The Times Are A-Changing. Zu Hubert von Goiserns „Heast as nit“ (1992)

Erlauben Sie mir einen persönlichen Einstieg zu dieser Analyse. Es ist meine erste in vielen Jahren. Wo Dylans Song The Times They are A-Changing (1964) von den Zeiten, die sich ändern, von einer Kulturenwende träumt, kann man sagen, von einem Anders-Sein und Anders-Tun, von einer Art messianischer Volksparade, die von Blumenkindern inspiriert ins Prä-Woke-Zeitalter taumelt, da spricht Hubert von Goiserns Heast as nit von einer Zeitenwende existentieller, universaler Dimension. Wo sich die Zeiten ändern, altmodisch formuliert ‘a-changing‘ sind, da ist was los. Wo man aufgefordert wird, das Vergehen der Zeit zu hören, sitzt die schmerzliche Nostalgie, vielleicht die Unaufhörlichkeit des Vergangen-Werdens: die Unwiederbringlichkeit des Dahin-Seins.

Bob Dylan

The times they are a-changin'

Come gather 'round people
Wherever you roam
And admit that the waters
Around you have grown
And accept it that soon
You'll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin'
And you better start swimmin'
Or you'll sink like a stone
For the times they are a-changin'

[...]

[Kommt, versammelt euch Leute, /wo auch immer ihr herumstreunt, / und gesteht’s euch doch ein, dass die Wasser / angestiegen sind um euch her, /und nehmt es einfach an, / dass ihr bald nass bis auf die Knochen sein werdet, / wenn eure Zeit für euch des Aufsparens wert ist/ Und lernt mal besser schwimmen, / oder ihr werdet sinken wie ein Stein, Denn: Die Zeiten ändern sich] [frei übersetzt durch den Verf.]

     [Bob Dylan: The Times They Are A-Changin'. Columbia 1964.]

In Dylans Strophe gibt es amerikanische Aktivität und Aufbruchstimmung: Schwimmenlernen, Zusammenkommen, auch gibt es eine persönliche Wahlfreiheit – lernt schwimmen oder sinkt.

Hubert von Goisern & Die Alpinkatzen

Heast as nit

Heast as nit
Wia die Zeit vergeht
Huidiei jodleiri Huidiridi

Gestern no'
Ham d'Leut ganz anders g'redt
Huidiei jodleiridldüeiouri

Die Jungen san alt wordn
Und die Altn san g'storbn
Duliei, Jodleiridldudieiouri

     [Hubert von Goisern & Die Alpinkatzen: Heast as nit. Ariola 1992.]

Von Goisern hingegen verliert wenige Worte. Ganz unaufgeregt schildert die Sprechinstanz die Sachlage: Gestern noch haben die Leute anders geredet. Das Gestern wird zur Generationenfrage. Und die Generationenfrage zum Kreislauf des Lebens in unanfechtbarer Kettung: „Die Jungen san alt wordn / Und die Altn san g’storbn“. Das Adjektiv wird zum Substantiv und beschreibt nicht mehr nur eine Altersstufe, sondern eine Gruppenexistenz. Schwimmen braucht keiner zu versuchen, höchstens vielleicht Jodeln in die transzendentalen Berglandschaften des ewigen Lebens hinein.

