„Guten Abend, gut‘ Nacht“ – Vom Liebeslied zum Schlaflied

Guten Abend, gut' Nacht

Guten Abend, gute Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck.
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.

Guten Abend, gute Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
dir Christkindleins Baum.
Schlaf nun selig und süß,
schau im Traum's Paradies.

Herkunft und Entstehung

Geht man von der Anzahl der Liederbücher aus (soweit ich sie in online-Archiven und Privatbibliotheken einsehen konnte), dann ist Guten Abend, gut‘ Nacht mit fast 300 Nennungen mit Abstand das beliebteste Schlaflied vor Die Blümelein sie schlafen (rund 250) und Müde bin ich, geh zur Ruh (rund 120). Als Wiegenlied wird es gern kleinen Kindern zum Einschlafen vorgesungen. Gemäß dem Volksliedforscher Heinz Rölleke machte die Vertonung von Brahms das Lied „unsterblich und weltberühmt“ (Das große Buch der Volkslieder, 2015, S. 139). Volksliedforscher führen die erste Strophe auf einen Gutenachtwunsch aus dem 15. Jahrhundert zurück (so u. a. Ernst Klusen: Deutsche Volkslieder, 2. Auflage 1981, S. 822; Rölleke: a.a.O.). Eine niederdeutsche Textversion erschien 1800 in dem Holsteinischen Idiotikon – Ein Beitrag zur Volkssittengeschichte, herausgegeben von dem Schriftsteller Johann Friedrich Schütze (1758-1810):

Godn Abend, gode Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Negelken besteeken,
krup ünner de Deeken,
Morgen frö wills God,
wöl wi uns wedder spreeken.

Dieser Text wurde von Clemens Brentano (1778-1842) in die uns noch heute bekannte hochdeutsche Fassung übertragen, ein Grund, weshalb er in manchen Liederbüchern und online-Veröffentlichungen fälschlicherweise als Autor bezeichnet wird. Veröffentlicht wurde das Gedicht mit dem Titel Gute Nacht, mein Kind 1808 im Anhang Kinderlieder (s. dazu nächsten Abschnitt) zum dritten Band der von den romantischen Schriftstellern Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano herausgegebenen Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn.

Als Verfasser der zweiten Strophe wird In vielen Liederbüchern der Philologieprofessor und Volksliedsammler Georg Scherer (1828-1909) angegeben. Scherer selbst hat dazu beigetragen, indem er in seiner Kinderliedersammlung Alte und neue Kinderlieder (1849) im Inhaltsverzeichnis zu Gute Nacht, mein Kind „Wdhr. – Scherer“  aufführt (vgl. Xaver Frühbeis: Geheimbotschaft an Bertha Faber: „Guten Abend, gut Nacht“. BR-Klassik Mittagsmusik extra vom 3. Januar 2013). Hinsichtlich „Scherer“ hält der Liedersammler Theo Mang in Der Liederquell (2015, S. 142) diese Angabe für wahrscheinlich. Volksliedforscher wie Klusen (S. 822) und Rölleke (S. 139) halten die Autorenschaft Scherers allein aufgrund dieser Selbstangabe für nicht belegt. Ihnen zufolge sei wahre Verfasser von „Guten Abend, gute Nacht, von Englein bewacht …“ nicht bekannt.

Die Reihe der Irrtümer über die zweite Strophe setzt sich fort, wenn in einigen Liederbüchern der Dichter und Philologe Karl Simrock (1802 – 1876) als Autor genannt wird. Simrock ist nur der Verleger. Er hatte zunächst nur die erste Strophe in Das deutsche Kinderbuch (1856) aufgenommen hatte und später die zweite Strophe dazu gefügt. Einige Jahre noch vor der später weltbekannt gewordenen Melodie von Johannes Brahms hat Scherer selbst die beiden Verse vertont, jedoch damit keinen Erfolg gehabt. Brahms (1833 – 1897) fand die Verse in Simrocks Kinderbuch und vertonte sie 1868 mit einer Widmung an Bertha Faber.

