Liederportrait II. Der Ewige Rocker: „Lemmy macht mir Mut“ von Onkel Tom Angelripper

Onkel Tom Angelripper

Lemmy macht mir Mut

Kein Alkohol und immer nüchtern,
Nie einen draufgemacht und immer schüchtern,
Keine Drogen und kein Exzess,
Vor der Ehe gar kein Sex,

Das alles trifft auf ihn nicht zu,
Auch wenn die ganze Welt zerbricht,
Und trotzdem lebt er immer noch,
Lemmy macht mir Mut,
Für mich wird er unsterblich sein,
Ein Mythos für die Ewigkeit,
Lemmy macht mir Mut.

Keine Spiele, die das Glück beherrscht,
Leise Töne völlig unverzerrt,
Statt Rotlicht und Vielweiberei,
Ein gutes Buch bei Kerzenschein,

Das alles trifft auf ihn nicht zu […]

Nikotin stets abgelehnt,
Und jeden Tag ein Stoßgebet,
Immer nur sich selbst geliebt,
Und stets hat die Vernunft gesiegt,

Das alles trifft auf ihn nicht zu […]

Lemmy...
Lemmy macht mir Mut,
Legenden sterben nie!

     [Onkel Tom Angelripper: Nunc est bibendum. Drakkar 2011.]

 

Innerhalb des Metal-Genres kommt es in diversen Subgenres zur Verwendung des Deutschen: vom Death Metal (Eisregen), über klassischen Hard Rock/ Heavy Metal (Die Böhsen Onkelz, Die Apokalyptischen Reiter, Frei.Wild) sowie „Spaß-Metal“ (Knorkator, J.B.O.) und vor allem beim Mittelaltermetal (Corvus Corax, Subway to Sally, In Extremo, Schandmaul). Besonders erwähnenswert sind hier außerdem Rammstein, deren Industrial Metal mit deutschen Gesang auch international erfolgreich ist, obwohl ihre Wortspiele oft nur auf Deutsch funktionieren, z.B. „Du has(s)t mich“. Auch im Thrash Metal gibt es mindestens einen prominenten Vertreter, der auf Deutsch textet: Thomas Such, besser bekannt unter seinem Künstlernamen (Onkel) Tom Angelripper.

In seinem Nebenprojekt beschäftigt sich der Bassist und Sänger der deutschen Thrash-Metal Band Sodom, die normalerweise ihre Texte auf Englisch verfasst, mit unpolitischen und humorvollen Themen – der Alkohol steht dabei oft im Vordergrund. Charakteristisch für den Thrash Metal ist schnelles und anspruchsvolles Gitarrenspiel, durchschlagende Schlagzeug-Beats und aggressiver Gesang, der oft Gewalt und politische Themen problematisiert. Nicht zu verwechseln ist Thrash hierbei mit Trash (= Müll), wie dies oft auch schriftlich geschieht.

Der Name Angelrippers geht auf die Diskrepanz zwischen seinem humoristischen Nebenprojekt und den Texten über Gewalt, die oftmals im Thrash-Metal gängig sind, mit wunderbarer Absurdität ein: der gemütlich-familiäre Name Onkel Tom wird dem zweiten Teil seines Namens, Angelripper (Deutsch: Engelszerreiser), entgegengesetzt. Die Liedtexte Angelrippers spielen oft mit Klischees des daueralkoholisierten Metalheads (beispielsweise im Lied „Schade, dass man Bier nicht ficken kann“). Besonders in der Frühphase seiner Solokarriere spielte Angelripper auch oft Cover von Schlagern und Saufliedern ein, beispielsweise Es gibt kein Bier auf Hawaii oder Blau blüht der Enzian.

Das Lied, welches im Folgenden besprochen werden soll, hat ein etwas anderes Thema. Es behandelt Ian „Lemmy“ Kilmister, Bassist, Gründer und Sänger der Hard Rock/Heavy Metal-Band Motörhead. Als Band der ersten Stunde in der „New Wave of British Heavy Metal“ genießt Motörhead und besonders deren Frontmann Lemmy absoluten Kultstatus. Seit dem Debut-Album Motörhead von 1977 hat Kilmister 22 Alben mit seiner Band veröffentlicht. Legenden über den Frontmann, besonders dessen Alkoholkonsum, kursieren in der Metalcommunity viele: zahlreiche Drogenexzesse, eine Flasche Jack Daniels zum Frühstück und die Anzahl der flachgelegten Groupies. Bemerkenswert an Kilmister: Im Gegensatz zu anderen Bands der 80er und frühen 90er Jahre hat Lemmy diesen ‚Rocker-Lebensstil‘ überraschenderweise durchgehalten. James Hetfield von Metallica beispielsweise wurde von seiner Vergangenheit früher eingeholt und trinkt nach einer Entziehungskur keinen Alkohol mehr (vgl. www.mtv.com). Schlimmer noch hat es z.B. Bon Scott, den ersten Leadsänger von AC/DC, getroffen, der an seinem eigenen Erbrochenen nach einer durchfeierten Nacht erstickte (vgl. www.ultimateclassicrock.com). Lemmys Durchhaltevermögen hat dazu geführt, dass er und sein Lebensstil als legendär angesehen werden – ein „Mythos für die Ewigkeit“.

