Die beste aller möglichen Hymnen: Bertolt Brechts „Kinderhymne“

Bertolt Brecht

Kinderhymne

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.


Sie ist ein Evergreen der bundesrepublikanischen politischen Debatten: die Hymnendiskussion. Zuetzt stand Philipp Amthor in ihrem Mittelpunkt, als er wegen dem in einem Film aus dem Jahr 2018 nach dem Absingen der Nationalhymne geäußerten Satzes „Hier ist keiner von uns Moslem, der das jetzt nicht singen kann.“ von Sawsan Chebli des antimuslimischen Rassismus geziehen wurde. Zur Erklärung führte er den damaligen Debattenkontext an: „Die Situation entstand in einer Zeit, in der viele darüber diskutiert haben, ob Fußballspieler die Nationalhymne mitsingen.“ (rp-online) Nur wenige Wochen vor dieser Diskussion hatte bereits eine ernstzunehmendere Debatte über die Nationalhymne stattgefunden. Zuerst war bekannt geworden, dass bei einer Veranstaltung des „Flügels“ der AFD alle drei Strophen des Deutschlandlieds gesungen worden waren, u.a. von Björn Höcke – dem allerdings, das muss der Fairness halber dazu gesagt werden, dieser Einfall der Saalregie, sei es aus ideologischen oder aus taktischen Gründen, sichtlich nicht zusagte. Einige Tage später äußerte Bodo Ramelow sein Unbehagen angesichts der Tatsache, dass die erste Strophe des Lieds der Deutschen auch in der Zeit des Nationalsozialismus (gefolgt vom Horst-Wessel-Lied) als deutsche Nationalhymne fungierte. Die Äußerung fiel im Kontext der Diskussion über die politischen Fehler, die im Zuge der deutschen Wiedervereinigung gemacht wurden.

Zunächst denkt man dabei wohl an die wirtschaftspolitischen, die temporäre Arbeitslosigkeit als Kollektiverfahrung nach sich zogen, an die personalpolitischen im öffentlichen Dienst, die gefühlt die Kompetenz und Berrufserfahrung der Ostdeutschen, die einen westdeutschen Chef vorgesetzt bekamen, abwerteten, und nicht zuletzt die Fehler in der politischen Kommunikation, als anstelle einer ‚Blut, Schweiß und Tränen‘-Rede von ‚blühenden Landschaften‘ die Rede war, die ‚aus der Portokasse‘ zu finanzieren seien. Seltener wird davon gesprochen, dass im Rahmen der sogenannten ‚akzeptierenden Jugendarbeit‘ flächendeckend eine rechtsradikale Jugendkultur gefördert wurde, was bis heute nachwirkt. Ein diesem Zusammenhang sicher weniger bedeutender, symbolpolitischer Fehler, oder vielleicht besser: eine verpasste Chance, war es, Brechts Kinderhymne nicht zur Nationalhymne zu erklären – anstelle der dritten Strophe des Lieds der Deutschen, das, entstanden als national-liberales Trinklied, dann nach und nach zum reaktionären Kampflied verkam, welches Friedrich Ebert 1922 als vergebliche Geste des guten Willens gegenüber der republikfeindlichen Rechten zur Nationalhymne der Weimarer Republik erklärte. Den Vorschlag der Kinderhymne als neue gesamtdeutsche Nationalhymne, für den sich in der Wendezeit nicht nur der Zentrale Runde Tisch in der noch bestehenden DDR sondern auch damals auch noch Martin Walser, später Stichwortgeber der Neuen Rechten in Deutschland, aussprach, hat auch Bodo Ramelow aufgenommen. Und es gibt zalreiche Gründe, ihm darin zu folgen.

Nicht nur lässt sich die von Hanns Eisler vertonte Kinderhymne auch ohne Schwierigkeiten sowohl auf die Melodie der von Johannes R. Becher getexteten und ebenfalls von Eisler vertonten Hymne der DDR als auch der Kaiserhymne von Joseph Haydn, die ja als Melodie für das Deutschlandlied genutzt wird, singen; auch wäre Brecht als in beiden beiden deutschen Staaten geschätzter Autor eine geeignete Integrationsfigur gewesen, die dem Eindruck einer teilweise als feindlich empfundenen Übernahme der DDR durch die BRD vielleicht ein wenig hätte entgegenwirken können. Zur idealen deutschen Hymne prädestiniert das Lied aber vor allem sein Text, der schon 1950 die deutsche Einheit in den Grenzen, in denen sie schließich auch stattfand („Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein.“), zum Ziel erklärt hat, was seinerzeit weder in der DDR mit dem Anspruch, ein eigenständiger Staat zu sein, noch in der BRD, wo die verlorenen ostpreußischen Gebiete noch beansprucht wurden, der Staatsraison entsprach. Denn der Text setzt dem aggressiven, rückwärtsgewandten Nationalismus der politischen Rechten einen demokratischen, internationalen und zukunftsorientierten Patriotismus entgegen.

