Zauberformel im karnevalistischen Olymp: Das „Heile, heile Gänsje“ von Martin Mundo (1929) bzw. Ernst Neger (1952)

Martin Mundo/Ernst Neger

Heile, heile Gänsje

Bei all den kleinen Kinderlein
gibt's manchen großen Schmerz,
hat's Püppchen was am Fingerlein,
bricht Mutti fast das Herz.
Dann kommt die Mama schnell herbei,
nimmt's Kindchen auf den Schoß
und sagt bedauernd: „Ei, ei, ei,
was hat mein Kindchen bloß?“
Bewegt sie es ans Herze zieht
und singet ihm zum Trost das Lied:

Heile, heile Gänsje,
‘s is bald widder gut,
‘s Kätzje hot e Schwänzje,
‘s is bald widder gut.
Heile, heile Mausespeck,
in hunnert Jahr‘ is alles weg.
Heile, heile Mausespeck,
in hunnert Jahr‘ is alles weg.

Und ist das Kindchen größer dann,
erwacht im Herz die Lieb.
Es dreht sich alles um den Mann,
den bösen Herzensdieb.
Und wenn das Herz in Flammen steht
vor Liebe, Lust und Glück,
der Mann gar oft von dannen geht,
läßt weinend es zurück.
Dann singt die Mutter angst und bang
das Lied das sie dem Kind einst sang:

Heile, heile Gänsje [...]

Das Leben ist kein Tanzlokal,
das Leben ist sehr ernst;
es bringt so manche Herzensqual,
wenn du es kennen lernst.
Doch brich nicht unter seiner Last,
sonst wärest du ein Tor,
und trag, was du zu tragen hast,
geduldig mit Humor.
Und denk dein ganzes Leben lang
ans Lied, das dir die Mutter sang:

Heile, heile Gänsje [...]

[Diverse Zusatzstrophen mit Zeitbezug, z.B. (von Georg Zimmer-Emden):]

Wär ich einmal der Herrgott heut,
so wüsste ich nur ääns:
Ich nähm‘ in meine Arme weit
mein arm‘ zertrümmert Määnz
und streichelt‘ es ganz sanft und lind
und sag: „Hab nur Geduld,
ich bau‘ dich widder auf geschwind,
du warst doch gar nicht schuld.
Ich mach‘ dich widder wunnerschee,
du kannst, du darfst nit unnergeh!“

Heile, heile Gänsje [...]

     [Rohtext von Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Kinderlieder. 
     Mainz 1997, S. 68 f. Versgliederung, kleinere Veränderungen bei 
     Orthographie und Interpunktion von mir.]

Das 1929 für die Mainzer Fasenacht von Martin Johann Mundo (1882-1941) getextete, komponierte und auch vorgetragene Lied hat ältere Wurzeln in Kinderreimen des 19. Jahrhunderts, die man kleinen Kindern – im sog. ,Hätschelalter‘ – zum Trost vorsagte, wie z.B. „Heile, heile Segen! / Morgen gibt es Regen, / Uebermorgen Schnee: / Thut’s Kindle nicht mehr weh.“ Oder: „Heile, heile Kätzchen / ’s Kätzchen hat vier Beine / Und einen langen Schwanz: / Morgen ist Alles wieder ganz!“ usw. usw. Solche Sprüche sind bei Karl Simrock (Das deutsche Kinderbuch) und in vergleichbaren Sammlungen traditioneller Kinderverse und -lieder mehrfach überliefert, darunter auch Varianten mit dem Anfang „Heile, heile Gänsje“.

Martin Mundo war seinerzeit eine tragende Säule des MCC, der in vielen Auftritten die Rolle des Vater Knörzel verkörperte. Für die Zeit des Nationalsozialismus, der in Mainz ohnehin nur schwer Fuß fassen konnte, wird er als prominente karnevalistische Widerstandsfigur angeführt. So berichtet der Historiker Markus Leifeld in einem Interview von einer giftigen Büttenrede Mundos über die ,Idiotie des Herings‘, die in der Kampagne 1935 Hermann Göring aufs Korn genommen hatte. Dieser satirische Angriff blieb nicht ohne Folgen: Die Nazis verhafteten ihn und andere Narren und durchsuchten seine Wohnung, woraufhin seine Frau einen Herzinfarkt erlitt. Um 11.11 Uhr ließ ihn der Mainzer Gauleiter wieder frei, bezeichnete alles als einen Ulk und lud die Narren zu einem Katerfrühstück. Heile, heile Gänsje?

Zu seinem durchschlagenden, viele Jahre überdauernden Erfolg verhalf dem Karnevalsschlager nach dem Zweiten Weltkrieg dann allerdings der ,singende Dachdeckermeister‘, Ernst Neger. Mainz war damals durch den britischen Bombenangriff vom 27. Februar 1945 fast komplett zerstört, außerdem durch die politische Zonengliederung der Alliierten von seinen rechtsrheinischen Stadtteilen abgetrennt. Als Ernst Neger das Lied im Jahre 1952, ergänzt um eine (manchmal auch zwei) aktualisierende Zusatzstrophe(n) von Georg Zimmer-Emden, vortrug, rührte er sein Saalpublikum zu Tränen. (Übrigens hatte bereits Mundo seiner Liedfassung ein politisches da capo angehängt, das damals auf die französische Besatzung gemünzt war; vgl. den einschlägigen Wikipedia-Artikel.) In den Folgejahren forderte man nach jedem seiner Auftritte rituell das ,Gänsje‘ als Zugabe.

In den Wirtschaftswunderjahren schien sich die Lehre des Trostliedes zu bewahrheiten, sein psychologischer Doppelbezug – Erinnerung an die erlittenen Verletzungen und zugleich die Erfahrung der den Schrecken mildernden, ja ,heilenden‘ Wirkung der verstreichenden Zeit – besaß damals eine ungeheure emotionale Wucht, die ein heutiges Publikum – zumindest als Kollektiv – kaum mehr nachvollziehen kann. Insofern verwundert es mich einigermaßen, dass das Heile-Gänsje 2009 bei einer Umfrage des Südwest-Fernsehens (überregionale Befragungen erbringen natürlich andere Ergebnisse!) unter 111 zur Auswahl angebotenen Karnevalhits immer noch den Spitzenplatz belegte. Einen wesentlichen Teil besagter ,Wucht‘ schreibe ich dem Regressions-Angebot des Liedes zu: Dem Rezipienten wird die Rolle eines Kleinkinds angetragen, er darf sich fallen und von einer liebevollen, mütterlichen Sprecherinstanz trösten lassen. Tränen sind in dieser Situation ausdrücklich erlaubt, auch und gerade im karnevalistischen Rahmen, der ohnehin die Normen des Alltags lockert.

