Von der romantischen Liebe zu Autos und Schokolade. Das Dingliebeslied. Rainhard Fendrichs „Zweierbeziehung“ (1980) und Helene Fischers „Marathon“ (2013) als liebreizende Spielart des komischen Lieds

Rainhard Fendrich

Zweierbeziehung 

Jetzt sitz i wieder do un bin alla
Wie host mia des nur antuan können
I trau mi gar ned ins Kaffeehaus ume
Weu sa si wieder o'haun täten über mi, die Gsichter
Allaweil war i nur da Depperte, da Blede
Aber wie i auf amoi mit dir daherkommen bin
Do is eahnen die Lad' obeg'flogn, da ham's g'schaut
Neidisch san's g'wesn
Vom erschten Augenblick an hab i g'wusst, dass neidisch war'n
Aber du hast mir g'hört, mir ganz allan!
 
Gestern hat mi's Glück verlassen
Du liegst am Autofriedhof draußen
Dabei warst du doch immer ois für mi
I kann ma's wanen net verbeißen
Wos warst du für a haßes Eisen
Und überblieb'n is nur a Havarie
 
Nie wer' i den Tag vergessen
Wie wir zwa uns das erschte Mal geseg'n ham
Es war Liebe auf den ersten Blick
I hab sofort g'wusst: Di muß i hab'n, um alles in der Welt!
Am Anfang hat er noch Mucken g'macht, der Herr Papa
Aber dann is er scho aussag'ruckt mit die Tausender
Und wias dann vor mir g'standen bist
Mit deine braden Rafen und deine Schweinsledersitz, ein Bild für Götter!
Kannst di no erinnern, wie wir's erschte Mal auf der Autobahn war'n,
Wir zwa ganz allan
Wie ma dem Porsche no davonzogen san bei 200
Bei dir hat er die Gurken g'habt, der Herr Carrera

Gestern hat mi's Glück verlassen [...]

I kann gar net versteh', wi des hat passieren können
Die Kurv'n hat doch leicht 130 vertrag'n
Naja, vielleicht hätt i die 6 Viertel net trinken soll'n
Aber mit 6 Viertel is ma do no net ang'soff'n, oda?
Überhaupt nix wär passiert
Wenn net der depperte Bam da g'standen wär
Für ein grünes Wien, so ein Bledsinn!
Die soll'n ihre Stauden woandersch hinpflanzen
Gor nix, gor nix, hätt's ma g'macht
Wenn's ma nur den Führerschein wegg'nommen hätten
Hätt' ma halt in wilder Ehe zusammengelebt
Aber daß i di jetzt um an Kilopreis hergeb'n muaß
Das reißt ma's Herz ausse

     [Rainhard Fendrich: Ich wollte nie einer von denen sein. Philips 1980.]

Helene Fischer (Text: Jean Frankfurter und Joachim Horn-Bernges)

Marathon 

Du warst schon auf dem Schulhof mein Favorit,
ich war in jeder Pause nach dir verrückt,
dass das mal Liebe wird, war sonnenklar.
 
Ich brauchte dich schon damals vorm Schlafengehen
und kann dir auch noch heute nicht wiederstehen,
wenn du da liegst bin ich immer in Gefahr.
 
Doch reichte mir sehr lang von dir ein bisschen,
heut will ich dich ganz,
und ich nutz um dich zu kriegen jede Chance.
 
Mein Herz läuft Marathon, 
wenn ich in deine Nähe komm.
Ich geb' es nicht gern zu:
Mein größter Schwachpunkt bist du.
 
Mein Herz läuft Marathon,
und die mich kennen wissen schon:
Wenn ich schlecht funktionier',
dann hab ich Lust nur nach dir.
 
Heut wirst du von mir morgens eiskalt vernascht,
und heiß genieß' ich dich gern spät in der Nacht,
und dazwischen mag ich dich auch bittersüß.
 
