Voll Romantisch? Zu Revolverhelds „Ich lass für dich das Licht an“

Revolverheld

Ich lass für dich das Licht an 

Wenn wir nachts nach Hause gehen
Die Lippen blau vom Rotwein
Und wir uns bis vorne an der Ecke
Meine große Jacke teilen
Der Himmel wird schon morgenrot
Doch du willst noch nicht schlafen
Ich hole uns die alten Räder 
Und wir fahren zum Hafen

Ich lass' für dich das Licht an, obwohl's mir zu hell ist
Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag
Ich bin für dich leise, wenn du zu laut bist
Renn' für dich zum Kiosk, ob Nacht oder Tag
Ich lass' für dich das Licht an, obwohl's mir zu hell ist
Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag
Ich gehe mit dir in die schlimmsten Schnulzen
Ist mir alles egal, Hauptsache du bist da

Ich würde meine Lieblingsplatten
Sofort für dich verbrennen
Und wenn es für dich wichtig ist
Bis nach Barcelona trampen
Die Morgenluft ist viel zu kalt
Und ich werde langsam heiser
Ich seh' nur dich im Tunnelblick
Und die Stadt wird langsam leiser

Ich lass' für dich das Licht an [...]

Wenn wir nachts nach Hause gehen
Die Lippen blau vom Rotwein
Und wir uns bis vorne an der Ecke
Meine große Jacke teilen

     [Revolverheld: Immer in Bewegung. Columbia 2013.]



Befragt man das Internet nach beliebten deutschsprachigen Liebesliedern, so ist fast immer Revolverhelds Ich lass für Dich das Licht an vertreten. Von den „80 schönsten deutschen Liebesliedern“ (musikradar.de) bis hin zu „20 Deutsche[n] Lieder[n] für den Eröffnungstanz und die Trauung“ – dort sogar auch Platz 1 – taucht das Lied auf. Und glaubt man den unter dem Musikvideo versammelten Kommentaren, befindet sich das Lied auf diesen Listen zu Recht. Dort wird von emotionalen Reaktionen („Bin ich die einzige die geweint hat?“), über Heiratsanträge („Zu dem Song hatte ich meiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht……..und sie hat JA  gesagt“) bis hin zu Sehnsuchtsphantasien („Und wer fragt sich da nicht ‚warum passiert mir sowas nicht‘ Wunderschön! Tränen in den Augen!“) berichtet.

Also alles klar: ein schönes Liebeslied, das Hörern die Tränen in die Augen treibt und sie zu Heiratsanträgen motiviert, oder? Gerade weil sich das Lied so großer Beliebtheit erfreut, soll hier eine kritischere Lesart vorgeschlagen werden, die die im Text dargestellte Vorstellung von Romantik kritisch hinterfragt. Die Interpretation rückt dafür die besungene, weibliche Protagonistin in den Vordergrund.

Der Inhalt des Textes ist schnell umrissen: Die Sprechinstanz des Liedes beschreibt, was sie für eine andere Person getan hat bzw. tun würde. Besonders wichtig ist ein Szenario, in dem die beiden Personen nachts nach Hause laufen. Das Geschlecht von Sprechinstanz und besungener Person wird nie explizit erwähnt, aber die Beschreibung ist so konventionell gender-normiert, dass sich vermuten lässt, dass es sich um eine männliche Sprechinstanz handelt, die eine weibliche Person besingt. Unterstützt wird diese Vermutung durch das Musikvideo, in dem ein Mann seiner Freundin einen Heiratsantrag macht.

Geht man also davon aus, dass die besungene Person eine Frau ist, ergeben sich mit dem Text einige Probleme. Denn, stark überspitzt ausgedrückt, wird hier eine gefühlsduselige und schwächliche Frau dargestellt und damit einhergehend eine ganz klassische Rollenvorteilung des Manns als Beschützer und Problemlöser rezipiert. Einige Beispiele: Der Frau ist kalt und so muss der Mann als wärmender Beschützer eintreten oder die Frau schaut die „schlimmsten Schnulzen“, der hypermaskuline Mann dann wohl die Actionfilme. Diese Beschützerthematik kommt auch in der titelgebenden Zeile  „Ich lass‘ für dich das Licht an, obwohl’s mir zu hell ist“ zum Ausdruck. Will die Frau, dass man das Licht anlässt, weil sie sich fürchtet?

