The L-Word. Zur Verzweigung von Künstlerästhetik und Frauenbild in „Lena“ (1991) von PUR und „Lisa“ (1984) von Heinz Rudolf Kunze.

PUR

Lena

Die Augenringe erzählen die Nacht.
Fremdes Hotel, bin fröstelnd aufgewacht.
Mit 'nem Gewissen, das mich ständig beißt.
Oh, du fehlst mir so.

In der Arena gestern noch der Held.
Heute der Typ, der den Hörer falsch herum hält.
Ach, warum gehst du denn nicht ran?
Ich vermiß dich so.

Wenn der Himmel mir jetzt auf den Kopf drauf fällt,
bist du die Einzige, die noch zu mir hält.
Ich brauch jetzt deine ruhige Hand.
Oh, meld dich doch bei mir,
oh, ich gäb sonst was dafür.

Lena,
du hast es oft nicht leicht.
Wie weit die Kraft doch reicht,
wenn ich am Boden liege,
erzählst du mir, daß ich bald fliege.
Lena,
wie ein klarer, warmer Wind,
wenn die Tage stürmisch sind,
laß ich mich zu dir treiben,
Seelen aneinander reiben.

Bin viel zu oft weit weg von dir.
Abgestürzt, gestrandet neben dir.
Mein Glück, dass du Bruchpiloten magst.

Du kennst mich gut, ich schwör dir nie zu viel.
Aber du weisst, du bist mein wahres Ziel.
Du hast mich immer noch nicht satt.

Du bist Luft für mich, die ich zum Atmen brauch'.
Die Landebahn in meinem Bauch,
Die Tropfen für mein schwaches Herz.
Ich lieb dich alltagsgrau,
oh, ich lieb dich sonntagsblau.

Lena, [...]

     [PUR: Lena. Intercord 1991.]

Heinz Rudolf Kunze

Lisa

Lisa mit den langen braunen Haaren
findet täglich Blumen vor der Tür.
Ich kenn Lisa schon seit vielen Jahren,
doch die Blumen stammen nicht von mir.

Lisa mit den durchgemachten Nächten
hat noch nie Gardinen zugemacht.
Zeigt ihr Fleisch den hungernden Gerechten,
tanzt auf ihrem Teddybär und lacht.

Lisa, erwarte keine Predigt
oder daß noch einer mehr dich liebt.
Lisa, da ist was unerledigt.
Sagen wir mal so: Ich bin ganz froh,
daß es dich gibt.

Lisa mit den vielen schwachen Stunden
gilt im ganzen Viertel als verrucht.
Hat den Mann fürs Leben nicht gefunden.
Hat wohl auch noch nie danach gesucht.

Ich hab Lisa lange nicht gesehen.
Hab sie ab und zu am Telefon.
Lisa meint, ich müsse das verstehen.
Logisch Lisa, ich versteh das schon.

Lisa, komm laß uns eine rauchen.
Komm mir bitte keinen Schritt zu nah.
Lisa, ich kann dich nicht gebrauchen.
Bleib schön wo du bist, weil mir sonst ist,
als sag ich ja.

Lisa, erwarte keine Predigt [...]

     [Heinz Rudolf Kunze: Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde. WEA 1984.]

 

Teil I: Klar wie Sonnenschein

Heinz Rudolf Kunze und PUR sind Vertreter eines DeutschPopRock, der in den 1980er und 90ern aufgekommen ist und im Zuge der Kommerzialisierung der Neuen deutschen Welle salonfähig wurde. Einer Wikipedia-Einschätzung zufolge wurde Kunze „ab 1985 […] mehr und mehr zum angepassten Rock-Sänger.“  PUR wurden 1986 zum Bundesrocksieger gekürt. An dieser Entscheidung war Heinz Rudolf Kunze als Juror übrigens beteiligt. Laut Diginights seien die Künstler seitdem gut befreundet und geben Jubiläums- und Benefizkonzerte zusammen. Ähneln sich die beiden acts auch mit Blick auf das Genre und ihrer Umsetzung von deutschen Liedtexten, von ihren Künstlerprofilen her betrachtet positionieren sie sich tendenziell in gegenüberliegenden Ecken innerhalb ihrer Sparte – mag nun Kunze als angepasst gelten oder nicht.