Clever spielt Angelripper mit den Zuhörern seines Liedes, indem er in der Strophe auflistet, was Lemmy nicht tut. Sämtliche Klischees über den „Rocker-Lifestyle“ werden bedient: Alkohol, Drogen, Sex, aber auch Fannähe („immer nur sich selbst geliebt“). Zusätzlich beinhaltet der Liedtext Verweise auf Motörhead: „Keine Spiele, die das Glück beherrscht ist eine Anspielung auf Motörheads Ace of Spades, in dem es um das Kartenspiel des Lebens geht. „Leise Töne unverzerrt“ hingegen spielt auf die Behauptung Motörheads an, die lauteste Band der Welt sind. „Und jeden Tag ein Stoßgebet“ kann ebenfalls als Anspielung auf anti-religiöse Songs von Motörhead, wie beispielsweise God was Never on Your Side, verstanden werden.

Verfolgt man diesen Gedanken eines (anti-)religiösen Untertons weiter, lässt sich Lemmys Portraitierung als Exemplum eines Rockers verstehen. Als berühmte Figur illustriert Lemmy (anti-)moralische Ansichten, wie dies für ein Exemplum üblich ist: Trotz eines exzessiven Rocherdaseins ist es möglich lange zu leben. In diesem Sinne ermutigt Lemmy nicht nur Onkel Tom Angelripper, sondern auch andere Rocker, diesen Lebensstil nicht abzulegen. Als Verkörperung des „Sex, Drugs and Rock ‘n Roll“-Lifestyle, der gleichzeitig im christlichen Verständnis durch Glücksspiel, Sex vor der Ehe und exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum sündhaft ist, ist Lemmy ein Heiliger der Rocker und gleichzeitig ein Anti-Heiliger im christlichen Verständnis. In ähnlicher Weise thematisiert das Lied Bon Scott hab ich noch live gesehen, welches auf Lemmy macht mir Mut folgt, den Tod Bon Scotts, der durch sein Ableben im Rausch als Märtyrer für den Rocker-Lebensstil verstanden werden kann.

Besonders deutlich wird die Stellung Kilmisters als unzerstörbare Feste der Rock- und Metalgemeinschaft im Verspaar „Auch wenn die ganze Welt zerbricht/ Und trotzdem lebt er immer noch“. Als das Album Nunc est Bibendum, auf dem der Song zu finden ist, 2011 veröffentlicht wurde, war das Image des unzerstörbaren Lemmys noch intakt. Lemmy selbst spielt mit der Tatsache, dass er trotz Drogen und Alkohol immer noch lebt. Im bekanntesten Song der Band, The Ace of Spades, ersetzt er bei Live-Auftritten die Verse „I don’t want to live forever/ and don’t forget the joker“ mit „I don’t want to live forever/ but apparently I am“. Seit der Veröffentlichung des Albums allerdings hat wohl auch Lemmy (immerhin 69 Jahre alt) sein Alter und seinen Lebensstil zu spüren bekommen: Beim letztjährigen Wacken-Festival musste Motörhead ihren Auftritt nach ca. einer halben Stunde abbrechen. Zuvor wurde Lemmy bereits ein Herzschrittmacher eingesetzt (vgl. www.welt.de). Wie bereits betont ist dies, betrachtet man Lemmys Lebensstil, nicht wirklich verwunderlich. Es geschieht wahrscheinlich vor diesem Hintergrund, dass Angelripper Lemmy als unvernünftig darstellt („Und stets hat die Vernunft gesiegt“). Die Sprechinstanz gesteht somit zu, dass Lemmys Lebensstil legendär, aber nicht vernünftig ist. Trotz allem befinden sich Motörhead wieder auf Tour. Lemmy scheint tatsächlich „unsterblich“.

Auffallend ist Angelrippers wiederholte Aussage, dass Kilmister ihm Mut mache. Betrachtet man Angelrippers Äußerungen, so scheint dies auch eine Anspielung auf seine eigenen Ansichten über die Musikwelt zu sein. Nachdem Angelripper zehn Jahre unter Tage gearbeitet hatte, entschloss er sich mit 27, also relativ spät, hauptberuflich Musiker zu werden. Das Leben, welches er sich durch diesen Wechsel erhofft hatte, sieht er inzwischen sehr kritisch. Den Mut, den ihm Lemmy und andere Größen der Musikwelt gegeben haben, konnte er somit gut gebrauchen. Wenn auch in abgeschwächter Form, besingt Angelripper in seinem Lied nicht nur Lemmy als „Mythos für die Ewigkeit“, sondern die mutmachenden Qualitäten von Musikgrößen im Allgemeinen. Weil Angelripper inzwischen selber eine dieser Größen ist, macht sein Wandel vom Kumpel zu einem der bekanntesten Thrashmetalsänger der Welt auch jüngeren Musikern Mut. Legenden sterben nie!

Martin Christ, Oxford

Warum Leberzirrhosen auch ornithologische Nachteile haben: „Zerstörte Zelle“ von den Einstürzenden Neubauten (1985)

Einstürzende Neubauten

Zerstörte Zelle

Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Ich weiss nur wo ich weiterhin bleibe
weiss nur wo ich scheinbar immer war
Ich weiss nur, dass ich noch hier bleibe                              (5)
weiss nur, dass ich wohl immer hier war
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Sieh die Zellstruktur
Sieh meine Zellstruktur, die Zug um Zug um Zug zerfällt               (10)
Sieh meine Zellstruktur zerfallen
um Zug um Zug um Zug
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Und auf einmal stelle ich fest:                                       (15)
dass Arme keine Schwingen sind
und völlig fluguntauglich
völlig fluguntauglich
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle                                                       (20)
Der Zellkern bricht aus
– Selbstzitat – der Zellkern bricht aus
die Zellwand stürzt ein
Zerstörte Zelle – Zellenbrand –
Leg heute Nacht noch meinen Zellenbrand                               (25)
Der Zellkern bricht aus
Lava bricht aus
Zerstörte Zelle
Zerstörte Zelle
Hörst du Bruderherz?                                                  (30)
Ich bin Prometheus
hol mein Geschenk
hol mein Geschenk zurück, hol es ab
ich bin Prometheus
nur meine Leber wächst nicht nach                                     (35)
Zerstörte Zelle
Der Adler muss verhungern
Ich leg heut Nacht den Zellenbrand
Zerstörte Zelle
Der Adler muss verhungern                                             (40)
darf verhungern
wird verhungern
Das abgemagerte Federvieh
stürzt ab. 

