Pfälzer Volks(drogen)musik. Zu „En echte Pälzer raacht ken Hasch“ von Kurt Dehn

Kurt Dehn

En echte Pälzer raacht ken Hasch

Schlach mol heit die Zeitung uff
guck mol uff die Seite druff
do bischt iwwerrascht
wie die Jugend hascht
täglich sperrt die Polizei
drei vier Haschmich-Brüder oi
des kummt em grad so vor
als wern die nimmi gloor
ach Gott sin die so dumm
ja, wisst ihr denn warum?

En echte Pälzer raacht ken Hasch...
denn unser Stoff kummt aus de Flasch
ja beim Palzwoi kummt kä Mensch in G´fahr
der schmeckt immer, immer, immer wunderbar

Mensch, was is die Jugend dumm
die bringt sich bald selber um
rennen laut mit Heu
grad ins Unglick noi
fühlen sich im Rausch als Held
zahlen fer den Stoff viel Geld
un merken viel zu spät
wann's ohne nimmer geht
ach Gott ihr liewe Leit
wann wer´n dann die bloß g´scheit?

En echte Pälzer raacht ken Hasch [...]

Besser bloß Oktobertee
als wie Hasch un LSD
des is doch bloß Schit
do mach ich net mit
Opium gar un Heroin
wer des spritzt, der hot en Spleen
en Pälzer bleibt beim Woi
wie kennt des annerscht soi
de Woi geht in's Gemüt
drum sing mit mir des Lied

En echte Pälzer raacht ken Hasch [...]

     [Kurt Dehn: En echte Pälzer raacht ken Hasch. Polydor 1972. 
     Textfassung nach: http://home.arcor.de/diepaelzer1/]

Nach dem unschlagbaren Spitzenreiter Sex/Liebe schätzungsweise am zweithäufigsten wird in Rock und Pop, im Rap, aber auch im Schlager sowie wohl auch in der Volksmusik der Themenbereich Drogen/Alkohol bespielt. Lieder vom Alkoholtrinken gibt es unzählige: einige der gängigsten oder kuriosesten unter ihnen – etwa Roberts Steidls Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen (1922) oder das Bierlied (1978) von Oktoberklub) – wurden bereits im Rahmen der Bambeger Anthologie besprochen, viele weitere von diesen Schätzen wollen noch gehoben werden. Songs, die über den Genuss von und das Leiden an Mariuahana, LSD, Ecstasy, Kokain, Crack, Heroin etc. erzählen, sind bekannterweise auch nicht gerade selten.

Entsprechend finden sich auch zahlreiche Liedtexte, in denen die Gretchenfrage verhandelt wird, ob denn nun – etwa aus gesundheitlichen, moralischen, sozialen, mediativen oder einfach ideologischen Gründen – entweder alkoholische Getränke oder doch etwa die etwas weniger legalen Alternativen zu bevorzugen seien. Ein besonders schönes Beispiel für jene Texterzeugnisse, die die Frage eindeutig zugunsten der Volksdroge Alkohol beantworten, bietet der Pfälzer Volksliedsänger Kurt Dehn (1920-2000) mit En echte Pälzer raacht ken Hasch. Hier wird die Entscheidung ethnisch begründet und der Verzicht auf das Kiffen zur lokalpatriotischen Ehrensache für echte Pälzer erklärt.

Das Sprecher-Ich wendet sich mit dieser Botschaft zuvorderst an das anständige Publikum voller „liewe Leit“, das Marihuanakonsum weniger aus den eigenen Lebensbereichen als vielmehr aus der mediale Berichterstattung kennt und angesichts der unglaublichen Ausmaße dieser Unsitte mit offenbar „täglich […] drei vier Haschmich-Brüder[n]“ im Polizeibericht durchaus schockiert bzw. des Reimes halber zumindest „iwwerrascht“ reagiert. Ein etabliertes wie gereiftes Publikum, das ob dieser windigen „Haschmich-Brüder“ sowie überhaupt der ganzen „Jugend“ nur den Kopf schütteln kann. Dass die hier – also in einer Zeit als es noch keine „Alt-68er“ und auch sonst kaum Kiffopis gab – so heiter pauschal abqualifizierte „Jugend“ mitunter „nimmi gloor“ zu sein oder zu werden scheint, liegt angesichts des ihr unterstellten Drogenmissbrauchs durchaus nahe. Mehr noch aber ist die „Jugend dumm“: und zwar hier nicht bloß deshalb, weil sie die Gefahren der Drogen ignoriert oder sich gar schon Hirnatrophien bemerkbar machen, sondern vor allem deshalb, weil sie verkennt, wie viel besser und überhaupt „wunderbar“ der heimische „Palzwoi“ wirkt.

