Die lauteste und witzigste Hessenhymne: „Die Hesse komme“ von den Rodgau Monotones


Rodgau Monotones

Die Hesse komme 

Was kommt denn da fürn wüster Krach
aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach?
Was lärmt in Kassel, Gießen und Wiesbaden
bloß so gnadenlos?
Was tut den Bayern, Schwaben, Friesen 
gründlich jeden Spaß vermiesen?
Was tobt seit vielen Wochen schon? 
Ne schaurig-schöne Invasion!

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

München stöhnt entsetzt: Jo mei,
Oktoberfest mit Äppelwoi.
Hamburgs heller Stern versinkt,
wenn der Fischmarkt erst nach Handkäs stinkt.
Die ganze Westberliner Scene 
gibt sich Kraut und Rippcher hin.
Und sogar das Ruhrgebiet 
kaut Haddekuche statt Pommes frites.

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme! 
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

Weil Breakdance zu gefährlich ist,
gibts Electric-Bembel und Gummitwist.
Viel schneller noch als Kurtis Blow 
babbelt Lia Wöhr in ihrer Show.
Die Discos geben nichts mehr her,
denn Heavy-Schunkeln bringt viel mehr.
Was ist das größte Scratcher-Ass
gegen das Gerausche in der Klappergass?

Da packt euch das kalte Grausen (uuääh),
unser David Bowie heißt Heinz Schenk.
Hallo ihr Kulturbanausen,
seht die Sache einfach nicht so eng!

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

[ausführliche scratching-Passage] -
"He, was machst dann du mit meim Pladdespieler?"
"Kaputt."
"Du Drecksack!"

"Haste ma e Mark oder e Kipp, du Depp?" 
"Ah, da muß isch ma gucke."
"Ei dann guck doch in de Tasch."
"Isch glaub, du bist doch überhaupt net Hip, du Depp."
"Muß mer des sein?"
"Ei du Hippie-Arsch."
"Hör mer doch uff mit dem bekloppte Rap, das is 
doch alles nur Nepp, ist doch billisch un lasch."
"Was?"
"Hier, da haste dei Kipp, du Kapp,
komm mach disch dünne, Typ, schwirr ab."

Was hatn da de Babba da? 
Der hat e Flasch Grappa da, de Babba.
Wo hat dann der Babba die Flasch?
De Babba hat de Grappa in die Tasch.
Un nochema!
Was hatn da de Babba da? 
Der hat e Flasch Grappa da, de Babba.
Wo hat dann der Babba die Flasch?
De Babba hat de Grappa in die Tasch.

Un de eins und de zwei un de Äppelwoi
un de drei un de vier,
der schmeckt besser wie Bier.
Un de Hipp un de Hopp 
un de Schoppe in de Kopp
un de fünf un de Sechs,
da lacht die Gummihex.

Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!
Erbarmen - zu spät - die Hesse komme!

     [Rodgau Monotones: Die Hesse komme. Musikant 1984.]

Im Spätjahr 1977 gründeten fünf südhessische Musiker aus der Umgebung von Rodgau bei Offenbach eine Musikgruppe, die zunächst lauten Party-Rock spielte, bekannte Titel mit deutschen Texten coverte, sich allmählich aber zur hessischen Kultband mauserte und nach und nach mit nationalen und internationalen Musikgrößen (Bob Dylan, Herbert Grönemeyer, Die Toten Hosen usw.) auftrat. Ihre Hessen-Hymne – als solche jedenfalls in einer offiziellen Pressemitteilung der hessischen Landtagsfraktion der Grünen gewürdigt – von 1984 ist in mehrfacher Hinsicht interessant: formal, musikalisch, sprachlich, intertextuell, funktional, wobei in dieser Aufzählung bestimmt noch viele interessante Aspekte unberücksichtigt geblieben sind. Arbeiten wir im Folgenden einige dieser Punkte ab!

Formal beginnt der Text mit Spannung erzeugenden Fragen eines souveränen Sprecher-Ichs, das seine Adressaten mit einer massiven sinnlichen Wahrnehmung konfrontiert, deren Ursache dann der Refrain ab Vers 9 aufklärt; man hat es fast geahnt: „die Hesse komme“, und zwar in Gestalt einer „schaurig-schönen Invasion“. „Erbarmen!“ Aber das Um-Gnade-Winseln der heimgesuchten deutschen Stämme („Bayern, Schwaben, Friesen“ werden pars pro toto genannt) kommt leider, leider „zu spät“ – die „Hesse“ sind offenkundig schon da. Man hört es auch! Die zweite narrative Versgruppe nach den Refrain-Zeilen baut den sinnlichen impact der hessischen Invasoren aus: Sie bringen nicht nur eine Menge „Krach“ mit, sondern auch ihre unvermeidliche und zumindest teilweise auch unüberriechbare Marschverpflegung – „Äppelwoi, Handkäs, Kraut und Rippcher, Haddekuche“. Refrain. Der dritte Versblock setzt das machtvolle Einbrechen chattischer Kultur ins Fremdstämmige fort, wobei das anfängliche Invasionsszenario verlassen und durch ein Überbietungsschema ersetzt wird. Nochmals folgt eine Refrainpassage nach bekanntem Muster.

