Echse an Krautrock: „Der Elektrolurch“ von Guru Guru (1973)

Guru Guru

Der Elektrolurch

Gestatten, hier spricht der Elektrolurch.
Ich wohne in der Lüsterklemme neben dem Hauptzähler.
Ich sorge für Euren Saft!
Volt, Watt, Ampere, Ohm ...
Ohne mich gibt's keinen Strom!

Was bedeutet eigentlich der Name GURU GURU?
- Der Name GURU GURU ist zum Beispiel prähistorisch;
Er soll, kann und zeigt aber nichts.

Wieso macht Ihr eigentlich Musik?
- Ebbes besseres als de Dod kenne ma allemo finne!

Was war für Dich ein besonders wichtiges Ereignis?
- Der erste Bohnenkaffee nach dem Krieg!

Was macht Ihr eigentlich, wenn ihr einmal älter seid?

     [Guru Guru: Guru Guru. Brain 1973.]

Das Menu auf der heutigen Tageskarte ist nichts für schwache Mägen. Es stammt aus den frühen 1970er Jahren und seine Hauptzutat ist Krautrock; d.h. es stammt aus (west-)germanischen Gefilden und wurde von Küchenmeistern mit Vorliebe für elektronisches Equipment und experimentierende bzw. improvisierende Herstellungsverfahren zubereitet.  Der Begriff war zunächst eine humoristisch, vielleicht auch etwas despektierlich gemeinte Fremdzuschreibung englischer Rundfunkmoderatoren, wurde dann aber auch in Deutschland, oft selbstironisch, aufgegriffen. Laut Handbuch der populären Musik bezog sich besagte Ironie meist auf den „Hang zu philosophischem Tiefgang“, dem viele Vertreter des Krautrock nachhingen, obwohl sie durchaus unterschiedliche Stile der Rockmusik pflegten. Zu den allgemein anerkannten Spitzenköchen der frühen Krautrock-Ära, denen wir hier Guru Guru einmal zurechnen wollen, gehörten – in alphabetischer Reihenfolge ohne Anspruch auf Gerechtigkeit oder gar Vollständigkeit – u.a. Amon Düül, Ash Ra Tempel, Can, Hoelderlin, Popul Vuh und Tangerine Dream. Wenn jemand in den Namen der Bands (bzw. ihrer Stücke, vgl. etwa LSD-Marsch von Guru Guru) Hinweise darauf zu sehen glaubt, dass der eine oder andere Koch seiner Kreativität mit exotischen Gewürzen nachgeholfen haben könnte, würde ich dem jetzt nicht ungestüm widersprechen …

Zur Gründung von Guru Guru, ihrer musikalischen Herkunft aus dem Free Jazz und Entwicklung, den wechselnden Besetzungen sowie ihren Konzerten und produzierten Alben kann man einiges bei Wikipedia erfahren; darüber hinaus betreibt die Gruppe eine Internetseite. Das entlastet uns hier für die Arbeit am Text, der auch unsere volle Konzentration erfordert … 

Die geneigte Hörerschaft muss sich bei der ausgewählten Aufnahme etwas länger in Geduld üben, bevor eine menschliche Stimme zu vernehmen ist. Man darf sich also ein Weilchen auf einem schönen Klangteppich mit allerlei rhythmischen und elektronischen Effekten räkeln, sollte aber bei exakt 5 Minuten und 18 Sekunden wieder hellwach sein – dann ergreift nämlich der Elektrolurch ohne Vorwarnung persönlich das Wort. Seine Stimme entspricht unserer ,eigentlich‘ (dazu unten mehr) noch gar nicht vorhandenen Vorstellung eines Elektrolurchs ziemlich exakt, da sie ,irgendwie elektronisch‘ klingt, wozu u.a. ein kräftiger Hall beiträgt. Der Lurch verrät uns Wohnort und Beruf, lässt aber ansonsten viele Fragen offen. Ob das Internet Abhilfe schaffen kann?  

Die einschlägige Wissenschaft, die Lurche bzw. Amphibien als Landwirbeltiere, die sich nur im Wasser fortpflanzen können, definiert, hilft uns leider nicht wirklich weiter, da sie weder unter den Frosch- noch Schwanzlurchen einen Elektrolurch zu nennen weiß, und unter den Schleichenlurchen schon gar nicht, was wir uns aber sowieso gedacht haben, weil der Elektrolurch immer recht laut aufzutreten pflegt. Auch die allgemeine Neigung der Amphibien zum flüssigen Element würde sich mit der sprichwörtlichen Affinität unseres Lurchs zur Elektrizität nur schlecht vertragen. Vergessen wir also die Zoologie und suchen unser Heil in der Begriffsgeschichte!

Wörterbücher führen ,Elektrolurch‘ zuvorderst als scherzhafte Bezeichnung für Elektriker auf. Da diese Handwerker zwar durchaus mit Lüsterklemmen umzugehen gewohnt sind, aber nicht darin wohnen, dürfen wir nach messerscharfer Logik davon ausgehen, dass unser Titeltier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Elektrofacharbeiter ist, jedenfalls keiner im branchenüblichen Sinne. Die Sprachnudel (ein Wörterbuch der Jetztsprache) belehrt uns, dass man in hippen Kreisen unter ,Elektrolurchen‘ gewisse Sexspielzeuge versteht, die unter der Bezeichnung ,Vibrator‘ (von lat. ,vibrare‘ =  zittern, beben, schwingen) in der breiten Bevölkerung bekannter sind und – nach einer wissenschaftlichen Studie der Kronen Zeitung von 2006 – in jedem zweiten US-amerikanischen bzw. taiwanesischen, jedem dritten österreichischen und fünften deutschen Werkzeugkasten zur Grundausstattung gehören. Wenn ich das Technische für einen Augenblick einmal zugunsten des Ästhetischen beiseite rücke, empfinde ich den Ausdruck ,Elektrolurch‘ unzweifelhaft netter, um nicht zu sagen poetischer, als Synonyme wie ,Bohrmaschine‘ oder ,Brummgurke‘. Schon deshalb verdient er unsere Sympathie. Außerdem begeistert der quasi ins Auge springende semantische Bezug des Titels zur offenen Frage am Schluss: „Was macht ihr eigentlich einmal, wenn ihr älter seid?“ (Als Interpret literarischer Texte freut man sich ja immer wie ein Schnitzel, wenn irgendwo Strukturen von Kreisschlüssigkeit aufzufinden sind.)