Natürlich kann man literaturwissenschaftlich keck argumentieren, das Lied stelle eine Frage, die es selbst beantworte: Hörst du nicht, wie die Zeit vergeht? Doch, klar. Du hörst, was man paradoxerweise gar nicht wirklich hören kann. Hier ist ein Lied darüber. Aber diese Pointe griffe zu kurz. Wenn man sinnlich erfahrbar das Vergehen der Existenz hervorruft, dann wird da ein Gefühl ganz deutlich auf den Punkt gebracht: Das Gefühl, das im Moment vielleicht viele teilen – nach mehr als zwei Jahren Corona. Plötzlich ist da Zeit vergangen, und man hat es erst gar nicht gemerkt, gar nicht gehört, aber nun spürt man die historische Distanz, das Zerfallen ins Früher, damals, vor der Mauer, als die Butter noch günstig war, als es Frieden gab in Europa, und heute, hinter der Mauer, wo alles schlechter ist, so fühlt man, wo die Bahnen nicht fahren, noch weniger als sonst, die Flüge nicht fliegen, die Oma vom Ende der Straße hinter dem Mundschutz sitzt und gar nicht weiß, ob sie soll, ob sie darf, mit Leuten sprechen, sozial sein, im Sozialen noch leben kann. Selbst jahrelanges geisteswissenschaftliches Studium ermöglicht es in diesem Radikalzerfall ins Gestern und Heute nur noch schwer, das Nicht-Binäre zu finden. War denn früher wirklich alles besser?, fragt der weise Philologe. Nein, freilich, es fuhren früher auch schon kaum Züge. Ist denn heute wirklich alles schlecht?, fragt die Optimistin. Nein, so gesehen, könnte es uns schlechter gehen.

Aber darum geht es nicht im Lied und im Gefühl, im Nachhören, wie die Zeit vergeht. Es geht nicht um ein besseres Früher und ein schlechteres Heute, es geht um das plötzliche Spüren, dass etwas zu Ende geht, vergeht, zu Ende gegangen ist, rheinländisch gesprochen am zu-Ende-gehen ist. Der Trost steckt im: Es war schon immer so, in der Kettung ‚Junge sind alt geworden, Alte sind gestorben.‘ Und wie geht es dann weiter? Es fängt wieder mit den Jungen an? Goisern spendet Seelsorge mit dem Immer-so-des-Lebens.

Roger Willemsen (inzwischen auch schon tot, früher nicht) hat in seinem Buch Der Knacks (2009) das Gefühl ‚Hörst du nicht, wie die Zeit vergehet‘ theoretisch gefasst. Bei ihm ist es das diffuse Erfahren des Futurums II, einmal wird etwas abgeschlossen sein. Noch bevor man es weiß, überhaupt merkt, noch bevor man die Zeit vergehen hört, ist man sich schon bewusst, dass es eine Zeit geben wird, gegeben haben wird, in der sie vergangen sein wird. Der Knacks, in Willemsens Metapher, ist das Gefühl, das Spüren des allmählichen Ablösens der Illusion (Überzeitlichkeit, Unsterblichkeit?) von der Wirklichkeit (Altern, Verlust – oder auch Gewinn?). Es ist das Bewusstsein des Verlierens, das er beschreibt. Und vielleicht war es in unserer post-post-modernen Welt, die sich für Dekaden in Sicherheit fühlte, noch nie so bewusst, dass etwas verloren gegangen – im verloren gehen ist.

Die Butter, sagt man, ist ja noch nicht ganz so teuer, der Krieg, denkt man, ist ja noch nicht ganz so da. Aber es wird vielleicht eine Zeit geben, in der das Futurum II zugeschlagen haben wird, bereits Vergangenheit ist. Und dann hören wir vielleicht Goisern, und denken, nun habe ich es doch wieder überhört, gestern waren die Zeiten andere. Heute, meint man, ist gestern noch fast Wirklichkeit, noch keine Metapher. Morgen, ahnt man, ist allerdings auch das schon passé.

Was bleibt, scheinbar unverändert? Na, hören Sie’s nicht?

Florian Seubert, London

Teufel, Geld und Biosprit – Kollektivsymbolik der Krise in Hubert von Goiserns „Brenna tuat‘s guat“