„Grundlage für die von Brahms komponierte Gegenstimme war eine Volksweise des oberösterreichischen Ländlers ‘s is anderscht mit der Zeile „Du moanst wohl die Liab last sich zwinge“ (Mang, S. 142). Diesen Ländler hatte die Choristin Bertha Faber ihrem Chorleiter Brahms in Hamburg vorgesungen. Ob es eine Anspielung auf Brahms gescheiterte Werbeversuche war, ist nicht gesichert.

WDR online, 22.12.2014:22.12.1869 – Erste Aufführung „Guten Abend, gut‘ Nacht“

Nach der erstmaligen Aufführung in einem Konzert im Dezember 1869, am Klavier Brahms große Liebe Clara Schumann, verbreitete sich das Stück aufgrund „der innigen Schlichtheit“ schnell in ganz Deutschland.

„Der Verleger Karl Simrock verdient gut daran und veröffentlicht Bearbeitungen für Klavier zu zwei, vier und sechs Händen, mit Violine, Flöte, Cello, Harfe oder Zither, für Männerchor und Orchester. Brahms schreibt voller Ironie: ‚Wie wär’s, wenn Sie vom Wiegenlied auch Ausgaben in Moll machten, für unartige oder kränkelnde Kinder? Das wäre noch eine Möglichkeit, die Zahl der Ausgaben zu vermehren!'“ (Online-Artikel von Christian Kosfeld, WDR vom 22.12.2014).

Wie aus dem Liebeslied ein Kinderlied wurde

Ob der erste Vers ursprünglich als Gutenachtwunsch mündlich ausgesprochen wurde, ist nicht bekannt. Jedoch wurden aus spätmittelalterlichen Liebesbriefen einige Vorläufer des Liedes überliefert; hier ist eine Variante (vgl. Mang, S. 142):

Ich wünsche dir eine gute nacht*
von rosen ein dach
von liligen (Lilien) ein pet (Bett)
von feyal (Veilchen) ein deck (eine Decke)
von muschschat (Muskatnussbaum) ein duer (eine Tür)
von negellein (Nelken) ein rigel darfür (ein Riegel davor).

* In einer anderen Version: „Got geb euch eine gute nacht“

Im Mittelalter wie noch heute symbolisiert die Rose die Liebe. Ob es mittelalterlich „von rosen ein dach“ oder hochdeutsch „mit Rosen bedacht“(= bedeckt) heißt, in beiden Fällen wird metaphorisch Zuneigung ausgedrückt. Vor allem rote Rosen gelten als Zeichen der Liebe, die als Werbung oder als Bestätigung einem geliebten Menschen überreicht werden.

Lilien bedeuten auf mittelalterlichen Gemälden neben Maria, der Mutter Jesu, die unbefleckte Empfängnis, die jungfräuliche Mutterschaft. Heute signalisieren vor allem weiße Lilien Hochachtung und Zuneigung. Veilchen symbolisieren meistens Hoffnung, aber auch Jungfräulichkeit sowie Treue und Liebe (vgl. auch Marianne Beuchert: Symbolik der Pflanzen, 2004).

Als im 16. Jahrhundert die Muskatnuss nach Europa kam, wurde bald bekannt, dass sie nicht nur Schlafstörungen beseitigen hilft, sondern ihr ätherisches Öl auch aphrodisische Qualitäten hat. Es ist also weniger das Holz des Muskatbaums, sondern es sind vielmehr die auf ihm wachsenden Nüsse, die im Gutenachtwunsch gemeint sein dürften. Heute werden Muskatnüsse weniger als „Hausmittel“, sondern vielmehr als Gewürz verwendet.

Weniger bekannt ist, dass rote Nelken für Erotik und rosa Nelken für innige Liebe stehen. Eine andere Deutung der „negellein“ besagt, dass es sich hier um eine sprachlich veraltete Bezeichnung für Gewürznelken handelt. Diese Nelken wurden wegen ihres ausgestrahlten ätherischen Öls zur damaligen Zeit benutzt, um vor Insekten und Krankheitserregern zu schützen. Auch diese Deutung des Symbols Nelken weist auf ein Liebeslied hin. Es ist verständlich, dass ein Mann seiner Angebeteten wünscht, sie möge vor Insektenstichen und Krankheiten bewahrt bleiben.