Das Künstlerimage von Kunze hat (schon durch seine Anfänge im Folk-Bereich, seinen Germanisten-Hintergrund und seine Arbeit als Popessayist und Dozent) etwas von maniertem Literatentum. Seine kulturgeschichtliche Informiertheit und Reflektiertheit flaggt Kunze mit virtuoser Sprachspielerei durch allerlei Zitate aus Bibel, Pop und Schlager (vgl. Dein ist mein ganzes Herz) aus, oft am Piano sitzend und sich selbst begleitend, ganz in der Tradition seines singer/songwriters. PUR und deren Texter Hartmut Engler zeigen ebenso ein Interesse am Spiel mit deutscher Sprache als Pop- oder Rocksprache, tun dies aber ungleich bodenständiger, kuscheliger – aber deswegen nicht weniger gekonnt. In ihrer Sprachwahl schwingt immer auch etwas von der alltäglichen und nahbaren Unkompliziertheit einer Garagenband-Probe mit. PUR, könnte man sagen, sind die netten Jungs von nebenan. Kunze hingegen ist mehr der leicht elitäre Pop-Poet aus dem verwitterten Haus am Ende der Straße, in dem erst in der Dämmerung ein fahles Licht im Turmzimmer von der Arbeit des Meisters kündet.

In relativer zeitlicher Nähe haben PUR und Kunze nun zwei sehr ähnliche Frauenporträts veröffentlicht, an denen sich die beschriebene Imageverteilung bis auf die Ebene der Frauenbilder nachvollziehen lässt. Lena ist PURs erster großer Chart-Erfolg aus dem Jahre 1991, Kunzes Lisa ist 1984 auf dem Album Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde erschienen, dann aber auch noch einmal 1993 auf Ich brauch dich jetzt. 13 Balladen (und hier als Singleveröffentlichung!) und weiteren Best of-Alben. Beide Lieder ähneln sich schon auf den ersten Blick. Sie tragen einen ähnlichen Mädchennamen als Titel – aus vier Buchstaben, beginnend mit L –, aber auch inhaltlich zeigen sie Gemeinsamkeiten in Motivation und Sprechsituation. Ein Sprecher-Ich besingt eine Frau, die in dessen aktueller Situation unerreichbar scheint, schmerzlich vermisst wird oder schlicht nicht anwesend ist. In diesem Sinne können die Lieder gleichsam als moderne Versionen Petrarkischer Liebessonette beschrieben werden (Laura!). Die präsentierten Frauenbilder allerdings stehen sich komplementär gegenüber. Die folgenden Ausführungen zeigen, wie sich das bürgerliche respektive ex-zentrische Künstlerimage des jeweiligen Songschreibers auf der Ebene der weiblichen Geschlechterrolle in einer hellen bzw. dunklen Fraugestalt niederschlägt.

Lena, die wohlgemerkt als sehr starke und eigenständige Frau präsentiert wird, hat den Mann anscheinend auf freundliche, aber unabdingliche Weise an sich gebunden: „Du bist Luft für mich, die ich zum Atmen brauch’.“ Sie gibt dem Sprecher-Ich (mit Blick auf die Frage nach dem Künstlerimage wohl männlich zu denken) Halt: „Die Einzige, die noch zu mir hält“. Sie steht hinter ihm und fängt ihn mit ihrer „ruhigen Hand“ auf, ganz nach dem biederbürgerlichen Leitsatz, dass hinter jedem starken Mann bekanntlich eine starke Frau zu finden sei. Unter diesen Voraussetzungen ist sie damit auch die einzige, die in der Lage ist, seine Künstlerdepression abzufangen. Nach einem großen Konzertauftritt am Vorabend („Arena“) sehnt sich der einsame Rocker (?) am nächsten Morgen „fröstelnd“ und gar nicht mehr heldenhaft in einem anonymen Hotelzimmer nur nach ihr: „Heute der Typ, der den Hörer falsch herum hält. / Ach, warum gehst du denn nicht ran?“ Dass Lena auf seine Verzweiflungen nicht antwortet, mag auch einfach dem Fakt geschuldet sein, dass der Sprecher das Telefon falsch herum hält. Lena – aus der Sicht des Sprechers – präsentiert sich doch eigentlich als sehr verlässliche Größe.