Am schlimmsten ist für mich: Du siehst harmlos aus,
doch auf der Waage kommt dann die Wahrheit raus,
und dann seh' ich, wie gefährlich du doch bist.
 
Für eine Woche lass ich dich links liegen,
länger schaff ich's nicht,
denn mit jedem Tag freu ich mich mehr auf dich.

Mein Herz läuft Marathon [...]

Für Schokolade sterbe ich,
was wär ein Tag denn ohne dich?

     [Helene Fischer: Farbenspiel. Polydor 2013.]

Für die Teilnehmer an der Wien-Exkursion, besonders für die Gruppe 17H Zentralfriedhof

Es gibt viele verschiedene Formen des komischen Lieds. Das Nonsens- und Kabarett-Lied mit seiner Hochphase in der Wilhelminischen Ära und der Weimarer Republik gibt es. Hier im Blog finden sich beispielsweise Beiträge zu Fritz Löhna-Bedas Ausgerechnet Bananen oder zum Schmunzellied Mein kleiner grüner Kaktus von den Comedian Harmonists. Das Karnevalslied kann man ebenfalls als Variante des komischen Lieds nennen. Hans-Peter Ecker hat zu dieser Gattung zahlreiche Einträge verfasst. Eine weitere Spielart des Lachschlagers soll hier eingeführt und an zwei Beispielen kurz beleuchtet werden. Es handelt sich um das Dingliebeslied, um Texte also, in denen der Sprecher Konventionen eines Liebesschlagers und dessen personenbezogene Rhetorik auf die Liebe zu Gegenständen überträgt. Die Anwendung von Liebespathos oder Verliebtheitstopoi auf schnöde Sachen erzeugt Komik und spielt mit den Erwartungen des Hörers. Für diese Spielart findet sich sowohl im österreichischen Liedermacher-Schlager als auch im deutschen Pop-Schlager ein Beispiel. Vielleicht fallen Ihnen noch weitere ein. Ich würde mich sehr über Hinweise im Kommentarbereich freuen.

Rainhard Fendrich wendet romantische Topoi wie Liebesverbundenheit über den Tod der geliebten Person hinaus und die Unvergesslichkeit gemeinsamer Erlebnisse in seiner Zweierbeziehung (1981) auf die abgewrackte Karosserie eines dahingerafften Automobils an, an dessen Unfalltod er auch noch mit schuld war. Besonders bitter. Helene Fischers Marathon (2013, Autoren: Jean Frankfurter und Joachim Horn-Bernges) laufendes Herz schlägt für Schokolade und verknüpft erotisches Verlagen damit. Beide Schlager verraten das Objekt ihrer Liebe allerdings nicht von Anfang an. Sie lassen den Hörer bewusst in dem Glauben, es handele sich um ein persönliches Gegenüber, von dem der Sprecher – bei Fendrich – plötzlich verlassen wurde oder von dem die Sprecherin – bei Fischer – einfach nicht loskommt.

Dieses Missverständnis funktioniert deswegen so gut, weil die Sprecher dem Rezipienten mit vertauten Liebeslyrik-Mustern begegnen: imaginierte Du-Ansprache der angeliebten Person (wie in Rollenlyrik und Minnesang) sowie Heranzitieren eines traditionellen Schönheits-Katalogs und dessen Verknüpfung mit sinnlicher Erotik (ähnlich Shakespeares Sonetten). Erst mit bewusst gesteuerter textlicher Verzögerung erhält der Hörer Hinweise darauf, wer oder was im Zentrum des Liedes steht. Die allmähliche oder plötzliche Erkenntnis bewirkt eine komische Spannung im Lied, hört man es doch von nun an immer mit dem Doppelbewusstsein im Sinn, dass hier tatsächlich jemand von einem Auto oder von Schokolade singt, wie wir es in unserer romantischen Prägung  doch eigentlich von zwischenmenschlichen Verhältnissen gewöhnt sind. Der Romantiker in uns wundert sich und schmunzelt.