     [Einstürzenden Neubauten: Fünf auf der nach oben offenen Richterskala. 
     Potomak (Indigo) 1987. Der hier abgedruckte Text verzichtet auf viele 
     Wort- und Vers-Wiederholungen im Vortrag.]

Zerfallende Zellstrukturen erscheinen spontan als naheliegendes Thema einer Band, die von ihrem künstlerischen Programm (Industrial) her mit Instrumenten wie Schlagbohrern und Abrissbirnen sympathisiert und sich den Namen Einstürzende Neubauten gegeben hat. Ein zweiter Blick auf den Liedtext ergibt allerdings schnell, dass hier nicht von Wohnwaben eines Plattenbaus die Rede sein kann, sondern ,Zelle‘ durchaus im biologischen Sinn als kleinste lebende Einheit eines Organismus‘ zu verstehen ist. Dem Sinn des Songs (zuerst 1985 erschienen auf der in Japan veröffentlichten Kassette Einstürzende Neubauten Live),  kommt man mit Hilfe der Zeilen 34 f. schnell auf die Spur:

ich bin Prometheus
nur meine Leber wächst nicht nach

Die Sprecherinstanz identifiziert sich mit Prometheus und gibt uns zugleich den entscheidenden Hinweis auf das kritische tertium comparationis: die Leber. Mit etwas kulturellem Wissen über den Prometheus-Mythos einerseits, Entstehung, Morphologie und Verlauf einer Leberzirrhose andererseits lässt sich der Text recht gut entschlüsseln. Bei meinen folgenden Ausführungen stütze ich mich auf Horst und Ingrid Daemmrichs Handbuch Themen und Motive in der Literatur (2. Aufl. 1995) sowie auf das Springer Lexikon Medizin (2004); dass die einschlägigen Artikel von mir nur hinsichtlich ihrer Relevanz für unser Lied herangezogen werden, versteht sich.

Prometheus, dessen Name programmatisch als ,der Vorausdenkende‘ zu übersetzen ist, repräsentiert als mythischer Prototypus das Motiv des Aufstands gegen überkommene Autoritätsansprüche, „sei es die Tyrannei einzelner oder der Zwang kollektiver Normen und Gesellschaftsverfassungen“ (Daemmrich und Daemmrich, S. 281). Seinem Mythos zufolge hat Prometheus diese Haltung schon unter Beweis gestellt, als er – selber Titanensohn – auf der Seite der neuen Götter gegen die alte Ordnung seiner Geschwister kämpfte (vgl. Aischylos, Titanomachie). Allerdings genügte ihm das damit Erreichte nicht, zumal ihm die von Zeus errichtete Oligarchie zutiefst zuwider war. So formte er, offenbar um die Macht der Olympier langfristig zu brechen, Menschen nach seinem Bilde, belebte sie mit seinem Atem, beschenkte sie mit zahlreichen Talenten und schließlich auch noch mit dem ihnen von Zeus vorenthaltenen Feuer, das er den Göttern mit Hilfe einer technischen List entwand.

Zeus rächte sich daraufhin – auf grausamste Weise – an Prometheus, aber auch an dessen Geschöpfen. Jenen ließ er fangen, an einen Felsen im Kaukasus schmieden und durch seinen Adler foltern, der jeden Tag ein Stück aus der Leber des unsterblichen Titanen hackte, das dann in der Nacht wieder nachwuchs; den Menschen sandte er das Trugbild einer schönen, mit vielfältigen Vorzügen ausgestatteten Frau (Pandora, die ,Allbeschenkte‘) als eine Art ,trojanisches Pferd‘ mit jener berüchtigte ,Büchse‘ (wobei es sich eigentlich um einem Krug handelte), in der vergiftete Gaben aller Götter deponiert waren: Arbeit, Krankheit, Tod usw. sowie die später höchst ambivalent gedeutete Gabe der Hoffnung. Da im Text der Einstürzenden Neubauten von einem „Bruderherz“ (Z. 30) die Rede ist, sei erwähnt, dass es ausgerechnet Prometheus‘ Bruder Epimetheus (,der danach Denkende‘) gewesen ist, der Pandora gegen die ausdrückliche Warnung seines Bruders vor Göttergeschenken aufgenommen und geheiratet hatte.

Im Prometheus-Mythos verbergen sich zahlreiche Aussagen zur conditio humana, er selber darf als Repräsentant menschlichen Strebens und Leidens, der Zwischenstellung des Menschen in der Schöpfung zwischen Tieren und Göttern verstanden werden:

In seiner Leidenszeit im Kaukasus […] teilt er sinnbildlich das Schicksal seiner Geschöpfe, die im Kreislauf von Geburt und Tod gefangen sind. Außerdem beleuchtet das Verhalten der Menschen […], daß in ihnen sein eigenes Unabhängigkeitsbestreben weiterlebt. Mit Prometheus setzt somit der Prozeß der Aussonderung des einzelnen aus dem Allgemeinen ein. Die Entwicklung zur subjektiven Individualität hat begonnen. Menschen werden rastlos, streben ins Unendliche, sind aber erdgebunden und müssen mit allen Übeln ringen, die der Büchse Pandoras entflohen sind. Da es Herakles gelingt, Prometheus zu erlösen und mit den Göttern zu versöhnen, besteht die Hoffnung, daß auch die Menschen ihr Schicksal eines Tages meistern werden. (Daemmrich und Daemmrich, S. 282.)

