Aktueller Kommentar von 1980: Fehlfarben: „Gott sei Dank nicht in England“

 

Fehlfarben

Gott sei Dank nicht in England

Wo ist die Grenze, wie weit wirst du gehn
Verschweige die Wahrheit, du willst sie nicht sehen
Richtig ist nur, was du erzählst
Benutze einzig, was dir gefällt

Schneid dir die Haare, bevor du verpennst
Wechsle die Freunde wie andere das Hemd
Bau dir ein Bild, so wie es dir passt
Sonst ist an der Spitze für dich kein Platz

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt
Hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol
Du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein
Das ist das Ende, du bleibst allein

Bild dir ein, du bist Lotse und hältst das Steuer
Mitten im Ozean spielst du mit dem Feuer
Sprichst andere Sprachen im eigenen Land
Zerstreu alle Zweifel an deinem Verstand

Und wenn die Wirklichkeit dich überholt [...]

     [Fehlfarben: Monarchie und Alltag. Electrola 1980.]

Dieses Lied wurde nicht in den vergangenen Tagen gegen Boris Johnson geschrieben, sondern entstand 1980. Nichtsdestotrotz passt Gott sei Dank nicht in England Vers für Vers zur aktuellen Debatte: Vom instrumentellen und sehr flexiblen Umgang der Brexit-Befürworter mit der Wahrheit und Boris Johnsons scheinbar unfrisierten Haaren sowie seiner ehemaligen Mitgliedschaft in einem elitären, für Saufgelage berüchtigten Studentenclub, über sein ehemals zumindest vermeintlich freundschaftlichiches Verhältnis zu David Cameron und die ihm nachgesagte Ambition, dessen Nachfolger zu werden, bis zu den Themen Grenzen und Isolation.

„Und was sagt uns das? Weiß ich nicht.“ Das sang eine andere große deutschsprachige Band (mit englischsprachigen Anfängen), Element of Crime. Ihr Lied geht übrigens weiter mit „Alles ist besser ohne dich.“ Aber das klingt dort aus dem Mund des Sprecher-Ichs, der seine Ex-Freundin ansingt, wenig überzeugend. Als Beleg für prophetische Qualitäten von Popsongs taugt Gott sei Dank nicht in England jedenfalls nichts, denn der Text ließ sich im damaligen Kontext relativ eindeutig als szeneinternes Statement gegen diejenigen (Post-)Punks verstehen, die lediglich musikalische und modische Trends aus Großbritannien übernahmen. Die Fehlfarben um Sänger und Texter Peter Hein versuchten sich demgegenüber an einer deutschen Umsetzung der Punkidee und veröffentlichten 1980 mit Monarchie und Alltag eines der für die Entwicklung deutschsprachiger Popmusik wohl einflussreichsten Alben.

Daran anzuknüpfen erscheint jetzt, da sich die führende europäische Pop-Nation vom Festland abwendet und vielleicht schon bald komplizierte Einreiseformalitäten Tourneen britischer Bands erschweren und Zölle den Import britischer Tonträger verteuern werden, besonders sinnvoll. Ein Ansatz dafür könnte ja die Verwendung mehrdeutiger Metaphern sein, die die Relektüre des hier vorgestellten Liedes erst ermöglicht hat. Als Inspiration kann man ja neben der frühen Neuen deutschen Welle auch englischen Pop dieser Zeit hören. Oder Björk natürlich.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Das Lebensglück verdaddelt? Oder doch nicht? „Paul ist tot“ von Fehlfarben

Fehlfarben

Paul ist tot 

ich schau mich um und seh nur ruinen.
vielleicht liegt es daran das[s] mir irgendetwas fehlt.
ich warte darauf daß du auf mich zukommst.
vielleicht merk ich dann daß es auch anders geht.

dann stehst du neben mir und wir flippern zusammen.
paul ist tot kein freispiel drin.
ein fernseher läuft taub und stumm.
ich warte auf die frage die frage wohin.

was ich haben will das krieg ich nicht
und was ich kriegen kann das gefällt mir nicht.

ich traue mich nicht, laut zu denken.
ich zögere nur und drehe mich schnell um.
es ist zu spät das glas ist leer.
du gehst mit dem Kellner und ich weiß genau warum

was ich haben will das krieg ich nicht,
und was ich kriegen kann das gefällt mir nicht.

ich will nicht was ich seh ich will was ich erträume.
ich bin mir nicht sicher ob ich mit dir nicht etwas versäume.

     [Fehlfarben: Monarchie und Alltag. Welt-Rekord 1980. Textfassung nach dem
     Booklet, allerdings zur besseren Übersicht in einer Verszeilenanordnung. 
     Dort ist der Text prosaisch gedruckt.]