Ganz traditionell verbindet in beiden Fällen die Sprechinstanz eine Liebesbiografie mit dem Objekt der Begierde und erzählt diese im Lied. Entsprechend den Konventionen einer Liebesgeschichte fällt der ersten Begegnung Aufmerksamkeit zu, sie zieht den Hörer in die Erzählung hinein. Bei Helene Fischer finden wir die Liebesrealität eines Wendy-Mädchens, den Schulhofflirt:

Du warst schon auf dem Schulhof mein Favorit,
ich war in jeder Pause nach dir verrückt
dass das mal Liebe wird, war sonnenklar.

Bei Fendrich wird ebenfalls die erste Begegnungssituation geschildert. Dazu kommt das gesellschaftlich anerkannte Problem, dass die Partnerwahl des Sohns nicht immer gleich den Geschmack der Eltern trifft. Damit betont der Sprecher bei Fendrich auch noch einmal seinen besonderen, gar nicht piefigen Geschmack:

Nie wer‘ i den Tag vergessen
Wie wir zwa uns das erschte Mal geseg’n ham
Es war Liebe auf den ersten Blick
I hab sofort g’wusst: Di muss i hab’n, um alles in der Welt!
Am Anfang hat er noch Mucken g’macht, der Herr Papa

Beide Lieder spielen auf ihre Weiser mit dem Topos von der Liebe auf den ersten Blick und verwenden gehörig Zeilen darauf. Das Liebesverlagen und dessen Schilderung ist in beiden Fällen zudem vom Image des jeweiligen Interpreten bedingt. Das Alter Ego Helene Fischers verspürt zwar „Lust“ – auch ganz im Sinne von körperlichem (sich bzw. hier das Objekt) Verzehren –, strahlt aber letztendlich Keuschheit aus: Als Schulmädchen „brauchte [sie das Begehrte] vorm Schlafengehen“ [Hervorhebung F.S.], nicht dabei. Das älter gewordene Ich ist da etwas direkter und spielt mit der Doppeldeutigkeit von Schokoladenattributen (eiskalt, heiß, bittersüß):

Heut wirst du von mir morgens eiskalt vernascht,
und heiß genieß‘ ich dich gern spät in der Nacht,
und dazwischen mag ich dich auch bittersüß.

Die Verben in diesen Zeilen deuten zwar auf sexuelle Aktivitäten hin, bedienen sich aber doch stark dem Jargon Jules Mumm-trinkender Freundinnen (vernaschen, genießen, mögen). Der Girlie-Biederkeit entsprechend bildet Verlangen eine Gefahr: „Du siehst harmlos aus/ […] auf der Waage […] / seh’ ich wie gefährlich du […] bist“. In diesem Kosmos ist ein Mann auf der Gefahrenskala vermutlich noch das kleinere Problem. In der Topmodel-Pop-Welt sind Kohlenhydrate die dunkle Bedrohung. Ohne Schokolade ist man unausgeglichen, mit ihr wird man dick. Esst weniger Brot, fresst Paprika. Um es frei nach Heidi Klum zu sagen. Schon bei Trude Herrs Ich will keine Schokolade, lieber einen Mann (1965) erzeugte die Verschränkung von süßen mit sexuellen Gelüsten Heiterkeit. In Helene Fischers Antwort wird dieser Topos umgekehrt: Das Helene-Ich mag tatsächlich lieber Schokolade und eigentlich gar keinen Mann.

Bei Fendrichs Sprecher-Ich hingegen klingt bereits der Macho-Macho an, jener Single-Erfolg, den er rund sieben Jahre nach seiner ersten erfolgreichen Männersingle Zweierbeziehung haben wird. Im Wiener Kaffeehaus zeigt das Ich seinen Spezies gerne, was für ein toller Hecht es doch ist. Die Frau wird zum Statussymbol. Das hat sie mit dem Auto gemein:

[Im] Kaffeehaus […]
Allaweil war i nur da Depperte, da Blede
Aber wie i auf amoi mit dir daherkommen bin
Do is eahnen die Lad‘ obeg’flogn, da ham’s g’schaut
Neidisch san’s g’wesn […]
Aber du hast mir g’hört, mir ganz allan!

