„Die Welt ist voller Morden“. Zur Entstehung und Rezeption von Walter Flex‘ Kriegslied „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ (1915)

Walter Flex

Wildgänse rauschen durch die Nacht

Wildgänse rauschen durch die Nacht
mit schrillem Schrei nach Norden;
Unstete Fahrt habt Acht, habt Acht,
die Welt ist voller Morden.

Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,
graureisige Geschwader!
Fahlhelle zuckt und Schlachtruf gellt,
weit wallt und wogt der Hader.

Rausch zu, fahr zu, du graues Heer!
Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!
Fahrt ihr nach Süden übers Meer,
was ist aus uns geworden?

Wir sind wie ihr ein graues Heer
und fahr'n in Kaisers Namen*
Und fahr'n wir ohne Wiederkehr,
rauscht uns im Herbst ein Amen.

     *In späteren Fassungen auch: in Gottes Namen

Das Gedicht mit dem Titel Nachtposten im Herbst ist von Walter Flex 1915 an der Westfront verfasst worden. Flex, zunächst als untauglich für den Militärdienst befunden, meldet sich gleich nach Kriegsbeginn als Freiwilliger. An der Westfront schreibt er in seiner berühmt gewordenen Erzählung Wanderer zwischen beiden Welten, wie das Lied, als er als Horchposten vor der Verteidigungslinie lag, entstanden ist:

Über Helmspitze und Gewehrlauf hin sang und pfiff es schneidend, schrill und klagend, und hoch über den feindlichen Heerhaufen, die sich lauernd im Dunkel gegenüberlagen, zogen mit messerscharfem Schrei wandernde Graugänse nach Norden. Die verflackernde Lichtfülle schweifender Leuchtkugeln hellte wieder und wieder in jähem Überfall die klumpigen Umrisse kauernder Gestalten auf, die in Mantel und Zeltbahn gehüllt gleich mir, eine Kette von Spähern, sich vor unseren Drahtverhauen in Erdmulden und Kalkgruben schmiegten. […] das wandernde Heer der wilden Gänse strich gespensterhaft über uns alle dahin. Ohne im Dunkel die ineinanderlaufenden Zeilen zu sehen, schrieb ich auf einen Fetzen Papier ein paar Verse.

Wenn auch Walter Flex nie ein Wandervogel war, so hatte er Kontakt zur Wandervogelbewegung. Und so spricht er nicht von Flug, sondern von „Fahrt“, und im Gedicht heißt es nicht: „flieg zu“, sondern „fahr zu“. Am liebsten – so könnte man meinen – wäre der Soldat mit den Wildgänsen auf Fahrt gegangen, weg von der Front, von Kanonendonner, Gewehrfeuer und Leuchtkugeln. Doch als Flex als Leutnant nach Berlin berufen wird, um am Kriegswerk (einer Historie des Krieges) des Großen Generalstabs mitzuarbeiten, meldet er sich erneut an die Front, diesmal an die Ostfront. Nach dem Stellungskrieg im Westen sehnt Flex sich geradezu nach Russland: „Im Osten geschah alles Heiße, Wilde und Große […] Über Russland stand immerfort eine brandrote Wolke“, wie er in seiner Kriegserzählung schreibt. Der Dichter ist gern Soldat und noch kurz vor seinem Tod schreibt er in einem Brief: „ Ich bin heute innerlich noch so kriegsfreiwillig wie am ersten Tage“.

Die doppelte Warnung „habt Acht, habt Acht“ besagt: die Wildgänse sollen vorsichtig sein und sich nicht abschießen lassen. Dabei ist sich der Soldat bewusst, dass es auch ihn treffen kann, denn „die Welt ist voller Morden“. Die Identifikation Soldat – Wildgänse zeigt sich auch in den Wörtern „graureisig“ (Reisige = im 16. Jahrhundert bewaffnete Reiter) und „graues Heer“: die Wildgänse sind Graugänse und grau sind die Uniformen der Soldaten. Ähnlich wie die Wildgänse mit schrillem Schrei ziehen, gellen die Schlachtrufe der Soldaten. Während die Wildgänse im Frühling gen Norden zu ihren Nistplätzen ziehen, fragt sich der Soldat, was aus ihm und seinen Kameraden („aus uns“) geworden sein wird, wenn die Wildgänse im Herbst nach Süden ziehen. Im Frühjahr 1915 ist allen klar, dass aus dem propagierten schnellen Sieg und damit der Beendigung des Krieges nichts werden wird. Und in Vorahnung seines Todes auf dem Schlachtfeld (im Oktober 1917 an der Ostfront auf der estnischen Insel Saaränen, deutsch Ösel) schreibt Flex die Zeilen „fahrn wir ohne Wiederkehr, rauscht uns im Herbst ein Amen!“

Viele Wandervögel hatten sich als Kriegsfreiwillige gemeldet; die Zahlen schwanken zwischen 10.000 und 13.000. „Ohnehin patriotisch bis völkisch gesinnt“, konnten und wollten sie sich der anfänglichen Kriegsbegeisterung nicht entziehen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges kehrten die überlebenden Soldaten nach Hause zurück. Viele tausend Wandervögel waren gefallen (die Angaben schwanken zwischen 5.000 und 8.000), die Zurückkehrenden waren nun nicht mehr allein geprägt von ihrer Wandervogelzeit, sondern gezeichnet von einem grauenvollen Krieg. Doch die Ideale und Gedanken des „Idealtyps eines vaterländischen Weltkriegsdichters aus dem Geist der Jugendbewegung und einer zuweilen chauvinistischen patriotischen Gesinnung“, von einer völkischen Ethik, einem Kult der Frontkameradschaft […] bis hin zur Verherrlichung des Opfertodes“ (Rölleke, s.u.), wie sie sich in Wanderer zwischen beiden Welten finden, blieben erhalten. Davon profitierte auch die Verbreitung des Gedichts Wildgänse rauschen durch die Nacht, das der Kriegserzählung als Vorspann dient. Das Buch – heute würde man von einem Kultbuch sprechen – und der Text des Gedichts fanden an der Front und auch in der Heimat großen Anklang. Noch während des Krieges stieg die Auflage der Erzählung auf über 10.000 Exemplare (1917). Nach Beendigung des Krieges setzte sich die Nachfrage auf fast 200.000 (1920) fort und später auf über eine Million.