Doch darüber hinaus ist die Struktur des Textes aus zwei Gründen sehr problematisch: Erstens zählt der männliche Sprecher all die Opfer auf, die er bringen muss um so seine Liebe zu beweisen. Dass in jeder zwischenmenschlichen Beziehung beide Seiten Kompromisse eingehen müssen um ein Gelingen zu gewährleisten, ist klar. Doch dadurch, dass hier der Mann so explizit all die Dinge aufzählt, die er tut um der Frau entgegenzukommen, entwickelt sich ein seltsames Machtgefälle: Der Mann bringt diese Opfer, aus Großzügigkeit der Frau gegenüber. Dadurch gibt es auch eine klare Wertung: Schnulzen sind „schlimm“ und die besungene Frau ist nicht laut sondern „zu laut“.

Gerade die Tatsache, dass die Frau „zu laut“ ist, ist interessant, weil sie mit einem beliebten misogynen Topos spielt. Sind Frauen nicht gefällig, werden sie als hysterisch bezeichnet, und das Ideal der zurückhaltenden Dame wird weiterhin gepflegt (siehe z.B. pinkstinks.de). In der hier vorgeschlagenen Lesart schwingen diese Konnotationen der kreischenden, hysterischen Frau in dieser Zeile mit. Der Mann hingegen, ganz klassisch und heteronormativ gedacht, ist eine Art Gegenpol, der die problematischen Aspekte der Frau – hier durch seine Stille – ausgleicht.

Der Mann fühlt sich als Märtyrer für die Liebe in seiner Haut sehr wohl. So ausgeprägt ist diese Tendenz, dass er nicht nur aufzählt, was er schon getan hat, sondern auch was er tun würde (seine Platten verbrennen und nach Barcelona trampen). Wie sehr das Lied auf die Sprechinstanz fokussiert ist, wird auch in der wiederholten Verwendung der ersten Person Singular deutlich. Im Refrain geht es dreimal um „Ich“.

Dies führt auch zum zweiten Problem: der Tatsache, dass wir diese Geschichte lediglich aus der Sicht des Mannes hören. Vielleicht hat die Frau gute Gründe mit Licht schlafen zu wollen? Vielleicht würde sie den Mann als zu still bezeichnen? So oder so bekommt die Hörerin oder der Hörer eine sehr einseitige Sicht, die dadurch, dass der Mann seine Opfer aufzählt, klar den Mann als den stärkeren, letztlich auch besseren Teil der Beziehung darstellt. Natürlich gibt es viele gelungene Liebeslieder, in denen nur die Sicht einer der beiden beteiligten Personen thematisiert wird. Aber der Fokus auf den Mann in Kombination mit der wertenden Darstellung der Frau macht diese Darstellungsart in diesem Fall problematisch.

Unterstützt wird diese Lesart auch durch das pappsüße Musikvideo. Glaubt man der Erklärung im Video, dass es sich um eine authentische Situation handelt, so spielt die Band das Lied für einen Freund, der seiner Freundin nun einen Heiratsantrag machen will. Bezeichnend sind dabei zwei Dinge: zum ersten, dass der Freundin vorher nicht gesagt wird, was passieren wird, und ihr somit Informationen vorenthalten werden, die ihr die Möglichkeit gäben zu widersprechen. Was der Freundin hingegen gesagt wird ist, dass sie sich „schick machen“ solle. Zum zweiten die Tatsache, dass selbstverständlich der Mann den Antrag macht. Klassisch ergreift er die Initiative und bleibt dem im Lied ebenfalls dargestellten traditionellen Rollenverständnis völlig treu. Am Ende ist der Mann das bestimmende und ausschlaggebende Element.

Geht so romantisch?

Martin Christ, Tübingen

 

 

 

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Was sind wir alt geworden – Zu Revolverhelds nostalgischem Kneipenlied „Das kann uns keiner nehmen“

Revolverheld

Das kann uns keiner nehmen 

Alte Freunde wiedertreffen
Nach all’ den Jahr’n
Wir hab’n alle viel erlebt
Und sind immer noch da

In der Kneipe an der Ecke
uns’rer ersten Bar
sieht es heute noch so aus
wie in den Neunzigern

Manche sind geblieben
und jeden Abend hier
Meine erste Liebe
wirkt viel zu fein dafür

Wir sind wirklich so verschieden
und komm’ heut von weit her
Doch uns’re Freundschaft ist geblieben
Denn uns verbindet mehr

Das kann uns keiner nehmen
Lasst uns die Gläser heben
Das kann uns keiner nehmen
Die Stadt wird hell und wir trinken aufs Leben