Fischers kulinarische Text-Begierde besitzt die sexuelle Aura des Bauarbeiters aus der Coca-Cola-Werbung (harmlos gefährlich) und bringt die Mitdreißigerin in sichere Gefahr. Fendrich beschreibt seine Gefährtin nicht, wie in der Pop-Kultur weibliches Verlangen erzeugt wird, sondern, wie in der Literaturtradition Frauenkörper beschrieben werden: durch Hervorhebung einzelner besonders erwähnenswerter Bauteile (vgl. hierzu zum Beispiel den blazon-Begriff anhand von Beispielen von Spenser und Greene auf www.columbia.edu): „Und wias dann vor mir g’standen bist / Mit deine braden Rafen und deine Schweinsledersitz, ein Bild für Götter!“ Sein Minne-Ding ist gemäß dem Hofzeremoniell ein Geschenk, das man den Göttern getrost widmen kann.

Wohl eher der modernen Paarbeschreibung entnommen ist die Erwähnung eines gemeinsamen Bewegungshöhepunkts, der dem ersten Treffen folgt: „[W]ie wir’s erschte Mal auf der Autobahn war’n, / Wir zwa ganz allan / Wie ma […] davonzogen san bei 200.“ Die Erotisierung von Schweinsledersitzen erzeugt freiwillig Komik. Wie bei Fischer sind die sexuellen Doppeldeutigkeiten bei Fendrich, hat man sie einmal gehört, unüberhörbar und die „breiten Reifen“ wirken vielleicht sogar nur elegant, weil sie komisch gebrochen sind und eine gezielte Übertreibung darstellen. Der Titel von Fendrichs Lied legt zudem noch nahe, dass er sich mit seiner ironischen Beziehungsschilderung über ein Gesellschaftsphänomen der Achtziger amüsiert. „Beziehung“ verweist in diesem Zeitkontext auf eine moderne Form der Verbandelung, der jegliche Form von Liebespathos abgeht. Heinz Rudolf Kunze fragt 1985 in seinem Lied Dein ist mein ganzes Herz entsprechend: „Was sind das bloß für Menschen, die Beziehungen haben?“

Bei Fendrich, vielleicht sogar noch etwas stärker als bei Fischer, ist es aber gerade der vermeintliche Gegensatz zwischen der prosaischen Sachlichkeit eines Dings und der pathetischen Ernsthaftigkeit, mit der die Literaturtopoi romantischer Liebe auf ein Ding angewendet werden, die Komik erzeugt. In der Lachtheorie würde man hier vielleicht von komischer Inkongruenz sprechen, die daraus entsteht, dass zwei Bereiche zusammengebracht werden, die gemäß den Sprech- und Denkerwartungen einer bestimmten Gattung für den Hörer zunächst nicht zusammengehen. Die Dingliebeslieder sind so gestaltet, dass diese Inkongruenz erst verspätet auffällt und dann ein fröhliches Ah-Erlebnis erzeugt. Bei einer gemischtgeschlechtlichen Hörererwartung und Kulturprägung verstärken Interpretenrolle und sprachliche Parallelen zwischen Person und Ding (Mann/Auto, Frau/Schokolade) das anfängliche Missverständnis noch. Oder ist das alles gar nicht lustig gemeint? Bestätigen Fendrich und Fischer nur, was viele schlechte Comedians und große Kabarettisten immer wieder behaupten, dass Frauen und Männer einfach nicht zusammen passen? Und, man muss es unverhohlen sagen, dass Schokolade und Autos einfach die besseren Beziehungspartner sind? Ist das nicht herzig?