Durch den Beginn der deutschlandweiten Fernsehübertragungen der zentralen Prunksitzung der größten Mainzer Karnevalsvereine im Jahre 1955 erlangte das Heile-Gänsje einen nationalen Bekanntheitsgrad, Ernst Neger und sein blinder Begleiter am Klavier, der Pianist und Komponist Toni Hämmerle, stiegen zu Karnevalstars auf. Mit dem Humba Tätärä, einem eigenen Titel, der bereits auf einen neuen gesellschaftlichen Hintergrund verweist, konnte das Duo 1964 seinen früheren Mega-Erfolg noch einmal wiederholen, wenn nicht sogar toppen.

Die Erzählstrophen des Liedes von Martin Mundo berichten von der ersten Erfahrung eines Kleinkinds mit der tröstlichen Zauberformel vom ,Heile-Gänsje‘ und einer späteren Wiederholung (bzw. lerntheoretischen ,Befestigung‘) dieser Situation im jugendlichen Alter. Die dritte Liedstrophe formuliert dann eine aus jenen Erfahrungen ableitbare lebenspraktische, im Grunde stoische Quintessenz: Man dürfe sich von Leid und Unglück nicht unterkriegen lassen, sondern müsse sein Schicksal mit Geduld und Humor annehmen. Dabei helfe einem die in dem alten Kinderlied aufgehobene Erfahrung, dass Zeit alle Wunden heile. Allerdings lohnt es sich, den Refrain dieses (vorgeblichen) Trostliedes genauer zu betrachten.

Die Verse des Refrains sind kürzer als die der erzählenden Liedstrophen, in der Folge stehen die Reime hier dichter. Einigermaßen unsinnige Aussagen bzw. Satzfragmente, mischen sich mit suggestiv wiederholten Beschwörungen, dass die Welt bald wieder in Ordnung kommen, der Schaden wieder heilen wird. Als ,Gesamtkunstwerk‘ erinnert der Refrain des Liedes an einen Zauberspruch, der seine Kraft nicht aus logischer Argumentation zieht, sondern aus einem sprachlichen Ritual, das von einem machtvollen Sprecherfigur (hier einer gegenüber dem Kind allmächtigen Mutterfigur) korrekt artikuliert wird. Damit funktioniert die ,Zauberei‘ dieses Liedes durchaus analog zum priesterlichen Vollzug eines katholischen Sakraments oder zum Aufsagen eines Merseburger Zauberspruchs durch einen kompetenten Heiler. Von den genannten Vergleichsritualen unterscheidet sich unser Refrain natürlich durch Bausteine, die der kindlichen Vorstellungssphäre entsprechen, und einen ganz speziellen, verzweifelten Humor: „Heile, heile Mausespeck, / in hunnert Jahr‘ is alles weg.“ Absolut mitgedacht wird hier, wenn auch wahrscheinlich nicht auf Seiten des zu tröstenden Kindes, aber mit Sicherheit auf Seiten der tröstenden Mutter, dass für einen Menschen seine Leidenszeit erst mit dem Tode beendet sein wird.

Dass wir Menschen diese eine Sicherheit haben, nicht mehr – aber eben doch wenigstens diese, ist wirklich tröstlich und ein echter Fortschritt, z.B. gegenüber jenen dialektischen Angeboten, die uns von Religionen angeboten werden. Besagte Einsicht scheint mir zutiefst humoristisch und somit gebührt dem Heile-Gänsje sein Platz im karnevalistischen Olymp auch zu Recht. (Dass das auch die Jecken von der kölschen Konkurrenz so sehen, gereicht ihnen unbedingt zur Ehre!)

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Leckeres vom Piraten: „Schrumpfkopf im Rumtopf“ von Mr. Hurley & Die Pulveraffen (2015)

Mr. Hurley & Die Pulveraffen

Schrumpfkopf im Rumtopf

Der Captain gibt Befehle, der Bootsmann treibt uns an, 
Der Schreiner macht das Holzbein, der Doktor bringt es an. 
Und so tut jeder seinen Teil, doch einer fehlt da noch: 
Was wär eine Piratenmannschaft ohne ihren Koch?
Und unser Smut heißt Fischkopp, ein legendärer Mann, 
Der richtig klasse saufen, dafür gar nicht kochen kann. 
Es riecht aus der Kombüse, so als mische er da Gift. 
Selbst die Ratten verlassen das stinkende Schiff!

Es gibt nur: Mottengift im Trockenfisch, 
Froschkot im Stockbrot, 
Nagetier im Lagerbier 
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Die Ratte wird geröstet, die Katze wird püriert 
Und samt Salatbeilage bis zur Perfektion frittiert. 
Ich guck in meinen Eintopf und der Eintopf guckt zurück – 
Ich ekel mich, doch Fischkopp mahnt: Das Auge isst man mit!
Dein Körper wird geschunden und du wirst schlecht bezahlt. 
Das ist ein echter Knochenjob als einfacher Pirat, 
Und wenn du nach getaner Arbeit einen heben willst, 
Gibt's vom Fuß gekratzten Pilz im gut gezapften Pils.

Und dazu Mottengift im Trockenfisch [...] 

Und dann noch: Sacklaus im Labskaus, 
Ledergarn im Lebertran, 
Störlaich im Dörrfleisch, 
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Gar schrecklich war das Sakrileg in jener finstren Nacht. 
Er schändete all das, was für uns heilig und sakral. 
Er schlich sich in den Laderaum, hat teuflisch noch gelacht (hahahahaha) 
Und schmiss in unser Schnappesfass nen fetten Räucheraal.

Schnappes mit'm Aal drin, das ist ja wohl Wahnsinn! 
Delirium, Delarium, das schmeckt ja nach Aquarium! 
Hopp, hopp, hopp, Aal in Kopp! 
Und wenn du'n Kater hast, Zeit für ... Aal.

Es gibt nur Mottengift im Trockenfisch [...]

Und dann noch: Sacklaus im Labskaus [...]