Die ,Leberzirrhose‘ (Cirrhosis hepatis) fungiert in der Medizin als Dachbegriff für eine Reihe chronischer Lebererkrankungen, die durch Entzündung, Gewebezerstörung und -umbildung sowie dadurch bedingte Durchblutungsstörungen und Funktionsverluste gekennzeichnet sind. In späten Stadien kommt es zu Hämatomen, Potenzverlust, Fettintoleranz und dadurch bedingte Diarrhöen. Bestimmte Erscheinungsformen führen zur Tumorbildung. Leberzirrhosen, die in Deutschland für ca. 20% aller Todesfälle verantwortlich gemacht werden, können durch vielfältige Ursachen bedingt sein, deren bekannteste übermäßiger Alkoholgenuss ist.

Ich gehe davon aus, dass die Sprecherinstanz des Textes unter einer fortgeschrittenen Leberzirrhose leidet und den eigenen körperlichen Verfall thematisiert: „Sieh meine Zellstruktur, die Zug um Zug um Zug zerfällt“ (Z. 10). Der Vers zeichnet sich – wie andere Zeilen dieses Textes auch – durch einen forcierten Einsatz des Stilmittels Alliteration (gleicher Anlaut betonter Stammsilben benachbarter Wörter) aus; allerdings lese ich „Zug um Zug um Zug“ (wiederholt in Z. 12) auch als starken Hinweis auf Alkoholmissbrauch. Mit dem Prometheus-Mythos eng verbunden ist das Feuermotiv, auf das im Text der Einstürzenden Neubauten mit „Zellenbrand“ und „Lava“ angespielt wird. Im Hinblick auf Morphologie und Symptomatik einer Leberzirrhose, kann „Zellenbrand“ mit Entzündung und der Lava-Ausbruch (Z. 27) mit den heftigen Durchfällen und Flatulenzen, die eine fortgeschrittene Cirrhosis hepatis zu begleiten pflegen, in Verbindung gebracht werden.

Die Annäherung des Zirrhose-Patienten an Prometheus gewinnt an Plausibilität, sobald man über das gemeinsame ,Leber-Problem‘ hinausdenkt. Wie oben erwähnt gestaltet der Mythos den Geist und die Energie des Aufstandes gegen etablierte, als bedrückend empfundene Ordnungen und Autoritäten; die ideologische Nähe zum ideologischen Kern der Punk-Bewegung, in der die Einstürzenden Neubauten seinerzeit beheimatet waren, liegt auf der Hand. Der Songtext unterstreicht diesen Bezug in den Versen 15-18; erst im Stadium der fortgeschrittenen Erkrankung erkennt die Sprecherinstanz, dass „Arme keine Schwingen sind“. Offensichtlich hatte sie sich zuvor, vermutlich mit Hilfe von Drogen, von ihrer Erdgebundenheit zu lösen versucht, ,um den Himmel zu erstürmen‘, wenn ich es einmal etwas pathetisch formulieren darf. Wie bei Prometheus (und Ikarus, darf man vielleicht ergänzen) folgt die Strafe für diese Hybris auf dem Fuße – hier allerdings weniger als Rache der Götter denn als medizinische Konsequenz auf den Raubbau am eigenen Körper.

Der Absturz ist heftig, die Erkenntnis deprimierend. Die Sprecherinstanz sieht sich in der Situation des im Kaukasus angeschmiedeten Prometheus (vgl. Z. 3-6). Das „hier“ des fünften Verses bezeichnet die Kaukasus-Position, die sich für das Ich vielleicht im Bett einer Intensivstation konkretisiert. Zeus hatte Prometheus für alle Zeiten bestrafen wollen, allerdings sollte es anders kommen: Nach dreißigtausend Jahren (geologisch gesehen ein Nichts, aber ganz schön lang, wenn täglich ein Adler an der Leber knabbert!), kam der Zeus-Sohn Herakles vorbei, empfand Mitleid mit dem Gequälten, erlegte den Adler seines Vaters und befreite Prometheus. Von dieser Hoffnung ist im Text der Neubauten nichts zu spüren. Seine Sprecherinstanz wird keine dreißigtausend Jahre überleben können, denn ihre Leber wächst nicht nach. In diesem Fall wird der Adler nicht von einem Herakles mit einem Meisterschuss vom Himmel geholt werden müssen, er ist bereits unterernährt und wird aus Schwäche abstürzen. Mit dieser Pointe endet der Text – nicht unbedingt ,happy‘.

Wenn diesem Klangbild (um das ein wenig unangemessene Wort ,Song‘ zu vermeiden) vom finalen Zerfall eines Menschen dann doch noch ein positiv interpretierbares Momentum eingeschrieben ist, dann vielleicht der Umstand, dass sich der promethische Protest- bzw. Ausbruchsgestus des Sprechers bereits seinem Körper eingeschrieben hat, und zwar so intensiv, dass die einzelnen Zellen bzw. Zell-Kerne bereits den sie beherrschenden Organismus als Zumutung empfinden und den Systemausbruch üben; dass sie das selbst nicht überleben werden, nehmen sie in Kauf. Das Bewusstsein des Organismus (d.h. die Sprecherinstanz) scheint klüger geworden. Es hat vermutlich verstanden, dass es zu weit gegangen ist und fordert ein Du auf, sein „Geschenk“ zu holen (Z. 32f.), merkwürdigerweise ,ab‘-, statt ,zurück zu holen‘!?