So zeigen die Blumensymbole Rose, Nelken und Veilchen ebenso wie die Muskatnuss eindeutig, dass es sich hier um ein Liebesgedicht handelt.

Die Übertragung der niederdeutschen Fassung Godn Abend, gode Nacht (s.o.) ins Hochdeutsche wurde 1808 in die Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn aufgenommen. Dabei unterlief den Herausgebern ein Fehler, indem sie das Lied unter Kinderlieder in den Anhang zum dritten Band 1808 einordneten.

  

Fotos: Wikipedia: Foto H.- P. Haack

Auch der angebliche Verfasser der zweiten Strophe Scherer nahm 1849 das Lied in seine Sammlung Alte und neue Kinderlieder auf. Seitdem gilt es noch heute als Schlaf- bzw. Wiegenlied (vgl. auch Brahms Lullaby). Dazu beigetragen haben sicherlich auch die Diminutive „Englein“ und Christkindlein[]“. Nicht bekannt ist, wie der weihnachtliche Bezug – „Christkindleins Baum“ – in die zweite Strophe kam.

Wie bereits oben ausgeführt, handelte es sich jedoch um ein Liebeslied.  Außerdem wird man einem Kind wohl kaum vor dem Einschlafen sagen: ‚Morgen früh, wenn Gott will, werden wir uns wieder sprechen.‘

Rezeption

Nach der Vertonung 1868 durch Johannes Brahms wurde das Lied zunächst mit der ersten Strophe in niederdeutscher Fassung in Norddeutschland populär. Einige Jahre später war es in der hochdeutschen Version mit beiden Strophen in ganz Deutschland beliebt und darüber hinaus auch in Österreich und in der Schweiz. In Großbritannien, den USA und vielen anderen Ländern wurde es im Laufe der Zeit als Brahms Lullaby bekannt.

Eines der ersten Liederbücher, in dem Guten Abend, gut Nacht erschien, war Deutsche Schulgesänge für Mädchen (4. Auflage 1884). Es folgten zahlreiche Schul- und andere Gebrauchsliederbücher, wie Kindergarten, 1.Teil  – Sammlung älterer und neuerer Lieder (4. Auflage 1900). In der Schweiz wurde es 1880 von Johann Jakob Schäublin in sein Liederbuch Chorsängen aufgenommen, eine Ausgabe, die es bereits 1900 zur 80. Auflage brachte.

Auch in der Zeit des Nazi-Regimes ist das Brahms‘sche Wiegenlied in viele Schulliederbücher ebenso aufgenommen worden wie in Liederbücher des Bundes Deutscher Mädel und der Deutschen Frauenschaft.

Betrachtet man die große Anzahl der Schulliederbücher, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg Guten Abend, gut Nacht zu finden ist, so scheint die Beliebtheit des Lieds auch in der Schule ungebrochen. Das erste Gebrauchsliederbuch erschien 1945 in Dänemark: Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark. In der damaligen Sowjetischen Besatzungszone kamen 1945 das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und 1946 das Liederbuch der deutschen Jugend (FDJ) heraus. In „Trizonesien“ (amerikanische, englische und französische Besatzungszone) waren es 1946 Ich fahr in die Welt – Liederbuch der Heppenheimer Jungsozialisten und 1948 Volkslieder – Ein Sing- und Musizierbuch. In der späteren Bundesrepublik folgten zahlreiche Liederbücher.

Angesichts fortgeschrittener Forschungsergebnisse über die Entstehung und Herkunft des Liedes (s.o.) ist es erstaunlich, dass manchmal noch Karl Simrock als Verfasser der zweiten Strophe genannt wird, wie z.B. im vom Heimatverband Eichsfeld 1978 herausgegebenen Eichsfelder Liederbuch.

