Singing statt Pershing. Zu Joseph Beuys‘ „Sonne statt Reagan“ (Text: Alain Thomé u. Manfred Boecker)

Joseph Beuys (Text: Alain Thomé u. Manfred Boecker)

Sonne statt Reagan

Aus dem Land, das sich selbst zerstört
und uns den „way of life“ diktiert,
da kommt Reagan und bringt Waffen und Tod
und hört er Frieden, sieht er rot.

Er sagt als Präsident von USA
Atomkrieg? Ja, bitte dort und da.
Ob Polen, Mittler Osten, Nicaragua,
er will den Endsieg, das ist doch klar.

Doch wir wollen Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben!
Ob West, ob Ost,
auf Raketen muss Rost!

Wir wollen Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben!
Ob West, ob Ost,
auf Raketen muss Rost!

Er will die Säcke im Osten reizen,
die auch nicht mit Atomen geizen.
Doch dein Krieg um hirnverbrannte Ziele,
der läuft nicht, Reagan, – wir sind viele!

Hau ab mit deinen Nuklearstrategen,
deinen Russenhassern, deinem Strahlenregen.
Mensch Knitterface, der Film ist aus
nimm die Raketen mit nach Haus!

Denn wir wollen Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben!
Ob Ost, ob West,
Kalten Kriegern die Pest!

Wir wollen Sonne statt Reagan,
ohne Rüstung leben!
Ob Ost, ob West,
Kalten Kriegern die Pest!

Dieser Reagan kommt als Mann der Rüstungsindustrie,
but the people of the States don't want it – nie!
Und den wahren Frieden wird es erst geben,
wenn alle Menschen ohne Waffen leben.

Wir wollen Sonne statt Reagan,
ohne Rüstung leben!
Ob West, ob Ost
auf Raketen muss Rost!

Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben!
Ob Ost, ob West
Kalten Kriegern die Pest!
      
     [Joseph Beys: Sonne statt Reagan. Musikant/Emi 1982.]

Neulich erzählte mir ein Freund von einer Unterhaltung, die er vor einigen Jahren im Museum of Modern Art in New York belauscht hatte: Beim Betrachten einer Leinwand, auf der Joseph Beys bei Aktionen mit einem toten Hasen gezeigt wurde, fragte ein kleiner Junge leicht verstört seinen Vater: „Daddy, what is this man doing to the rabbit?“, worauf der Mann trocken antwortete: „Ask your mother, her father is German.“

 Natürlich machte es sich da jemand sehr leicht: anstelle einer anstrengenden, aber vielleicht pädagogisch äußerst wertvollen Interpretation künstlerischen Schaffens nur ein knapper Verweis auf kulturelle Unterschiede zwischen den USA und Deutschland. So einfach könnte man freilich auch dem Lied Sonne statt Reagan entgegentreten: 1982 sang „Kunst-Guru“ Beuys ein – sprachlich wie inhaltlich – ziemlich deutsches Lied gegen den damaligen amerikanischen Regierungschef und dessen Verteidigungspolitik. Es wurde häufig als Ausdruck eines Anti-Amerikanismus bewertet (vgl. Giseke/Makert: Flieger, Filz und Vaterland. Eine erweiterte Beuys-Biographie. 1996, S. 203–206). Man könnte es meinetwegen auch als Produkt aus (in ihrem Ursprung ja „amerikanischer“) Popmusik und einer gewissen „German Angst“ beschreiben. Neutraler formuliert, ist es ein aufschlussreiches Dokument deutscher Geschichte. Als solches berichtet es uns aus der Zeit zwischen 1979 und 1983, der Zeit zwischen Nato-Doppelbeschluss und Umsetzung der Nachrüstung, mit erbitterten Debatten und Protesten, Ostermärschen und Menschenketten, schließlich auch mit Gründung und Etablierung der Grünen.