An dieser (einen!) Stelle bleibt der Text für mich zunächst einigermaßen kryptisch. Als nicht näher bestimmtes ,Geschenk‘ des Prometheus kann nach der mythischen Überlieferung nur das Feuer verstanden werden. Als ,promethisches Feuer‘ wurde seit dem 2. Weltkrieg zumeist die Atomtechnik (vgl. in diesem Zusammenhang die Benennung des 1945 entdeckten radioaktiven Elements Promethium!) verstanden, die m.E. aber relativ schlecht zum Kontext der Leberzirrhose passt. Zwar wäre das Feuermotiv gut in ein Kernschmelze-Szenarium integrierbar, dafür müssten aber andere Textpassagen (bes. „Zug um Zug um Zug“) ignoriert werden. Den Ausschlag für meine Deutung gab letztlich das Leber-Motiv, mit dem jede plausible Interpretation steht oder fällt. Verstrahlungs-Schädigungen betreffen meines Wissens nun einmal nicht speziell die Leber und auch die Zerfalls-Metaphorik wäre morphologisch schief.

Insofern deute ich das „Geschenk“, von dem hier die Rede ist, eher abstrakt im Sinne des Ausbruch-Strebens bzw. Widerstandsgeistes des Protagonisten. ,Zurückholen‘ (im Sinne von ungeschehen machen) könnte man übrigens weder die eine noch die andere Gabe; so war es bereits im Mythos für Zeus unmöglich gewesen, den Menschen das Feuer wieder zu entreißen. Allerdings, und das wollen wir nicht überlesen, setzt unser Text einigermaßen verwirrend das ,Zurückholen‘ und das ,Abholen‘ besagten Geschenkes gleich (vgl. V. 33) – so als hätte die promethische Sprecherinstanz noch ein Vermächtnis in irgendeinem Schließfach deponiert.

Der Auftrag, dieses Geschenk zurück- bzw. abzuholen, richtet sich an ein ,Bruderherz‘, das im Mythos als jener unselige Epimetheus zu interpretieren wäre, der auf die Winkelzüge der Götter hereingefallen ist, im Song aber wohl eher als ein ideologischer Kumpan aus dem Umfeld der Band oder Punk-Bewegung. Die Sprecherinstanz kündigt an, „heut Nacht den Zellenbrand zu legen“ (Z. 38, zuvor schon ähnlich Z. 25), d.h. sie hat beschlossen, ihr Ende nun selbst ins Werk setzen. Der gesamte Text liest sich damit als Abschiedsrede bzw. Testament. Die letzten Gedanken des dem Tode Geweihten und zum Tode Entschlossenen gelten dem Adler des Zeus, jenem abgemagerten „Federvieh“ (Z. 43), das mit dem eigenen Selbstmord verhungern „wird“ / „darf“ (Z. 42 / 41). Ironische Sympathie blitzt zwischen diesen Zeilen auf: Es ist ja auch kein ganz tolles Schicksal, über Ewigkeiten keinen anderen Daseinssinn zu haben, als das Rachewerkzeug eines brutalen Gottes zu geben. So bleibt – von wem auch immer, auf alle Fälle vom Text! – am Ende eine weitere Analogie als Einsicht zu verbuchen: Auch der König der Lüfte wird abstürzen, wenn sein Opfer erkannt hat, dass seine Arme keine Schwingen sind und daraus die Konsequenzen zieht. Etwas banaler formuliert, aber immer noch hinreichend paradox: Keine Herrschaft über Menschen ohne solche, die gegen eben diese Herrschaft aufbegehren!

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Ein deutsches Volkslied. [Kurt Tucholsky zu „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“ von Robert Steidl]

„Das Volk ist doof, aber gerissen.“

 In deutschen Landen ist augenblicklich ein Lied im Schwange, das den vollendetsten Ausdruck der Volksseele enthält, den man sich denken kann – ja, mehr: das so recht zeigt, in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist, und wie wir uns zu ihr zu stellen haben. Während der leichtfertige Welsche sein Liedchen vor sich hinträllert, steht es uns an, mit sorgsamer, deutscher Gründlichkeit dieses neue Volkslied zu untersuchen und ihm textkritisch beizukommen. Die Worte, die wir philologisch zu durchleuchten haben, lauten:

Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen –
sein klein Häuschen – sein klein Häuschen –
und die erste und die zweite Hypothek!

Bevor wir uns an die Untersuchung machen, sei zunächst gesagt, daß das kindliche Wort ›Oma‹ so viel bedeutet wie ›Omama‹, und dieses wieder heißt ›Großmutter‹. Das Lied will also besagen: „Wir, die Sänger, sind fest entschlossen, das Hab und Gut unsrer verehrten Großmutter, insbesondere ihre Immobilien, zu Gelde zu machen und die so gewonnene Summe in spirituösen Getränken anzulegen.“ Wie dies –? Das kleine Lied enthält klipp und klar die augenblickliche volkswirtschaftliche Lage: Wir leben von der Substanz. So, wie der Rentner nicht mehr von seinen Zinsen existieren kann, sondern gezwungen ist, sein Kapital anzugreifen – so auch hier. Man beachte, mit welcher Feinheit die beiden Generationen einander gegenübergestellt sind: die alte Generation der Großmutter, die noch ein Häuschen hat, erworben von den emsig verdienten Spargroschen – und die zweite und dritte Generation, die das Familienvermögen keck angreifen und den sauern Schweiß der Voreltern durch die Gurgel jagen! Mit welch minutiöser Sorgfalt ist die kleine Idylle ausgetuscht; diese eine Andeutung genügt – und wir sehen das behaglich kleinbürgerliche Leben der Großmama vor uns: freundlich sitzt die gute alte Frau im Abendsonnenschein auf ihrem Bänkchen vor ihrem Häuschen und gedenkt all ihrer jungen Enkelkinder, die froh ihre Knie umspielen . . .