Um die Stabilität zu unterstreichen und die Kraft, die der Sänger aus seiner Beziehung schöpft, werden verschiedene Wortfelder bedient, die mit gängigen, geradezu prosaisch-technikafinen Vergleichen für jedermann sofort nachvollziehbar illustrieren, welchen Ausgleich Lena schafft. Es zieht sich eine Dichotomie durch das Lied, zwischen Zusammenbruchsmetaphern („Bruchpiloten“, „abgestützt“, „gestrandet“) und Lenas hochfliegenden Abfederungsmechanismen in Sachen Liebe und Kunst: „erzählst du mir, daß ich bald fliege“ (genialischer Höhenflug?), „[du bist] [d]ie Landebahn in meinem Bauch“. Letztere Formulierung nähert sich leicht unbeholfen an Herbert Grönemeyers Flugzeuge im Bauch (1985) an. Das Sprecher-Ich ist sich der Bürde, die seine Partnerin tragen muss, durchaus bewusst. Sein Lied ist auch ein Dank für diese Sicherheit, die Stabilität, die die Frau hinter der Bühne ihm gewehrt: „Du hast es oft nicht leicht.“ Dieses helle, stabilisierende Frauenbild wird also nicht nur anzitiert, sondern Lenas Aufgabe auch reflektiert. Man beachte dazu auch die exakte Aussprache der Silben, die die Ästhetisierung der gewählten Umgangsprache in ihrer bewussten Konstruiertheit hervorheben.

Einen Künstler in Balance zu halten, ist übrigens ein kulturell ererbtes Aufgabenfeld von Frauenfiguren in Lenas Profil, das sich z.B. an romantischen Texten gut aufzeigen lässt. Clara aus E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann (1816) schafft es über lange Zeit den instabilen Halbdichter Nathanael zu beruhigen, am Boden zu halten. PURs Lena kann man sich in solch einer Tradition ebenfalls getrost als blond vorstellen, mit klaren Augen, mit einer hellen Ausstrahlung. Wie Clara bei Hoffmann die Klarheit onomastisch im Namen trägt, so trägt Lena den (Sonnen)Schein im Namen nach dem gr. Sonnengot Helios, oder aber das Licht und den Glanz des Mondes (nach selene, selas) (vgl. www.beliebte-vornamen.de), ist „wie ein klarer, warmer Wind.“ Ob PUR dieses Namenspiel bewusst betrieben haben, sei einmal dahin gestellt. Vielleicht gibt es eine Geschichte hinter dem Namen Lena. Falls PUR-Fans diese kennen, würde ich mich über Kommentare freuen. Es kann aber auch einfach damit zu tun haben, das der Name Lena ab den späten 80ern immens populär wurde (s. Link oben), und sich somit zur Vermarktung gut anbot, vergleichbar jenen Tassen mit Namensaufdruck, die nur in begrenzter Namensauswahl vorrätig sind

Teil II: Voll Porno

Nun steht in romantischen Texten einer klaren Frauengestalt oft auch eine merkwürdig gefährliche, stark ästhetisierte gegenüber. Im Sandmann wäre das das Maschinenpüppchen Olympia. Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wird das dunkel-bedrohliche Frauenbild dann zur femme fatale stilisiert. Bei Rosamunde Pilcher-Verfilmungen ist diese Ästhetisierung von komplementären Frauenbildern bis heute noch wirkmächtig: Die guten Frauen erhalten dabei meist eine blonde Tönung, die fiesen Möppe tragen häufig bräunlich-schwarzes Haar (Um einer allzu oberflächlichen Stigmatisierung dunkler Haartöne Kontra zu bieten: Das muss nicht so sein – man denke an die wasserstoffblonde femme fatale Jean Harlow.) „Lisa mit den langen braunen Haaren“ jedenfalls beschreibt der Sprecher in Kunzes Lied seinen Frauentyp. Als eiskalten man eater präsentiert er Lisa allerdings nicht: Ihre Charakterisierung changiert zwischen isolierter Einzelgängerfigur – aus einer anscheinend bestehenden Unfähigkeit zur Bindung heraus – und einer männeranziehenden Spielerin, die sich gar nicht binden will:

Lisa mit den vielen schwachen Stunden
gilt im ganzen Viertel als verrucht.
Hat den Mann fürs Leben nicht gefunden.
Hat wohl auch noch nie danach gesucht.