So bekannt wie das Lied ist, ist es bemerkenswert, dass das Deutsche Musikarchiv nur knapp 50 Tonträger (zum Vergleich: Abend wird es wieder 220 Tonträger) ausweist, davon rund die Hälfte Schellackplatten, also bis 1958 erschienene. Die hohe Anzahl der mir in Privatbibliotheken und Online-Archiven zugänglichen Liederbücher (s.o.) dagegen und der im DMA vorhandenen Partituren (annähernd 100) weist daraufhin, dass das Wiegenlied – verständlicherweise – viel häufiger gesungen als angehört wird. Trotzdem haben es bekannte Schlagersänger wie Heintje, Nana Mouskouri, Nena und Roger Whittaker interpretiert; sogar von dem Bariton Peter Schreier gibt es eine Aufnahme. Die Mehrheit der Tonträger und der Partituren bezieht sich auf Chöre, vor allem auf Kinderchöre wie z.B. die Schaumburger Märchensänger oder der Nymphenburger Kinderchor.

Als Kuriosum soll noch die Aufnahme des Liedes in das Liederbuch Zünftige Lieder – Für Leute am Bau angeführt werden. Na, denn: Guten (Feier-) Abend, gute Nacht.

Georg Nagel, Hamburg

Tauf- und Schlaflied. Wilhelm Heys „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“

-
Wilhelm Hey

Weißt du, wieviel Sternlein stehen

Weißt du wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du wieviel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet,
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.

Weißt du wieviel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut?
Wieviel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?
Gott, der Herr, rief sie mit Namen,
daß sie all’ ins Leben kamen,
daß sie nun so fröhlich sind,
daß sie nun so fröhlich sind.

Weißt du, wieviel Kinder frühe
stehn aus ihrem Bettlein auf,
Dass sie ohne Sorg und Mühe
fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen,
kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.

 

„Text: Wilhelm Hey 1837“ vermerkt das Evangelische Gesangbuch zum Lied 511. Aber wer war das?

Wilhelm Hey (1789-1854) war zunächst Hauslehrer und Internatserzieher, wurde dann Gemeindepfarrer in Töttelstedt bei Erfurt und später Hofprediger in Gotha und Superintendent (wir würden heute Dekan sagen) in Ichtershausen bei Arnstadt. Er war im 19. Jahrhundert einer „der wichtigsten Schriftsteller der Kinderliteratur“. Seine „einfachen, kindgemäß gereimten Fabeln und Lehrgedichte“ wurden „ein Welterfolg“ (Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch, Bd. 2, S. 152). Vöglein im hohen Baum, Wie fröhlich bin ich aufgewacht und Alle Jahre wieder kommt das Christuskind kennen viele von uns heute noch.

Damals allerdings wurden die 1833 und 1837 erschienenen beiden Bände mit Kinderfabeln nicht unter Heys Namen bekannt, sondern als „Specktersche Fabeln“ mit dem Namen des Illustrators Speckter verbunden. Sie wurden, durch das verlegerische Geschick von Friedrich Perthes, d a s „deutsche Bilderbuch des 19. Jahrhunderts schlechthin“ (Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch Band 3 Heft 9 S. 53).

Dort also, im zweiten Band von 1837, wurde das Lied zu ersten Mal gedruckt, fast wörtlich in der Fassung, die wir heute im Gesangbuch haben. Es hieß noch „Sterne“, nicht „Sternlein“, die „Sonnenglut“ in Strophe 2 war noch nicht „heiß“ sondern „hell“ und in Strophe 3 stand „ihren Bettlein“, wo heute der Singular ihrem steht.

So wenige Änderungen bei einem Lied, das fast 200 Jahre alt ist, sind selten. Das liegt daran, dass Hey sein Lied für ein Buch geschrieben hat, das Kinder verstehen und dessen Texte sie sich einprägen sollten. Er schrieb also einfach, klar und ungekünstelt.

„Melodie: Volkslied um 1818“ sagt das Gesangbuch. Die neuere Forschung hat aller-dings herausgefunden, dass diese Angabe korrigiert werden muss, weil die Weise be-reits 1809, nicht erst 1818 für das Soldatenlied O du, Deutschland, ich muß marschieren belegt ist. Auf diese Melodie entstand dann 1823 das Liebeslied So viel Stern am Himmel stehen, das Hey zu seiner Dichtung angeregt haben könnte. Der verliebte Sänger führt darin nämlich aus, wie oft er seine Liebste grüßt und er zählt dabei „Sterne“, „Schäflein“ und „Vöglein“ auf.

