So sehen Sieger aus. Eine Relektüre von Oliver Pochers „Schwarz und Weiß“ im Lichte der aktuellen Debatten

 

Oliver Pocher

Schwarz und Weiß

Am linken Flügel durch Schäfer, 
Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt, 
und Botschek immer wieder Botschek, 
der rechte Läufer der Ungarn am Ball, 
er hat den Ball verloren diesmal, gegen Schäfer, 
Schäfer nach innen geflankt, Kopfball, abgewehrt, 
aus dem Hintergund müsste Rahn schießen, 
Rahn schießt, Tor, Tor, Tor, Tor!

Flanke, Kopfball, Tor, 
so stell'n wir uns unsere Mannschaft vor. 
Favoriten, das sind wir, 
und Schwarz, Rot, Gold wir steh'n zu dir. 
Auf den Rängen schallt es im Chor: 
Deutschland vor!

(Wir tragen) 
Schwarz und Weiß, 
Wir steh'n auf eurer Seite. 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Jetzt geht’s los! 
Schwarz und Weiß, 
Wir steh'n auf eurer Seite. 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Jetzt geht’s los!

Als Turniermannschaft bekannt 
holten wir den Pokal schon oft ins Land. 
Und wir Fans als zwölfter Mann 
zeigen, was man vereint erreichen kann. 
Wir stehen auf und singen unser Lied. 
dass unsere Mannschaft wieder siegt!

(Wir tragen) 
Schwarz und Weiß [...] 

Matthäus, Traumpass Völler. 
Und was gibt er, er gibt Elfmeter, er gibt Elfmeter! 
Brehme gegen den Elfmetertöter Goycochea. 
Ja! 
Tor für Deutschland, eins zu null! 
Jawoll, aus, das Spiel ist aus! 
Deutschland ist Fußballweltmeister! 

Schwarz und Weiß [...] 
Haut ihn rein!

     [Oliver Pocher: Schwarz und Weiß. Universal 2006.]

„Schatz, ich liebe dich. Aber demnächst solltest du dir unbedingt die Nase machen lassen, ich habe da schon eine neue ausgesucht, die mir gefällt. Bei der Gelegenheit könnte man auch was um die Augen machen, das sind, sei mir nicht böse, wirklich Schweineritzen. Und die Lippen aufspritzen ist heutzutage ja ein Klacks. Dann müsstest du dir natürlich auch eine vernünftige Frisur machen lassen, das, was du da auf dem Kopf hast, macht ja die schönste chirurgische Arbeit kaputt. Und Sport treiben solltest du auch, glaub mir, du hast es nötig. Wenn du dann halbwegs vorzeigbar bist, will ich dich auch unter Menschen mitnehmen, deshalb wäre es wichtig, dass du dir diesen nervigen Dialekt endlich mal abgewöhnst. Ein bisschen Sprechtraining solltest du auch machen, deine Stimme klingt immer so kieksig. Und dein Lachen erst! Natürlich bringt es nichts, wenn du dann zwar erträglich sprichst, aber nach wie vor nur Unsinn redest. Du könntest doch ein paar Volkshochschulkurse besuchen, damit du dich zumindest bei manchen Themen nicht sofort blamierst. Na, Schatz, wie wär‘ das?“  Es steht zu bezweifeln, dass diese Einlassungen von der Angesprochenen als aufrichtige Liebeserklärung verstanden würden.

Verlässt man den Bereich der zwischenmenschlichen Zuneigung und begibt sich auf die Ebene der emotionalen Beziehung von Menschen zu Ländern, so illustriert das fiktive Beispiel die Beziehung der neurechten Patrioten von AfD, Pegida etc. zu Deutschland. Denn ihre so exzessiv postulierte Heimatliebe ist eine rein hypothetische. Sie gilt dem Phantasma eines ethnisch, sexuell, kulturell und religiös homogenisierten Deutschland, wie sie es, im Besitz der absoluten Macht, die sie anstreben, gestalten würden.  Aus John F. Kennedys berühmter Aufforderung „Don’t ask what your country can do for you, ask what you can do for your country!“ wird bei ihnen „Ask what you can do with your country!“ Für das Land, in dem sie tatsächlich leben, und für der Mehrheit der übrigen dort lebenden Menschen empfinden sie hingegen nur Verachtung und Hass. Es ist, in ihrem Jargon, die „links-grün versiffte“ „BRDDR“, als Teil der „EUDSSR“ regiert von der „Kanzler-Diktatorin“ Merkel, die, gestützt von den „Altparteien“ und der „Lügenpresse“ der „Systemmedien“ eine „Umvolkung“ und eine „Islamisierung“ und „Verschwulung“ des Landes betreibt. Konkret gelten der Hass und der sich in Morddrohungen, Brandstiftungen und Mordversuchen, die als Formen des zivilen Widerstands verniedlicht werden, zeigende Vernichtungswille neben Menschen mit Migrationshintergrund fast sämtlichen gewählten Repräsentanten, gegenwärtigen kulturellen Hervorbringungen und Medien des Landes, den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland (anderen religiösen Bekenntnissen ja ohnehin), Menschen mit von der eigenen abweichender sexueller Disposition, der Justiz, Schulen und Universitäten – und natürlich allen, die diesen Hass nicht uneingeschränkt teilen. Man fühlt sich zuweilen ein wenig an den ‚Herrn des Hasses‘ aus dem NdW-Hit Codo von DöF erinnert.