Der zweite und vierte Vers erinnern stark an das Verhalten von Marlene Dietrichs Lola. Vers eins und drei wirken einer Verurteilung Lisas allerdings durch ihre melancholischen Untertöne entgegen. Das Namensspiel ist nicht ganz so aufschlussreich wie bei Lena. Wenn man den Namen allerdings als Kurzform von Elisabeth (hebr. Elischeba) mit der Bedeutung dieses namens in Verbindung bringt – was nicht unbedingt sein muss (vgl. Wikipedia) – dann ist es allerdings nicht verwunderlich, dass an Lisa die Männer abprallen, ist sie doch die „die Gott verehrt; die Gott geweiht ist“ (vgl. www.beliebte-vornamen.de). Eine Predigt von einem Mann erwartet sie da sicherlich nicht. Allerdings greift auch eine schlichtere Erklärung der Namenswahl mit der Beliebtheit zur Zeit der Entstehung des Lieds wie bei Lena: Ab den 1980er erfährt Lisa nach einer Delle in der Beliebtheitskurve wieder einen starken Aufwärtstrend (s. Link oben).

Im Gegensatz zum Sprecher-Ich bei PUR glückt dem Kunzes zwar die telefonische Kommunikation mit der Frau („Hab sie ab und zu am Telefon“), Lisa selbst aber bleibt unerreichbare Attraktion, und wird auch als solche vom Sprecher reflektiert. Wie eine artifizielle Lolita-Ballerina erscheint Lisa bei Nacht am Fenster, hinter Glas. Der Sprecher begafft sie mit voyeuristischem Blick. Folgende Beschreibung platziert ihn (und den Hörer mit ihm) textlogisch irgendwo vor ihrem Fenster, als Zuschauer von Lisas Show, die sich bei offenen Vorhang (!) abspielt:

Lisa mit den durchgemachten Nächten
hat noch nie Gardinen zugemacht.
zeigt ihr Fleisch den hungernden Gerechten,
tanzt auf ihrem Teddybär und lacht.

Lisa scheint sich hier bewusst als nacktes Blickobjekt für eine sabbernde Anhängerschaft (die „hungernden Gerechten“ stehen im Plural und sie „findet täglich Blumen vor der Tür“) zu inszenieren. Sie bietet eine Peep-Show, lässt ihr Fleisch freizügig beschauen, möchte gesehen werden, erlaubt aber keine Intimität darüber hinaus. Blumen bleiben stets vor der Türe liegen. Für die Verteilung der Frauenbilder in den beiden Liedern ist bezeichnend, dass bei Lisa die verruchte Körperlichkeit der femme fatale ein ästhetisches Zentrum des Texts bildet. Bei Lena ist die körperliche Seite der Beziehung zwar durch entsprechende Verbwahl („treiben“, „reiben“) angedeutet, in letzter Konsequenz aber keusch zur Seelenverwandtschaft sublimiert: „[L]aß ich mich zu dir treiben, / Seelen aneinander reiben.“ Nacktes Fleisch gegen bloße Seele.