Noch populärer wurde das Gedicht, nachdem es 1916 von dem Musikpädagogen und Komponisten Robert Götz (1895–1978, auch Komponist der Lieder Aus grauer Städte Mauern und Jenseits des Tales standen ihre Zelte) vertont worden war. Dazu beigetragen hat die schlichte Melodie, meistens in G-Dur notiert, die mit ihrem Tonumfang von nur sieben Tönen und ohne große Tonabstände leicht zu singen ist. Dagegen ist die in a-Moll notierte Melodie des Musikpädagogen Walther Hensel (1887–1956, der auch Gedichte von Eichendorff, Mörike, Uhland, Löns u. a. vertonte) wegen des häufigen Wechsels von Dur und Moll und der größeren Tonabstände schwer zu singen. Daher fand, mit Ausnahme des von Hensel selbst herausgegebenen Liederbuchs Strampedemi (1. Auflage 1930) und einigen wenigen nazistischen Liederbüchern, wie dem Liederbuch der HJ Uns geht die Sonne nicht unter (1934, hg. vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach) die Hensel’sche Melodie kein großes Echo.

So erfolgreich der Erzählband Wanderer zwischen beiden Welten war (Auflage 1929 rd. 420.000), so selten wurden die Wildgänse in die Liederbücher der Jugendbewegung aufgenommen. Doch wurde das Lied mit der von Götz komponierten Melodie von Wandervogel- und bündischen Kreisen über das Singen weiter verbreitet. Mit Ausnahme des bereits erwähnten Strampedemi tauchte das Lied bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nur in wenigen Liederbüchern auf, etwa in Aus grauer Städte Mauern (1932). Dagegen erfuhr das Lied zur Zeit des Nazi-Regimes eine große Verbreitung; besonders beliebt war es bei der Hitlerjugend, die mit den Wildgänsen an die Fahrtenträume der Jugendbewegung anknüpfen wollte. Von 1934 (z. B. mit dem hohe Auflagen erzielenden HJ-Liederbuch Uns geht die Sonne nicht unter und mit Folget der Fahne und dem Führer; 1937 folgte Wir Mädel singen des Bund deutscher Mädel – BDM) bis 1939 (z. B. Der Führer hat gerufen), gab es kaum eine „braunes“ Liederbuch ohne das Lied. Hinzu kam, dass die Wildgänse Aufnahme auch in viele Schulbücher, so z. B. Unser Lied (2. Auflage 1937) und Singkamerad (8. Auflage 1938) fanden.

Und weil der Rhythmus sich zum Marschieren gut eignete und die Fahrt in Wald und Flur auf „Kriegsfahrt“ fortgesetzt werden konnte, fand das Lied seinen Weg in die meisten der von 1939 bis 1943 von oder im Namen der Wehrmacht herausgegebenen Liederbücher mit bezeichnenden Titeln wie Morgen marschieren wir (1939, Neuauflage 1941) und Sturm (1941). 1942 kam für 30 Pfennig pro Exemplar eine Massenauflage von Soldaten singen heraus, der 1943 die Bertelsmann-Feldpostreihe Deutsche Volkslieder folgte.

Auch in den westdeutschen Nachkriegsfilmen Der junge Törleß (1960, Regie Volker Schlöndorff nach dem Roman von Robert Musil) und Fabrik der Offiziere (1960, Regie Frank Wisbar nach dem Roman von Hans Hellmut Kirst) wird das Lied von Hitlerjungen bzw. Offiziersanwärtern geschmettert. Sicherlich mit anderen Gedanken als bei der Wehrmacht wurde das Lied in einigen „Konzentrationslagern“ gesungen, worauf das handgeschriebene Lagerliederbuch Sachsenhausen (1942) hinweist.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte aus dem einstigen Kriegslied ein Frühlings- und Liebeslied werden (aus dem für deutsche Kriegsgefangene gedruckten Liederbuch Frisch gesungen, zitiert nach Walter Kurz, s.u.):

Wildgänse rauschen durch die Nacht
mit schrillem Schrei nach Norden.
Ihr lieben Boten seid gegrüßt:
Nun ist es Frühling worden.

Frühling in Wald und Feld und Flur
Frühling auch in den Herzen:
Bald kommt mein Hans, es kommt die Zeit
für Tanz, Kosen und Scherzen.

Rausch zu, fahr zu, du graues Heer!
Rauscht zu, fahrt zu nach Norden:
Fliegt ihr im Herbst nach Süden her,
bin ich die Seine worden.