Gegen diese vaterlandslosen Gesellen wird ein Wir gesetzt, das sich dem rheinpfälzischen Verhaltenskodex verpflichtet fühlt und einvernehmlich „unser[en] Stoff “ vorzieht, um dann nach einigen kräftigen Schlückchen „aus de Flasch“ vom erwähnten Kopfschütteln zum einigen Schunkeln übergehen zu können. Weintrinken gegen Drogen mag sich für manchen sogar noch besser anfühlen als Biertrinken für den Regenwald (vgl. Henryk M. Broder: Saufen für die Gorillas); zumindest ist hier versprochen, dass „de Woi“ ordentlich „in’s Gemüt“ gehe, und abschließend der enthemmte Chorgesang des Refrains in Aussicht gestellt.

In den Strophen wird weiter eifrig auf die anderen Drogen geschimpft: weil auch sie enthemmen und man sich „im Rausch als Held“ selbstüberschätzt, weil sie „viel Geld“ kosten, uns weil sie unmerklich in die Sucht führen. Die Argumente gegen „Hasch un LSD“ („do mach ich net mit“) sowie „Opium gar un Heroin“ („wer des spritzt, der hot en Spleen“) kommen aus Gründen der Reimpflicht nicht als die allertrifftigsten daher – und doch wird sich darum bemüht, den aufklärerischen Gestus aufrecht zu erhalten. Wer zu Drogen greift, „bringt sich bald selber um“.

In sauberer Opposition zu diesem „Schit“ steht der Wein, welcher liebevoll als „Oktobertee“ verharmlost doch keineswegs ungesund wirken könne. Durch ihn „kummt kä Mensch in G’fahr“. Während hinsichtlich der gefährlichen Drogen auf die Probleme, „wann’s ohne nimmer geht“, hingewiesen wird, mundet der Wein „immer, immer, immer“, also morgens, mittags und abends, bei guter Stimmung sowie auch bei Kummer und Niedergeschlagenheit und Stress.

Dieser bedingungslose Einsatz für die Erzeugnisse der Deutschen Weinstraße ist typisch für den „echte Pälzer“ Kurt Dehn – was sich schon beim oberflächlichsten Blick auf seine anderen Gassenhauer leicht erkennen lässt: Ich geh in mei Palz un trink Wei (1954), Der schönste Verein ist der Winzerverein („do gibt’s auch keen Vorstand der große Rede schwingt, / do wird bloß getrunke bis alles fröhlich singt“), Ein Fässel im Keller („un en Frausche im Haus“), Mein Schlüsselloch („und ganz ironisch fragt sie dann, ob ich scho kumm“), Ich hab heut Abend wieder Sitzung („in derer Sach hab ich zu melde“), Saumagenlied („ […] und Woi“: https://www.youtube.com/watch?v=RIC_1Z_UawY), Die Promille („am beste is‘, wir lege alle Autos still, / do wird getrunke und gebloße auf Promill“), Beim Dämmerschoppen, Weinstraßenlied, Wann in dem gross’n Himmel bloss a kläne Wirtschaft wär, Im Himmel is ken Worschtmarkt mehr („beim Petrus gibts keen Woi“), Ja der Riesling is mein Lieblingswein („bloß soll des holt en Pälzer sei“), Im größten Fass der Welt („da lässt’s sich leben […] beim Saft der Reben“, Pfälzer Metzelsupp („und dut die Wutz auch greische, das mecht uns gar nichts aus / en Gläßl Woi zu trinke […]“) usw.

Die Grundmotive heißen immer wieder variiert: Pfalz, Wein, Bürgerlich- und Glückseligkeit. Auf Wikipedia heißt es, Dehns Lieder seien „bekannt dafür, in geselliger Runde für gute Laune zu sorgen“; als Beispiel für jene, die „aber durchaus auch (selbst-)kritische Zeilen“ aufweisen, wird zuvorderst En echte Pälzer racht ken Hasch angeführt. Freilich mag man, nachdem sich in den vergangenen Jahrzehnten ein gewisses Konzept der Alkoholkrankheit etablieren konnte, Lieder, die mit „kritische[n] Zeilen“ aufwarten und damit – bei aller auch hier doch erkennbaren Ironie – auf eine breite Zustimmung oder gar das sogenannte gesunde Volksempfinden abzielen, heute etwas anders schreiben. Ohne dass man ihm unterstellen könnte, dass ihn „gesundes Volksempfinden“ und dergleichen interessieren würden, empfahl Helge Schneider, der laut eigener Aussage früher selbst für längere Zeit zu den erwähnten „Haschmich-Brüder[n]“ gehörte, 2003 „lieber die Möhrchen“ (Helge Schneider: Helges Mörchen-Lied). In der guten alten Zeit war es halt wenigstens noch der „Woi“.

Martin Kraus, Bamberg