Und dazu: Stiefelfett im Zwiebelmett! 
Musketenschrot im Käsebrot! 
Läusedreck im Mäusespeck!
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Achselschweiß im Wassereis! 
Tote Ärsche im Club Mate!
Maden im Fladen! 
Und Schrumpfkopf im Rumtopf!

Hey!

     [Mr. Hurley & Die Pulveraffen: Timezone 2015.]

Nachdem ich gerade meine Besprechung von Willi Ostermanns ,Krätzchenlied‘ De Wienanz han ‘nen Has em Pott zu Ende und meine Magensäfte gewissermaßen in Wallung gebracht habe, frage ich mich, ob das kulinarische Thema unter karnevalistischen und poetischen Gesichtspunkten womöglich noch mehr hergeben könnte. Mr. Hurley und seine Pulveraffen geben darauf eine entschiedene Antwort: Es kann!

Vielleicht sollte man einer Würdigung dieses Songs vorausschicken, dass seine Zugehörigkeit zum karnevalistischen Genre eine komplizierte und nicht von vornherein intendierte ist. Bei Mr. Hurley & Die Pulveraffen handelt es sich laut deren eigener Homepage um eine Piratenband aus der ,Osnabrückischen Karibik‘, die – mit Gitarre, Akkordeon, Flöten, Trommeln und drei Gesangsstimmen bewaffnet – musikalisch irgendwo zwischen Walt Disney und Motörhead herumschippert. Sie präsentiert – piratisch kostümiert – auf Folklore- und Mittelalterfesten, notfalls auch in Wacken humorvolle deutschsprachige Eigenkompositionen, die von traditionellen Seefahrerliedern inspiriert sind. Das Ganze wird bündig unter ,Grog’n Roll‘ zusammengefasst.

Alles zusammen stellt sich für mir hinreichend närrisch dar, um ihr Kombüsenlied Schrumpfkopf im Rumtopf, das sich auf dem dritten Album der Band, betitelt Voodoo (2015), findet, in enger räumlicher Nähe zu Größen des rheinischen Karnevals zu besprechen. Bei diesem Entschluss hat das Wissen um eine gewisse Unschärfe der Textsorte ,Karnevalslied‘ Pate gestanden: Nicht wenige ,echte‘, d.h. speziell für karnevalistische Auftritte geschaffene Lieder wurden mit der Zeit so populär, dass sie ihren Funktions- und Einsatzbereich gewaltig ausdehnten (vgl. Ernst Negers Humba-Tätärä, Walter Rothenburgs So ein Tag usw.). Umgekehrt gab es allgemeine Spaß-, Party- und Gaudilieder, die erst im Laufe der Zeit von Jecken entdeckt und vereinnahmt wurden. Dem hier vorgestellten, rezeptionsgeschichtlich ja noch taufrischen Appetithappen aus der Piraten-Kombüse traue ich eine solche Karriere durchaus zu. Wenn wir durch die hier erfolgende karnevalistische Adelung des Songs die Ausdehnung des rheinisch-süddeutschen Narrenwesens in die nördlichen und östlichen Landstriche unserer Republik vorantreiben sollten, würden wir das billigend in Kauf nehmen.

Zum Lied selber will und kann ich nicht allzu viel sagen; eine Nation, die sich tagtäglich ununterbrochen von Kochsendungen berieseln lässt, die mit Spitzenköchen wie Alfons Schuhbeck, Alexander Herrmann, Johann Lafer oder Jamie Oliver – auf Augenhöhe! – Raffinessen wie die angemessene Dosierung von Maracuja-Powder auf dem Frühstücksei, die optimale Niedertemperatur der Eisbombe ,Fürst Pückler‘ oder die potenzsteigernde Wirkung einer Karpfenfütterung mit Süßholz-Pellets diskutiert, ist wahrlich nicht darauf angewiesen, von mir auf die genialen Kreationen von Smutje Fischkopp hingewiesen zu werden. Mit Heinrich von Kleist kann man da nur ausrufen: Das reimt sich (und wie!!!), und wer recht von Herzen Feinschmecker sein will, wird schon das eine oder andere für sich lecker finden.

Jetzt sage ich nur noch: Nachkochen!

Hans-Peter Ecker, Bamberg

P.S. In Wien bezeichnet man bekanntlich Silberzwiebeln als „Augen“; aber ich mache mir eigentlich keine Sorgen, dass in unserem Lied der Eintopf nicht mit richtigen Augen zurückguckt.

In der Pfanne sind alle Braten grau – miau, miau, miau! „De Wienanz han ‘nen Has‘ em Pott“ von Willi Ostermann (1908)

Willi Ostermann

De Wienanz han ´nen Has´ em Pott 

Em Laurenzgittergäßje, do eß bekränz en Huhs.
Am ehzte Stock vun bovve kütt decke Qualm eruhs.
Die Kinder sin am springe un zweschendurch, wie doll,
„Ja beim Souper“ am singe, in „a“, in „b“ un „moll“.
Was mag dat für ein Juja sein, en Freud un ´ne Buhei?

[Im Laurenzgittergässchen, da gibt’s ein bekränztes Haus,
im ersten Stock von oben kommt dicker Qualm heraus. 
Die Kinder sind am Springen und zwischendurch, wie toll, 
„Ja beim Souper“ am Singen, ein „a“, ein „b“ und moll. 
Was mag das für ein Gejuchze sein, eine Freude und ein Spektakel?]

De Wienanz han ´nen Has´ em Pott, miau, miau, miau.
Dä Höövelmanns ihr Katz es fott, miau, miau, miau.
Dat Dhier, dat sohß noch jestern Naach, miau, miau, miau,
met singem Bräutijam om Dach, miau, miau, miau.

[Die Wienands haben einen Hasen im Topf, miau, miau, miau. 
Den Hövelmanns ihre Katze ist fort, miau, miau, miau. 
Das Tier, das saß noch gestern Nacht, miau, miau, miau – 
mit seinem Bräutigam auf dem Dach, miau, miau, miau.] 