Das beginnt bereits mit dem ersten Wort: Brecht hat hier gegenüber einem früheren Entwurf das darin noch voregesehene „Arbeit“ durch „Anmut“ ersetzt – eine zunächst irritierende, auf den zweiten Blick aber sehr aussagekräftige Entscheidung. Denn sie weist darauf hin, dass nation building (oder im Fall Deutschlands nach dem Zivilisationsbruch des zweiten Weltkriegs und der Shoa, der die bis dahin erfolgten Selbstentwürfe, z.B. „Land der Dichter und Denker“ fundameltal delegitimiert hatte – reflektiert in „Daß die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin“ – , nation re-building) nur erfolgreich sein kann, wenn es nicht eine bloße verbissene Kraftanstrengung, einen opferbereiten Dienst an der Nation, darstellt, sondern vielmehr auch mit Ästhetik und Leichtigkeit erfolgt.

Eine weitere Besonderheit im ersten Vers besteht darin, dass die Bevölkerung angesprochen wird, statt, wie oft in Nationalhymnen, das Land selbst (vgl. neben dem Deutschlandlied etwa die österreichische Bundeshymne: „Land der Berge, Land am Strome, […] Vielgerühmtes Österreich“). In den folgenden Strophen wird das sich im Prozess des nation re-building erst konstituierende Bevölkerungs-Wir dann selbst zum sprechenden Subjekt.

Einen Traditionsbruch stellt auch die wiederholte Egalitätsrhetorik dar: Das eigene Land/Volk wird nicht objektiv über andere erhoben, wie im politisch rechten Verständis der ersten Strophe des Deutschlandlieds, sondern in jeder Strophe ausdrücklich anderen gleichgestellt: „Wie ein andres gutes Land“ (Str. 1), „Uns wie andern Völkern hin.“ (Str. 2), „Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein“ (Str. 3), „So wie andern Völkern ihrs.“ (Str. 4).

Zentral für das Verständnis des demokratischen Partiotismus, den diese Hymne propagiert, ist das erste Verspaar der letzten Strophe: „Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir’s“. Die Liebe zum Land wird nicht aus einer als ruhmreich imaginierten Vergangenheit wie im reaktionären Nationalismus hergeleitet, sondern ist an die Bedingung der Möglichkeit, es mitzugestalten, gebunden. Reaktionärer Nationalismus ist seinem Wesen nach antidemokratisch, insofern ihm zufolge nicht nur der Wille der aktuell wahlberechtigten Bevölkerung, sondern die Verpflichtung den Ahnen und ihren Traditionen gegenüber politische Entscheidungen prägen soll. Brechts demokratischer Patriotismus hingegen nimmt John F. Kennedys berühmtes Diktum aus seiner Antrittsrede als Präsident der USA „ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country“ zwar in gewissem Sinne vorweg, betont dabei aber auch, dass ein Land eine zentrale Bedingung erfüllen muss, um dergestalt tätig geliebt werden zu können: Es muss es den dort lebenden Menschen ermöglichen, es nach ihren Vorstellungen mitzugestalten. Entsprechend grenzt sich ein so verstandener Patriotismus ab von einer anderen gängigen amerikanischen Patriotenformel: „My country, right or wrong.“ Denn ein Land, in dem politische Teilhabe und Mitgestaltung nicht mehr möglich sind, verdient auch die Liebe seiner Bürger nicht mehr, es kann sogar, wie es Brecht literarisch während der Zeit des Dritten Reichs getan hat, von durchaus patriotisch gesinnten Bürgern bekämpft werden; ja vielleicht, auch diese Lesart lässt die Brechts Kinderhymne zu, ist es in diesem Fall sogar gerade Ausdruck des Patriotismus, sich gegen einen nicht-demokratischen Staat auf dem Boden des eigenen Landes zu stellen. Und so verwundert es auch nicht, dass Brecht (unzutreffenderweise) häufig der in der Anti-AKW- und Friedens-Bewegung bekannt gewordene Slogan „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ zugeschrieben wird.