Hubert von Goisern

Brenna tuat‘s guat

wo is da platz
wo da teufel seine kinda kriagt
des is da platz
wo all's z'samm rennt
wo is des feuer
hey wo geht 'n grad a blitz nieder
wo is 'n da der stadl
wo de hütt'n de brennt

hab'n ma pech oder an lauf
fall'n ma um oder auf
samma dünn oder dick
hab'n an reim oder glück
teil ma aus, schenka ma ein
toan ma uns abi oder g'frein
war'n ma christ hätt ma gwisst
wo da teufel baut in mist

jeder woass, dass a
geld nit auf da wiesen wachst
und essen kann ma's a nit
aber brenna tat's guat
aber hoazen toan ma woazen
und de ruabn und den kukuruz
wann ma lang so weiter hoazen
brennt da huat

wo is des geld
des was überall fehlt
ja hat denn koana an genierer
wieso kemman allweil de viara
de liagn, de die wahrheit verbieg'n
und wanns nit kriagn was woll'n
dann wird's g'stohln,
de falotten soll der teufel hol'n

da is da platz
wo da teufel seine
kinda kriagt
wo all's z'sammrennt
und da geht a
in oana tour a blitz nieder
und de hütt'n brennt
grad in den moment

jeder woass, dass a
geld nit auf da wiesen wachst
und essen kann ma's a nit
aber brenna tat's guat
aber hoazen toan ma woazen
und de ruabn und den kukuruz
wann ma lang so weiter hoazen
brennt da huat

     [Hubert von Goisern: EntwederUndOder. Blankomusik 2011.
     Text zitiert nach: http://www.hubertvongoisern.com/entwederundoder/liedtexte.html]

Der Österreicher Hubert von Goisern hat mit seinem Lied Brenna tuat’s guat, der ersten Auskopplung aus seinem aktuellen Album EntwederUndOder, einen musikalisch-gesellschaftskritischen Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen geliefert. Das Lied wurde als Krisensong apostrophiert und führte fünf Wochen hindurch in den Österreichischen Charts.

Im Folgenden möchte ich den Song aus interdiskursanalytischer Sicht (Jürgen Link) beleuchten: Kurz zusammengefasst geht die Interdiskurstheorie davon aus, dass moderne Gesellschaften infolge zunehmender Wissensteilung das in Spezialsektoren zerfallende Wissen reintegrieren müssen. Dies geschieht etwa in Literatur, Film, Massenmedien oder aber auch in Liedtexten. Um spezialdiskursive Komplexität allgemeinverständlich zu „übersetzen“, stehen unterschiedliche Verfahren zur Auswahl: Neben der Narrativisierung, der Verwendung von Schemata (Gut vs. Böse) usw., sind es vor allem Kollektivsymbole, die Wissen anschlussfähig machen. Durch metaphorische Begriffe wie „Bankenrettungsschirm“, „Finanzblase“ oder „Schuldenbremse“ werden hochkomplexe Sachverhalte auch im Alltag verhandelbar. Dies kann an Goiserns Krisensong besonders anschaulich dargestellt werden.

Metaphernkomplexe lassen sich jeweils nach ihrem Bild- und ihrem Bedeutungsbereich analysieren. Was den Bildbereich betrifft, so durchziehen drei Isotopien, also bedeutungstragende Strukturen mit iterativ auftretenden Elementen, den Text:

Eine erste zusammenhängende semantische Struktur stellt die volkstümliche Teufel-Motivik (gemeinsam mit zwei episodischen und rudimentär zitierten Erzählungen: Brand des Stadls durch Blitzschlag, Geburt der Kinder des Teufels) dar. Eine zweite Struktur entsteht durch das brennende Geld, das im Refrain explizit angesprochen wird. Ein dritter Symbolkomplex wird durch das Verbrennen von Lebensmitteln, ebenfalls im Refrain, angesprochen. Unschwer lassen sich, nicht zuletzt durch die Stellungnahmen des Musikers selbst, den Bildelementen Bedeutungsebenen (im Sinne der barocken Emblematik werden diese auch als subscriptio-Elemente bezeichnet) zuordnen: Die Metapher vom gut brennenden Geld steht für die ökonomischen Verluste infolge der Bank- und Finanzkrise seit 2008, das Verbrennen von Lebensmitteln für die Diskussion um Biotreibstoffe.