Das Lied entstand im Auftrag der damals neuen Partei. Es wurde nicht vom Gründungsmitglied Beuys, sondern von einem Werbetexter verfasst, aber eben – spektakulär genug – vom Altmeister gesungen. Begleitet wurde er dabei von Mitgliedern der Gruppe BAP sowie weiteren Personen „aus der Szene“ (Interview mit Niedecken unter dem Titel Und Beuys sang ‚Nack, Nack, Nack‘). Der durch Beuys ersetzte BAP-Sänger Wolfgang Niedecken erinnert sich so: „Irgendwann schalte ich den Fernseher ein, um die Sendung Bananas anzugucken, und sehe da unseren Gitarristen, unseren Bassisten, unseren damaligen Percussion-Spieler, der plötzlich am Schlagzeug saß, zwei Chordamen, von denen eine Ina Deter war und die andere die Ex-Freundin unseres Gitarristen. Das war eine Frau, die im Chlodwig-Eck, unserer Stammkneipe, bediente und bei der Band Nyloneuter sang. Wolf Maahn war offensichtlich der Bandleader dieser Geschichte. Und Joseph Beuys stand da und sang diesen grottenschlechten Text.“ (ebd.).

Kernstück dieses „grottenschlechten“ Liedtexts ist das – nach Meinung von Niedecken „bodenlos(e)“ – Wortspiel „Sonne statt Reagan“. Der Himmelskörper ist – auch als Symbol der Grünen – besser, beliebter, wünschenswerter als der republikanische US-Präsident. Anstelle guten Wetters „kommt“ in den Strophen aber der gealterte Schauspieler Reagan („Knitterface, der Film ist aus“), nicht nur als „Präsident von USA“, sondern auch als „Mann der Rüstungsindustrie“ mit „Waffen und Tod“. In den fünf Strophen á vier Zeilen werden seine Handlungen und Handlungsabsichten kommentiert, mitunter wird „Er“ auch direkt angesprochen („Hau ab“). Man könnte es so zusammenfassen: Wie in einem klassischen Hollywood-Film gibt es ein grob skizziertes Horror-Szenario, mit einer guten und einer dramatisch in Szene gesetzten bösen Seite. Reagan nimmt die Rolle des bösen Antagonisten ein, freilich zusammen mit den „Säcke(n) im Osten (…), / die auch nicht mit Atomen geizen“. Als den „Kalten Kriegern“ ausgelieferte Menschen protestiert das kollektive „Wir“, für die das Sprecher-Ich singt, – entgegen dem Anti-Amerikanismus-Vorwurf (vgl. auch Martin Conrads: Pop statt Böller [Fluter 2007]) – zusammen mit „the people of the States“.

Wie erwähnt: Selbst Leute wie Beuys-Fan Niedecken fanden Zeilen wie eben etwa „Dieser Reagan kommt als Mann der Rüstungsindustrie, / but the people of the States don’t want it – nie!“ nicht besonders cool. Es scheint sich so zu verhalten: Vor dreißig Jahren konnte dieser Protestsong die Anhänger des Protests textlich nicht wirklich überzeugen, heute überzeugt er dafür umso mehr als kurioses Zeitdokument.

Entsprechend vorgestellt wird der Ausflug des Düsseldorfer Professors in die Popwelt etwa durch den „embedded Entertainer und Medienkritiker“ (zitiert nach dem Ankündigungstext für das Berliner Theaterhaus Mitte 2008) Jürgen Kuttner. Kuttner recycelte die Aufnahme des Auftritts von Beuys bei Bananas, um seinen verbalen Streifzügen durch die Kuriositäten der Medienwelt, seinen „Videoschnipselvorträgen“, ein würdiges Finale zu geben. Seiner Ansicht nach handle es sich dabei um einen „dem Weltkulturerbe zuzurechnenden Ausschnitt“ (Kuttner/Meier: Die Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers, 2009). Jetzt, da der Kalte Krieg schon länger im „ash heap of history“ liegt, amüsiert es zu hören, wie der alte Beuys nicht sehr gekonnt singt, und erfreut es zu sehen, wie er dafür umso engagierter sein Mikrophon schwingt.

Martin Kraus, Bamberg

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