Der Has, dä jetz em Kessel als Broode log zoräch,
dä hat des Ovends vörher ´ne Schoß mém Bässen kräg.
Natürlich wor för immer des Naaks jetz en d´r Kall
et met de Randewühzjer un met d´r Liebe all.
Broch och däm ärmen Dhier et Hätz, die Haupsaach dobei eß:

[Der Hase, der jetzt im Kessel als Braten (schön) zurecht (gemacht) lag, 
der hat am vorherigen Abend einen Schuss mit dem Besen abgekriegt. 
Natürlich war für immer nachts jetzt in der Dachrinne 
es mit den Rendezvüchen und mit der Liebe vorbei.
Brach auch dem armen Tier das Herz, die Hauptsache dabei bleibt (aber):]

De Wienanz han ´nen Has´ em Pott, miau, miau, miau [...]

Wat wor dat för e Kische un Rötsche op de Bänk.
Denn en d´r Schull die Pute, dat Laache nohm kein Engk.
Der Lehrer wor am schänge: „Wollt ihr wohl ruhig sein,
was habt Ihr denn heut morgen, was fällt euch Bengels ein?
Do sung dä kleine Färdenand, met im die ganze Klaß:

[Was war das für ein Brodeln und Gerutsche auf den Bänken! 
Dann in der Schule (im Unterricht?) die kleinen Kröten – das Lachen nahm kein Ende.
Der Lehrer war am Schimpfen: „Wollt ihr wohl Ruhe geben,
was ist den heute morgen mit euch los, was fällt euch Bengels ein?
Da sang der kleine Ferdinand, und mit ihm die ganze Klasse:]

De Wienanz han ´nen Has´ em Pott, miau, miau, miau [...]

Esu en Feßlichkeite, die sin nit alle Dag.
Och sitz zom Zobereite nit immer jet om Daach.
Och broht mer nit zo froge: „Wat eß dat för ´ne Jang?“
Ja wer dat nit kunnt rüche, dä hoht et am Jesang.
Denn deef bes en de Naach eren, do heelten sie sich dran:

[Solche Festlichkeiten, die gibt’s nicht alle Tage. 
Auch sitzt zum Zubereiten nicht immer was auf dem Dach.
Auch braucht man nicht zu fragen: „Was ist das für ein Gang?“
Ja, wer das nicht riechen konnte, der hörte es am Gesang.
Denn tief bis in die Nacht herein, da hielten sie sich dran:] 

De Wienanz han ´nen Has´ em Pott, miau, miau, miau [...]

Willi Ostermann (1876-1936) startete seine überaus erfolgreiche Entertainer-Karriere als sog. Krätzchen-Sänger, -Texter und -Komponist. Unter ,Krätzchen‘ (abgeleitet von ,kleine Schramme‘, ,Hieb‘, ,Schmiss‘ usw.) versteht man im Kölner Raum einen Ulk, Streich oder Alltagsschwank. Diese Schnurren sind zumeist humoristisch-harmloser Natur, gelegentlich versteckt sich darin allerdings auch ein bissiger Hintersinn. Sie werden vom ,Krätzchen-Sänger‘ sparsam instrumentiert und hinreichend langsam vorgetragen, damit das Publikum den Text gut versteht. Krätzchen-Lieder werden gerne, aber nicht ausschließlich zur Karnevalszeit gesungen; berühmte Kölner Karnevalisten wie Karl Berbuer, Jupp Schmitz, das Colonia Duett oder De Bläck Fööss sind diesem Genre eng verbunden. Nicht von ungefähr hat gerade die letztgenannte Gruppe viele Ostermann-Lieder neu aufgenommen (so auch De Wienanz han ´nen Has´ em Pott)

Ostermanns Lied vom unverhofften Festtagsbraten bei Familie Wienand lässt sich gut als krätzchengerechter Alltagsschwank mit kleinen, aber nie verletzenden satirischen Akzentuierungen verstehen. Jüngeren Mitbürgern, denen sog. ,schlechte Zeiten‘ bislang glücklicherweise erspart geblieben sind, die davon vielleicht noch nicht einmal mehr durch Familiengeschichten gehört haben, erklärt das Lied ganz nebenbei, wieso im deutschen Sprachgebrauch Katzen auch als ,Dachhasen‘ bezeichnet werden.

Die erste Strophe setzt der Schnurre zusammen mit der letzten (vor dem abschließenden Refrain) einen gewissen erzählerischen Rahmen. Erregt jene die Aufmerksamkeit des Sprechers, so markiert diese deutlich das Ende der Erzählung, wobei sie noch einige Reflexionen über die Besonderheit des Ereignisses anschließt. Visuelle, olfaktorische („decke Qualm“) und akustische Reize (Kindergesang) wirken zu einem ordentlichen „Buhei“ zusammen, das die Nachbarschaft im „Laurenzgittergäßje“ neugierig zusammenlaufen lässt, darunter auch den Sprecher.

Der folgende Refrain gibt schnell die Antwort, im Prinzip ist sogar schon nach seinem ersten Vers alles klar: „De Wienanz han ´nen Has´ em Pott, miau, miau, miau.“ Die Aufklärung über die wahre Natur des Hasenbratens erfolgt katzenmusikalisch, wirkt in dieser Form überraschend und urkomisch. Diese Komik wird einerseits (im Sinne der Freudschen Witz-Theorie) durch den Bruch eines Speisetabus unserer Kultur befeuert, andererseits durch eine ansteckende Albernheit bei der Nachahmung der Katzenlaute in den nächsten Refrain-Versen am Leben gehalten. Der falsche Hase auf der Wienandschen Herdplatte beweist, dass hier derb und offensichtlich auch ohne schlechtes Gewissen ein zentrales Speisetabu unserer Kultur verletzt wird, verputzt doch der Deutsche (wie man gemeinhin annimmt) ohne größte Not keine Haustiere und schon gar keine Streicheltiere!

Der zweite Refrainvers erhärtet, was eigentlich ohnehin schon klar ist: Bei dem, was da lecker im Topf schmurgelt, muss es sich um Hövelmanns Katze handeln, denn die ist abgängig. Dass diese Zeile nicht langweilig wirkt und die Pointe nicht geschwächt wird, liegt m.E. weniger am Informationszuwachs über die Katze, als an der implizit verdeutlichten Dreistigkeit der Wienands, die Katze einer Familie aus der Nachbarschaft zu verspeisen. Dieser Umstand ist als weiterer (im Freudschen Sinne komischer) Tabubruch einzustufen, und dies umso mehr, als die (nun vermutlich kollektive) Sprechinstanz keinerlei Anzeichen einer Entrüstung zeigt. Es spricht alles dafür, dass in diesem Milieu jeder wie die Wienands gehandelt hätte, hätte sich ihm nur die gleiche Chance geboten. Das auch den zweiten Vers des Refrains abschließende „miau, miau, miau“, das vom semantischen Kontext her ziemlich zynisch bzw. schadenfroh wirkt, drängt sich zum Mitsingen auf und bietet dem Publikum des Krätzchens eine voyeuristische Komplizenrolle an, die unter den modalen Vorzeichen der Fiktivität der Situation und des albernen Herummiauens vermutlich von vielen Menschen gerne angenommen wird.