Wir hab’n an jede Wand geschrieben
dass wir da war’n
Und die Momente sind geblieben
und sind nicht zu bezahlen

Jedes Dorf und jeden Tresen
hab’n wir zusamm’ gesehen
Und wenn ich morgen drüber rede
klingt das nach Spaß am Leben

Das kann uns keiner nehmen […]

Und in der Kneipe an der Ecke
brennt noch immer das Licht
Wir trinken Schnaps, rauchen Kippen
und verändern uns nicht

Und in der Kneipe an der Ecke
brennt noch immer das Licht,
immer das Licht
Und es ändert sich nicht

Das kann uns keiner nehmen
Das kann uns keiner nehmen
Lasst uns die Gläser heben
Das kann uns keiner nehmen
Die Stadt wird hell und wir trinken aufs Leben

Es ist 5 Uhr morgens und wir trinken aufs Leben

     [Revolverheld: Immer in Bewegung. Columbia 2013.]

Am Anfang stand einmal mehr ein Unbehagen: Schon wieder so ein Pop-Rockgedudel, das hart an der Grenze zum Schlager entlangschrammt – allzu eingängig und sentimental, mit zu viel „ohohoh“. Freilich – Geschmackssache.

Es geht um Revolverhelds Das kann uns keiner nehmen, das 2013/2014 für 19 Wochen in den deutschen Single-Charts platziert war, in der Einstiegswoche immerhin auf Position 10 (vgl. www.offiziellecharts.de. Das Lied kam mir immer irgendwie unstimmig vor und altbacken – letzteres vielleicht, weil es mich wegen des Raummotivs der Kneipe an ein berühmtes, vielleicht das berühmteste Lied von Peter Alexander erinnert: Die kleine Kneipe; diese Kneipenidylle verdient aber eine eigene Untersuchung – darum ein andermal mehr dazu.

Um das Problem, das ich mit Das kann uns keiner nehmen hatte, besser verstehen zu können, habe ich über ein paar Dinge daran nachgesonnen – auch auf die Gefahr hin, es am Ende doch noch ein bisschen zu mögen, denn je genauer man etwas anschaut, desto schwieriger wird es ja gern mit den klaren Positionierungen.

Verdammte Vergänglichkeit

Das Lied erzählt davon, dass sich „alte Freunde“ nach Jahren „wiedertreffen“, und zwar in der Eckkneipe, in der sie einst trinkend und rauchend ihre Jugend zubrachten, wenn sie nicht gerade andere Wirtschaften (der Umgebung) aufsuchten und an deren Wänden die eigene Präsenz bestätigten („Wir hab’n an jede Wand geschrieben / dass wir da war’n“). Mit der ‚Rückkehr‘ an einen wichtigen, vielleicht den Ort ihrer Jugend reinszenieren die Freunde ihre Verbundenheit und ihr früheres Aufgehobensein in einer stabilen Gemeinschaft – ihrer Clique, die in der Kneipe ihr ‚Zuhause‘ hatte. Und es scheint, als seien alle „immer noch da“; bei dem Wiedersehen fühlt es sich sofort wieder wie früher an. Der Ort spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn in der Kneipe ist die Zeit stehen geblieben: Darin sieht es immer „noch so aus / wie in den Neunzigern“. Dass dort „noch immer das Licht“ brennt – dies ist gleich dreimal zu hören –, bezieht sich in diesem Zusammenhang nicht nur darauf, dass die Nacht beim Cliquentreffen lang wird, sondern hat auch eine weiterreichende symbolische Bedeutung: In der Kneipe ist die schöne Jugendzeit voller Freundschaft und gemeinsamer Erlebnisse konserviert. Es heißt „ […] brennt noch immer das Licht, / immer das Licht / Und es ändert sich nicht“ (Hervorh. DD-R). Rein grammatisch bezieht sich das Pronomen „es“ auf das Licht. Das ist also beständig – genauso wie die Erinnerungen an die Jugendzeit, in die die Freunde gewissermaßen ‚zurückreisen‘ können, wenn sie sich an diesen Ort der Bewahrung begeben.

Auffälligerweise wird die Jugend hier nicht als Phase des Aufbruchs, unruhiger Erwartungen und tiefgreifender Veränderungen beschrieben, vielmehr gründet ihre Attraktivität gerade in der Nichtveränderung und Stabilität. In der Kneipe kann man sich in diesen Zustand wieder hinein fallen lassen und den einstigen „Spaß am Leben“ ein Stück weit und wenigstens für eine Nacht wieder- und zurückholen: „Wir trinken Schnaps, rauchen Kippen / und verändern uns nicht“.