Florain Seubert, Bamberg

Ode an Österreich. Gedanken zu „I am from Austria“ von Rainhard Fendrich

Rainhard Fendrich

I am from Austria

Dei hohe Zeit ist lang vorüber 
und a die Höll hast hinter dir, 
vom Ruhm und Glanz ist wenig über, 
sag mir wer ziegt noch den Hut vor dir, 
außer mir.
I kenn die Leit, 
i kenn die Ratten, 
die Dummheit, 
die zum Himmel schreit, 
i steh zu dir bei Licht und Schatten, 
jederzeit. 

Da kann ma machen was ma will, 
da bin i her, da ghör i hin, 
da schmülzt das Eis von meiner Söl
wie von am Gletscher im April. 
Auch wenn wir’s schon vergessen ham, 
i bin dei Apfel, du mei Stamm. 
So wie dei Wasser talwärts rinnt, 
unwiderstehlich und so hell, 
fast wie die Tränen von am Kind, 
wird auch mein Blut auf einmal schnell, 
sag i am End der Welt voll Stolz 
und wenn ihr wollts 
a ganz alla - 
I am from Austria 
I am from Austria 

Es warn die Störche oft zu beneiden, 
heit flieg ich no viel weiter furt, 
i sich di meist nur von der Weiten, 
wer kann verstehn 
wie weh des manchmal tut.

     [Rainhard Ferndrich: Von Zeit zu Zeit. Ariola 1989.]

Ja, auch im deutsch-österreichischen Raum darf man nach 1945 noch Heimathymnen schreiben. Brecht beispielsweise hat  1950 mit seiner Kinderhymne eine geglückte Nachkriegsaktualisierung zu Fallerslebens’ Lied der Deutschen verfasst: „Und weil wir dies Land verbessern/ Lieben und beschirmen wir’s./ Und das liebste mag’s uns scheinen/ So wie anderen Völkern ihrs.“ Mit seiner Heimat verbunden zu sein, ist hier etwas Völkerübergreifendes. Paradox mag es klingen, aber ein so aufgefasster Nationalstolz wird damit fast ein Element der Völkerverständigung.

Mit I am from Austria gelingt Rainhard Fendrich ein ähnliches Kunststück wie Brecht. Durch rhetorische Kniffe bricht er drohende Heimatrührseligkeit, ohne dabei das sprachliche Erbe aus Mundarttraditionen wie Wiener Lied oder Heimatliteratur zu degradieren. In seiner Ode an sein Heimatland Österreich gelingt es Rainhard Fendrich gar, vorbelastetes Heimatvokabular für eine zeitgenössische Liebeserklärung an sein Herkunftsland zu rehabilitieren, indem er immer wieder zwischen Heimat als individuellem Gefühl und Heimat als verklärtem Raum unterscheidet.

Schon die Sprechsituation macht deutlich, dass es sich beim Text-Ich nicht um einen xenophoben Heimatfanatiker handelt, der ein österreichisches Territorium gegen Eindringlinge verteidigt und vor anderen Ländern verherrlicht. Heimat bedeutet für das Ich zunächst einmal Herkunft: „da bin i her, da ghör i hin“. Die Motivation für das Lied liegt in der Sprecher-Gegenwart, also zwischen der da-bin-ich-her-Vergangenheit und der da-ghör-i-hin-Zukunft. Gegenwärtig scheint sich der Sprecher nicht (oft) in seiner Heimat aufzuhalten: „i sich di meist nur von der Weiten“. Einem Zugvogel gleich erkundet dieser Österreicher die Welt: „Es warn die Störche oft zu beneiden,/ heit flieg ich no viel weiter furt“.