Ähnlich wie das PUR-Ich die Leistung seiner idealisierten Frau reflektiert, scheint Kunzes Sprecher die Gefahr bewusst, die hinter Lisas zwiespältiger Lebensweise als Porno-Nonne für ihre Verehrer und für Lisa selbst lauert. So gut es geht, versucht er, seinen Kontakt zu Lisa in Grenzen zu halten, um sich nicht (mehr oder weiter) verführen zu lassen. Die Sprechinstanz zählt sich nicht zu den Blumenkavalieren („die Blumen stammen nicht von mir“), hat Lisa „lange nicht gesehen“. Die Beschreibung der Peep-Show scheint mehr iterative Vermutung zu sein, die auf frühren Beobachtungen basiert („Hat noch nie Gardienen zugemacht“) und nicht aus der unmittelbaren Lebenssituation des Sprechers heraus zu geschehen. Das Ich telefoniert nur „ab und zu“ mit ihr und besteht bei direktem Kontakt auf Sicherheitsabstand „Komm mir bitte keinen Schritt zu nah. / […] weil mir sonst ist, als sag ich ja.“ Von Lisa selbst, ist ihm bewusst, kann er wohl kein ja erwarten: „Lisa meint, ich müsse das verstehen.“ Verbirgt sich hinter dem „das“ ein abgelehnter Heiratsantrag, eine enttäuschte Liebesbekundung? Das unaufgelöste Demonstrativpronomen lässt dies im Vagen. Aufgrund dieser Enttäuschungen lässt/verlässt sich Kunzes Sprecher nicht so ungeschränkt auf Lisa (ein), wie PURs Sprecher auf Lena.

Dennoch ist seine Einstellung zu Lisa ambivalent. Im selben Moment, in dem er sie von sich weist, bietet er ihr an, doch gemeinsam eine zu rauchen. Er ist „ganz froh“, dass es Lisa gibt. Ganz abgeschlossen hat er mit ihr noch nicht: „[D]a ist was unerledigt.“ Allerdings hat er allzu unreflektiert-hitzige Liebesbekundungen schon in beiläufige understatments wie „ganz froh“ gepackt. Es wirkt halb aus Verbitterung, halb aus Mitgefühl für Lisas isolierte Lebenssituation, wenn der Sprecher mahnt und warnt: „Lisa, erwarte […] [nicht] / daß einer mehr dich liebt.“ Nota bene: Die grammatische Anfügung des nicht denkt man sich aufgrund des negierten Kontexts – „keine Predigt“ – automatisch mit. Textstreng gelesen könnte Lisa aber auch erwarten, dass noch einer mehr sie liebt. Das erhöht das Ambivalenzgefühl und zeigt, dass der Sprecher Lisas Strategie oder charakterliches Gefangen-Sein durchschaut hat. Bei allen Ausführungen scheint er allerdings eine der wenigen Personen zu sein, die etwas näher an Lisa herangekommen ist, als all die Blumenschenker.

Wie auch immer der Sprecher gegenwärtig zu Lisa stehen mag, ihre gefährliche Nähe wünscht er sich aus Gründen des Selbstschutzes nicht wie PUR-Sprecher die Lenas. Lisa bietet dem Sprecher keine Stabilität im Leben, lässt ihn im Vagen hängen und nur allmählich darüber hinwegkommen. Lena mit seiner hellen Frauenfigur im Mittelpunkt ist ein Liebeslied das zum PUR’schen Popoptimismus (und zur weiblichen Anhängerschaft) passt und dem bodenständigeren Image der Band entspricht. Lisa mit seiner weiblichen Nachtgestalt hingegen ist eigentlich ein Entliebungslied, das dem Popgermanisten ausreichend Möglichkeiten dazu gibt, sich an seinem hin- und hergerissenes Seelenleben zu weiden. Kunzes 1980er dirty realism gewinnt noch an Zugkraft, indem er seiner Frauengestalt ein Körnchen Realität verleiht. Bei Konzerten erzählt er manchmal, dass die Figur der Lisa an eine Studienfreundin angelehnt sei – diese Germanisten und ihr Wissen um die Wirkung von Legenden und dunklen Frauengestalten. Lena, du hast es oft nicht leicht.

