Nachkriegsexotik. Zu „Capri-Fischer“ von Rudi Schuricke (Text: Ralph Maria Siegel)

Rudi Schuricke (Text: Ralph Maria Siegel)

Capri-Fischer

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,
Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
Ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,
Und sie legen im weiten Bogen die Netze aus.
Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament
Ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt.
Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt,
Hör von fern wie es singt.

Bella, bella, bella Marie,
Bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh!
Bella, bella, bella Marie,
vergiß mich nie!

Sieh den Lichtschein
Draußen auf dem Meer,
Ruhelos und klein,
Was kann das sein,
Was irrt dort spät nachts umher?
Weißt du was da fährt?
Was die Flut durchquert?
Ungezählte Fischer deren Lied von fern man hört.

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt [...]

     [Rudi Schuricke: Capri-Fischer. Polydor 1949.]

Anno 1976 ehrte der italienische Botschafter in Bonn den Schlagerkomponisten Gerhard Winkler mit einem Preis für seine Verdienste um die deutsch-italienischen Beziehungen. Er habe „ganz sicher dazu beigetragen, die Italien-Sehnsucht und Reise­lust für das vielbesungene Sonnenland zu vertiefen.“ (Zitiert nach: Christian Pfarr: Komm ein bisschen mit nach Italien. Urlaubsträume im deutschen Nachkriegsschlager. In: Musik und Unterricht (2000), H. 59, S. 8–16,  hier S. 8) Neun Jahre zuvor hatte er schon das deutsche Bundesverdienstkreuz erhalten (vgl. Matthias Bardong u.a.: Lexikon des deutschen Schlagers. Ludwigsburg: Edition Louis 1992, S. 347). Wie kam ein deutscher Komponist zu solchen Ehren? Im Falle Wincklers war dazu der meistverkaufte Schlager des Jahres 1946 nötig (vgl. Thomas Phleps: Die Fremde als Insel der Seligen im deutschen Schlager. In: Zeitschrift für Kulturaustausch (1991), H. 41.2, S. 282–287, hier S.283), abgesehen von einer schon seit 1936 sehr erfolgreichen Karriere. Zusammen mit Ralph Maria Siegel, der den Vergleich mit seinem Sohn Ralph Siegel in puncto Erfolg nicht zu scheuen braucht, nahm er 1943 die Capri-Fischer auf (vgl. Karl Riha: Stimmung und Sterne – in der Ferne. Rudi Schuricke – Capri-Fischer [1943/46]. In: Max & Moritz [Hg.]: Schlager, die wir nie vergessen. Verständige Interpretationen. Leipzig: Reclam 1997, S. 21). Der Schlager, welcher in der Version von Rudi Schuricke später so große Erfolge feiern sollte, war zu Kriegszeiten das, was man landläufig einen Ladenhüter nennt. Im Herbst 1943 hatte Italien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, was für das Lied von Winckler und Siegel zunächst einen Radioboykott zur Folge hatte (vgl. Pfarr: Komm ein bisschen mit nach Italien, S. 9f.). Doch der Nachkriegs­erfolg kannte kaum Grenzen, sodass die Tantiemen die dreijährige Wartezeit wohl mehr als verschmerzen ließen. Bis 1949 verkaufte sich alleine der Notendruck des Liedes trotz der allgemeinen Papierknappheit mehr als eine Million Mal (vgl. Ingo Grabowsky u. Martin Lücke: Die 100 Schlager des Jahrhunderts. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2008, S. 243f.).

Das Lied beginnt mit dem Bild der bei Capri im Meer versinkenden Sonne. Ein Sonnenuntergang und die mit ihm einsetzende Nacht sind selten so pathetisch besungen worden. In dieser friedlichen idyllisch-exotischen Szenerie fahren die titelgebenden Capri-Fischer zu ihrer nächtlichen Arbeitsstätte. Diese Verse stehen noch unter dem verklärenden Einfluss der Sonnenuntergangsidylle. Die Arbeit der Fischer profitiert durch diese Hinführung und erhält dadurch selbst den Glanz einer friedvollen, im Einklang mit der Natur stehenden Tätigkeit. Ein wenig Symbolik wird hinzugefügt, indem die Fischer sich beim Fischfang ausdrück­lich nur am Firmament der sternenklaren Nacht orientieren (vgl. Riha: Stimmung und Sterne – in der Ferne, S. 22).