Diese Version hat sich jedoch nicht durchgesetzt; Liederbücher und Sänger bevorzugen den Originaltext von Walter Flex. Das Lied wurde unabhängig von der Flex’schen Verherrlichung des Krieges gesehen (Krieg „als beste Schule“, ohne die „wohl niemand ein rechter Führer werden kann“ [Wanderer zwischen beiden Welten] oder „Krieg […] als Gipfel für den deutschen Geist“). Waren mit den Worten „die Welt ist voller Morden“ im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Feinde gemeint – deutsche Soldaten, so meinte man, mordeten nicht , sie töteten den Feind: – „Jeder Stoß (mit dem Seitengewehr) ein Franzos“, „jeder Schuss ein Russ“ -, so konnte diese Zeile von den Nachfolgeorganisationen der Jugend- und Wandervogelbewegung nach 1945 auf die „böse Außenwelt“ allgemein bezogen werden. Wer den Hintergrund des Dichters und des Liedes nicht kannte, konnte es unbefangen als Wanderlied singen, zumal es ja eine mitreißende Melodie hat und der Rhythmus flottes Wandern herausfordern kann. Hier, wie auch später in der anhaltenden Rezeption, scheint sich die Auffassung des Musikwissenschaftlers Heinrich Lindlar zu bewahrheiten, nach der die Melodie oft wichtiger ist als der Text. Der Komponist, Robert Götz, war ohnehin davon überzeugt, dass „die Hauptsache […] immer das Lied, die Melodie“ ist.

Katholische und bündische Kreise machten mit ihren Liederbüchern den Anfang (Lieder der Jugend, 1946 und Der Turm, 1952). 1953 folgte die vom Christlichen Verein junger Männer (CVJM, seit den 1970er Jahren Christlichen Verein junger Menschen) herausgegebene Mundorgel, das erfolgreichste deutsche Liederbuch nach 1945 (bis 2013 über 10 Millionen Auflage).

Auch bei der Bundeswehr und dem Bundesgrenzschutz wird das Lied, wie auch im österreichischen Heer, gern gesungen. Seit 1958 wurden immer wieder Liederbücher mit dem Lied aufgelegt, wie die zahlreichen Titel, z.B. Hell klingen unsre Lieder, Liederbuch der Fallschirmjäger oder Kameraden singt zeigen. In französischen und englischen Armeeliederbüchern sind die Wildgänse (Les Oies Sauvage bzw. Wild Gees are rushing through the Night) ebenfalls vertreten. Dagegen galten sie in der DDR als so sehr mit dem Nationalsozialismus verbunden, dass das Lied in keinem der Liederbücher der Nationalen Volksarmee oder der Freien Deutschen Jugend auftaucht.

Enthielten in den 1960er Jahren nur wenige Liederbücher das Lied, so nahm nach den Erfolgen des Montanara Chors mit ihrer LP Wildgänse zogen durch die Nacht (1964) und Heinos 1966 mit Sing mit Heino, Folge Nr. 5 – 6 (bis 1981 vier weitere Alben mit den Wildgänsen) die Beliebtheit des Liedes weiter zu. Mitte der 1970er Jahre zählten die Wildgänse zu den 20 bekanntesten Liedern in der BRD; fast 60 % der Befragten war das Lied geläufig (Umfrage 1975 nach Klusen).

Die Popularität zeigt sich auch in der Aufnahme des ehemaligen Kriegslieds in rund 60 Liederbücher, die in der Zeit von 1971 bis 2013 erschienen. Vor allem bei Pfadfindern und anderen bündischen Jugendverbänden, aber auch in konfessionellen Gruppierungen und bei Rechtsextremen erfreut sich das Lied nach wie vor großer Beliebtheit. Darüber hinaus fanden die Wildgänse Verbreitung durch die in hohen Auflagen erschienenen Liederbücher, wie die Mundorgel (s. o.), Volkslieder aus 500 Jahren (1978 und 1995, Fischer Taschenbuch), Deutsche Lieder (1995, Insel Taschenbuch), Das Volksliederbuch (1995, Weltbild Verlag) und Das große Buch der Volkslieder (o. J., Bertelsmann Club).

Die Landesbildstelle Baden hielt die rauschenden Wildgänse für so bedeutsam, dass sie das Lied 1998 in Zusammenarbeit mit dem Centre Culturel Français, Karlsruhe, in ein Liederbuch mit Noten aufnahm, unter dem Titel Amitié du coeur – chanson populaire, zusammen mit Au clair de la lune, Ade zur guten Nacht, Il était un petit navire, Hoch auf dem gelben Wagen u. a.

Spätestens seit den martialischen Filmen Die Wildgänse kommen (GB 1978), Geheimcode Wildgänse (D/I 1984) und Wildgänse 2 (GB 1985), in denen söldnerische Sonderkommandos unter Einsatz aller Arten von Gewalt heikle Missionen überstehen, ist der Begriff Wildgänse mit ausgeprägter – m. E. falsch verstandener – Männlichkeit besetzt. Das wird auch erkennbar an vielen Kommentaren zu den vor allem als Marschlied erkenntlichen Interpretationen auf YouTube und an den Selbstbezeichnungen einiger Motorradclubs und Airsoft Teams (Airsoftgun: Druckluftwaffe mit Plastikkugeln).

Geht man von den über 100 Videos auf YouTube aus und bezieht die Kommentare vor allem bei den als Marschlied erkenntlichen Interpretationen ein, ist Wildgänse rauschen durch die Nacht bis heute auch bei Jugendlichen und Jungerwachsenen populär geblieben.

Georg Nagel, Hamburg

Aus der folgenden Literatur habe ich die Zitate entnommen und einige Fakten und Anregungen gewonnen:

Robert Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben – Gespräche mit Ernst Klusen. Köln 1975.

Gerhard Kurz; „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ – Graue Romantik im Lied von Walter Flex. In: Jürgen Reulecke, Barbara Stambolis:  Good bye memories – Lieder im Generationengedächtnis. Essen 2007.