Paul ist tot ist der letzte Titel auf dem Debütalbum Monarchie und Alltag (1980) der Düsseldorfer/Wuppertaler Post-Punk-Band Fehlfarben, das seinerzeit als Revolution der deutschsprachigen Popmusik gefeiert wurde und auch heute noch als eines der wichtigsten, wenn nicht überhaupt das wichtigste deutsche Rock-Album aller Zeiten gilt (vgl. entsprechende Ranglisten im deutschen Rolling Stone, in SPEX oder der von Uwe Schütte bei Reclam hrsg. Basis-Diskothek Rock und Pop). Der Song formuliert das Lebensgefühl einer jungen Generation, die sich musikalisch vom Stil der in die Jahre gekommenen angloamerikanischen Rockmusik distanzierte und gleichzeitig die Ideologie von Hippies und Ökos mit gezielten Provokationen angriff. Mit ihren Texten „über die glashelle Schönheit des modernen Lebens“ und die „Liebe im Schatten des Schnellen Brüters“ (vgl. entsprechende Verlautbarungen der Band) wehrten sich Fehlfarben gegen den generellen Kitschverdacht bezüglich deutscher Liebeslieder sowie das gerne öffentlich nachgeplapperte Statement des Pop-Literaten Rolf Dieter Brinkmann, dass man auf Deutsch nur philosophieren, aber nicht singen könne. Soviel vorweg, um klarzumachen worauf wir uns im Folgenden einlassen.

Manchmal macht es – aller Lebensweisheit entgegen – doch Sinn, Pferde von hinten aufzuzäumen: „ich bin mir nicht sicher ob ich mit dir nicht etwas versäume“ endet unser Text. Diese Aussage charakterisiert in ihrer Zweideutigkeit die innere Verfassung des Sprecher-Ichs und erklärt sein vorheriges Verhalten. Der zitierte Vers muss wohl so verstanden werden, dass das Ich Angst hat, Lebenschancen zu verpassen und unglücklich zu werden – wenn es sich an ein Du bindet und ebenso, wenn es sich nicht bindet. Die kleine Phrase „mit dir“ löst den Kippeffekt aus, da sie sowohl als „ich verpasse mit dir mein Glück, wenn wir nicht zusammenkommen“ auch als „ich verpasse es wegen dir, wenn ich bei dir bleibe und du mich blockierst“ verstanden werden kann.

Dieses Ich ist zerrissen zwischen dem ,Spatz in der Hand’ und der ,Taube auf dem Dach’, was der Refrain auch genau auf den Punk(t) bringt: „was ich haben will das krieg ich nicht und was ich kriegen kann das gefällt mir nicht.“ Zu einer anderen, unbedingt klügeren Weisheit hat sich das Ich gedanklich noch nicht durchringen können, aber intuitiv scheint es doch in diese Richtung zu steuern: „Besser etwas wollen, was man nicht hat, als etwas haben, was man nicht will.“ Diese These lässt sich, denke ich, aus dem Text heraus belegen.

Betrachten wir dazu den Anfang des Songs und verfolgen dann das weitere Geschehen chronologisch: Der – vermutlich männliche – Sprecher erkennt um sich nur „ruinen“, d.h. er projiziert seine eigene desolate Stimmung auf die äußere Welt. Ihm „fehlt“ etwas, möglicherweise ein Du, das auf ihn zugehen, also den (immer schweren) ersten Schritt machen sollte. Dann ist dieses Du da und beide „flippern zusammen“. Wirklich „zusammen“? Zweifel sollten erlaubt sein, denn die geschilderte Situation deutet nicht unbedingt auf intensive Kommunikation hin. Man steht nebeneinander, ist sich also nicht zugewandt, man konzentriert sich auf ein technisches Gerät, nicht auf das menschliche Gegenüber. Diese Konstellation erinnert mich vertrackt an Erich Kästners berühmte Sachliche Romanze, wo das Paar im kuscheligen Cafe in seinen Tassen herumrührt, aber keine Worte füreinander findet.

