Lokalposse im Appelwoi-Milieu: „Die Fraa Rauscher aus de Klappergass“ von Kurt Eugen Strouhs (Text, 1929) und Norbert Bruchhäuser (Vertonung)

Kurt Eugen Strouhs

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei,
ob des vom Rauscher, ob‘s vom Alte kimmt, des klärt die Bolizei.

Am Sonndag warn mer dribb de Bach, was hammer do gelacht,
so warn zwaa Eheleut beschleucht unn hawe Krach gemacht.
Uff aamal duds en dumpfe Schlag, die Fraa lieht uff de Gass
unn alle Kinner singe laut, des mecht en Heidespass:

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […]

En Griene hot den Fall geseh' un kimmt im Laafschritt aa.
Der Ehemann ruft ganz erschreckt, ich hab er nix gedaa!
Mei Alt, die kennt kaa Maß un Ziel, die hot zuviel gebaaft,
drumm hot der liewe Herrgott sie mit aaner Beul gestraft.

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […]

Jetzt gehts uffs Bolizeirevier, die Buwe hinerdrei.
Des is en intressanter Fall, des leucht doch jedem ei.
De Kommissar is ganz empeert un segt, des is doch doll.
Der Griene, wie sich des geheert, der gibt zu Protokoll:

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […] 

Jetzt wärs genug, die Rauschern hat sich mit ihrm Mann versöhnt,
des kennt mer schon un is mer aach in solche Fäll gewöhnt,
doch so en beeser Zeitungskerl dut mehr als wie seine Pflicht,
am annern Dag stehts dick un braat im Bolizeibericht:

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […]

     [Rohtext: frankfurt-interaktiv.de,kleine Veränderungen der Schreibweise
     und Interpunktion von mir.]

 

Das sog. ,Apfelweinlied‘, das bei Frankfurtern und Äppelwoi-Fans einen gewissen Kultstatus genießt, nimmt Bezug auf einen possenhaften Vorfall, der sich im 19. Jahrhundert zugetragen haben soll. Die Heldin mit dem sprechenden Namen „Rauscher“ (= regionale Bezeichnung für den halbvergorenen, ein bis zwei Wochen alten Apfelmost, der bei übermäßigem Genuss in mehrerer Hinsicht ,durchschlagende‘ Wirkungen erzielt) wurde mit einer Beule am Kopf auf der Straße aufgefunden. Zuvor hatten die Eheleute Rauscher „Krach gemacht“, wobei das Lied offen lässt, ob als Ursache des Lärms ein Ehe-,Krach‘ anzusehen ist oder man nur im Suff herumkrakeelt hat. Die eilige Unschuldsbeteuerung des Mannes beim Auftauchen des Polizisten in der zweiten Lied-Strophe deutet darauf hin, dass wahrscheinlich beides der Fall gewesen ist. Jedenfalls endet das Ganze mit einem „dumpfe Schlag“, einem Sturz und einer Beule.

Schnell findet sich eine Horde Gassenjungs ein, denen der Vorfall einen Heidenspaß bereitet. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die Kinder erfassen in ihrem ,Gesang‘ (= Refrain) nicht nur den Sachverhalt, sie erkennen auch sein kriminalistisches Potential: Stammt die Beule von einem Hieb des Ehemanns oder vom Sturz infolge übermäßigen Rauscher-Konsums? Ein ,Grüner‘, d.h. ein Polizist, kommt – vom Lärm und Menschenauflauf alarmiert – angetrabt und macht die Sache amtlich. Obwohl Frau Rauscher der beschwichtigenden Falldarstellung ihres Mannes nicht widerspricht (vielleicht auch zustandsbedingt nicht widersprechen kann), setzt der diensteifrige Polizist das Räderwerk des Staatsapparats in Gang, indem er Opfer und Verdächtigen aufs Polizeirevier verbringt. Die Kinder folgen, das Spektakel lässt sich immer besser an. Sein Vorgesetzter, der „Kommissar“ zeigt sich empört, wobei nicht genau spezifiziert wird, weshalb und worüber. Ich tendiere aber zu der Interpretation, dass er sich darüber aufregt, mit einer Lappalie behelligt zu werden, weil sich der ,Griene‘ daraufhin mit seinem „Protokoll“ des Vorgangs zu rechtfertigen scheint. Sein Protokolltext entspricht dann haargenau dem Gesang der Gassenjungs.

Nun aber scheint sich die Vernunft durchzusetzen. Das Ehepaar Rauscher versöhnt sich, was die Sprechinstanz auch schon erwartet hat. Man kennt das ja: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Die höheren Vertreter der Staatsmacht im Kommissariat scheinen auch kein Interesse an weiterer Aufklärung des Kriminalfalls zu haben, womit eigentlich alle Voraussetzungen gegeben sind, dass in Sachsenhausen (Frankfurter Stadtteil, berühmt für seine vielen Traditionswirtschaften) wieder Frieden und Routine einziehen. Doch dann kommen die ,bösen‘ Medien dazwischen, wieder einmal in Person eines übereifrigen Menschen, der die Posse in den Polizeibericht schreibt und damit stadtbekannt macht. Der Witz der Anekdote richtete sich nur vordergründig gegen die Rauschers, die bald den Status von sog. Alt-Frankfurter Originalen erlangten, in Wirklichkeit aber gegen den bürokratischen Geist der Ordnungsmacht. Obwohl die Frau-Rauscher-Episode selbstverständlich viel weniger dramatisch-tragisches Potenzial bietet als die Hauptmann-von-Köpenick-Geschichte, dürfte sie als Beamten- und Staats-Satire auf einer vergleichbaren Ebene zu verstehen sein.