Wolfgang Lindner: Jugendbewegung als Äußerung lebens­ideo­logischer Mentalität – Die mentalitäts­geschichtlichen Präferenzen der deutschen Jugendbewegung im Spiegel ihrer Liedertexte.   Hamburg 2003.

„Heinrich Lindlar“. In: Meyers Handbuch über die Musik. Mannheim 1972.

Jürgen Rölleke: Das große Volksliederbuch – Über 300 Lieder, ihre Melodien und Geschichten. Bertelmann Club Lizenzausgabe o. J., Köln 1993.

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall“. Zu Entstehung und Wirkung von Max Schneckenburgers „Die Wacht am Rhein“

Max Schneckenburger

Die Wacht am Rhein

1. Es braust ein Ruf wie Donnerhall
wie Schwertgeklirr und Wogenprall
zum Rhein, zum Rhein zum deutschen Rhein
Wer will des Stromes Hüter sein?

Lieb Vaterland magst ruhig sein:
Fest steht und treu die Wacht
die Wacht am Rhein!

2. Durch hunderttausend zuckt es schnell,
und aller Augen blitzen hell;
der deutsche Jüngling, fromm und stark,
beschirmt die heil'ge Landesmark.
 
3. Er blickt hinauf in Himmels Au'n
da Heldenväter niederschau'n
und schwört mit stolzer Kampfeslust
du Rhein bleibst deutsch wie meine Brust!
 
4. Solang ein Tropfen Blut noch glüht,
noch eine Faust den Degen zieht
und noch ein Arm die Büchse spannt,
betritt kein Feind hier deinen Strand!

5. Und ob mein Herz im Tode bricht,
wirst du noch drum ein Welscher nicht.
Reich, wie an Wasser deine Flut
ist Deutschland ja an Heldenblut!
 
6. Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
die Fahnen flattern hoch im Wind
am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein,
wir alle wollen Hüter sein.

     [(variierter) Liedtext und Informationen zur Verbreitung auf volksliedarchiv.de]

Den Text hat 1840 der Jungunternehmer und Dichter Max Schneckenburger (1819-1849) verfasst. Wie kommt ein 21jähriger dazu, solch einen Text zu schreiben? Ähnlich wie sich der 26jährige Albert Methfessel bei seinem Lied Hinaus in die Ferne an Ernst Moritz Arndts Der Gott, der Eisen wachsen ließ orientierte, ließ sich Schneckenburger von Arndts Gedichten und dessen vielgelesener Schrift Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze inspirieren (vgl. Walter Moßmann, s. Literatur).  

Die Bekräftigung nach jedem Vers – „Lieb Vaterland magst ruhig sein: / Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“ hat eine fast 50jährige Vorgeschichte. Im Zuge der Napoleonischen Eroberungskriege wurden 1794/95 viele rheinische Gebiete unter französische Herrschaft gestellt und 1798 der Rhein zur französischen Grenze erklärt. Nach den Niederlagen Napoleons in der Völkerschaft bei Leipzig 1813 und der Schlacht von Waterloo 1815 wurden auf dem Wiener Kongress 1814/15 im Rahmen der Neuordnung des europäischen Staatensystems die Grenzen am Rhein neu gezogen. Frankreich musste die eroberten Gebiete abtreten und sich auf die Grenze vor 1794 zurückziehen.

Das Königreich Bayern erhielt die Pfalz und das Großherzogtum Hessen die später Rheinhessen genannten Gebiete. Preußen erhielt den Löwenanteil der linksrheinischen Territorien, die 1822 mit rechtsrheinischen Gebieten die Rheinprovinz des Königreichs Preußen bildeten.

Das Erstarken nationalistischer Strömungen unter dem Ministerpräsidenten Adolphe Thiers in Frankreich führte zu Bestrebungen, den Rhein zur französischen „natürlichen Grenze“ zu erklären. Als sich in Deutschland der patriotische Wunsch nach Einheit verstärkte, kamen zusätzlich nationalistische Ressentiments gegen Frankreich hinzu. Es entstanden 1840 und 1841 Gedichte über den Rhein, von denen viele vertont wurden. Zu den unter dem Begriff „Rheinlieder“ bekannt gewordenen zählen Ernst Moritz Arndts (1769– 860) Deutsches Kriegslied mit der 4. Strophe

Fürs Vaterland! fürs Vaterland!
Drum alle frisch und fröhlich drein!
Auf welschen Trotz ins welsche Land!
Für unsern Rhein frisch übern Rhein!

und Als Thiers die Welschen aufgerührt hatte mit dem Refrain „Und klinge die Losung: / Zum Rhein, übern Rhein! / Alldeutschland in Frankreich hinein!“ sowie Nikolaus Beckers (Jurist und Geschichtsschreiber, 1809–1845) Der freie Rhein (auch mit dem Titel: Das Rheinlied) mit dem Refrain „Sie sollen ihn nicht haben, / den freien deutschen Rhein.“ Den Anfang hatte bereits 1840 Max Schneckenburger mit Die Wacht am Rhein gemacht.

Verbreitete sich zunächst das Becker’sche Rheinlied wie ein Lauffeuer über ganz Deutschland, vor allem nachdem es mehrfach vertont war, u. a. von Robert Schumann (1810–1856), so trat Es braust ein Ruf wie Donnerhall nach der Vertonung 1854 von Karl Wilhelm (1815–1873, Berufspianist und Chorleiter der Krefelder Liedertafel) geradezu einen Siegeszug an (um an die Wortwahl der Rheinlieder anzuknüpfen).