Eine  Hymne, der es gelingt, politisch oft rechts vereinnahmte Heimatliebe und traditionell eher bei der politischen Linken anzutreffende Skepsis gegenüber einem autoritären Staat argumentativ zusammenzubringen, könnte Deutschland derzeit wirklich gebrauchen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Das Österreich-Lied von Josef Petrak – Ein musikalischer Identitätsdiskurs in der Zweiten Republik in Österreich. Oder: Warum die Sonne eben nicht auf alle gleich scheint.

Josef Petrak

Das Österreich-Lied

Der Vogel singt frei in der Luft sein Lied, 
die Blume ganz zwanglos zum Himmel erblüht;
es hat jedes Wesen und jedes Geschlecht,
in Freiheit zu leben das Recht!
Doch wenn es im Herzen auch manchesmal sticht – 
wir bleiben gemütlich, das ändert sich nicht...
Wir kämpfen mit Blumen, Musik und Humor –
einen Kampf, den noch niemand verlor ...! 

Die Sonne scheint auf alle gleich, 
warum nicht auch auf Österreich.
Warum sollen wir im Schatten stehn, 
wir wollen den Glanz der Freiheit sehn. 
Die Sonne scheint den kleinen Mann, 
genauso wie den Großen an.
Ein Stück vom Herz der Welt ist Österreich, 
drum macht uns frei und macht uns gleich;
Ein Stück vom Herz der Welt ist Österreich, 
drum macht uns frei und gleich.

Ein Land, das ist klein und das and’re groß, 
der Unterschied liegt in Quadratmetern bloß! 
Egal, ob nun groß, oder klein so ein Land: 
Ein Mensch stets zum anderen fand! 
Wir geben es zu, unser Land ist ganz klein – 
es hat nur viel Herz und den herrlichsten Wein...
Doch das gibt uns Hoffnung, gibt Mut und gibt Kraft – 
ist auch noch die Freiheit in Haft!

Die Sonne scheint auf alle gleich, [...]

Wie gut wir uns hier alle heut’ versteh’n – 
warum sollte das bei den Völkern nicht geh’n? 
Die einen zieh’n her und die anderen hin – 
was hat denn das für einen Sinn?
Warum streitet man so herum in der Welt, 
um Macht und um Einfluß und schließlich um Geld?!
Es fehlt gar nicht viel – na so gebt Euch den Ruck – 
und sagt: Jetzt ist’s endlich genug...!

Die Sonne scheint auf alle gleich, [...]

     [Josef Petrak, Josef Fiedler, Österreichlied für den Film „1. April 2000“. 
     Archiv des Wiener Volksliedwerkes, WVw 03079: Josef Fiedler, Josef Petrak, 
     Die Sonne scheint auf alle gleich, 1952. Für das Zurverfügungstellen des 
     Notenmaterials möchte ich mich herzlich bedanken. Anm.: Laut Notentext heißt
     es in Vers 3 „Geschlecht“, im Film wird „Geschöpf“ gesungen.]

Anlässlich der Bundespräsidentenwahl kam Österreich in den vergangenen Monaten internationales Medieninteresse zu, dass beinahe historische Dimension hatte. Diese Dimension internationaler Zurkenntnisnahme der österreichischen Innenpolitik wurde 1952 im Sciencefiction- und Propagandafilm 1. April 2000 inszeniert: Aus dem Jahr 1952 wird ein Blick in die Zukunft, nämlich auf den 1. April 2000 geworfen. Österreich sei, so die Perspektive des Films, noch immer nicht „frei“ – sprich unbesetzt – und habe noch immer keinen Staatsvertrag. Am 1. April 2000 tritt ein neuer Ministerpräsident sein Amt an. Als erste Amtshandlung erklärt dieser Österreich für „frei und unabhängig“. Noch ehe die vier im Jeep noch zu Muß i denn zum Städtele hinaus verabschiedet werden können, lässt sich die Dimension dieses internationalen Skandals erahnen: Zu Schuberts Symphonie in h-Moll (die Unvollendete) macht sich die „Weltschutzkommission“ mit ihrem „Raketengeschwader“ auf den Weg nach Wien.