Obwohl der Text offensichtlich versucht, ein naturnahes, glückliches und idyllisches Leben der Fischer heraufzubeschwören, könnte man das nächtliche Treiben auch anders bewerten. Seefischerei ist zu den Berufen zu zählen, die körper­lich sehr anspruchsvoll sind. Auch die Tageszeit liefert keinen Grund, die Capri-Fischer zu beneiden, da die Nachtstunden für die meisten nicht zu den bevorzugten Arbeits­zeiten zählen. Einen Aspekt, der mit der nächtlichen Abwesenheit der Fischer zusammenhängt, führt der Schlager im Folgenden aus. Wenn die Seeleute den Refrain anstimmen, fordern sie ihre Frauen auf, ihnen treu zu sein, da sie schon am nächsten Morgen wieder zurück seien. Der Wunsch, sich der Treue der Ehefrau noch­mals zu versichern, bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Männer die idyllische Nacht auch als günstige Gelegenheit ihre Frauen zum Ehebruch auffassen. Den Seiten­sprung versuchen die Fischer zu verhindern, indem die Frau daran erinnert wird, dass ihr Ehemann schon morgens wieder zurück sein wird, anstatt hier auf das Konzept der romantischen Liebe zurückzugreifen.

Der Rezeption dürfte dies jedoch kaum abträglich gewesen sein, da sich während des Krieges viele Soldaten in einer ähnlichen Lage befanden (vgl. Riha: Stimmung und Sterne – in der Ferne, S. 23). Die Ehefrau oder Freundin musste zu Hause alleine ausharren, während man selbst irgendwo auf den europäischen Schlachtfeldern der Zeit kämpfte. Auch nach 1945 fanden sich mit den Kriegsgefangenen und ihren Frauen zwei große Bevölkerungsgruppen, die sich ohne Probleme in diesen Zeilen wiederfinden konnten. Es bleibt jedoch weitgehend unklar, warum der Text nicht die unverwüstliche Liebe der Seemänner betont und es stattdessen vorzieht, die Ehefrauen an die bürgerliche Norm der ehelichen Treue zu erinnern. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die feste soziale Bindung der Fischer nicht zu stark betont werden sollte, da dies schlecht zum Motiv des freiheitsliebenden Matrosen gepasst hätte.

Aller realen Probleme zum Trotz, die auch ein Inselleben mit sich bringt, ist die Anfangsszenerie in ihrer Symbolik so stark, dass eher die Deutung als glückliche Inselidylle durch den Text bestärkt wird. Die realweltlich problematischen Aspekte bleiben dezent im Hintergrund, während der Vordergrund von Unmengen an Pathos erfüllt ist. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass zwischen dem paradiesischen Bild des Fischerdaseins und dem tatsächlichen Arbeitsalltag auf einer italienischen Mittelmeer­insel erhebliche Diskrepanzen bestehen. Dies macht deutlich, dass auch für diesen Schlager wieder einmal nicht die wirkliche Fremde Pate stand. Winkler gibt dies auch freimütig zu:

Als ich meine ersten Lieder mit italienischem Kolorit schrieb, da kannte ich Italien überhaupt nicht. Es war, ich möchte sagen, auch mein Sehnsuchtsland. Seit Goethes Zeiten war es ja so. Alle sehnen sich nach dem Süden. [Zitiert nach: Pfarr: Komm ein bisschen mit nach Italien, S. 8.]

