Ich war noch niemals in Bielefeld. Gedanken zu „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens (Text: Michael Kunze)

In diesem Video wird der „New York“-Mythos noch zusätzlich inszeniert, indem eine „New York, New York“ singende New Yorker Barsängerin die Flüchtigkeit und Nicht-Greifbarkeit der New-York-Phantasie darstellt. Udo Jürgens kann sie ganz konkret einfach nicht (auf der Bühne) „festhalten“.

Udo Jürgens (Text: Michael Kunze)

Ich war noch niemals in New York

Und nach dem Abendessen sagte er:
"Laß mich noch eben Zigaretten holen gehn."
Sie rief ihm nach: "Nimm dir die Schlüssel mit.
Ich werd inzwischen nach der Kleinen sehn."
Er zog die Tür zu ging stumm hinaus
ins neonhelle Treppenhaus.
Es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit.
Und auf der Treppe dachte er:
Wie, wenn das jetzt ein Aufbruch wär?
Ich müßte einfach gehn
für alle Zeit.
Für alle Zeit.

Ich war noch niemals in New York.
Ich war noch niemals auf Hawaii.
Ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans.
Ich war noch niemals in New York.
Ich war noch niemals richtig frei.
Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn.

Und als er draußen auf der Straße stand,
fiel ihm ein, daß er fast alles bei sich trug:
den Paß, die Eurochecks und etwas Geld.
Vielleicht ging heute abend noch ein Flug.
Er könnt ein Taxi nehmen am Eck
oder Autostop und einfach weg.
Die Sehnsucht in ihm wurde wieder wach.
Noch einmal voll von Träumen sein,
sich aus der Enge hier befrein.
Er dachte über seinen Aufbruch nach,
seinen Aufbruch nach.

Ich war noch niemals in New York.
Ich war noch niemals auf Hawaii.
Ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans.
Ich war noch niemals in New York.
Ich war noch niemals richtig frei.
Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn.

Dann steckte er die Zigaretten ein
und ging wie selbstverständlich heim.
Durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit.
Die Frau rief: „Mann, wo bleibst Du bloß?
'Dalli Dalli' geht gleich los.“
Sie fragte: „War was?“
Nein, was soll schon sein?

Ich war noch niemals in New York.
Ich war noch niemals auf Hawaii.
Ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans.
Ich war noch niemals in New York.
Ich war noch niemals richtig frei.
Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn.

     [Udo Jürgens: Das wünsch ich dir/Ich war noch niemals in New York. Ariola 1982.]

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Dass sie noch niemals in Bielefeld gewesen sind, mag für viele Hörer von Populärmusik gelten. Doch den meisten ist das vermutlich herzlich egal. Die Sehnsucht nach der Stadt in der Region Ostwestfalen-Lippe hält sich in Grenzen. Denn Bielefeld ist nicht New York.

New York: Größer geht es nicht – zumindest auf symbolischer Ebene. New York ist ein Symbol für die ganz große Welt, für unbegrenzte Möglichkeiten. Für Freiheit. Für Individualität. Das alles schwingt mit. Paris hat Charme als Stadt der Liebe (In dieser Funktion rettet es als Sehnsuchtsort eine Liebesbeziehung in Udo Jürgens’ Lied Paris – einfach so nur zum Spaß.). Berlin war „Frontstadt“ im Kalten Krieg und boomt nun als neue Kulturmetropole. Aber New York ist noch immer der Ort, an dem lang gehegte Träume wahr werden. If you can make it there, you’ll make it anywhere.

Udo Jürgens‘ Lied Ich war noch niemals in New York ist populär. Inzwischen wurde es in mehreren Version aufgenommen, die jüngste stammt von Sportfreunde Stiller mit Udo Jürgens (2009). Udo Jürgens’ Musical trägt ebenfalls den Titel Ich war noch niemals in New York – im Musicalkontext kommt zu den genannten Assoziationen noch der Glamour- und Glitzerfaktor hinzu.

Wenn nun ein deutscher Bürger im Jahre 1982, dem Erscheinungsjahr des Lieds, aus seinem spießigen Alltagsleben ausbrechen will, woran denkt er dann vermutlich? An New York, einen Ort, an dem 15 Jahre zuvor noch das Civil Rights Movement für das Aufbrechen starrer, konservativer Strukturen gekämpft hat Strukturen, die in der deutschen Kleinstadt zur Zeit des Protagonisten möglicherweise noch vorherrschen: Das Treppenhaus riecht nach „Bohnerwachs und Spießigkeit“. Untrennbar ist hier die Bildebene mit der Sinnebene verknüpft, die Rückstände des Poliermittels in der Luft riechen förmlich nach Pedanterie und Putzfimmel. Die Substantive sind gleichgeordnet durch „und“, nicht durch eine Subjunktion, z.B. kausal, untergeordnet. Dadurch ist der Höreindruck so unmittelbar wie für das New York-Ich der Geruchseindruck.