Angesichts dieses Furors und der Tatsache, dass Teile der Bewegung sogar die bundesdeutsche Fahne ablehnen und statt ihrer auf Demonstrationen die von Josef Wirmer entworfene Fahne, die ihnen als Fahne des „Geheimen Deutschlands“ gilt, tragen, verwundert es nicht, dass auch die Nationalmannschaft Ablehnung erfährt. Nach der Debatte um journalistische Zitationsregeln anlässlich der in der FAS berichteten Äußerung Alexander Gaulands zu Jérôme Boateng hat der stellvertretende AfD-Sprecher nun für Klarheit gesorgt, indem er, diesmal autorisiert, im Spiegel nachgelegt hat, dass die deutsche Nationalmannschaft „schon lange nicht mehr deutsch“ sei „im klassischen Sinne“ (i. e. arischen). Und nachdem Frauke Petry zunächst noch im innerparteilichen Machtkampf Kapital aus Gaulands Äußerung schlagen wollte und sich zur Nationalmannschaft bekannt hat, echauffierte sie sich dann über deren Spielmacher Mesut Özil und dessen in sozialen Medien öffentlich gemachte Pilgerreise nach Mekka.

Nun hat der bemerkenswerte Umstand, dass sich Rechte von der wohl wirkmächtigsten symbolischen Repräsentation ihres Landes abwenden, zunächst vermutlich rassistische Gründe. Hinzu könnte aber kommen, dass der vieldiskutierte „Schland“-Partiotismus, der sich im Zuge der WM 2006 etabliert hat, mit Gesichtsschminke, Perücken, Autowimpeln etc. in den Nationalfarben sich von dem der neuen Rechten in zwei Aspekten grundsätzlich unterscheidet: Zum einen ist er fröhlich und zuweilen etwas albern, wohingegen der neurechte „Patriotismus“, wie er sich in zahllosen Internetkommentaren äußert, missgelaunt und ernst ausfällt. Zum anderen, und das dürfte der wichtigere Punkt sein, gilt er der deutschen Gesellschaft, wie sie ist und wie sie von einer multiethnischen und multireligiösen Nationalmannschaft, in der es jedem einzelnen Spieler überlassen ist, ob er die Nationalhymne singen oder sich anders aufs Spiel einstimmen möchte, recht gut repräsentiert wird.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Neuinterpretation des im Ballermann-Stil gehaltenen Fanlieds Schwarz und Weiß von Oliver Pocher aus dem „Sommermärchen“-Jahr 2006 sinnvoll. Als der fröhliche Fähnchen-Patriotismus noch die weitgehend einzige öffentlich gezeigte Form des Partiotismus war, konnte man Pochers Lied aufgrund mancher aggressiv-nationalistischer Elemente durchaus bedenklich finden: Die in den Reportagen-Samples stattfindende Bezugnahme auf die Nationalmythen des „Wunders von Bern“ sowie des gesamtdeutschen Weltmeistertitels 1990, nach dem die Nationalmannschaft bekanntlich „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein sollte, klang damals ebenso nach Nationalismus wie das aggressive „Schwarz, Rot, Gold wir steh’n zu dir“, das schon die Böhsen Onkelz in ihrer rechten Phase sangen (Deutschland). Und Schwarz und Weiß habe zumindest ich damals ausschließlich auf die traditionellen deutschen Trikotfarben bezogen.

Nun, zehn Jahre und über Tausend Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte später und angesichts der Ablehnung der Nationalmannschaft bzw. einzelner ihrer Spieler durch AfD-Vertreter, stellt sich das anders dar. Zunächst klingt, wenn man das Lied nun hört, in „Schwarz und Weiß“ natürlich auch an, dass dies eben nicht nur die Trikotfarben, sondern auch die Hautfarben der Spieler sind (dazu passt, dass das Lied eine deutsche Fassung des weniger bekannten Black And White der deutschen Band Frameless aus dem Jahr 2004 ist, dessen Titel wiederum fast unausweichlich an Michael Jacksons berühmten Anti-Rassismus-Song Black Or White erinnert). Und wenn man sich als „zwölfter Mann“, der das Trikot in diesen Farben trägt, zu dieser Nationalmannschaft hinzurechnet, stellt das im Kontext der aktuellen Debatte auch ein Bekenntnis zu einem liberalen und multikulturellen Deutschland dar, das die neue Rechte so sehr hasst. In diesem Zusammenhang kann man auch die eingespielten Reportagen von den Finals 1954 und 1990, in denen ausschließlich ‚typisch deutsche‘ Namen genannt wurden, neu deuten: Wenn der angestrebte Sieg in diese Reihe von Siegen, die zum Aufhänger für neue nationale Selbstentwürfe („Wir sind wieder wer“, wiedervereinigtes Deutschland) gemacht wurden, gestellt wird, so kann man dies lesen als Ausdruck der Hoffnung, dass mit dem sportlichen Erfolg der aktuellen Fußballnationalmannschaft auch eine neue Selbsterzählung als Einwanderungsland einhergehen möge.

Also mit Oliver Pocher und seinem „Schwarz, Rot, Gold wir steh’n zu dir“ gegen die neue Rechte? Man kann sich seine Verbündeten nicht immer aussuchen. Außerdem haben sich auch in Sachen textlicher Aggressivität von Ballermann-Fußballliedern die Zeiten geändert: Verglichen mit Auswärts sind wir asozial von Killermichel erscheint Schwarz und Weiß geradezu als Dokument ästhetischer Verfeinerung.

Martin Rehfeldt, Bamberg