunderttausend Freunde zusammen steh’n.“ – Alle sind gleichermaßen Untertanen des weltbeherrschenden Königs Fußball (auch der ‚Kaiser‘ Franz Beckenbauer).

Die Tradition der öffentlichen Selbsterniedrigung mittels Gesang haben spätere deutsche Fußballnationalmannschaften fortgesetzt: 1978 wurde mit Udo Jürgens Buenos dias Argentina gesungen, 1982 Olé España mit Michael Schanze, 1986 Mexiko, mi amor mit Peter Alexander, 1990 wieder mit Udo Jürgens Wir sind schon auf dem Brenner und 1994 Far away in America mit The Village People. Nach diesem frühen Zeichen gegen Homophobie brach Berti Vogts mit der Tradition, die bis heute aber nur ausgesetzt ist – Oliver Bierhoff äußerte unlängst, er könne sich durchaus vorstellen, „die vier, fünf besten aktuellen Musiker Deutschlands mit der Mannschaft zusammenzubringen“ (11Freunde 127 [Juni 2012], S. 30). Angesichst ihrer in der Vergangenheit ausgiebig demonstrierten Bereitschaft zur Mitwirkung an allerlei Projekten steht zu befürchten, dass die Wahl auf Xavier Naidoo, Stefanie Kloß von Silbermond, Rea Garvey von Reamonn, Thomas D sowie Nena fiele.

Dass ihn die gegnerischen Fans im Champions League-Spiel von Real Madrid gegen Dinamo Zagreb ausgepfiffen hatten, erklärte Cristiano Ronaldo vor dem Hintergrund der Theorie der sozialen Vergleichsprozesse durchaus einleuchtend: „Die Leute mögen micht nicht, weil ich reich, gut aussehend und ein großartiger Spieler bin.“  Vielleicht sollte er mit seinen Nationalmannschaftskollegen einfach mal ein Lied aufnehmen.

Martin Rehfeldt, Bamberg