Die spießige Welt wird noch genauer charakterisiert: Das „neonhelle“ Treppenhaus zollt der Neonwelle der 1980er Tribut und steht gleichzeitig für einsame Kühle an einem Stadtabend  man denke beispielsweise an Filmszenen, in denen das flackernde Neonlicht der Reklametafel vor dem Fenster einen einsamen Helden in einem heruntergekommen Hotelzimmer beleuchtet.

Der Handelnde selbst ist wohl der Vater einer Kleinfamilie. Nach dem gemeinsamen Abendessen holt er noch schnell Zigaretten am Automaten, während seine Frau noch schnell nach der „Kleinen“ sieht. Eine Heirat wird dem Zusammenleben und Kinder Bekommen im gezeichneten Lebensentwurf vorausgegangen sein.

Selbst die Uhrzeit des Geschehens lässt sich relativ genau bestimmen: „nach dem Abendessen“ und vor „Dalli, Dalli“, vermutlich wurde also ab 18.00/18.30 Uhr gegessen. So bleibt noch Zeit zum Aufräumen und Zigarettenholen, bis Dalli, Dalli um 19.30 Uhr beginnt [Vielen Dank an G. Frank für den Hinweis zur Sendezeit].

Die Raum- und Zeitmuster, in denen sich der Protagonist bewegt, sind also bis ins Kleinste vorgegeben: Im Treppenhaus wird kein Makel zugelassen, der Weg zum Zigarettenautomaten ist so berechnet, dass eine rechtzeitige Rückkehr zur allabendlichen Routine möglich ist (die monatliche Sendung Dalli Dalli dürfte hier exemplarisch für das abendliche Fernsehen stehen; entsprechend aktualisiert Udo Jürgens in der Live-Version „‚Wer wird Millionär?‘ mit Günter Jauch fängt gleich an.“). Diese hält der Protagonist allerdings an diesem Abend beinahe nicht ein, weswegen ihn seine Frau rügt: „Mann wo bleibst Du bloß? / ‚Dalli Dalli’ geht gleich los.“

Angesichts all dieser Vorgaben verwundert es nicht, dass der Mann einen „Aufbruch“ wünscht. Die lautliche Ähnlichkeit zu „Ausbruch“ mag hier nicht zufällig sein. Besonders deutlich wird der Ausbruchswunsch durch die absolute Opposition der Traumorte im Refrain und der Philister-Welt in der Strophe. Wie ein plötzlicher Tagtraum bricht die Vorstellung der USA, repräsentiert durch das aus Elvis Presley-Filmen bekannte „Hawaii“, das von Scott McKenzie als Hippiemetropole besungene „San Francisco“ und allen voran „New York“, über den Familienvater herein. Dort ist all das möglich, was in der kleinen Welt der Heimat nicht möglich scheint: in zerrissenen Hosen (Jeans!) durch die Gegend laufen, „verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn“ – wenn auch nur für ein einziges Mal.

Was zunächst Tagtraum ist, könnte allerdings plötzlich Realität werden. Der Protagonist trägt „Paß“, „Euroschecks“ und „Geld“ bei sich. Sogar einen Fluchtplan legt er sich zurecht. Wenn er es wagen würde, könnte er „[n]och einmal voll von Träumen sein / sich aus der Enge hier befrein“. Impliziert ist erneut die Opposition zwischen Enge und Weite, zwischen Spießigkeit und Weltenbummelei.

Letztendlich geht der Fast-Auswanderer „wie selbstverständlich“ heim. Leise singt Udo Jürgens nach der rhetorischen Frage „Nein, was soll schon sein?“ den Refrain erneut. Wie eine ferne Traummelodie scheint dies den Protagonisten zu beruhigen. Ob er seine Entscheidung bereut, geht aus dem Text nicht hervor. Er entscheidet sich für seine Familie, für das Heimkommen. Möglicherweise war der imaginäre Ausbruch ausreichend, zusammen mit der Erkenntnis, dass die absolut freie Traumwelt immer wieder zu einer stillen Flucht bereitsteht.

New York ist als konkreter Anknüpfungspunkt dieser Traumwelt deshalb so wirkungsvoll, weil es zum einen ein realer Ort ist, an den man wirklich reisen könnte, zum anderen ein Konzept im kulturellen Bewusstsein, das alles Nicht-Spießige beinhaltet. Natürlich könnte der Protagonist, um dies abschließend zu sagen, auch nach Bielefeld fahren (wenn er dort nicht ohnehin vielleicht schon wohnt). Nur hieße das eben nichts anderes, als dass er dann in der Stadt Bielefeld wäre. Denn „Bielefeld“ ist nicht „New York“.

Florian Seubert

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