 Es braust ein Ruf wie Donnerhall

1854 erschien das Lied in dem von Wilhelm Greef (Chorleiter, Gymnasiallehrer und Editor mehrerer Liederbücher) herausgegebenen Chorbuch Männerlieder, und 1858 wurde es in das weit verbreitete Allgemeine[s] Deutsche[s] Kommersbuch (Herausgeber Ludwig Erk und Friedrich Silcher) aufgenommen.

Zu Ehren des anwesenden Prinzen von Preußen wurde 1854 Die Wacht am Rhein bei einem Gartenfest in Elberfeld von den damals bekannten Gebrüdern Steinhaus gesungen. Das Lied beeindruckte den späteren Kaiser Wilhelm I. derart, dass er sich nach dem Komponisten erkundigte und ihm einige Jahre später den Titel eines königlichen Musikdirektors verlieh. Und lange bevor Frankreich offiziell den Krieg erklärt hatte, hieß die Parole „Wacht am Rhein“.

Unmittelbar nach Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs im Juli 1870 schrieb ein unbekannt gebliebener Dichter die 7. Strophe des zur geistigen Mobilmachung beitragenden Liedes:

So führe uns, Du bist bewährt
In Gottvertrauen greif zu dem Schwert!
Hoch Wilhelm! Nieder mit der Brut
Und tilg’ die Schmach mit Feindesblut!

Noch im Jahr 1871 gaben der Kunstprofessor und Dichter (u.a. 2. Strophe von Guten Abend gute Nacht) Georg Scherer (1828–1909) und der Verlagsbuchhändler Franz Lipperheide (1838–1906) einen Band mit dem Titel Die Wacht am Rhein. Das Volks- und Soldatenlied des Jahres 1870 (mit Übersetzungen des Liedes in 8 Sprachen) heraus. Darin wird auf Grundlage von Zeugenaussagen berichtet, dass die deutschen Heere unter Führung Preußens mit dem Norddeutschen Bund und des Schutz- und Trutzbündnisses (Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt) die französische Grenze mit dem Ruf „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ überschritten. Über das Singen des Liedes im Deutsch-Französischen Krieg gibt es weitere Geschichten. So wird aus dem September 1870 überliefert, dass es auf dem Bahnhof von Sedan fast zu einer Meuterei von 300 gefangenen französischen Offizieren gekommen wäre, wenn nicht zusätzliche preußische und württembergische Truppen eingegriffen hätten. Als die Offiziere daraufhin die Marseillaise anstimmten, „brauste wie Donnerhall“ Die Wacht am Rhein durch die Bahnhofshalle. Die Franzosen verstummten und begaben sich in die zum Transport nach Deutschland bestimmten Waggons.

Exkurs: Im 1942 gedrehten Film Casablanca widerfährt dem Lied ein anderes Schicksal. Als in Ricks (Humphrey Bogart) Lokal deutsche Soldaten beginnen, Die Wacht am Rhein zu singen, bringen Franzosen und Nazi-Gegner mit der Marseillaise die Deutschen zum Schweigen (Auschnitt hier).

Nach dem Einmarsch in Paris am 2. März 1871 erklang der „Donnerhall“ abends an den Lagerfeuern der deutschen Truppen am Arc de Triomphe, am Quai d’Òrsay, an den Anlagen der Champs Elysées und auf dem Marsfeld.

Als Kaiser Wilhelm am 20. März (am 1. Januar 1971 hatten sich die verbündeten deutschen Länder „Deutsches Reich“ genannt und hatte der preußische König den Titel „Deutscher Kaiser“ angenommen) nach seiner Rückkehr aus dem Krieg einer Aufführung im Berliner Opernhaus beiwohnte, stimmte am Schluss der Vorstellung der Chor auf der Bühne die „Wacht am Rhein“ an. Und als am 24. März die Mitglieder des Reichstags den Kaiserlichen und Königlichen Majestäten vorgestellt wurden, intonierte die Kapelle „Es braust ein Ruf wie Donnerhall…“.

Die Bedeutung des Liedes für die Kriegsbegeisterung der Deutschen und den Siegeswillen wurde anerkannt und gewürdigt. Noch während des ausgehenden Krieges verliehKaiserin Auguste dem Komponisten des Liedes die „Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft“, posthum auch dem Dichter. Und nach dem Sieg gegen die Franzosen am 10. Mai 1871 erhielten die Witwe Schneckenberger und Karl Wilhelm von der Reichskanzlei eine Dotation von jährlich je 3.000 Mark (Der Schöpfer des Schlachtgesangs der [französischen]) Rheinarmee, der späteren Marseillaise, erhielt jährlich 6.000 Francs).

Wie populär das Lied war, zeigt sich auch in den zahlreichen Lieder- bzw. Chorbüchern, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erschienen sind. Hier sollen nur zwei erwähnt werden: das von Ludwig Erk herausgegebene Chorheft Singvögelein, das 1885 seine 59. Auflage erlebte, und Die Volksgesänge für den Männerchor mit der 15. Auflage 1898.

Betrachtet man die Liederbücher der Jugendbewegung, so war Die Wacht am Rhein dort nicht gerade populär; auch in den damaligen Schulliederbüchern war das Lied nur selten vertreten. Dagegen wurde es von Burschenschaften und vor allem von Männerchören weiterhin gern gesungen. Chorbücher erreichten häufig mehrere Auflagen, so Serings vierstimmiges Chorbuch 1919 mit der 36.-37. Auflage. Bereits 1904 war in der Schweiz Das Rütli, Liederbuch für Männergesänge in der 35. Auflage erschienen.