Aus kosmopolitischer Erfahrung heraus entwirft der Reisende sein Heimatgefühl, das er über räumliche Grenzen hinweg mitnimmt und noch am „End der Welt“ verkündet bzw. zeitlich gesehen bis zum Weltuntergang mit sich trägt. Dabei ist die Bekundung der Heimatliebe nicht als nationaler Massenaufruf gedacht. Vielmehr stellt sich das Sprecher-Ich bewusst „voller Stolz“ als individuell fühlend gegen eine anonyme Masse: „und wenn ihr wollts/ a ganz alla“. Indirekt bezweifelt der Zugvogel eine Gefühlsgemeinschaft: „wer kann verstehn/ wie weh des manchmal tut“. Die Sprechinstanz vermutet gar die Singularität ihres stolzen Heimatgefühls, wenn sie das Land anspricht: „sag mir wer ziegt noch den Hut vor dir,/ außer mir.“

Der Sprecher zweifelt daran, dass sich aus dem Ist-Zustand des Landes heraus ein Nationalstolz entwickeln kann. Im Gegensatz zum ausgestellten Florieren eines verklärten Ortes wird Österreich als heruntergekommen präsentiert: „Dei hohe Zeit ist lang vorüber/ und a die Höll hast hinter dir,/ vom Ruhm und Glanz ist wenig über“. Diese Verknappung umreist die österreichische Geschichte kurz: von einer Donaumonarchie mit Pomp über die Hölle des Nationalsozialismus bis hin in die ruhmlose Nachkriegszeit. Im ‚Glanze von Glück‘ blüht das Vaterland des Sprecher-Ichs also gerade nicht. Das Ich kehrt diesen Zustand aber bewusst nicht unter den Teppich: Es kennt die Schattenseiten („Ratten“, „Dummheit“) und steht dennoch „jederzeit“ zu seinem Heimatgefühl, das am Ende auch mit dieser Anti-Verklärung zusammenhängt. Denn wirklich zu Hause ist man meist nur dort, wo man hinter die Fassaden geblickt hat, schmutzige Ecken kennt und diese in die eigene Heimattopographie integriert hat.

Dennoch ganz muss der Text nicht ohne naturidyllische Heimatmomente auskommen: Das Naturschauspiel der Gletscherschmelze findet ebenso Erwähnung wie der Apfelbaum. Sogar durch die Blut und Boden-Strömung vorbelastete Wörter wie Blut und Seele werden angeführt. Poetisch elegant wird dieses Wortfeld jedoch gebrochen. Der Heimatverbundene beschreibt nämlich nicht nostalgisch verklärend seine heimatliche Scholle, also einen zu verteidigenden Raum, sondern wieder sein individuelles Heimatgefühl. Denn die Naturvergleiche veranschaulichen das Gefühl des Sprecher-Ichs bei seiner (imaginierten?) Rückkehr: „da schmülzt des Eis von meiner Söl/ wie von am Gletscher im April“. Das Gletscherwasser wird mit einer Kinderträne überblendet und verliert dadurch an sprachlicher Wuchtigkeit. Darauf wiederum wird das Hinabfließen der Kinderträne mit dem euphorischen Rauschen des Bluts parallelisiert. Im wahrsten Sinne des Wortes wird das Wort Blut somit rhetorisch zweifach gewaschen: durch das Firnwasser und die Vorstellung kindlicher Unschuld und Authentizität. So ist es schließlich die Reinheit und Klarheit der Natur- und Gefühlsvergleiche, die der Heimat ihren einstigen Glanz wieder verleiht: „unwiderstehlich und so hell“.

Was allerdings als pathetisch-patriotischer Sturzbach beginnt, mündet in Codeswitching: „I am from Austria.“  Lakonisch und in der Weltsprache Englisch benennt der Sprecher hier zum einzigen Mal sein Heimatland direkt und durchbricht damit an zentraler Stelle die für ein Heimatlied erwartbare Sprachreinheit. Noch einmal zeigt das Österreich-Ich damit, dass Heimatgefühl nicht mit nationalistischem ‚Reinheitsgebot‘ zu verwechseln ist. Denn Heimatgefühl, das ist international. Grenzüberschreitend und völkerverständigend. Where are you from?

Florian Seubert, Bamberg