Das ist lange her, Großmutter sank ins Grab, und die grölende Korona der Enkel lohnt es ihr mit diesem Gesang: „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen . . . “ Ist dies ein Volkslied –? Es ist seine reinste Form. Man darf freilich nicht an früher denken. Früher sang wohl der Wanderbursch sein fröhlich Liedchen von den grünen Linden und den blauäugigen Mägdelein – weil das sein Herz bewegte. Nun, auch dieses Lied singt von dem, was unser Herz bewegt: von den Hypotheken. Hatte früher Walther von der Vogelweide sein „Tandaradei“ durch die Lüfte tönen lassen und den Handel den Pfeffersäcken überlassen, so ist es heute an den Kaufleuten, „Tandaradei!“ zu blasen, und die Liederdichter befassen sich mit den Hypotheken. Wenn auch freilich in naiver Weise. Denn es ist dem Liedersänger entgangen, daß die Hypothek selbst ja eine Schuld ist, die man unmöglich vertrinken kann – meint er doch wahrscheinlich die für die eingetragene Hypothek als Darlehn gegebene Summe, die der Schuldner in leichtfertiger Weise verbraucht. So singt das Volk. Hier spricht die Seele deines Volkes. Hier ist es ganz. Es soll uns nicht wunder nehmen, wenn nächstens in einem schlichten Volkslied das Wort ›Teuerungszulage‹ oder ›Weihnachtsgratifikation‹ vorkommt – denn dies allein ist heute echte, unverlogene Lyrik.

Dichter umspannen die Welt in brüderlicher Liebe, Poeten sehen Gott in jedem Grashälmchen – das ehrliche Volk aber gibt seinen Gefühlen unverhohlen Ausdruck. Noch lebt es von den Gütern der Alten. Langsam trägt es Sommerüberzieher, Sofas, Überzeugungen und Religionen auf – neue schafft es zur Zeit nicht an. Was dann geschieht, wenn die alle dahin sind, darüber sagt das Lied nichts. Vorläufig sind sie noch da – und so lange sie noch da sind, lebt das Volk von der Substanz.

Und versauft der Oma sein klein Häuschen.

 Peter Panter [vorgeschlagen von Georg Nagel, Hamburg]

[Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Bd 3. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1975, S. 294-296. Erstdruck in: Die Weltbühne, 14.12.1922, Nr. 50, S. 623.]

Das Bier der frühen Jahre. Zu Paul Kuhns „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ (1963)

Paul Kuhn (Text: Wolfgang Neukirchner)

Es gibt kein Bier auf Hawaii

Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier
D'rum fahr' ich nicht nach Hawaii, d'rum bleib ich hier.
Es ist so heiß auf Hawaii, kein kühler Fleck
Und nur vom Hulahula geht der Durst nicht weg.

Meine Braut die heißt Marianne,
wir sind seit 12 Jahren verlobt.
Sie hätte mich so gern zum Manne,
sie hat schon mit Klage gedroht.
Die Hochzeit wär' längst schon gewesen,
wenn die Hochzeitsreise nicht wär'.
Denn sie will nach Hawaii, ja sie will nach Hawaii,
und das fällt mir so unsagbar schwer.

Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier. […]

Ja wenn sie mit nach Pilsen führe,
tja dann wär'n wir längst schon ein Paar,
Doch all meine Bitten und Schwüre
verschmähte sie Jahr um Jahr.
Sie singt statt Gutnacht neue Lieder
von den Palmen am blauen Meer,
Denn sie will nach Hawaii, ja sie will nach Hawaii,
und das fällt mir so unsagbar schwer.

Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier. […]

     [Paul Kuhn: Es gibt kein Bier auf Hawaii / Bier, Bier, Bier ist die Seele vom 
     Klavier. Columbia 1963.]

 

 

Es gibt tausend Gründe, nicht zu heiraten. Wem selbst keine einfallen, der kann ja seit einigen Jahren die Suchmaschinen im Internet bemühen: Auf den Beratungsseiten einer Online-Kontaktbörse finden sich dann etwa Slogans wie „Auch in einer Ehe können Sie einsam sein“, „Die Ehe ist kein Garant für lebenslanges Glück“ oder „Kinder sind kein Grund zu heiraten“. Eine Redakteurin der Süddeutschen Zeitung führt u.a. den „freie[n] Wille[n]“, die „Geschmacksfrage“, die Kosten,  die Romantik sowie auch die Zeremonie an. In zahlreichen – häufig komischen – Büchern und Filmen droht der Bund der Ehe an der berüchtigten Torschlusspanik zu scheitern (z.B. in Resturlaub). Insbesondere Männer um die dreißig sollen solche Geschichten lieben.

In Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns (1963) wird die Hochzeit des Clowns Hans mit seiner Marie durch Streitigkeiten über ein „Erpressungsformular“ (Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns. Roman. München: dtv 2006, S.76) der katholischen Kirche sowie Vorbehalte gegen eine standesamtliche Trauung verhindert. Seltener, aber auch nicht gänzlich unrealistisch ist, dass Ehen nicht zustande kommen, weil man sich bei der Planung der  Hochzeitsreise nicht einigen kann. In Paul Kuhns Es gibt kein Bier auf Hawaii, ebenfalls aus dem Jahr 1963, möchte die Braut Marianne den Urlaub auf der Inselkette Hawaii verbringen, ihr potentieller Bräutigam möchte jedoch – im Zusammenhang mit seiner Vorliebe für Bier leicht nachzuvollziehen –  ins tschechische Pilsen fahren, weshalb man sich auch nach zwölf Jahren des Verlobtseins noch nicht zu einer Heirat durchringen konnte.

Als vor einigen Tagen öffentlich wurde, dass Paul Kuhn im Alter von 85 Jahren verstorben war, führten die meisten Nachrufe die Lieder Der Mann am Klavier und eben Es gibt kein Bier auf Hawaii als seine bekanntesten Nummern an. Zugleich betonten sie das „Doppelleben“ (Spiegel online vom 23.9.2013) des Musikers zwischen Schlagern einerseits und den geliebten Jazz- und Swing-Klängen andererseits (als Beispiel hier ein kurzer Beitrag der Tagesschau vom 23.9.2013).

Kuhn war nach dem Krieg Jazzpianist für den US-Soldatensender AFN, später Leiter der Bigband des SFB, er war Entertainer und Schauspieler, er war der „deutsche Glenn Miller“ (FAZ). Nichtsdestotrotz verband ihn ein Großteil des Publikums mit ‚feucht-fröhlichen‘ Schlagern. Neben Der Mann am Klavier („Spielen soll er mir dafür /  mir dafür, mir dafür / das Lied von dem Mann am Klavier / dann kriegt er von mir / dafür noch en Bier“, 1954) und dem hier vorgestellten Es gibt kein Bier auf Hawaii (1963) gab es mit Bier, Bier, Bier ist die Seele vom Klavier („Die Lokomotive braucht Kohlen / Benzin braucht das Automobil / und Treibstoff braucht jede Rakete“), der B-Seite von Es gibt kein Bier auf Hawaii, auch noch eine dritte Nummer zum Themenfeld Gerstensaft.

Seine Schlager, so hieß es im Nachruf des Spiegels, boten dem deutschen Publikum „kleine Fluchten in den Aufbaujahren der Bundesrepublik“ (vgl. als Gegenentwurf hierzu wiederum Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns). Es gehört zu den im Zusammenhang mit Es gibt kein Bier auf Hawaii immer wieder zitierten Trivia, dass die Fluchtwege in diesem Fall von einem Verwaltungsrichter, dem mit Kuhn befreundeten Nebenbei-Schlagertexter Wolfgang Neukirchner (Biographie hier), aufgezeigt wurden. Mariannes Träumereien von Hawaii können sicherlich als eine solche Möglichkeit des Ausbruchs aus dem biederen Wirtschaftswunderland angesehen werden. Trotz der bereits seit einigen Jahren andauernden Reisewelle war dieses Urlaubsziel 1963 freilich noch keineswegs Standard, man kannte die „Lieder von den Palmen am blauen Meer“ hauptsächlich von Elvis und Hollywood. Man kann darüber streiten, ob auch alkoholhaltige Getränke hier als solche „kleine Fluchten“ zu werten sind. Fest steht, dass Kuhn betont nüchtern sang.

Später hat er sich dann auch mehrfach von seinen „Bierwalzern“ distanziert und recht offen kommuniziert, dass bei den Aufnahmen dazu das Geldverdienen im Vordergrund stand und seine Sympathie für diese Songs von Anfang an eher weniger ausgeprägt war (Ausschnitt aus einem Interview mit Jörg Thadeuz). Das bedeutet nicht, dass er dem Publikum in der Folge seine Favoriten verweigerte. Der Mann am Klavier wurde Kuhns Markenzeichen (auch ein Film von 1985 und eine Dokumentation über ihn aus dem Jahr 2012 trugen diesen Titel, ebenso waren zahlreiche Nachrufe entsprechend überschrieben). Es gibt kein Bier auf Hawaii blieb fester Bestandteil verschiedenster Veranstaltungen in deutschen Festsälen, Bierzelten und Diskotheken etc. Was auch damit zu tun hat, dass das Lied mehrmals gecovert wurde, von den Blödelbarden Klaus und Klaus (1995) genauso wie von der Trash-Metal-Koryphäe Tom Angelripper, zudem existiert aus den unsäglichen 1990ern eine Rave-Version mit Kuhns Gesang zu stumpfen Beats.

 Martin Kraus, Bamberg

It’s the beer, stupid. Zu „Ho mir ma ne Flasche Bier (Schluck, schluck, schluck)“ von Stefan Raab feat. DJ Bundeskanzler

Originalvideo hier

Stefan Raab feat. DJ Bundeskanzler

Ho mir ma ne Flsche Bier (Schluck, schluck, schluck)

Ho' mir ma' 'ne Flasche Bier, Flasche Bier, Flasche Bier!
Ho' mir ma' 'ne Flasche Bier, Flasche Bier, sonst steik' ich hier!
Ho' mir ma' 'ne Flasche Bier, Flasche Bier, Flasche Bier!
Ho' mir ma' 'ne Flasche Bier! Schluck, schluck, schluck!
Ho' mir ma' 'ne Flasche Bier! [...]

     [Stefan Raab feat. DJ Bundeskanzler: Ho mir ma ne Flsche Bier (Schluck,
     schluck, schluck). Rare 2000.]