In Deutschland erlebte der „brausende Donnerhall“ einen weiteren Aufschwung im Ersten Weltkrieg. Liederhefte und Partituren wurden en gros herausgegeben und an der Front Die Wacht am Rhein auf Flugblättern an die Soldaten verteilt. Nach dem verlorenen Krieg ebbte die Begeisterung für das Lied ab.

Die Nationalsozialisten griffen die ehemalige Popularität des Liedes auf und übernahmen es in so gut wie alle Schulbücher. Während Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel Lieder der Jugendbewegung vorzogen, wurde es in die Liederbücher anderer NS Organisationen wie NSDAP, Deutscher Arbeitsdienst und NS-Frauenschaften ebenso aufgenommen wie in die des Heeres und sogar der Marine.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Beliebtheit des Liedes rapid ab. Es dauerte mehr als 10 Jahre, bis Die Wacht am Rhein 1956 in Das goldene Buch der Lieder und weitere 22 Jahre, bis sie in den 3. Band des Deutschen Liederschatz‘ aufgenommen wurde. Von diesen und wenigen historischen Liederbüchern abgesehen, weisen die Online-Archive und das Deutsche Musikarchiv in Leipzig keine weiteren auf. Das Deutsche Musikarchiv, an das auf gesetzlicher Grundlage von Musikverlegern jeweils ein Exemplar eines Liederbuchs, einer Partitur oder eines Tonträgers zu übergeben ist, hält allerdings etliche Tonträger mit dem Lied in seinem Bestand: Von 29 Langspielplatten tragen 20 den Titel Die Wacht am Rhein, zwei weitere Rheinisches Volkslieder-(sic!)Potpourri und Vor 100 Jahren und jetzt – Großes historisches Musikpotpourri. Und natürlich singt auch Heino das martialische Lied zusammen mit Der Gott der Eisen wachsen ließ und dem von den Nationalsozialisten missbrauchten Flamme empor auf den LPs Uns geht die Sonne nicht unter (1977) und Aus grauer Städte Mauern (1978). Damit wurde er ungewollt Vorbild für den „Nationalbarden“ Frank Rennicke, der 1984 auf der LP Das Lied der Deutschen ebenfalls diese Lieder und zusätzlich das Deutschlandlied mit drei Strophen sang (Neuauflage CD 2010).

Kaum ein Lied hat so viele Parodien erfahren wie Die Wacht am Rhein. Von 1880 bis 1927 sind fast 40 Versionen bekannt geworden.

Loben einige Versionen die Feuerwehr („das ist die tapfere Feuerwehr, / sie leuchtet uns so hoch und her“) und den Einsatz des Feuerwehrmanns („ihn schrecket nicht der Flamme Glut, / er rettet Leben, Hab und Gut“), so entstehen nach den Sozialistengesetzen (1878 bis 1890) gleich mehrere sozialkritische, zur Solidarität aufrufende Texte wie: „Es tönt ein Ruf von Land zu Land: / Ihr Armen reichet euch die Hand“ (Arbeiter-Feldgeschrei), „Es geht durchs Land ein Schrei der Not: /des Volkes Freiheit ist bedroht!“ oder das Lied zum 1. Mai mit der ersten Strophe

Die Arbeitszeit, so lang und schwer,
den Geist und Leib bedrückt uns sehr.
Darum zu lindern Not und Plag
Erstreitet den 8-Stunden-Tag!
Hurra im schönen, jungen Mai
nimmt stark und kühn das Volk Partei!

Die Mehrheit der Parodien, vor allem ab 1914, knüpft an den Text des Originals an. Nur einige wenige sind nicht martialisch; sie beziehen sich auf das Wandern („ins Grün, ins schöne, frische Grün, /da wollen wir mit Freuden ziehn“) oder preisen den Fußballsport wie Hoch leb der edle Fußballsport („Es tobt der Kampf, das Leder saust, / Begeisterung zum Himmel braust“). In den anderen sind die Deutschen „hart wie Stahl und Eisen“, ihre Schwerter sind „scharf und blank“ und sie „hau’n [sich] durch mit wucht‘ger Hand / am Donau-, Rhein-, am Weichselstrand“. Aus ganzem Herzen wird gesungen: „Lieb Vaterland magst ruhig sein, / fest schlägt die deutsche Faust, die deutsche Faust jetzt drein!“. Und ganz im Sinne des auf Feldpostkarten aufgedruckten Ausspruch Bismarcks „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“ heißt es in einer anderen Liedversion „bedroht der Feind uns noch so sehr, / wir Deutschen fürchten ihn nicht mehr“ und in einer weiteren „und wenn die Welt voll Teufel wär‘ / wir kennen keine Bange mehr“!

Andererseits – so ganz sicher scheint man sich nicht zu sein: In mehr als der Hälfte der 18 Nachdichtungen, die im Ersten Weltkrieg entstanden (von denen einige erst danach Aufnahme in Liederbücher fanden), wird auf Gott vertraut (wie in der letzten Strohe des Originals): „und droht der Feind in Ost und West, / Deutschland vertraut auf Gott und steht fest!“, „Wer Gott vertraut, / hat wohl gebaut!“ und „Lieb Vaterland erwache neu / auf das Gott wieder mit uns sei!“. In manchen Versionen wird Gott für das deutsche Volk vereinnahmt: „Gott lässet nie, Gott lässet nie sein Volk allein“ oder „durch dick und dünn, durch Not und Tod / führ du dein Volk, Herr unser Gott!“, und zuversichtlich wird gesungen: „zum Krieg, zum Krieg, zum heil’gen Krieg, / uns führt Immanuel [hebr. „Gott mit uns“, Bezeichnung für Gott, Anm. G.N.] zum Sieg!“

Vom Tod dagegen ist nur selten die Rede. Immerhin wird der Toten gedacht: „Bei diesem Sturm viel Blut auch floß / manch junges Leben hat‘s gekost‘“ oder „in deiner kühlen Erde ruht / so manches tapf‘res Soldatenblut“ und „viel hunderttausend fehlen nun, /die in den Heldengräbern ruhn“. Denkt man ausnahmsweise an den eigenen Tod, so ruft man vorweg den Hinterbliebenen zu: „Rinnt in den Sand mein Herzblut rot / seid stolz, ich starb den schönsten Tod“.