Die Chance, im Chor gemeinsam „miau“ singen zu dürfen, ist aber auch wirklich zu attraktiv, als dass sie ein Meister der Unterhaltung wie Willi Ostermann nicht bis zum Ende ausreizen würde. So gibt er seinen Zuhörern noch zwei weitere Male die Gelegenheit zu diesem Vergnügen. Dennoch werden die Verse drei und vier des Refrains nicht langweilig, da sich der Sänger als neue Überraschung die Anthropomorphisierung der Katze einfallen lässt; er spielt diese Wendung geschickt und mit perfektem Timing für Pointen über Bande, indem der letzte Vers des Refrains vom ,Bräutigam‘ der Katze spricht, die in Vers drei noch als „Dhier“ bezeichnet worden war. Mit dieser neuen Perspektive bekommt die Schnurre nicht nur Anklänge ans sentimentale, komisch-kitschige ,Küchenlied‘ (,gestern noch Braut auf hohen Rossen, heute falscher Hase, durch die Brust geschossen‘), sondern evoziert, ganz dezent natürlich, auch kannibalistische Assoziationen. In allen vier Verszeilen des Refrains sollte man sich die Miau-Passage anders artikuliert vorstellen: freudig-hungrig in der ersten, klagend in der zweiten, liebeskrank in der dritten und verzweifelt in der vierten.

Die nächste Strophe erzählt die Vor- und Nachgeschichte des Wienandschen Bratenglücks, jene aus Sicht der Jäger, diese aus der Perspektive der verliebten Katzen, wobei der Sprecher im Schlussvers allerdings mit einer ebenso entschlossenen wie herzlosen Geste zur ,Hauptsache‘, d.h. dem Festbraten zurückkehrt. Refrain. Die Bratenepisode hatte Zeugen, was nicht ohne Folgen bleibt: Sie beschäftigt bereits die ganze Schulklasse, die vom Lehrer nicht zu beruhigen ist. Er kann schimpfen, wie er will, das Gegickel ist den kleinen Jungs (den „Pute“) nicht auszutreiben; schließlich klärt ihn der Ferdinand mit Unterstützung seiner Kameraden auf: Bei den Wienands hat’s Hasenbraten gegeben, miau, miau, miau … Die letzte Strophe betont zunächst in lakonisch-schlagender Kürze den ,Sensationswert‘ des Ereignisses: Solche Festlichkeiten kommen im Laurenzgittergäßje nicht allzu häufig vor, zumal auch nicht jeden Tag etwas Nahrhaftes in der Dachrinne sitzt. Daraus mag das Publikum selbst den Schluss ableiten, dass dieser ,novellistische Stoff‘ für ein Krätzchenlied allemal ausreicht. Die folgenden, etwas ,unrund‘ angeschlossenen Verse haben dann eigentlich nur noch die Funktion, einen Anlass zu finden, um noch einmal im Chorgesang die Refrainzeilen zum Besten zu geben.

Willi Ostermann karikiert in diesem Lied humorvoll und mit erkennbarer Sympathie das Klein(st)bürgertum Alt-Kölns. Das Laurenzgittergäßje, der Schauplatz der Schnurre, liegt im alten Judenviertel der Stadt. Da die Juden bereits 1424 durch einen Stadtratsbeschluss ,auf ewige Zeiten‘ aus der Kölner Kernstadt verbannt wurden, sehe ich wenig Sinn darin, über einen möglichen antijüdischen Subtext dieses Liedes nachzudenken. Nein, Ostermanns satirischer Blick ist – wie der Heinrich Zilles (1858-1929) auf sein Berliner ,Milljöh‘ – in vielfacher Hinsicht kritisch, aber nie ,böse‘. Er sieht die Schwächen der Menschen, er gewinnt ihnen komische Pointen ab, aber er denunziert seine Pappenheimer nicht, sondern rechnet sich dazu.

Ostermanns humoristischer Blick selegiert. Der Jubel der Wienands über den ihnen unverhofft in den Pott gefallenen Festbraten steht ganz im Vordergrund, aber auch die Nachbarn kommen nicht zu kurz: Sie haben zumindest den Bratenduft in der Nase, dürfen ordentlich gaffen, tratschen und ein Spektakel genießen, das den üblichen Gang der Dinge so wunderbar unterbricht. (Der gesamte Vorgang erinnert mich massiv an das bereits hier im Blog besprochene hessische ,Krätzchen‘ von der Frau Rauscher aus de Klappergass.) Die weniger lustigen Aspekte des Geschehens werden von Ostermann abgeschattet, verklärt, allenfalls ganz kurz angerissen. So spricht er den mehr als unfreundlichen Akt gegen die Nachbarsfamilie Hövelmann nur indirekt im zweiten Refrainvers an; dass sich die Hövelmanns diesen Streich der Wienands vermutlich merken und bei passender Gelegenheit zum rächenden Gegenschlag ausholen werden, muss sich der Hörer des Liedes selber ausmalen. Ihm bleibt es auch überlassen, sich die Erbärmlichkeit von Lebensverhältnissen vorzustellen, die Menschen dazu treiben, über die Haustiere ihrer Nachbarn herzufallen. Auch die Schul-Strophe dürfte arg geschönt sein; ich bin mir relativ sicher, dass es ein Lehrer jener Zeit nicht beim Schimpfen belassen hätte. Sein Rohrstock dürfte die aufsässigen ,Puten‘ in kürzester Zeit Mores gelehrt haben. Letztlich verklärt das Lied auch die heutigen Städtern mit Sicherheit unerträgliche soziale Kontrolle, die im Laurenzgittergäßje herrschte, im Sinne der Gattung ,Krätzchenlied‘ zur gemütlichen Geselligkeit und nachbarschaftlichen Anteilnahme.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

 

Vom Hetero- zum Autostereotyp: Die „Tramps vun de Palz“ von Willi Görsch und Egon Häusler (1977)

Tramps vun de Palz [Stimmungslied-Variante]

Es gibt die Berliner, natürlich auch die Wiener,
Athener und Römer auch,
es gibt auch Exoten, Teutonen und Goten,
die Namen sind Schall und Rauch.
Denn richtige Männer, das wissen die Kenner, 
kommen, das ist alter Brauch,
aus dem wunderschönen Land, die Pfalz genannt, 
die ganze Welt weiss das bald auch:

Wir sind die Tramps, Tramps, Tramps vun de Palz,
uns steht des Wasser immer bis zum Hals,
mir schaffe nix, nix, nix werd gedoh'
krie mer a nix abgezo.