Aber was macht der Autor aus dieser Anregung? Beim genauen Hinsehen erkennen wir, dass sein Lied voll kluger und vertrauensvoller Frömmigkeit steckt und in enger Anlehnung an die Bibel geschrieben ist.
Alle drei Strophen beginnen mit der Frage „Weißt du?“

1. Weißt du, wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet,
daß ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.

Aber diese Frage nach der Anzahl der Sterne und Wolken, in Str. 2 der Mücken und Fische und in Str. 3 der Kinder wird gar nicht beantwortet. Sie braucht auch nicht beantwortet zu werden, denn es ist eine rhetorische Frage. Der Hinweis auf den Sternenhimmel soll Unendlichkeit und Unzählbarkeit ausdrücken und an Gottes Allmacht erinnern. Nur Gott weiß, welche Menge er wirklich meint. Er verspricht Abraham so viele Nachkommen, wie er Sterne am Himmel sieht (1. Mose 15,5; 22,17) und er gibt sie ihm auch (5. Mos 1,10). Im zweiten Teil fährt dann jede Strophe mit „Gott der Herr“ fort.

2. Weißt du, wieviel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut,
wieviel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?
Gott der Herr rief sie mit Namen,
daß sie all ins Leben kamen,
daß sie nun so fröhlich sind,
daß sie nun so fröhlich sind.

Nur Gott kann diese unvorstellbare Zahl erfassen und nur er kennt auch die Namen der Lebewesen, die er geschaffen hat (Hiob 38,37, Psalm 147,7; Jes. 40, 26). In jedem Taufgottesdienst stellen unsere Pfarrer immer wieder neu die Unverwechselbarkeit des Menschen heraus, die mit diesem „Namen kennen“ verbunden ist. Der Name macht uns einmalig, er identifiziert uns und es ist etwas Beglückendes, wenn wir wissen dürfen, dass Gott uns bei dem Namen kennt (Jes. 43,1), den wir in der Taufe empfangen haben.

Als ich bei der Wiedervereinigung Deutschlands in die ehem. DDR versetzt wurde, habe ich als erstes für alle meine Mitarbeiter das Tragen von Namensschildern befohlen. Das war bis dahin dort wegen der übertriebenen Geheimhaltung unvorstellbar gewesen, die es verbot, dass einer den anderen kannte. Vor allem aber sollte dort der „sozialistische Mensch“ ein funktionierendes Rädchen sein, kein Individuum mit eigenem Willen und Vorstellungen. Genau das gegenteilige Signal wollte ich mit den Namensschildern setzen: Wir wollten die Mitarbeiter mit Namen nennen können, um dadurch zu erkennen geben, dass wir den Menschen als etwas Einmaliges respektieren. Es sollte aber auch erkennbar werden, dass unsere Mitarbeiter von nun an verantwortlich für das sind, was sie tun, und sich nicht hinter dem „Kollektiv“ verstecken können. Genau das ist es, was Gott uns sein lässt: ein eigenständiger Mensch, der einen freien Willen besitzt und den er in seiner Besonderheit aus Milliarden anderer Lebewesen herauskennt und zur Verantwortung ruft, dem er aber vor allem seine Liebe zusagt. Und mit dieser Zusage schließt das Lied:

3. Weißt du, wieviel Kinder frühe
stehn aus ihrem Bettlein auf,
daß sie ohne Sorg und Mühe
fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen;
kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.

Dass Gott an seiner Schöpfung seine Lust, sein Wohlgefallen hat, steht schon im Schöpfungsbericht. Und dass Jesus die Kinder besonders liebt und jedes von ihnen lieb hat, wird in jedem Taufgottesdienst vorgelesen und mit diesem Lied gesungen. Und das ist gut so. Man kann es auch als Erwachsener nicht oft genug hören.

Andreas Wittenberg, Bamberg