Florian Seubert, Bamberg

Advertisements

Phantasialand. Gedanken zu „Abenteuerland“ von PUR

Pur

Abenteuerland

Der triste Himmel macht mich krank 
Ein schweres graues Tuch 
Das die Sinne fast erstickt 
Die Gewohnheit zu Besuch 
Lange nichts mehr aufgetankt 
Die Batterien sind leer 
In ein Labyrinth verstrickt 
Ich seh‘ den Weg nicht mehr 

Ich will weg, ich will raus
Ich will – wünsch mir was 
Und ein kleiner Junge nimmt mich an die Hand 
Er winkt mir zu und grinst: 
Komm hier weg, komm hier raus 
Komm, ich zeig dir was 
Das du verlernt hast vor lauter Verstand

Komm mit 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Auf deine eigene Reise 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Der Eintritt kostet den Verstand 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Und tu‘s auf deine Weise 
Deine Fantasie schenkt dir ein Land 
Das Abenteuerland

Neue Form, verspielt und wild 
Die Wolken mal‘n ein Bild 
Der Wind pfeift dazu dieses Lied
in dem sich jeder Wunsch erfüllt 
Ich erfinde, verwandle mit Zauberkraft 
Die Armee der Zeigefinger brüllt: „Du spinnst!“
Ich streck' den Finger aus, ich verhexe, verbanne, ich hab die Macht 
Solange der Kleine da im Spiegel noch grinst 

Komm mit 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Auf deine eigene Reise 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Der Eintritt kostet den Verstand 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Und tu's auf deine Weise 
Deine Fantasie schenkt dir ein Land 
Das Abenteuerland

Peter Pan und Captain Hook mit siebzehn Feuerdrachen 
Alles kannst du sehen, wenn du willst 
Donnervögel, Urgeschrei, Engel, die laut lachen 
Alles kannst du hören, wenn du willst 
Du kannst flippen, flitzen, fliegen und das größte Pferd kriegen 
Du kannst tanzen, taumeln, träumen und die Schule versäumen 
Alles das ist möglich in dir drin, in deinem Land 
trau dich nur zu spinnen, es liegt in deiner Hand
Komm mit!
Auf deine eigene Reise
Komm mit!
Und tu‘s auf deine Weise!

Komm mit 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Auf deine eigene Reise 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Der Eintritt kostet den Verstand 
Komm mit mir ins Abenteuerland 
Und tu's auf deine Weise 
Deine Fantasie schenkt dir ein Land 
Das Abenteuerland

     [PUR: Abenteuerland. Intercord 1995.]

Im Grunde ist das Konzept des Freizeitparks zutiefst romantisch: Man schafft sich mit Hilfe der Imagination eine taumelbunte Welt, möchte den Alltag bereichern. Folglich poetisiert man Alltägliches: Aus schnöden Würstchenbuden werden in einem Themenpark übergroße hot dogs. Aus prosaischen Transportmitteln werden geschwungene Drachenbahnen oder knarrende Piratenbote. In manchen Fällen werden im Farb- und Geschwindigkeitsrausch gar aus vernünftigen Erwachsenen wieder unvernünftige Kinder. Und auch das populäre Lied, der Schlager, bietet Fluchtpunkte im Alltag mit seinen oft heilen Parallelwelten. Es ist also nur konsequent, beides zusammenzubringen und ein Lied über einen Freizeitpark, eine romantische Wunderwelt zu schreiben. Mit Abenteuerland haben PUR genau das getan.

Ähnlich wie die Romantiker etablieren PUR mit ihrer Wunderlandphantasie eine Gegenwelt zur bürgerlichen Tristesse. Nicht nur die Wunderlandthematik ist eine Gemeinsamkeit zwischen dem Fantasiestück aus dem Jahre 1995 und romantischen Prätexten wie etwa Der goldne Topf (1814) von E.T.A. Hoffmann. Mit ihrer Weltflucht-Arie bedienen PUR  die romantische Motivtradition. Auf den ersten Blick scheinen dabei die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen den Welten klar abgesteckt. Doch eine solche Schwarz-Weiß-Malerei lässt sich vor dem Hintergrund eines romantischen Konzepts der Verschmelzung zugunsten feinerer Zwischentöne auflösen. Schließlich steht der  Hörer am Ende vor der Entscheidung, ob er durch das Lied mit dem Sprecher ins Abenteuerland reisen möchte. Die Ebenen vermischen sich, der Hörer steht wie der Erzähler in Hoffmans Topf-Märchen merkwürdig zwischen den Welten.