Und wenn wir mal verreisen, nach Bayern 
nach Preussen, freut sich jeder Wirt am Ort,
wir trinken die Fässer, wir sind starke Esser
und über Nacht wieder fort.
Die Mädchen, sie wissen,
wenn wir sie mal küssen, Pälzer Buwe die sind treu,
ja für viereinhalb Stunden sind die Mädchen gebunden 
und dann sind sie wieder frei.

Wir sind die Tramps, Tramps, Tramps vun de Palz [...]

Das Sparen und Schaffen, das Zusammenraffen
bringt doch nur böses Blut,
mit viel guter Laune, man höre und staune,
geht es noch mal so gut.
Wir müssen verduften, wenn andere schuften,
auf uns wartet immer ein Glas Wein,
ja mit Lachen und Singen, die Zeit zu verbringen, 
was kann denn schöner sein.

Wir sind die Tramps, Tramps, Tramps vun de Palz [...]

Kenner wissen, dass der Pfälzer ,soi goldisch Ländsche‘ und vor allem auch ,sisch selwer‘ gerne besingt, möglichst oft und möglichst laut. Seit einigen Jahrzehnten dürfte das Lieblingslied seiner Selbstdarstellung, also gewissermaßen seine Nationalhymne, auf die Refrainzeile Wir sind die Tramps vun de Palz erschallen, die paradoxerweise in den späten siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von gemeinen Nachbarn, nämlich den Rheinhessen Willi Görsch und Egon Häusler, zur Verulkung der Pfälzer ersonnen und mit durchschlagendem Erfolg bei verschiedenen karnevalistischen Auftritten, u.a. im Rahmen der Fernsehsendung Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht, zum Besten gegeben wurde.

Dass die Pfälzer sich dieses Spottlied schnell zu eigen machten, spricht m.E. ebenso für deren souveränen Humor wie für die Qualität des satirischen Angriffs von Görsch & Häusler, die in vielen – hier nicht abgedruckten – Liedstrophen Provinzialität, Naivität, Bauernschläue und, sagen wir mal vorsichtig: Neigung zu einem guten Leben des rheinaufwärts angesiedelten Nachbarvolks thematisierten. Als förderlich für beides – satirische Präzision wie souveräne Aneignung des Fremdstereotyps – mag sich der Umstand erwiesen haben, dass zwar Wormser, Frankenthaler und hochspezialisierte Sprachhistoriker ganz genau wissen, dass die einen Rheinhessen und die anderen Pfälzer sind, sich aber die meisten anderen Menschen (z.B. der gemeine Bamberger ohne nordpfälzischen Migrationshintergrund) extrem schwer damit tun dürften, entsprechende Sprach- und Mentalitätsgrenzen zu ziehen.

Was den Liedtext angeht, ist hauptsächlich der Refrain von Belang. In ihm verdichtet sich das Fremd- und nun offensichtlich auch Eigenstereotyp vom Pfälzer als eines lebenslustigen Gesellen, der vom Arbeiten nichts hält, es deshalb auch zu nichts bringt, deswegen aber keineswegs unglücklich ist: Er tröstet sich mit der Gewissheit, dass ihm das Finanzamt, sofern er nichts leistet, auch nichts abziehen kann. Zumindest Pfälzer werden mir mehrheitlich zustimmen, wenn ich dies mit Matth. 6, 26 als eine grundfromme Einstellung werte: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch.“

Mit dem Refrain definierten die Karnevalisten Görsch & Häusler einerseits eine bestimmte Sprecherrolle, aus der heraus diverse komische Erlebnisse erzählt oder spezifische Charaktereigenschaften demonstriert werden konnten, andererseits animierten sie mit ihm das Publikum zum Mitklatschen und Mitsingen. Der ,Tramp‘-Begriff ist einigermaßen ambivalent: Ursprünglich referierte er auf amerikanische Wanderarbeiter (vgl. auch ,Hobo‘), die Gelegenheitsjobs suchten bzw. auf diese zur Fristung eines kümmerlichen Lebens angewiesen waren. Eine romantisierende Darstellung und Popularisierung erfuhr dieser Sozialtypus durch Charlie Chaplin. Ich vermute, dass zumindest einige Pfälzer auf dieses Rollenvorbild referieren, wenn sie sich selbst als ,Tramps vun de Palz‘ besingen, andere (die Mehrheit?) wird sich unter Tramp vielleicht auch nur einen lustigen Wandervogel vorstellen, der vielleicht im Pfälzer Waldverein organisiert ist. (Es gibt zum Lied entsprechende Zusatzverse!) Görsch & Häusler mögen anfangs vielleicht auch noch die kritischen sexuellen Konnotationen des Begriffs im Sinn gehabt haben (,Flittchen‘, ,Herumtreiber‘), doch dürften die mit der positiven Aufnahme des Songs ins Pfälzer Selbstbild weitgehend verdrängt worden sein, obwohl einige Verse im Stimmungsliedtext genau genommen noch in diese Richtung weisen.

Im Gegensatz zum Refrain des Karnevalslieds von Görsch & Häusler zeichneten sich die Strophen dort durch einen lakonischen Vortragsstil und – zumeist auch – eine spezielle situative Bindung aus, die in der Regel allerdings keinen Beitrag für ein Pfalz-Stereotyp leistete; z.B. war das lustige Duo in der Kampagne 1977 in Kostümen von Olympioniken aufgetreten:

Die Spiele ging‘ los
War famos
Dreisprung Kleinigkeit
Unzufrieden
Ausgeschieden
Weil wir nur zu zweit.