Im letzten Kriegsjahr als auch in der Heimat die Lebensmittel knapp wurden, entstanden folgende Spottverse:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
In Mannem* sind Kartoffle all.
Eier, Butter, Schinken, Speck
Fressen uns die Reichen weg.
Und füttern uns wie’s liebe Vieh
Mit Rüben und Kohlrabibrüh.

*Mannheim, in einer anderen Version: Frankfurt

Und nach dem erzwungenen Rücktritt von Kaiser Wilhelm II. im November 1918 war vor allem in den Arbeitervierteln Berlins folgende Version zu hören:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
es sitzt ein Mann im Schweinestall,
der einstmals war von hohem Stand
und Wilhelm II. sich hat genannt.
Er floh nach Holland hin geschwind
mit Stab und Hofnarr, Weib und Kind.
Das nennt man Lieb‘ zum Vaterland,
wie er’s im Krieg so oft genannt.

Zum Schluss noch die beiden letzten Zeilen aus der Parodie des Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze von 1884, die mir besonders gut gefallen: „Wacht ihr am Rhei so viel derr wollt, / In Frankfort lasst mich schlafe“!

Georg Nagel, Hamburg

Verwendete Literatur:

Georg Scherer und Franz Lipperheide (Hrsg.): Die Wacht am Rhein, das deutsche Volks- und Soldatenlied des Jahres 1870. Mit Portraits, Facsimiles, Musikbeilagen, Uebersetzungen etc. Zum Besten der Carl Wilhelm’s-Dotation und der deutschen Invalidenstiftung herausgegeben. Lipperheide, Berlin 1871.

Walter Moßmann/Peter Schleuning: Alte und neue Lieder. Entstehung und Gebrauch, Texte und Noten. Hamburg 1978. (Moßmann: Die Wacht am Rhein, Überlegungen zu drei Liedern, S. 17-80).

Wolfgang Steinitz: Der Grosse Steinitz. Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band I und II. Westberlin 1979.

Vom Kriegs- zum Wanderlied. Zur Entstehung und Rezeption von Albert Methfessels „Hinaus in die Ferne“

Albert Methfessel

Hinaus in die Ferne

Hinaus in die Ferne mit lautem Hörnerklang,
die Stimmen erhebet zum männlichen [mächtigen] Gesang.
Der Freiheit Hauch weht kräftig durch die Welt,
ein freies, frohes Leben uns wohl gefällt.

Wir halten zusammen, wie treue Brüder tun,
wenn Tod uns umtobet und wenn die Waffen ruh'n.
Uns alle treibt ein reiner, freier Sinn,
nach einem Ziele streben wir alle hin!

Der Hauptmann, er lebe! Er geht uns kühn voran.
Wir folgen ihm mutig auf blut’ger Siegesbahn.
Er führt uns jetzt zu Kampf und Sieg hinaus.
Er führt uns einst, ihr Brüder, ins Vaterhaus.

Wer wollte wohl zittern vor Tod und Gefahr?
Vor Feigheit und Schande erbleichet unsere Schar.
Und wer den Tod im heil'gen Kampfe fand
ruht auch in fremder Erde im Vaterland.

Denkt man zunächst an ein Wanderlied, so wird einem spätestens in der dritten Strophe klar: Es geht in den Krieg. Der Komponist und Dirigent Albert Methfessel (1785-1869) verfasste dieses Marschlied 1813 in Rudolstadt (Thüringen). In diesem Jahr hatten in Deutschland die Befreiungskriege gegen die Herrschaft Napoleons begonnen. Zusätzlich zu den bestehenden Heeren wurden Freiwillige aufgerufen, sich zum „Freiheitskampf“ zu melden. Methfessel, der zu jener Zeit Hof- und Kammersänger war, leistete mit dem Lied einen musikalischen Beitrag für das Freicorps, das im damaligen Fürstentum Schwarzberg-Rudolstadt aufgestellt wurde.

Es ist die Zeit der Erhebung gegen Napoleon und zugleich die der Kriegsgedichte und -lieder. Theodor Körner, der spätere Adjutant Lützows (Kommandant des Freicorps „Schwarze Jäger“), schrieb mit 22 Jahren 1813 sein Gebet vor der Schlacht und das bekannt gewordene Lied Lützows wilde, verwegene Jagd (Text hier); beide Gedichte wurden von Karl Maria von Weber vertont. Bereits 1812 hatte Ernst Moritz Arndt‚ „der bedeutendste Lyriker der Epoche der Freiheitskriege“, sein Vaterlandslied („Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte…“) geschrieben (Text hier), das von Methfessel vertont wurde. Es ist anzunehmen, dass das Vaterlandslied ihn zum Text von Hinaus in die Ferne inspirierte.