Als kombinationsfähig erweisen sich die Isotopien durch die Feuer-Motivik: Sowohl das Verbrennen des Biosprits („aber hoazen toan ma woazen / und de ruabn und den kukuruz“), die Erwähnung eines Sagenbestandes („in oana tour a blitz nieder / und de hütt’n brennt“) als auch die umgangssprachliche Formulierung vom Verheizen des Geldes („aber brenna tuat’s guat“) lassen sich dadurch zu einem expandierenden Symbolkomplex integrieren. All diese kollektivsymbolischen Krisensymptome werden aggregiert in der Phrase „brennt da huat“. Der „Stadl“ wird gleichsam zum Stellvertreter des Globalen („und de hütt’n brennt / grad in den moment“).

Das Kollektivsymbolsystem ist darüber hinaus auch erweiterbar: Die Feuer-Metaphorik erweist sich als an die elementar-literarische Darstellung der Klimaerwärmung ebenso anschlussfähig wie an die Vorstellung der Hölle oder des Fegefeuers. Auch das sich in heiße Luft bzw. in Asche auflösende Geld schließt metaphorisch an die Realfiktion eines im Grunde nur durch das Vertrauen seiner Benutzer besicherten Papiergeldes an.

Die diskursive Elaboriertheit des Finanzmarktgeschehens und seine Zusammenhänge werden im Lied selbst thematisiert: „wo is da platz / wo da teufel seine kinda kriagt […] / wo is des feuer / hey wo geht ’n grad a blitz nieder / wo is ’n da der stadl / wo de hütt’n de brennt“. Von den beiden volkstümlichen Sagen gerahmt, wird die Finanzkrise durch ein mythisierendes Äquivalenzdenken gefasst, das eben danach fragt, wo der Platz des durch Blitzschlag brennenden Stadls oder der, an dem der Teufel Kinder bekommt, sich verbirgt. Das Abstrakte des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus soll in volkstümlichen Sagen seine Konkretisierung erfahren.

Mit der Kritik an fehlender christlicher Moral wird, entsprechend der elementardiskursiven Integration von Wissen, nicht nur ein bestimmter Wertekonservativismus im Lied fassbar („war’n ma christ hätt ma gwisst / wo da teufel baut in mist“), sondern auch eine leicht verständliche Krisenerklärung geboten: Die Wirtschaftskrise ist keine systemische, sondern eine moralische („wo is des geld / des was überall fehlt / ja hat denn koana an genierer / wieso kemman allweil de viara / de liagn, de die wahrheit verbieg’n / und wanns nit kriagn / was woll’n / dann wird’s g’stohln“). Die Nebensächlichkeit anderer indikativischer Eigenschaften und Zustände („hab’n ma pech oder an lauf fall’n ma um oder auf“) wird der Konjunktiv der einzig wirklich wichtigen Eigenschaft („war’n ma christ hätt ma gwisst“) gegenübergestellt. Auf die eingangs gestellte Frage, wo denn der Platz des Teufels sei, folgt dementsprechend auch die erwartbare Antwort: Dort, wo wegen des Geldes gelogen und bestohlen wird („Da is da platz / wo da teufel seine / kinda kriagt / wo all’s z’sammrennt / und da geht a / in oana tour a blitz nieder / und de hütt’n brennt / grad in den moment“).

Die Mythologisierung der Finanzkrise und ihre Reformulierung im Modus des Interdiskursiv-Verständlichen sollte freilich auch hinterfragt werden: Christliches Wirtschaftsethos hätte die Krise ebensowenig verhindert wie die Erklärung der Krise als moralisches Fehlgehen ausreichend ist. Das kreative Potenzial der interdiskursiven Verfahren liegt darin, Spezialdiskurse in neue und unerwartete Kollektivsymbolsysteme zu übertragen und diese zu überraschend neuen und innovativen Komplexen miteinander zu verbinden. Blickt man auf die Rezeption des Songs, so ist dies Hubert von Goisern zweifelsohne gelungen.

Alexander Preisinger, Wien