[Refrain]

Im Speerwurf ganz groß
Der Speer flog los
Übers Olympiafeuer
Kam unten an
Eine Taube dran
Das Grillfleisch war ungeheuer.

[Refrain]

Wenn man sich auf Youtube den Gesangsstil des Duos vergegenwärtigt, versteht man, dass sich im Laufe der Rezeption dieses Liedes nur die Refrainstrophe erhalten hat. Sie wurde in der Folge durch weitgehend belanglose, konventionelle Verse ergänzt, um den zündenden Refrain zu einem ,brauchbaren‘ Pfälzer Stimmungslied normaler Länge zu ergänzen, das bei Wein-, Volks- und Vereinsfesten, Geburtstagen, alternativen Weihnachtsfeiern, Kaffee-Fahrten und natürlich immer auch noch bei karnevalistischen Veranstaltungen sein Publikum findet. Unser Eingangsvideo, dort wird der Schlager von Emil, Gerhard und Gunnar: Die Pälzer zum Besten gegeben, illustriert eine solche Situation. Der Vollständigkeit halber erwähne ich noch den intertextuellen Bezug der Phrase ,Pälzer Buwe‘ zu einem in der Pfalz weithin bekannten traditionellen Mundart-Lied gleichen Titels, das seine Beliebtheit einer außergewöhnlichen Häufung dialektaler Schimpf- und Schmähwörter verdankt. Ob der Song von den Pfälzer Tramps, für dessen überregionale Popularisierung übrigens nicht zuletzt Tony Marshall nennenswerte Verdienste zukommen, inzwischen auch als Fan-Gesang des einen oder anderen Fußballclubs Karriere gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

P.S. Auch der amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump scheint ein echter ,Tramp aus der Pfalz‘ zu sein. Seine Vorfahren stammen aus dem bekannten Weindorf Kallstadt (vgl. ,Kallstadter Saumagen‘ – eine der besten Weinlagen Deutschlands, Großlage ,Kallstadter Kobnert‘), ebenso wie die der Ketchup-Dynastie Heinz. Kallstadt gilt im nachbarschaftlichen Umfeld übrigens als ,Brulljesmacher-Metropole‘, d.h. als Zentrum der Sprücheklopfer und Angeber, was sich für einen Tramp vun de Palz prima schickt; zu diesen Zusammenhängen hat Hannelore Crolly in der Welt vom 24.8.2015 einen ebenso amüsanten wie informativen Zeitungsartikel verfasst.

Lokalposse im Appelwoi-Milieu: „Die Fraa Rauscher aus de Klappergass“ von Kurt Eugen Strouhs (Text, 1929) und Norbert Bruchhäuser (Vertonung)

Kurt Eugen Strouhs

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei,
ob des vom Rauscher, ob‘s vom Alte kimmt, des klärt die Bolizei.

Am Sonndag warn mer dribb de Bach, was hammer do gelacht,
so warn zwaa Eheleut beschleucht unn hawe Krach gemacht.
Uff aamal duds en dumpfe Schlag, die Fraa lieht uff de Gass
unn alle Kinner singe laut, des mecht en Heidespass:

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […]

En Griene hot den Fall geseh' un kimmt im Laafschritt aa.
Der Ehemann ruft ganz erschreckt, ich hab er nix gedaa!
Mei Alt, die kennt kaa Maß un Ziel, die hot zuviel gebaaft,
drumm hot der liewe Herrgott sie mit aaner Beul gestraft.

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […]

Jetzt gehts uffs Bolizeirevier, die Buwe hinerdrei.
Des is en intressanter Fall, des leucht doch jedem ei.
De Kommissar is ganz empeert un segt, des is doch doll.
Der Griene, wie sich des geheert, der gibt zu Protokoll:

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […] 

Jetzt wärs genug, die Rauschern hat sich mit ihrm Mann versöhnt,
des kennt mer schon un is mer aach in solche Fäll gewöhnt,
doch so en beeser Zeitungskerl dut mehr als wie seine Pflicht,
am annern Dag stehts dick un braat im Bolizeibericht:

Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hat e Beul am Ei […]

     [Rohtext: frankfurt-interaktiv.de,kleine Veränderungen der Schreibweise
     und Interpunktion von mir.]

 

Das sog. ,Apfelweinlied‘, das bei Frankfurtern und Äppelwoi-Fans einen gewissen Kultstatus genießt, nimmt Bezug auf einen possenhaften Vorfall, der sich im 19. Jahrhundert zugetragen haben soll. Die Heldin mit dem sprechenden Namen „Rauscher“ (= regionale Bezeichnung für den halbvergorenen, ein bis zwei Wochen alten Apfelmost, der bei übermäßigem Genuss in mehrerer Hinsicht ,durchschlagende‘ Wirkungen erzielt) wurde mit einer Beule am Kopf auf der Straße aufgefunden. Zuvor hatten die Eheleute Rauscher „Krach gemacht“, wobei das Lied offen lässt, ob als Ursache des Lärms ein Ehe-,Krach‘ anzusehen ist oder man nur im Suff herumkrakeelt hat. Die eilige Unschuldsbeteuerung des Mannes beim Auftauchen des Polizisten in der zweiten Lied-Strophe deutet darauf hin, dass wahrscheinlich beides der Fall gewesen ist. Jedenfalls endet das Ganze mit einem „dumpfe Schlag“, einem Sturz und einer Beule.

Schnell findet sich eine Horde Gassenjungs ein, denen der Vorfall einen Heidenspaß bereitet. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die Kinder erfassen in ihrem ,Gesang‘ (= Refrain) nicht nur den Sachverhalt, sie erkennen auch sein kriminalistisches Potential: Stammt die Beule von einem Hieb des Ehemanns oder vom Sturz infolge übermäßigen Rauscher-Konsums? Ein ,Grüner‘, d.h. ein Polizist, kommt – vom Lärm und Menschenauflauf alarmiert – angetrabt und macht die Sache amtlich. Obwohl Frau Rauscher der beschwichtigenden Falldarstellung ihres Mannes nicht widerspricht (vielleicht auch zustandsbedingt nicht widersprechen kann), setzt der diensteifrige Polizist das Räderwerk des Staatsapparats in Gang, indem er Opfer und Verdächtigen aufs Polizeirevier verbringt. Die Kinder folgen, das Spektakel lässt sich immer besser an. Sein Vorgesetzter, der „Kommissar“ zeigt sich empört, wobei nicht genau spezifiziert wird, weshalb und worüber. Ich tendiere aber zu der Interpretation, dass er sich darüber aufregt, mit einer Lappalie behelligt zu werden, weil sich der ,Griene‘ daraufhin mit seinem „Protokoll“ des Vorgangs zu rechtfertigen scheint. Sein Protokolltext entspricht dann haargenau dem Gesang der Gassenjungs.

