Geburten jenseits und diesseits der Mauer. Zu “Born in the GDR” von Sandow

Sandow

Born in the G.D.R.

Jetzt, jetzt lebe ich
Jetzt, jetzt lebe ich
Jetzt, jetzt trinke ich
Jetzt, jetzt stinke ich
Jetzt, jetzt rauche ich
Jetzt, jetzt brauch` ich dich

Wir bauen auf und tapezieren nicht mit
Wir sind sehr stolz auf Katarina Witt
Born in the G.D.R.
Wir können bis an unsere Grenzen gehen
Hast du schon mal drüber hinweg gesehen
Ich habe 160 000 Menschen gesehen
Die sangen so schön, die sangen so schön:
Born in the G.D.R.

     [Sandow: Stationen einer Sucht. Amiga 1990.]

Bekanntlich wurde Bruce Springsteens Born in the USA (1984) oft „missverstanden“ (vgl. Eins Live: Die Missverstandenen. Hit-Songs und wie sie eigentlich gemeint waren oder Top 10 Misunderstood Songs). Man deutete den Song u.a. als „example of conservative American values“ (George Will, zitiert nach David-Emil Wickström in Songlexikon). Entsprechend hätte ihn der Republikaner Ronald Reagan gerne für den Präsidentschaftswahlkampf 1984 genutzt, ebenso wie sein demokratischer Gegenkandidat Walter Mondale. Viele hörten in der Ich-Erzählung aus dem Leben eines trotzigen Vietnam-Heimkehrers vor allem (oder ausschließlich) den patriotischen Stolz auf eine amerikanische Herkunft.

Auch unter den offiziell 160.000 Besuchern (alternativ liest man von 175.000 [Kowalczuk: Endspiel, S. 165], 200.000 [Spiegel online] oder gar 300.000 [Berliner Kurier] des Springsteen-Auftritts am 19. Juli 1988 in Berlin/Weißensee wird nicht jeder jede Zeile und jeden kritischen Unterton verstanden haben. Umso bemerkenswerter die öffentlich gezeigte Begeisterung des Publikums für „den Boss“ und seinen Hit. Das „Konzert für Nicaragua“ fand im Rahmen des von der FDJ organisierten „5. Berliner Rocksommers“ statt. Zwar wurde Springsteen in der DDR-Presse als „Arbeitersänger“ vorgestellt (vgl. Fernsehbeitrag in der MDR-Sendung artour), doch die Rockfans grölten den Refrain von einer Geburt beim Klassenfeind kaum linientreu. Schaut man sich den Live-Mitschnitt an, sieht man junge enthusiastische DDR-Bürger u.a. Banner mit Sternen und Streifen schwenken.

Jenen „geschichtsträchtigen“ Abend verarbeitete die Cottbuser Band Sandow in Born in the GDR. Sandow war Ende der 1980er Jahre zu einem bemerkenswerten Bestandteil der ostdeutschen Punkszene geworden (derDokumentarfilm flüstern & SCHREIEN. Ein Rockreport Teil 1 (1988) vermittelt einen Eindruck). Nach eigenen Angaben sah Sänger und Texter Kai-Uwe Kohlschmidt den Springsteen-Auftritt im Fernsehen, direkt danach traf sich die Band im Studio und hatte den Song relativ schnell zusammengebastelt (Interview auf der Homepage der Band). „Tagespolitisches“ kommt in Sandow-Texten sonst kaum vor (vgl. Galenza: Wir wollen immer artig sein…, S. 276), hier schon. Analog zu Springsteens Vorlage wurde allerdings auch die Persiflage mitunter „missverstanden“ (Wikipedia-Artikel zu Sandow), etwa als „Lobeshymne auf den DDR-Staat“ (ebd.). Dass der Text 1988 eine Platte bei Amiga verhinderte, belegt freilich, dass zumindest gewisse Entscheidungsträger damals durchaus eine Kritik gegenüber dem Staat bemerkten. Born in the GDR durfte entsprechend erst knapp ein Jahr später veröffentlicht und zu einer „Wendehymne“ werden. Nach der Wiedervereinigung entzog sich Sandow einer „ostalgischen“ Rezeption durch die Verweigerung des Liedes bei Konzerten. Seit einigen Jahren wird es in einer vom ursprünglichen Klang abweichenden Version gespielt.

]Der an den Anfang des Liedes montierte Textbaustein mit seinem mehrfach wiederholten „Jetzt, jetzt“ rückt das „ich“ in den Mittelpunkt. Das Sprecher-Ich positioniert sich mit Nachdruck im Diesseits, proklamiert hier seine Existenz. Es lebt, trinkt, stinkt und raucht, ist mit seinen Tätigkeiten also Mensch – vielleicht sogar Punk. Der Mensch braucht einen zweiten Menschen: „dich“. Daran anschließend wird „im Kollektiv“ gesungen: „Wir bauen auf und tapezieren nicht mit“ kann entschlüsselt werden als ironischer Bezug auf das FDJ-Lied Jugend erwach („Bau auf, bau auf“) und als Anspielung auf ein berühmt gewordenes Zitat des SED-Chefideologen Kurt Hager zur Möglichkeit einer Pestroika in der DDR („Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ [http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/]). Der vorgebliche „[S]tolz auf Katarina Witt“ antwortet darauf, dass der eiskunstlaufende Liebling des Systems bei einem kurzen Auftritt zur Eröffnung des „Konzerts für Nicaragua“ vom Publikum ausgepfiffen wurde (vgl. Kowalczuk: Endspiel, S. 164-165). Die Formulierung „Wir können bis an unsere Grenzen gehen“ steht hier nicht im Kontext einer Motivation zur Übererfüllung von Produktionsplänen oder zum Erreichen sportlicher Höchstleistungen, sondern wird durch die Zeile „Hast du schon mal drüber hinweg gesehen“ mit Staatsgrenze und beschränkter Freiheit assoziiert.

Die Beschränktheit der Freiheit zeigte sich beim Springsteen-Konzert auf besondere Weise: Die 160.000 konnten bei Born in the USA für Momente ihre realsozialistische Gegenwart vergessen. Sie durften ein bisschen so feiern, als ob sie nicht in die Probleme des DDR-Systems hineingeboren worden wären. Man kann das (vor allem aus unser heutigen Perspektive) als einen Triumph (und frühen „Wendepunkt“) glorifizieren, man kann aber auch die Strategie der DDR-Führung hinter den Konzerten ausleuchten. Ronald Galenza ordnet in seinem sehr empfehlenswerten Werk über alternative Musik der 1980er in der DDR Wir wollen immer artig sein … den Springsteen-Auftritt in das Kapitel „Panem et Circenses“ ein. Auch Kohlschmidt spricht in Fernsehinterviews vom damaligen „Trick der Macht“ und „römischen Spielen“ (Fernsehbeitrag in der MDR Sendung artour 2008). Wenn man das Volk schon nicht in den Westen ließ, so ließ man es nun zumindest von ihm singen. Born in the GDR kontrastiert diesen Gesang mit der Realität und spottet über die von der FDJ organisierte Inszenierung. Mit seinem Refrain ist das Lied gleichzeitig aber auch als – ähnlich dem Springsteen-Song: trotzige – Annäherung an die Heimat zu verstehen.

Martin Kraus, Bamberg

Advertisements