So genüsslich der Text bei seiner Schilderung des Vorfalls über den diensteifrigen Polizisten, den bösen Mann von der schreibenden Zunft und die unmittelbar Betroffenen herzieht, so erkennbar wird ein weiterer Akteur aus der Schusslinie genommen: das müßige voyeuristische Publikum, das sofort zur Stelle ist, sobald es von einem ,Krach‘ hört, schadenfroh gafft und – weit davon entfernt, helfend oder schlichtend einzugreifen – über den Hergang Spekulationen anstellt. Genau genommen sind es die Gaffer, die durch ihren Tratsch die Bagatelle zum Kriminalfall aufblasen: Noch bevor der Polizist überhaupt am Tatort aufgetaucht ist, wird ihm von der Menge seine Aufgabe zugewiesen: „ob des vom Rauscher, ob‘s vom Alte kimmt, des klärt die Bolizei.“ Die ,Abschattung‘ dieses Aspekts des Geschehens gelingt, weil die sensationsgeile Meute von der Erzählinstanz als Kinderbande deklariert wird, der man ein entsprechendes Verhalten moralisch durchgehen lässt. Mehr noch, als begeisterter (Mit-)Sänger des Schlagers reiht man sich quasi in den Chor der Gassenjungen ein und partizipiert vergnügt am Schauwert des – wie wir gesehen haben – in mehrfacher Hinsicht peinlichen Geschehens. M. E. ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass bei einem entsprechenden Fall überwiegend oder sogar nur Kinder zugeschaut haben sollen; für mich liegt ein bewusster Eingriff des Lieddichters vor, um den kritischen Impetus des Liedes in die gewünschte Richtung zu lenken. (Meinen Beobachtungen nach findet sich dieser Kunstgriff der ,Verschiebung‘ bestimmter Verhaltensweisen oder Aussagen auf Kinder gerade bei Karnevalsliedern übrigens häufiger; einen Parallelfall werde ich demnächst bei der Besprechung von Margit Sponheimers „Gell ich hab dich gelle gern“ zur Sprache bringen.)

Aus der lustigen Lokalsage um Frau Rauscher machte der Graphiker Kurt Eugen Strouhs einen Karnevalsschlager, der sich schnell zum Gassenhauer entwickelte. Eine Frankfurter Website datiert die Entstehung des Textes ganz genau auf den 12.11.1929. Die Vertonung habe später der Redakteur Norbert Bruchhäuser besorgt. Wie unser Video zeigt, hat sich das Apfelweinlied längst von seinem karnevalistischen Anlass emanzipiert und funktioniert auch prächtig bei Weihnachtsfeiern. Es eignet sich sogar als Hymne, wahlweise für Frankfurt-Sachsenhausener Bürger, Bembel-Schwinger oder Fußballfans. So berichtet der einschlägige Wikipedia-Artikel von einem rituellen Auftritt der Frau Rauscher bei Heimspielen der Frankfurter Eintracht, bei dem jeweils der ,Fanclub des Tages‘ ausgelost wird: „Dieser Fanclub erhält 50 Liter Äppelwoi und einen Bembel mit dem Fanclubnamen. Die Figur ,Frau Rauscher‘ wird verkörpert von Marianne Boss, die wiederum zum Carnevalsclub Laternche […] gehört und dort traditionell an sieben Sitzungen im Saalbau Titus-Forum während der Fastnachtssaison mit einem Büttenvortrag auftritt“.

Die ,Fraa Rauscher aus de Klappergass‘ und ihr Lied besitzen für Frankfurter und vermutlich auch viele Südhessen eine identitätsstiftende Bedeutung. Sie haben ihr – selbstverständlich in der Klappergasse – mit dem Fraa-Rauscher-Brunnen des Bildhauers Georg Krämer 1961 ein witziges Denkmal gestiftet, das unvorsichtige Touristen anspuckt. (Auf diese Weise kann es die Frau Rauscher der schadenfrohen Gaffer-Meute endlich doch noch ein wenig heimzahlen …) Die Rodgau Monotones bauten in ihre Hessen-Hymne Erbarme, die Hesse komme eine Referenz an Frau Rauscher und die Klappergass ein. Auch in der Äppelwoi-Branche und Gastronomie hat sich der Name inzwischen als Label für Produkte und Gasthäuser durchgesetzt.

Nachtrag: Bei eventuellen Problemen mit dem einen oder anderen Dialektwort hilft das „Südhessische Wörterbuch“ weiter, wobei man bei der Schreibweise manchmal Varianten durchspielen muss (etwa zum Stichwort „bafen“ = „tüchtig trinken“ ).

Hans-Peter Ecker, Bamberg