Zwischen Pop und institutionalisierter Politik besteht eine traditionell schwierige Beziehung. Wo politische Akteure ordnend in den Bereich des Pop eingreifen wollen, etwa durch Zensur, blamieren sie sich zumeist – am spektakulärsten wohl Tipper Gore, die durchsetzte, dass Tonträger, deren Inhalte in den Ohren weißer Mittelschichtsvorstadtmütter aka ‚Hockey Moms‘, die, wie wir von Sarah Palin wissen, nur Lippenstift von Pitbulls unterscheidet, anstößig klangen, mit dem Hinweis „Parental Advisory. Explicit Lyrics“ versehen wurden, damit der Nachwuchs vor schädlichen Einflüssen geschützt werden konnte. Der Aufdruck wurde bekanntlich nicht nur vielfach variiert und parodiert, sondern auch zum Qualitätssiegel für Gangsterrap.

Nicht besser ergeht es Politikern in der Regel, wenn sie sich Pop zunutze machen wollen, um die ‚jungen Menschen‘ ‚da draußen‘ zu erreichen. Dann sucht man sich ein Lied als Campaign Song, dessen Refrain zwar patriotisch klingt, dessen Strophen aber das Gegenteil der eigenen politischen Aussagen beinhalten (Bruce Springsteens Born in the USA als Hymne für Ronald Reagan) oder beauftragt das ehemalige Dschinghis Khan-Mitglied Leslie Mandokie mit der Produktion eines Wahlkampfsongs (für Angela Merkels Wahlkampf 2009). Selbst Karl-Theodor zu Guttenberg, dem äußerlich zuweilen ein gewisser Popappeal zugesprochen wurde, der auf JU-Feiern auch mal hinters DJ-Pult trat und seine Frau immerhin auf der Love Parade kennen gelernt haben soll, verfiel im Bemühen, popkulturelle Zeitgenossenschaft zu suggerieren, auf die nächstliegende aller Möglichkeiten, auf die Konsensrockband schlechthin: AC/DC (vgl. den Zusammenschnitt seiner Aussagen zu kulturellen Vorlieben bei Schmidt & Pocher).

Auch Gerhard Schröder ist in seiner politischen Laufbahn nicht unbedingt durch popkulturelles Hipstertum aufgefallen, wurden seine Wahlkampfauftritte doch teilweise von PUR eröffnet, worüber Wiglaf Droste einen Text verfasst hat (Auf dem Gendarmenmarkt, enthalten auf: Westfalien Alien. Mundraub 2005). Es bedurfte der Rekontextualisierungskünste Stefan Raabs, um dem damaligen Bundeskanzler zu einer unfreiwilligen Chartsplatzierung zu verhelfen. Bei einem Sommerfest hatte der vom Unterschreiben erschöpfte Regierungschef im Rahmen einer Autogrammstunde mit folgenden Worten Erfrischung geordert: „Hol mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik‘ ich hier und schreibe nicht weiter.“ Präzisierend schob der damalige Kanzler noch nach „’N ordentlichen Schluck.“ Daraus entnahm Raab die Samples für das Bierzeltdance-Stück Hol mir mal ne Flasche Bier, die, anders als bei Maschendrahtzaun oder Gebt das Hanf frei, auch den gesamten Text des Liedes bilden.

Wie kam es dazu, dass dieses Lied Walter Scheels Version von Hoch auf dem gelben Wagen, die immerhin Platz fünf der Charts erreichte, als erfolgreichstes deutsches von einem Politiker gesungenes Lied (Platz zwei) ablöste? Seine Entstehungsgeschichte verschafft dem Lied etwas, was allen anderen Produkten singender Politiker abgeht, worauf im Rock’n’Roll aber traditionell großer Wert gelegt wird: Authentizität. Der Politiker, der sich ins Studio stellt, verfolgt damit in der Regel eine allgemein bekannte Absicht: Er will (wieder-)gewählt werden. Das von Raab verwendete Schröder-Zitat wirkt demgegenüber gleich doppelt authentisch: Nicht nur konnte Schröder nicht ahnen, dass es in einem Lied verwendet würde, die Entstehungssituation erweckt zudem noch den Eindruck, als spreche Schröder hier gar nicht als Politiker, der einem bestimmten Image gerecht zu werden versucht, sondern als Mensch, der ein menschliches Grundbedürfnis verspürt: Durst. Nun wissen wir von Erving Goffman, dass wir alle ständig Theater spielen, weshalb Schröders Wunsch, auch wenn dessen Äußerung vermutlich kein kalkulierter PR-Coup war, noch lange nicht ‚authentisch‘ gewesen sein muss.

Auf jeden Fall entsprach die Aussage dem sonstigen öffentlichen Auftreten Schröders: der Mischung als Volkstümlichkeit (Bier) und zuweilen herrischem Auftreten (Duzen des Angesprochenen, Weglassen eines „Bitte“) sowie der Bereitschaft zur Aufgabe traditioneller sozialdemokratischer Positionen wie Gewerkschaftsnähe (im Zitat repräsentiert durch die saloppe Verwendung des in der Arbeiterbewegung pathetisch aufgeladenen Wortes ‚streiken‘). Sicherlich dürfte zum Erfolg des Liedes auch sein ebenso rock’n’roll- wie volksfestkompatibles Thema beigetragen haben; aber eben dieses Thema hätte Schröder kaum in einem bewusst aufgenommenen Lied besingen können, ohne sich, neben Kritik von Jugendschützern und Suchtpräbentionsbeauftragten, dem Vorwurf der Anbiederung auszusetzen. So dürfte Schröder durch Raab zwar ohne sein Wissen, aber nicht unbedingt gegen seinen Willen zum Sänger geworden sein.

Martin Rehfeldt, Bamberg