Italien als Verheißung. René Carol: Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein (Text: André Hoff)

René Carol (Text: André Hoff)

Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein

Sind die weißen Segel gesetzt?
Fahren wir jetzt, fahren wir jetzt?
Sind die schlanken Boote soweit?
Sind sie zur Fahrt bereit?

Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein
Und Italiens blaues Meer im Sonnenschein.
Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein
Laden uns ein, laden uns ein.
Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein
Laden uns ein, laden uns ein.

Doch wenn die Sterne steh'n,
Ist Italien doppelt schön.
Wenn die Nacht herniederfällt,
Vergißt man die Welt.
Doch wenn die Sonne sinkt
Und das Lied der Lieder klingt,
Ist schon bald die große Macht
Der Liebe erwacht.

Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein […]

     [René Carol: Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein. Polydor 1952.]

Gerhard Tschierschnitz, besser bekannt unter seinem Künstlernamen René Carol, etablierte sich seit 1949 erfolgreich im Schlagergeschäft (vgl. Matthias Bardong u. a.: Lexikon des deutschen Schlagers. Ludwigsburg: Edition Louis 1992, S. 113). 1953 sang er auf einen Text von André Hoff zur Musik von Michael Harden Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein. Der Schlager kopierte das Erfolgsmuster der Capri-Fischer und wurde so selbst zum Hit. Das Lied verkaufte sich binnen eines Jahres 500000 Mal und wurde für diese Leistung mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet (vgl. Werner Mezger: Schlager. Versuch einer Gesamtdarstellung unter besonderer Berücksichtigung des Musikmarktes der Bundesrepublik Deutschland. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 1975, S. 163). Textlich geht es wie im Vor­bild wieder einmal nach Italien. Die Fischer auf Capri waren geographisch relativ fest verortet, obwohl der Ort letztlich trotzdem austauschbar blieb. Rote Rosen, rote Lippen, roter Wien begnügte sich nicht mehr mit einem kleinen Teil des Mittelmeerlandes, sondern pries gleich die Exotik ganz Italiens an.

Die erste Strophe erscheint merkwürdig rätselhaft für einen Fernwehschlager. Dem Refrain vorangestellt sind vier Verse, die alle als Fragen formuliert sind. „Sind die weißen Segel gesetzt? / Fahren wir jetzt, fahren wir jetzt? / Sind die schlanken Boote soweit? / Sind sie zur Fahrt bereit?“ Die schlanken Boote lassen sich mit Venedigs Gondeln assoziieren, doch haben diese keine weißen Segel, die man hissen könnte. In jedem Fall vermitteln die drängenden Fragen das Gefühl einer beginnenden und lang ersehnten Segelbootstour. Im Kontext des gesamten Stücks ist die Farbe Weiß auffällig, die als Symbol für Reinheit und Unschuld mit den Farben blau und natürlich rot auch farbsymbolisch in die exotische Ferne schweifen lässt. Der Refrain versorgt den Hörer mit bekannter, aber sehr effektvoller Sehnsuchts­lyrik, die sich „aus einer strammen Folge von satten Reiz-Inhalten bzw. Reiz-Worten wie Rosen, Lippen, Wein, Nacht, Liebe, Sonne, Sterne“ (Eckhard Henscheid: Tango und Ternzen. René Carol – Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein [1953]. In: Max & Moritz [Hg.]: Schlager, die wir nie vergessen. Verständige Interpretationen. Leipzig: Reclam 1997, S. 33) zusammensetzt. Der titelge­bende Vers „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“ verbindet die anaphorische Verwendung der Farbe rot, welche ein Symbol für Liebe, Leidenschaft und Erotik ist, mit der Alliteration rote Rosen, die die Liebessymbolik nochmals verstärkt – steht doch auch die Rose für die Liebe und die Leidenschaft. Während die roten Lippen den Schwerpunkt klar auf Sinnlichkeit legen, leitet der rote Wein, abgesehen von seiner die Sinne berauschenden Wirkung, die Aufmerksamkeit in Richtung seiner Anbaugebiete – Richtung Süden. Der folgende Vers verknüpft das Land am Mittelmeer mit der Liebessymbolik aus Vers 5. „Und Italiens blaues Meer im Sonnenschein.“

Abgesehen von den Nachwirkungen der Liebessymbole gelingt es dem Text nun, der Szenerie Sehnsucht und Weite zu verleihen. Falls der Hörer die Einladung nach Italien noch nicht verinnerlicht hat, wird dem noch auf textlicher Ebene nachgeholfen. „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein / Laden uns ein, / Laden uns ein.“

Die zweite Strophe überbietet den Refrain zwar nicht auf dem Feld geweckter Liebesassoziationen, aber auch hier finden sich einige Versatzstücke aus dem Motiv­komplex von Liebe, Leidenschaft und Erotik. Vor allem die Leidenschaft wird kräftig besungen: Dem Text nach verdopple sich die Schönheit Italiens unter einem Sternen­himmel nochmals. Auch der Sonnenuntergang als romantisches Motiv und das Lied der Lieder, die alttestamentarische Sammlung von Liebeslyrik des Hohelieds, bestärken nochmals die aufgeheizte Stimmung des Schlagers. Die Symbole akkumulieren sich den ganzen Text über zu einem Berg purer Liebe, Lust und Leidenschaft, um dann auf ihrem Höhepunkt mit großer Macht die Liebe erwachen zu lassen, womit wohl nicht wenige den Geschlechtsverkehr bzw. dessen Höhepunkt identifizierten.

Obwohl die Urlauberflut aus dem Norden noch nicht über die italienischen Strände hereingebrochen war, liest sich der Text des Schlagers schon wie ein Werbeprospekt der italienischen Fremdenverkehrsindustrie. Das Land an der Adria wird neben ein wenig Sehnsuchtssymbolik unter Unmengen von Bildern der leidenschaftlich-erotischen Liebe begraben. Die Meer-, Strand- und Sonnenidylle erhält eine Extra­portion erotische Exotik. Überprüfen ließ sich dies für die deutschen Urlauber nur ver­einzelt. Auch gegen Ende der 1950er Jahre waren erst 10 % der Deutschen in Italien gewesen (vgl. Hans-Otto Hügel u Gert Zeisler [Hg.]: Die süßesten Früchte. Schlager aus den Fünfzigern. Frankfurt a.M./Berlin: Ullstein 1992, S. 71). Was die Capri-Fischer begonnen hatten, führte dieser Schlager konsequent fort. Italien wurde systematisch zum Tummelplatz deutscher Exotismusträumereien.

Nico Albrecht, Bamberg

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