Den im Hessischen Brauchtum weniger bewanderten Fremdvölkern muss man wahrscheinlich nicht erklären, was es mit „Äppelwoi“ auf sich hat, aber vielleicht doch die kulinarische Spezialität „Haddekuche“ erläutern, hinter der man sich keinesfalls einen „Hundekuchen“ vorstellen darf, sondern einen rautenförmigen Pfefferkuchen, der schon von seiner Form her gut zum Design des typischen Äppelwoi-Glases passt und in Frankfurt von fliegenden „Bretzelbubbe“ in einschlägigen Kneipen angeboten wird. Kurtis Blow, 1959 in Harlem geboren, erfährt seine Referenz als Pionier und Altmeister des Rap, wobei es diesem Status keinen Abbruch tut, dass ihm Lia Wöhrs (1911 in Frankfurt geborene Schauspielerin, bekannt geworden als Fernseh-Wirtin neben Heinz Schenk im „Blauen Bock“) in Sachen Geschlewwer-Geschwindigkeit den Rang abläuft. Jüngeren Lesern muss man vielleicht auch noch das „Gerausche in der Klappergass“ erklären, das auf ein traditionelle Apfelweinlied (Die Fraa Rauscher aus de Klappergass) anspielt. Dessen Geschichte basiert das auf einem historischen Frankfurter Lokalschwank, in dessen Mittelpunkt der polizeiaktenkundig gewordene „Unfall“ einer stadtbekannten Äppelwoi-Liebhaberin steht („Die Fraa Rauscher aus de Klappergass, die hoot e Beul am Ei, / ob des vom Rauscher, obs vom Alte kimmt, des klärt die Bolizei.“) Vielleicht widmet ja jemand diesem traditionellen Frankfurter Stimmungslied hier bei Gelegenheit einmal eine ausführliche Besprechung. Verdient hätte es diese Beachtung allemal, zumal an seine Protagonistin und deren „Beulenvorfall“ noch heute ein Denkmal in der Mainmetropole erinnert.

Nun aber zurück zum Lied! Nach den einleitenden Versblöcken eines Sprecher-Ichs geschieht Überraschendes, nachdem eine musikalische scratching-Passage eine deutliche Zäsur gesetzt hat. Nun setzt lebhaftes hessisches „Gebabbel“ verschiedener Sprecher ein, das die bisherige Ordnung überwuchert und ein ziemliches semantisches Chaos erzeugt. Dieses „Gebabbel“ bleibt gleichwohl musikalisch goutierbar, weil es sich lautlich (witzige Lautkorrespondenzen wie bei „Kipp“-„Depp“, „Rap“-„Nepp“, Binnenreime etc.)  und rhythmisch bestens organisiert präsentiert. Der Einstiegsdialog nimmt auf das gerade gehörte Gescratche Bezug: Der erste Dialogpartner, offensichtlich Besitzer jenes Abspielgeräts, von dem die schrecklichen Töne kommen, macht sich Sorgen: „He, was machst dann du mit meim Pladdespieler?“ In lakonischer Kürze informiert ihn ein zweiter Sprecher, dass diese Sorgen berechtigt sind: „Kaputt!“ Spontan aus dem Bauch heraus, ebenso knackig-kurz die Reaktion des ersten: „Du Drecksack!“ Ein flotter Dialog wie aus dem Leben gegriffen.

So ähnlich geht’s weiter, wobei auffällt, dass die Lautqualität der im Rapstil aneinander gereihten Dialogfragmente im Verlauf zu-, ihr semantischer Gehalt hingegen immer weiter abnimmt. So gehen Schnorrerszenen in eine Zungenbrecher-Passage („Babba“-„Grappa“, „Flasch“-„Tasch“) über, die schon viele Effekte von Stefan Raabs späterem Eurovisions-Hit Wadde hadde dudde da? produziert. Vor dem dreimal wiederholten Schlussrefrain bieten uns die Monotones noch einen ins hessische Kampftrinker-Milieu („un de Schoppe in de Kopp“) transformierten Kinder-Abzählreim, der auf diese Weise zu einer Art Trinkspruch mutiert. Dass dies alles nicht ganz bier-, pardon! äppelwoiernst zu nehmen ist, signalisiert der letzte Vers vor dem Schlussrefrain: „da lacht die Gummihex.“

Diese alternative ,Landeshymne’ bricht das traditionelle Genre regionaler Identitätslieder auf eine ausgesprochen sympathische, weil selbstironische Weise auf. Die klassischen einschlägigen Lieder wie z.B. die Bayernhymne, der Bremer Schlüssel oder das Sachsenlied besingen im hohen Ton Schönheit, Pracht und Bürgerfleiß der jeweiligen Länder und erflehen für sie Glück und Gottes Segen; sie sind dem Denken und Fühlen einer älteren Epoche verhaftet und wirken heute sicher nicht in allen, aber doch in vielen Ohren museal, wenn nicht gar abgedroschen-phrasenhaft. So lädt das alte Identitätslied heute kritisch gestimmte Geister zur Karikatur ein, die nicht selten recht despektierlich ausfällt (vgl. etwa exemplarisch Rainald Grebes Brandenburg). Die Rodgau Monotones haben dieses Geschäft klugerweise in die eigenen hessischen Hände genommen, dafür gesorgt, dass der Spott im zuträglichen Rahmen bleibt, und auf diese Weise mit ihrem Erfolg einen neuen Typus des Identitätsliedes begründet.

Hans-Peter Ecker, Bamberg