Nun aber scheint sich die Vernunft durchzusetzen. Das Ehepaar Rauscher versöhnt sich, was die Sprechinstanz auch schon erwartet hat. Man kennt das ja: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Die höheren Vertreter der Staatsmacht im Kommissariat scheinen auch kein Interesse an weiterer Aufklärung des Kriminalfalls zu haben, womit eigentlich alle Voraussetzungen gegeben sind, dass in Sachsenhausen (Frankfurter Stadtteil, berühmt für seine vielen Traditionswirtschaften) wieder Frieden und Routine einziehen. Doch dann kommen die ,bösen‘ Medien dazwischen, wieder einmal in Person eines übereifrigen Menschen, der die Posse in den Polizeibericht schreibt und damit stadtbekannt macht. Der Witz der Anekdote richtete sich nur vordergründig gegen die Rauschers, die bald den Status von sog. Alt-Frankfurter Originalen erlangten, in Wirklichkeit aber gegen den bürokratischen Geist der Ordnungsmacht. Obwohl die Frau-Rauscher-Episode selbstverständlich viel weniger dramatisch-tragisches Potenzial bietet als die Hauptmann-von-Köpenick-Geschichte, dürfte sie als Beamten- und Staats-Satire auf einer vergleichbaren Ebene zu verstehen sein.

So genüsslich der Text bei seiner Schilderung des Vorfalls über den diensteifrigen Polizisten, den bösen Mann von der schreibenden Zunft und die unmittelbar Betroffenen herzieht, so erkennbar wird ein weiterer Akteur aus der Schusslinie genommen: das müßige voyeuristische Publikum, das sofort zur Stelle ist, sobald es von einem ,Krach‘ hört, schadenfroh gafft und – weit davon entfernt, helfend oder schlichtend einzugreifen – über den Hergang Spekulationen anstellt. Genau genommen sind es die Gaffer, die durch ihren Tratsch die Bagatelle zum Kriminalfall aufblasen: Noch bevor der Polizist überhaupt am Tatort aufgetaucht ist, wird ihm von der Menge seine Aufgabe zugewiesen: „ob des vom Rauscher, ob‘s vom Alte kimmt, des klärt die Bolizei.“ Die ,Abschattung‘ dieses Aspekts des Geschehens gelingt, weil die sensationsgeile Meute von der Erzählinstanz als Kinderbande deklariert wird, der man ein entsprechendes Verhalten moralisch durchgehen lässt. Mehr noch, als begeisterter (Mit-)Sänger des Schlagers reiht man sich quasi in den Chor der Gassenjungen ein und partizipiert vergnügt am Schauwert des – wie wir gesehen haben – in mehrfacher Hinsicht peinlichen Geschehens. M. E. ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass bei einem entsprechenden Fall überwiegend oder sogar nur Kinder zugeschaut haben sollen; für mich liegt ein bewusster Eingriff des Lieddichters vor, um den kritischen Impetus des Liedes in die gewünschte Richtung zu lenken. (Meinen Beobachtungen nach findet sich dieser Kunstgriff der ,Verschiebung‘ bestimmter Verhaltensweisen oder Aussagen auf Kinder gerade bei Karnevalsliedern übrigens häufiger; einen Parallelfall werde ich demnächst bei der Besprechung von Margit Sponheimers „Gell ich hab dich gelle gern“ zur Sprache bringen.)

Aus der lustigen Lokalsage um Frau Rauscher machte der Graphiker Kurt Eugen Strouhs einen Karnevalsschlager, der sich schnell zum Gassenhauer entwickelte. Eine Frankfurter Website datiert die Entstehung des Textes ganz genau auf den 12.11.1929. Die Vertonung habe später der Redakteur Norbert Bruchhäuser besorgt. Wie unser Video zeigt, hat sich das Apfelweinlied längst von seinem karnevalistischen Anlass emanzipiert und funktioniert auch prächtig bei Weihnachtsfeiern. Es eignet sich sogar als Hymne, wahlweise für Frankfurt-Sachsenhausener Bürger, Bembel-Schwinger oder Fußballfans. So berichtet der einschlägige Wikipedia-Artikel von einem rituellen Auftritt der Frau Rauscher bei Heimspielen der Frankfurter Eintracht, bei dem jeweils der ,Fanclub des Tages‘ ausgelost wird: „Dieser Fanclub erhält 50 Liter Äppelwoi und einen Bembel mit dem Fanclubnamen. Die Figur ,Frau Rauscher‘ wird verkörpert von Marianne Boss, die wiederum zum Carnevalsclub Laternche […] gehört und dort traditionell an sieben Sitzungen im Saalbau Titus-Forum während der Fastnachtssaison mit einem Büttenvortrag auftritt“.

Die ,Fraa Rauscher aus de Klappergass‘ und ihr Lied besitzen für Frankfurter und vermutlich auch viele Südhessen eine identitätsstiftende Bedeutung. Sie haben ihr – selbstverständlich in der Klappergasse – mit dem Fraa-Rauscher-Brunnen des Bildhauers Georg Krämer 1961 ein witziges Denkmal gestiftet, das unvorsichtige Touristen anspuckt. (Auf diese Weise kann es die Frau Rauscher der schadenfrohen Gaffer-Meute endlich doch noch ein wenig heimzahlen …) Die Rodgau Monotones bauten in ihre Hessen-Hymne Erbarme, die Hesse komme eine Referenz an Frau Rauscher und die Klappergass ein. Auch in der Äppelwoi-Branche und Gastronomie hat sich der Name inzwischen als Label für Produkte und Gasthäuser durchgesetzt.

Nachtrag: Bei eventuellen Problemen mit dem einen oder anderen Dialektwort hilft das „Südhessische Wörterbuch“ weiter, wobei man bei der Schreibweise manchmal Varianten durchspielen muss (etwa zum Stichwort „bafen“ = „tüchtig trinken“ ).

Hans-Peter Ecker, Bamberg