Entstehungskontext

Eingebettet in die Diskurse (Opfermythos, Wiederaufbau) der unmittelbaren Nachkriegszeit, plante die Österreichische Regierung einen, wie es wörtlich in der Ausschreibung hieß, „Propagandafilm“ herzustellen. Zu Beginn des Jahres 1949 wurde sodann ein Wettbewerb ausgeschrieben, der „[…] insbesondere im Ausland ‚Österreichs landschaftliche Schönheiten, Kulturdenkmäler, geistige, wissenschaftliche und künstlerische Leistungen, Wirtschaft, Sport und Technik, Verkehrseinrichtungen, Volkssitten, die Ergebnisse des Wiederaufbaus usw., zeigen sollte.“ (zitiert nach Arbeiterzeitung Wien 16.01.1949, zitiert in Beate Hochholdinger-Reiterer: Politik getarnt als Aprilscherz. Zur Rezeption des Österreich-Films 1. April 2000. In: Ernst Kieninger, Nikola Langreiter, Armin Loacker u. Klara Löffler [Hg.]: 1. April 2000. Eine Gemeinschaftsproduktion Filmarchiv Austria und Institut für Europäische Ethnologie – Universität Wien. Wien, 2000: 73-113, hier S. 73.)

Obwohl es zahlreiche Alternativen gegeben hätte, entschied sich die Regierung Wolfgang Liebeneiner mit der Regie zu beauftragen. Liebeneiner war im nationalsozialistischen Regime ab 1942 UfA-Produktionsleiter wie auch Ratsmitglied der Reichstheaterkammer. Die Produktionsleitung oblag Karl Ehrlich, Hauptrollen spielten Josef Meinrat, Liebeneiners Frau Hilde Krahl u.a..

Uraufgeführt wurde der utopische und gleichermaßen dystopische Film am 19. November 1952 im Apollo-Kino in Wien. (Zu unterschiedlichen Aspekten des Films siehe den Sammelband von Ernst Kieninger u.a, insb. Andrea Urisold: „Die Sonne scheint für alle gleich…“ Notizen zu meinem Lieblingsfilm, ebd., S. 311-326.) Anlässlich des Herannahens des titelgebenden Datums im Jahr 2000 re-produzierte „Der österreichische Film“ ihn als den 23. Film in der Reihe auf DVD neu. (vgl. www.derstandard.at)

Das Lied als filmisches „Auftragswerk“

Um Österreich vor der Verurteilung durch ein Tribunal zu bewahren, lädt der Ministerpräsident, gespielt von Josef Meinrad, Herrn Winzig, den Hans Moser verkörperte, und seinen Librettisten, Herrn Schnapper, vor: „Ich brauche von Ihnen ein Kampflied mit dem Refrain ‚gleiches Recht für jedermann‘ – oder so ähnlich“. Skeptisch fragt der Librettist nach, ob er tatsächlich gleiches Recht für jedermann meine oder nicht etwa für Österreich. Der Ministerpräsident erwidert darauf, dass Österreich ja nur das wolle, was jeder hätte. Auf die Frage Hans Mosers, wie viele „Viertel“ sie denn nehmen dürften, einigt man sich auf jene Zahl an Viertel, die sich zum marschieren anbiete – nämlich vier. Darüber hinaus noch vorkommen sollten in dem Lied „die großen Vier und der kleine Mann – also alles das, was sich in letzter Zeit in uns Österreichern angesammelt hat!“. Dieses Addendum zu dem Auftrag löst bei den Beauftragten Skepsis aus und die Unterhaltung endet mit Hans Mosers fragender Feststellung, nicht zu wissen, ob er sich das trauen dürfe. Auf dem Weg ins „Musikzimmer“ betonen der Musiker und der Librettist sehr vorsichtig sein zu müssen und beginnen zu komponieren. Im Film kommt ein zweistrophiges Lied im Vier-Vierteltakt, das sich sämtlicher Opfernarrative und Schuldumkehrstrategien Österreichs nicht gekonnter bedienen könnte, heraus.

Den Text des Liedes für die Filmproduktion schrieb Josef Petrak und die Musik dazu komponierte Josef Fiedler. Der Originaltext sah eigentlich drei Strophen mit Wiederholung des Refrains nach jeder Strophe vor (Im Vorspann zum Film werden als Urheber die genannten Personen angegeben. Original vorhanden im Archiv des Wiener Volksliedwerkes, WVw 03079: Josef Fiedler, Josef Petrak: Die Sonne scheint auf alle gleich, 1952.).