Italien wird zu einem Ort funktionalisiert, der Sehnsüchte wecken soll – mehr nicht. Der harte Alltag von Fischern stört an dieser Stelle nur. Insgesamt erscheint Capri als das exotische Paradies auf Erden, dessen Bewohner im vollkommenen Einklang mit der Natur ihr Leben genießen. Dies scheint auch das dominante Deutungsmuster in den Nachkriegsjahren gewesen zu sein. Schlager wie dieser waren nötig, um dem entbehrungsreichen Leben zwischen den Trümmern eine positive Gegenwelt entgegensetzen zu können (vgl. Grabowsky/Lücke: 100 Schlager des Jahrhunderts, S. 243).

Die mittelbare Flucht aus dem unerträglichen Alltag war durch die Capri-Fischer wenigstens für rund drei Minuten möglich. Selbst in die Ferne zu schweifen, ließen die schweren Nachkriegs­jahre nicht zu. So gaben noch 1949 knapp 80% der Deutschen an, keine Urlaubsreise unternommen zu haben (vgl. Arne Andersen: Der Traum vom guten Leben. Alltags- und Konsumgeschichte vom Wirtschaftswunder bis heute. Frankfurt a.M.: Campus 1997, S. 179). Bis zum Ende des Jahrzehnts hatte sich erst ein Drittel der Bevölkerung auf eine Urlaubsreise begeben und selbst von diesen Glücklichen dürfte kaum einer bis zum Mittelmeer vorgedrungen sein. Die meisten dieser Ausflügler besuchten schlicht Verwandtschaft innerhalb der Bundesrepublik (vgl. ebd.). Da Italien praktisch außerhalb der Alltagswelt der Deutschen lag, (vgl. Thommi Herrwerth: Katzeklo & Capri-Fischer. Die deutschen Hits aus 50 Jahren. Berlin: Rütten & Löning 1998, S. 19) konnte im Bereich des Schlagers jede Menge exo­tische Lieder erschaffen werden, ohne noch weiter entfernte Orte besingen zu müssen. Prinzipiell spielte Geographie in den meisten Schlagern dieses Musters eine marginale Rolle. Kurt Feltz, einer der erfolgreichsten Schlagertexter der 50er Jahre, räumte dies im Magazin Der Spiegel anhand seines Schlagers Im Hafen von Adano ein: „Adano gibt’s gar nicht, aber für die Leute klingt das exotisch.“ (Der Spiegel [1955], H. 48, S. 50) In erster Linie ging es darum, ein Bild der Ferne zu entwerfen und dafür musste der Ort nur außerhalb der deutschen Alltagswelt lokalisiert sein, damit die fremden Orte als Gegenbilder zum zerstörten Deutschland herhalten konnten.

Als Folge des Hypes erfreute sich die Mittelmeerinsel auch in anderen Branchen großer Beliebtheit. Die Industrie erkannte die absatzfördernde Wirkung der Insel Capri und versuchte, ihre Symbolwirkung an andere Produkte zu koppeln. So benannte die Firma Langnese ihr Orangeneis nach der Insel, um ihrem Produkt den Hauch von südlicher Exotik zu verleihen. Auch bei anderen Produkten wie der Capri-Sonne oder der Capri-Hose wurde versucht, das Erzeugnis über den symbolisch aufgeladenen Ort interessanter wirken zu lassen (vgl. Andersen: Der Traum vom guten Leben, S.179).

Aber auch die Musikindustrie reagierte auf den immensen Erfolg der fischenden Insulaner. Die Capri-Fischer lösten eine Welle von Italienschlagern aus, die in den folgenden Jahren die deutsche Musiklandschaft überschwemmte. Diese Lieder orien­tierten sich am kommerziell erfolgreichen Schema der Capri-Fischer und entführten die Republik in immer neue exotische Gefilde, die sich doch alle ähnelten. Der Schlager erfüllte so seine Funktion als ‚Opium des Volkes‘, denn die Menschen hatten stark unter den Folgen des Krieges zu leiden und ließen sich gerne in fremde Länder entführen, wenn sie so nur ihren eigenen Sorgen für eine Weile entkommen konnten.

Nico Albrecht, Bamberg