Bevor es aber ins Abenteuerland geht, wird in der ersten Strophe der Weltfluchtarie die Philisterwelt gezeichnet. Schon die Akkumulation von bedrückenden Adjektiven gibt den Ton in dieser Welt vor: „trist“, „krank [machend]“, „schwer“, „grau“. Der Himmel ist ein „schweres graues Tuch“, das sich über alles legt, dem Leidenden seine Lebenskraft entzieht und seine Sinne „fast erstickt“. Das gleichzeitige Ansprechen aller Sinne in Form der Synästhesie ist ein zentrales romantisches Stilmittel um Grenzen aufzuheben, dem Diktum der Universalpoesie zu entsprechen. Ironischerweise blitzt in dieser Strophe über den fast völligen Verlust der Sinneswahrnehmung dieses Stilmittel auf, denn man sieht die graue Farbe des Himmels und spürt das Erdrückende der Umgebung. Die Sinne sind eben nur fast erstickt.

Ebenfalls ambivalent wirkt das Spiel mit der Floskel ‚ein Besuch wird zur Gewohnheit‘ – „die Gewohnheit zu Besuch“. Der Alltag des Sprechers ist eintönig, hört man hier zunächst heraus. Gewöhnlich. Immergleich. Das Vertauschen der Satzglieder untergräbt allerdings bei genauer Analyse die negative Aussage: Handelt es sich nicht um einen penetranten Dauergast, dann reist der Besuch – im besten Falle – nach einiger Zeit wieder ab. Die Zeit des Besuchs ist also eigentlich eine Abweichung von der monotonen Tagesplanung. Wie schon bei dem Spiel mit der Synästhesie wirkt die Alltagswelt hier noch nicht eindeutig graugemalt.

Um nun aber keinen Zweifel an der depressiven Stimmung des Entkräfteten zu lassen, wird die Strophe mit Allerweltsmodernismen wie „[l]ange nichts mehr aufgetankt“ oder „[d]ie Batterien sind leer“ im Stile eines New-Age-Selbsthilfebuchs abgerundet. Der Schlagerhörer kennt nun die Diagnose des späteren Abenteuerlandfahrers: Er leidet an burn out. Dem psychologischen Krankheitsbild entsprechend erscheint dem Ausgebrannten seine Situation zunächst – im Text wörtlich genommen – ausweglos: Er fühlt sich „[i]n ein Labyrinth verstrickt“ und sieht „den Weg nicht mehr“.

Doch dann kommt es plötzlichzum Bruch mit der Welt der Erwachsenen. Nicht nur inhaltlich, sondern auch auf syntaktischer Ebene wird dies in Form des Anakoluths „Ich will – wünsch mir was“ deutlich. Nun geht es in ein Land, in dem das Wünschen noch hilft. „[E]in kleiner Junge nimmt mich an die Hand“. Erst der Junge macht dem Depressiven mittels eines Paradoxons bewusst, dass Rationalität nicht alles ist: „Komm, ich zeig dir was / Das du verlernt hast vor lauter Verstand.“ Und, ähnlich der Eintrittsgelder, die man am Eingang eines Freizeitparks entrichten muss, hat auch der Eintritt ins Abenteuerland seinen Preis: „Der Eintritt kostet den Verstand.“ Ist der Verstand am Eingang erst einmal abgeben, tritt die Imagination an dessen Stelle: „Die Fantasie schenkt dir ein Land / Das Abenteuerland“. Die Rückbesinnung und Hinwendung zum Kindlichen, dem Noch-nicht-Rationalen, bietet für den romantischen Esoteriker eine Fluchtmöglichkeit.