Die Inszenierung der Re-Austrofizierung – als unpolitisches Gegenbild zum ‚nationalsozialistischen Deutschen‘ – wird im Film an drei unterschiedlichen Stellen eingespielt: Zum einen zeitnah nach der Auftragserteilung bei der Präsentation vor dem Ministerpräsidenten (1). Ein zweites Mal im Rahmen einer Großdemonstration, bei der ganz Österreichs zusammen für seine „Unschuld“ eintritt (2), und ein drittes Mal in anderer Intonation, gesungen von den Wiener Sängerknaben, bei der Praterparade (3) (im Film bei 1h12min, 1h16min und 1h28min.).

1) Die österreichische Regierung forderte die gesamte Bevölkerung zu einer Demonstration – gewissermaßen einem umgekehrten Generalstreik – auf. Dafür soll das Auftragswerk als „einende Hymne“ dienen. Am Vorabend des Streikes wartet die Regierung schon ungeduldig auf das Ergebnis, das dem Ministerpräsidenten in Auszügen im Musikzimmer mit Hans Mosers Worten: „Der Text ist von uns beiden [von ihm und dem Librettisten], die Musik von mir“ präsentiert wird. Es wird der Refrain vorgetragen.

2) Im Zuge der Großdemonstration, die stark einer Prozession gleicht, singt „ganz Österreich“ die erste Strophe des Liedes mit zweimaliger Wiederholung des Refrains. Bei dieser „Leistungsschau der Provinzialität“ wechselt das Lied zwischen Hintergrundmusik, die einen Schwenk durch alle Bundesländer unterspielt, und Vordergrundmusik, die in den Volksschulen – den Erziehungsstätten zur ‚neuen österreichischen Identität‘ – gesungen und gelernt wird.

3) Schließlich trällern auch die Wiener Sängerknaben nochmals den Refrain im Rahmen einer Parade im Wiener Prater, bei der der Film versucht, wie Michael Palm treffend konstatiert, die österreichische Nation aus dem Geist der Operette zu stiften (vgl. Michael Palm: Die Geburt der Nation aus dem Geiste der Operette. Musikalische Rhetorik am 1. April 2000. In: Kieninger u.a., S. 133-148.).

Außerhalb des filmischen Kontexts wurde das Lied nicht nachweislich rezipiert.

Die Sonne scheint auf alle gleich …

Die landschaftliche Verklärung und der Versuch, österreichische Identität über Landschaft zu konstruieren, ist paradigmatisch für die Nachkriegszeit (vgl. Dieter A. Binder: Wie aus der „Ostmark“ die „Heimat“ wurde. Epochenverschleppende Versatzstücke der Heimatmacher. In: Hannes Stekl, Christine Gruber, Hans-Peter Hye und Peter Urbanitsch (Hg.): Österreich – was sonst? Wien 2015, S. 57-82.). Diese Strategien und Praktiken spiegeln sich im Lied wider: Die unbelastete Sonne, die auf alle gleich scheine, und das triviale Vorhandensein Österreichs auf der Landkarte rücken Österreich in ein harmloses Licht. Eine „Kulturnation“ die nur mit „Humor, Musik und Blumen“ kämpfe.

Dass die Sonne eben doch auf alle gleich schien und die Unterzeichnung des Staatsvertrag bereits 1955 stattfand und sich nicht bis in das Jahr 2000 zog, wissen wir heute. Jüngste Debatten um die Bundespräsidentenwahl in Österreich (jedoch auch trans- und internationale Debatten) erwecken den Eindruck, das Gefühl, die Sonne scheine nicht auf alle gleich zu evozieren, um den Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung zu inszenieren. Die Agitation des Liedes der 1950er Jahre scheint dabei auch heute noch den Opfernarrativen und dem Zeitgeist zu entsprechen. Der Diskurs im Lied sah jedoch damals noch „Freiheit“ als „gleichmachend“ und inszenierte in dieser Weise den Opfermythos Österreichs, der in der Schlussszene des Films im Fund der der Moskauer Deklaration im Staatsarchiv gipfelt. Diese Szene und eine weitere sind die einzigen Szenen, die einen – mehr als indirekten – Hinweis auf den Nationalsozialismus liefern. Dieser implizite Verweis bleibt jedoch ohne eine Verbindung zum Status quo, dessen Anprangern letztlich im Lied Ausdruck findet. Das anklagende Hinterfragen, warum nicht auch auf Österreich die Sonne scheine, ist der Ausdruck des unreflektierten Unrechtempfindens 1952. Die mitschwingende Aufforderung, die Sonne solle auf alle gleich scheinen, wird als wiederkehrender Slogan (um nicht von Kampfansage zu sprechen) benutzt, der dieses empfundene Unrecht beseitigen soll.

Susanne Korbel, Graz und Budapest