Dann kommt der dunkle Satz „Paul ist tot“, der dem Song seinen Titel gab und über den in Fankreisen viel gerätselt wurde. Who the fuck is Paul? Was liest man dazu im Netz: Einer meint, es sei „der Paul in uns allen“, der hier das Zeitliche segnet. Ein anderer verweist auf Gerüchte in Beatles-Fankreisen, wonach Paul McCartney gestorben und durch einen Doppelgänger ersetzt worden sei. Die Anfrage eines Fans bei der Band führt zur schlichten Auskunft, dass mit „Paul“ einfach der Flipper gemeint sei. Den Hintergrund dieser Gleichsetzung erläutern Hinweise eines anderen Chat-Teilnehmers („h p s“) auf eine pinball machine namens ,Paul Bunyan’. Diesen Name trägt eigentlich eine Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffene populäre Sagenfigur aus dem Kreis mythischer Wild-West-Helden, ein Holzfäller von solch riesenhafter Größe, dass er beispielsweise mit seiner nachgeschleiften Axt die Furche des Grand Canyons ins Land zog. Walt Disney widmete der Figur 1958 einen Zeichentrickfilm, sie wurde im Laufe der Zeit von diversen Interessenten vereinnahmt, von Kunst, Literatur, Sport und Gastronomie dargestellt, gefeiert, parodiert und verspottet.

Auch der weiteren Deutung von „h p s“ kann ich mich mit einigen Einschränkungen anschließen, wenn er schreibt: „Die [Flipper-]Kugel stürzt ab, symbolisch stirbt dabei Paul Bunyan. […] Meine Interpretation: In der Beziehung der beiden kriselt es. Es ist kein übermächtiger Paul mehr da, der die Sache einfach regeln könnte. Jetzt muss zwischen den beiden Personen Klartext geredet werden.“ Ob die beiden bereits eine Beziehung haben, ist fraglich, der Text lässt das offen; vielleicht ahnt das Du nicht einmal, dass das stumme Ich interessiert sein könnte. Durch das gemeinsame Flippern drücken sich die beiden m.E. weniger ums „Klartext-Reden“, als überhaupt um ein Gespräch bzw. die Erkenntnis herum, dass sie keine Wort füreinander haben. Wenn „Paul“ tot und kein Freispiel mehr im Kasten ist, wird diese Situation offenkundig. Dem Kellner allemal. Schon das Flipperspiel als solches ist symbolisch aufgeladen; ungefähr analog – als eine Art Mischung von Glücks- und Geschicklichkeitsspiel – scheint das lyrische Ich sein Leben anzugehen. Es scheint dabei aber nicht einkalkuliert zu haben, dass bei jedem Flipperspiel früher oder später die letzte Freikugel verschossen ist.

Die Struktur des Song-Eingangs wiederholt sich im zweiten Versblock: Wie dort in den „ruinen“ spiegelt jetzt der taube und stumme „fernseher“ die Befindlichkeit des Sprechers (vgl. entsprechende Hintergrundszenen im schon oben erwähnten Kästner-Gedicht!), vermutlich sogar die seines Gegenübers. Wieder wartet er auf einen Impuls von außen, nun auf „die frage wohin“, d.h. jene Frage, die endlich eine Richtungs- bzw. Orientierungsklärung in Gang setzen könnte. Diese Frage wird aber nicht gestellt. Die komplizierten Gedanken (1. Refrain) bleiben im Kopf, weil dem Ich die nötige Traute fehlt, dem Du seine ambivalente Haltung offenzulegen. Ein Zögern, ein Umwenden, ein Glas, randvoll mit vielsagender Leere. Dann ist sie (präziser: das Du; der Text expliziert dessen Geschlecht nicht ausdrücklich) weg, mit dem Kellner, der das ganze Beziehungsdrama beobachten und vermutlich dank seiner Berufsroutine richtig interpretieren konnte. Eine kleine Ironie am Rande. Das Ich ist nun wieder allein – und weiß eigentlich auch ziemlich genau warum (2. Refrain, gegenüber dem ersten erweitert), weiß aber nicht, ob es jetzt lachen oder weinen soll, zumal beide Gefühlsregungen in Zeiten Neo-neuer Sachlichkeit uncool herüberkämen.

Anmerkung: Ich wäre auf den Zwanziger-Jahre-Bezügen (neusachlicher Gestus, Kästner-Bezüge) dieses Songs vielleicht weniger herumgeritten, wenn sich Fehlfarben im Booklet zu „Monarchie und Alltag“ nicht grundsätzlich dazu bekannt hätten: „Wir machen unser eigenes Zeug. Gegen den angelsächsischen Rock’n’Roll-Imperialismus wurde an Bruchstellen deutscher und europäischer Kultur neu angesetzt, beim deutschen Schlager der Fünfziger und Sechziger Jahre ebenso wie beim Dadaismus der Zwanziger.“ Ohne den rekonstruierten Paul-Bunyan-Kontext kommt die Zeile „Paul ist tot“ als purer Dada daher.

Hans-Peter Ecker, Bamberg