In der Gegenwart leben die Freunde weit verstreut und haben sich auch zu unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickelt. Doch ihre Freundschaft lebt fort – weil einige am Ort geblieben sind, alle die Erinnerung an ‚unbezahlbare Momente‘ teilen und es ihre Kneipe im einstigen Ambiente noch gibt.

Jeweils drei verschiedene Formulierungen mit „noch“ („immer noch da“, „sieht […] noch so aus“, „brennt noch immer“) und „geblieben“ („Manche“, „Freundschaft“, „Momente“) weist dieses Lied vom Überdauern auf. Dabei dreht es sich allerdings nicht nur um die Beständigkeit der Freundschaft. Es geht um weitaus mehr: Der insistierende Satz „Das kann uns keiner nehmen“ lässt auf ein starkes Gefühl von Verlust schließen. Die Freunde „trinken aufs Leben [Hervorh. DD-R]“; mit Blick auf die Zeile „Und sind immer noch da“ wird aus diesem mehrfach wiederholten Trinkspruch auch eine Bekräftigung der Tatsache, dass alle aus der Freundesrunde noch leben. Die Clique existiert personell noch und kann sich immer mal wieder zumindest für kurze Zeit zusammenfinden. Die Lebensphase allerdings, die die Freunde tatsächlich miteinander verbrachten, ist vorbei und gehört – abgesehen von kurzzeitigen Reinszenierungen wie dem besungenen Wiedersehen – der Sphäre der Erinnerungen an. Diese Erinnerungen und die Möglichkeit, sie gelegentlich miteinander zu teilen, sind alles, was den Freunden von ihrem einstigen Leben geblieben ist. Dass diese Lebensphase vorüber und das Leben überhaupt vergänglich ist, lässt sich nicht ändern. Darin liegt wohl der pathetische Fluchtpunkt des Liedes: Es betrauert die Veränderungen, die das Leben mit sich bringt und die meist mit Verlusten und dem Vergehen korreliert sind, was wiederum auf die Vergänglichkeit überhaupt und unser aller Sterblichkeit verweist. Auf die Ahnung des – zugespitzt – memento mori reagieren die Freunde, indem sie eine Nacht durchsaufen und -rauchen – so wie früher – und die Veränderung mitsamt der vermaledeiten Vergänglichkeit negieren („Wir trinken Schnaps, rauchen Kippen / und verändern uns nicht“).

Das Thema der Endlichkeit des Lebens wird im Video zu Das kann uns keiner nehmen noch deutlicher. Ungeachtet der zeitlichen Signatur „wie in den Neunzigern“ aus dem Text zeigt es ein Treffen wesentlich älterer Leute, deren Jugend wohl eher in die 1950er Jahre gefallen sein dürfte. Vergangenheit als solche gewinnt hier aufgrund der weitaus größeren zeitlichen Distanz zu den Jugendjahren stärkere Kontur, und die menschliche Sterblichkeit lässt sich angesichts des Alters der Protagonisten noch eher assoziieren. Es mag dann irritieren, dass das Lied aber von einigermaßen jungen Menschen geschrieben und gesungen wurde und vornehmlich wohl von Ende der 1970er, Anfang der 1980er oder noch später Geborenen rezipiert werden soll und wird (exemplarisch dafür das in einem Mitschnitt des Unplugged-Konzerts zu sehende Publikum). Die 1990er Jahre liegen ja eigentlich nicht allzu weit zurück, sind aber dennoch unwiederbringlich vergangen und wirken für das Text-Ich recht fern („Nach all’ den Jahr’n“). Der erbarmungslosen Zeitlichkeit können nur die Erinnerungen und das noch mögliche Wiedersehen entgegengehalten werden.