Das Abenteuerland selbst scheint im Sinne des romantischen Formexperiments erdacht: „Neue Form, verspielt und wild“. Die verwendeten energetischen Adjektive stehen den gräulichen Beiworten der Alltagswelt vom Anfang gegenüber. Die lebendige audio-visuelle Verknüpfung der Wolkenbilder mit dem Lied des Winds antwortet auf die graue Synästhesie des Anfangs: Die Wolken am Himmel sind nicht mehr zu grauem Tuch verdichtet, sondern künstlerisch aktiv und „mal’n [nun] ein Bild“. Der Atemnot in der grauen Welt steht ein lebendiger Wind gegenüber, der ebenfalls zum romantischen Künstler wird. Er pfeift ein Lied, „in dem sich jeder Wunsch erfüllt“. Reicht schon das immanent in der Natur schlummernde Lied aus, um Verbindungen zu Eichendorffs Wünschelrute („Schläft ein Lied in allen Dingen“) festzustellen, macht die Betonung der „Zauberkraft“ (bei Eichendorff heißt es: „triffst du nur das Zauberwort“), mit der der Reisende als genialischer Schöpfer „erfinde[t]“ und „verwandel[t]“, die romantischen Töne endgültig deutlich.

Doch noch ist die bürgerlich-moralische Welt nicht ganz verlassen. Personifiziert läuft die „Armee der Zeigefinger“ als paramilitärische Sittenwehr auf und weist den Sprecher brüllend zurecht: „Du spinnst!“. Doch das Sprecher-Ich hat das Kindsein noch nicht verlernt und wehrt sich gegen die allzu erwachsene Bürgerlichkeit: „Ich verhexe, verbanne, ich habe die Macht/ Solange der Kleine da im Spiegel noch grinst.“ An dieser Stelle wird auch deutlich, dass der „Kleine“ ein früheres Ich des Sprechers zu sein scheint. Floskelhaft lässt sich daraus schließen: Er ist im Herzen jung geblieben. Entsprechend greift der Sprecher auf Kinderbuchklassiker zurück: Die Spiegelexistenz des „Kleinen da im Spiegel“ verweist auf Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Später werden J. M. Barries Figuren Peter Pan und Captain Hook eklektizistisch mit allerhand fantastischem Getier und mit Fabelwesen gepaart: „siebzehn Feuerdrachen“, „Donnervögel“ und „Engel, die laut lachen“.

In der letzten Strophe ist dann die synästhetische Potenz auf ein Gegenüber projiziert: Das Sprecher-Ich hat schon rübergemacht, ist dem Ruf „Komm mit!“ seines früheren Ichs gefolgt, und möchte nun ein Du (den ebenfalls im Alltag gefangenen Hörer des Lieds?) dazu motivieren, mitzukommen: „Alles kannst du sehen, wenn du willst“, „Alles kannst du hören, wenn du willst“. Die kinetische Lebendigkeit des Abenteuerlands wird in Form von Alliterationen lautlich an das Du herangetragen: „Du kannst flippen, flitzen, fliegen“, „Du kannst tanzen, taumeln, träumen“. Um Erwachsenenmaßstäbe endgültig durch Kindheitswünsche zu ersetzten, wird Schuleschwänzen verführerisch angepriesen: „Du kannst […] Schule versäumen“. Gespiegelt zur rhetorisch unreinen Graumalerei des Anfangs, scheint in der merkwürdig spießbürgerlich-administrativen, unironischen Verbwahl versäumen der Einfluss der Bürgerwelt auf. Pseudo-infantil moralisierend wirkt in diesem Zusammenhang die schnippische Entgegnung auf die ‚brüllenden Zeigefinger‘ der Sittenpolizei: „[T]rau dich nur zu spinnen“.

Besonders auffällig ist die wiederkehrende Betonung der Kraft des Individuums: „Tu’s auf deine Weise“, „Alles das ist möglich in dir drin, in deinem Land“, „[E]s liegt in deiner Hand!“. In dieser Forderung verschmelzen das poetologische Konzept der Romantik und die Prinzipien von Freizeitpark und Schlager: In der Vorstellung der Romantik imaginiert ein genialisches Individuum eine die Wirklichkeit transzendierende Welt. Diese subjektive Inszenierung wird im Schlager und Freizeitpark zur massentauglichen Heile-Welt-Phantasie, von der sich der Kunde in seiner romantisch-kulturellen Prägung aber wiederum individuell angesprochen fühlen soll.

Für alle Junggeblieben als kleiner Service zum Schluss: Eine Jahreskarte für das Phantasialand kostet zuzüglich Verstand aktuell 152 €. Wahrhaft fantastisch.

 Florian Seubert, Bamberg