Passend zur beabsichtigten Wirkung des Methfessel’schen Liedes klingt die erste Zeile wie ein Trompetensignal. Zuhörer und Sänger werden aufgefordert, dem Signal zu folgen und – euphemistisch ausgedrückt – „in die Ferne“, tatsächlich in den Krieg zu ziehen. Beschwingt geht die Melodie weiter;  im 4/4-Takt ließ sich gut danach marschieren, und außerdem ist „der Freiheit Hauch“ zu spüren. Beschworen wird der Zusammenhalt, vor allem „wenn der Tod uns umtobet“ [Hervorh. durch d. Verf.]. Hier ist noch keine Rede davon, dass es auch die Sänger selbst treffen kann. Es kommt darauf an, dem kühnen Hauptmann, der die Soldaten zum Sieg führt,  in den Kampf zu folgen (hier wird das nazistische „Führer befiehl! Wir folgen dir“! [Von Finnland bis zum Schwarzen Meer] vorweg genommen). So stimmungsvoll und aufrüttelnd die ersten drei Strophen daherkommen, in der 4. und letzten wird es ernst. „Tod und Gefahr“ sind allgegenwärtig, und wer den Tod findet „im heil’gen Kampf“, dem wird – und Methfessel meint es ernst – Trost gespendet: „Auch in fremder Erde [ruht  er]  im Vaterland“.  Eine Trostvariante, die an Ernst Moritz Arndts Gedicht Vaterlandslied erinnert, in dem es in der letzten Strophe heißt: „Wir siegen oder sterben hier / den süßen Tod der Freien“. Und im NS-Lied Ob’s stürmt oder schneit (sog. Panzerlied) heißt es in der dritten Strophe: „Was gilt denn unser Leben / für unsres Reiches Wehr? / Für Deutschland zu sterben, / ist unsre höchste Ehr’.“ Kriegspropaganda 1813 und 1935.

Beliebte Lieder, vor allem die mit eingängigen Melodien, werden häufig umgedichtet, geändert oder parodiert. Auch der Melodie von Hinaus in die Ferne wurde ein anderer Text unterlegt. Von den vielen zum großen Teil heute nicht mehr bekannten Umdichtungen werden hier nur einige erwähnt.

Von Chr. Blickhart stammt der Text des Turnerlieds Hinaus in weite Ferne, an Wald und Flur entlang (1860). Und mit dem Erfolg der Turnerbewegung entstehen weitere Turnerlieder. So dichtet 1865 ein unbekannter Verfasser Turners Wanderlust, endend mit den Zeilen „Die Freiheit sei stets unser Feldgeschrei / und unser Wahlspruch bleibe: frisch, fromm und frei.“ Ein weiteres Turnerlied, das zum Wandern auffordert, stammt aus der Feder von Ernst Klaar Hinaus, freie Turner, hinaus ins grüne Feld (1908). Die parodistische Strophe „Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck“, die vermutlich aus Kreisen der Burschenschafter stammt, wurde in den 1950er und 60er Jahren auf Klassenausflügen gern gesungen:

Hinaus in die Ferne
Mit Butterbrot und Speck.
Das mag ich ja so gerne,
Das nimmt mir keiner weg.
Und wer das tut,
Dem hau‘ ich auf die Schnut’,
Dem hau‘ ich auf die Nase,
Dass sie blut‘.

Der Originaltext von Methfessel wurde nach seiner Veröffentlichung als Beilage der Zeitung für die elegante Welt (Leipzig, 31. März 1814) im 19. Jahrhundert in zahlreiche Gebrauchsliederbücher aufgenommen. Seine Popularität setzte sich im 20. Jahrhundert fort, nachdem es von der Jugendbewegung als Wanderlied rezipiert wurde.

Nach Beendigung des Ersten Weltkriegs erlebt das Lied einen weiteren Rezeptionshöhepunkt. Erstaunlicherweise findet es sich mit allen vier Strophen auch in Liederbüchern der Arbeiterturnjugend, der Pfadfinder, der „Christlichen Männerjugend“  und der Gewerkschaftsjugend. Hier, wie in der Rezeption durch die Jugendbewegung, scheint sich die Auffassung des Musikwissenschaftlers Heinrich Lindlar zu bewahrheiten, nach der die Melodie oft wichtiger als der Text ist (vgl. Heinrich Lindlar in: Meyers Handbuch über die Musik. Mannheim: Verlag Bibliographisches Institut 1972,  S. 222).

Dagegen verwundert es nicht, dass die vier Strophen in deutschnationalen, deutsch-völkischen, in SA- und in soldatischen Liederbüchern weite Verbreitung fanden. Auch Schulbücher und studentische Liederbücher haben das Lied aufgenommen. Wie populär es war, zeigt sich auch darin, dass allein bis 1933 sieben Bücher mit dem Lied im Titel erschienen  (sogenannte Verselbständigung des Incipits), darunter vier für Wanderer und das 1943 in der 1. und 1962 in der 4. Auflage erschienene Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck. Die schönsten Parodien von Goethe bis George von Ernst Heimeran.

Nach 1945 erscheinen nur wenige Liederbücher mit dem Lied, darunter einige für Wanderer, andere mit dem Begriff Heimat im Titel. Im Liederbuch mit der stärksten Auflage in Deutschland, in der Mundorgel, (11 Millionen Textauflage) ist Hinaus in die Ferne nicht vertreten. Vereinzelt wurde und wird es nach wie vor von Männer- und Kinderchören gesungen, überwiegend ohne die beiden letzten Strophen. Betrachtet man jedoch die beachtliche Zahl von Tonträgern mit dem Lied (vgl. Deutsches Musikarchiv, Hinaus in die Ferne, Nr. 1 bis 126), so wurde und wird es weiterhin gern gehört. Zumindest von denen, die früher Tony Marshall oder die Melodie mit dem Sound von James Last, Max Greger und anderen mochten und heute Ernst Mosch und seine Egerländer Musikanten mögen.

Georg Nagel, Hamburg