Hoch die Tassen, Jungs! vs. Erste Liebe

Die „erste Liebe“ des Sprecher-Ichs passt nicht so richtig in die Szenerie. Sowieso „wirkt [sie] viel zu fein dafür“, und außerdem ist es vornehmlich ein Männerding, bis zum Morgengrauen Schnaps zu trinken und „Kippen“ zu rauchen. Sich nach Jahren wiederzusehen und eine Nacht lang die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, hätte auch eine romantische Geschichte abgeben können. Und tatsächlich wurde für das Video diese Variante in Abweichung vom Kumpelpathos des Liedtextes gewählt: Ein älterer Mann wirft in der Abenddämmerung – wie wahrscheinlich einst als junger Verliebter – kleine Steine gegen eine Fensterscheibe, woraufhin eine etwa gleichaltrige Frau an das Fenster tritt, den Mann erkennt und sich aus dem Haus stiehlt. Die beiden fahren zum Tanzen. Die Veranstaltung mutet wie ein 60-jähriges Abschlussballtreffen an. In die Szenen im Tanzsaal werden Erinnerungssequenzen aus der Jugend eingeblendet, in denen die Figuren allerdings wie in der Gegenwart aussehen, weil sie von denselben betagten Darstellern gespielt werden. Dass es sich um unterschiedliche Zeitebenen handelt, lassen die verschiedenen Kleidungsstücke erkennen; so trägt beispielsweise der Mann in den Rückblenden ein dunkelblaues Jeanshemd (im Unterschied zu dem weißen Hemd unter kurzer beigefarbener Jacke beim Tanzen) und die Frau einen rosafarbenen Pullover (und nicht die feine cremefarbene Strickjacke). Die Erlebnisse und Unternehmungen, bei denen das frühere Liebespaar zu sehen ist, wirken teilweise kulturgeschichtlich recht unspezifisch und würden etwa auch zu den 1950er Jahren passen (u. a. der Stoppschildklau, der Klingelstreich, die Wasserbombenattacke im Treppenhaus), gehören teilweise aber eher in das Umfeld der 1990er Jahre (Skateboarden, Sprayen, Spieleabend mit einem befreundeten Paar), wodurch die generationelle Zugehörigkeit sowohl der Figuren aus dem Lied als auch der Band Revolverheld und eines Großteils ihrer Rezipienten in der gediegen-romantischen Geschichte des Video aufscheint.

Das Vergänglichkeitspathos wird in den Filmbildern mit der Wiederbegegnung mit der ersten Liebe verknüpft, die etwas Erhebendes, Anrührendes und zugleich etwas das Pathos abfedernd Heiteres hat. Die alten Leute tanzen freudig und wirken im Herzen jung. Es gäbe dagegen wahrscheinlich ein ziemlich tristes Bild ab, wie die Freunde aus dem Liedtext in der Kneipe sitzen und bis früh am Morgen Schnaps kippend und qualmend der Veränderung und der Vergänglichkeit zu trotzen versuchen. Sie wirkten ganz schön alt und ließen bestenfalls noch an eine Midlife-Crisis denken.

Durchgangsphasen und -räume

Berücksichtigt man u. a. den Hinweis auf die ‚Neunziger‘ in Kombination mit der Entstehungszeit des Liedes und das Alter der Bandmitglieder, kann man sich die Figuren gut als Menschen vorstellen, die sich der Lebensmitte nähern. In dieser Lebensphase ziehen viele eine Zwischenbilanz ihres Lebens, schauen zurück und sind möglicherweise nicht zufrieden mit dem privat oder beruflich Erreichten, fragen sich, wie es weiter gehen soll, welche Optionen sie noch haben, ob sie vielleicht sogar noch einmal neu starten wollen usw. Zu einer solchen transitorischen Phase passt die aber Kneipe durchaus. In literarischen Texten begegnet sie beispielsweise häufig als Raum, den Menschen aufsuchen, um sich „allzu engen gesellschaftskonformen und pflichtbeladenen Mechanismen entziehen“ zu können, „Sicherheit, Geborgenheit, Halt und Schutz“ zu finden und dem Gefühl von „Orientierungslosigkeit, Verlorenheit und Entfremdung“ zu entfliehen (Vanessa Geuen: Kneipen, Bars und Clubs. Postmoderne Heimat- und Identitätskonstruktionen in der Literatur. Berlin 2016, S. 15). Eine Kneipe nun, in der man sich außerdem bereits in der Jugend, die ebenfalls eine Übergangsphase der Unentschiedenheit und mit vielen Möglichkeiten für danach darstellt, gern aufgehalten hat, leuchtet, so gesehen, als Sehnsuchtsort ein. Allerdings können die Stabilität in der Unentschiedenheit und die Heimat- und Identitätskonstrukte (vgl. Geuen 2016, S. 271), die die Kneipe und die einstige Clique vielleicht bieten, nicht von Dauer sein. Unveränderlichkeit gibt es nur für die kurze Zeit an dieser Durchgangsstation, an der man immer mal durchatmen und die Zeit immer mal wieder momenthaft zurückdrehen und anhalten kann – bis das Licht ausgeht.

Denise Dumschat-Rehfeldt, Bamberg