Allerdings gebietet es die hermeneutische Redlichkeit, auch nach Argumenten gegen eine gerade favorisierte Deutung  Ausschau zu halten und diese gegebenenfalls offenzulegen, auch wenn man sich auf diese Weise gewissermaßen selber ins Bein schießt. Insofern muss ich notgedrungen einräumen, dass auch die eben angedeutete – in mehrfacher Hinsicht – ,schöne‘ Interpretation des Elektrolurchs einmal mehr an der Lüsterklemme scheitert, die sich abermals als verteufelte Crux erweist, würde in eine solche doch nicht einmal der klitzekleinste  elektrische Freund hineinpassen. Schade, Fahrradkette, Künstlerpech!

Wenn Wikipedia und Wörterbücher versagen, bleibt dem Interpreten nur noch die eigene kreative Phantasie bzw. Gabe divinatorischer Imagination (Schleiermacher). Manchmal hilft auch der pure Zufall. So habe ich mich glücklicherweise erst kürzlich für einen anderen Artikel (Peter Blaikners Kinder-Musical Das Hausgeisterhaus) eingehend mit Geistern befassen müssen, und zwar allen möglichen Arten wie Haus-, Natur-  und Flaschengeistern, aber auch Voodoo-Tanten. So weiß ich aus sicheren Quellen, dass Geister alle möglichen und unmöglichen Räume bewohnen können, Lüsterklemmen sind da überhaupt kein Problem! Insofern würde ich bis zum Beweis des Gegenteils unseren Lurch für einen Elektrogeist halten, der als Gestaltwandler alle möglichen leitenden Materialien durchdringen, ja durchfließen kann, wodurch er – gemäß eigener, nun absolut plausibel erscheinender Aussage nach – „Volt, Watt, Amper, Ohm“ erzeugt, also jenen ganz besonderen „Saft“, ohne den kein vernünftiger Krautrocker auskommen könnte. Ab und an mag er sich dann vielleicht in Form eines winzigen Axolotls, für ein Nickerchen in die Lüsterklemme neben dem Hauptzähler zurückziehen … Die Nähe zum Hauptzähler stellt sicher, dass er weiterhin den ganzen Laden im Blick hat oder sich das wenigstens einreden kann.

Als Gestaltwandler ist es dem Elektrolurch natürlich auch ein Leichtes, sich zu menschlicher Größe aufzublähen und ein weiteres Bandmitglied von Guru Guru zu mimen, wie viele dokumentarische Fotografien belegen, z.B.:  

Bildquelle: http://mani-neumeier.de/

Nachdem sich der Elektrolurch in den Eingangszeilen selbst vorgestellt hat, besteht der Rest des Textes aus drei Frage-Antwort-Sequenzen und einer unbeantworteten Schlussfrage. Den Fragepart scheint dem Klang der Stimme nach jeweils der Elektrolurch übernommen zu haben, die Antworten kommen vermutlich von unterschiedlichen Mitgliedern der Band Guru Guru. Jedenfalls klingt die erste Antwort vergleichsweise intellektuell, bei der zweiten fällt eine deutliche dialektale Einfärbung auf und die dritte wirkt auf mich so ehrlich wie schlicht. Die Fragen der Elektroechse ähneln journalistischen Standardfragen, wie wir sie von tausend Interviews her kennen, speziell wenn eloquente Künstler oder Profisportler genötigt werden, sich und ihr Tun zu erklären. Ob der Lurch mit seinen Fragen nun die Absicht verfolgt, derartige Interviews zu imitieren, Guru Guru dem Publikum vorzustellen oder selber besser kennenzulernen, kann ich nicht entscheiden.

Allerdings provozieren die Antworten einen gewissen Argwohn, dass es den Beteiligten mehr drum gehen könnte, jemanden zu veralbern, als hilfreiche Informationen zu generieren. Wer aber könnte besagter „jemand“ sein? Allzu verbissene Fans? Kulturjournalisten? Andere Krautrock-Bands mit dem oben erwähnten Hang zu ,philosophischem Tiefgang‘? Ich weiß es nicht. Aber man darf sicherlich auch mit der Möglichkeit rechnen, dass es den Guru Gurus ganz einfach nur Spaß macht, auf der Bühne herumzualbern. Vergessen wir nicht, dass der Zeitgeist der frühen 1970er Jahre sogenannten ,Blödelbarden‘ wie Insterburg & Co., Ulrich Roski oder Schobert und Black Rückenwind verschaffte und einem Otto Waalkes den Start einer steilen Karriere erleichterte. Kalauernde Krautrock-Bands hätten sich übrigens bequem auf britische Vorbilder mit einem ausgeprägtem Sinn für dadaistischen Ulk berufen können (vgl. etwa die Bonzo Dog Doo-Dah Band). Im Übrigen war und ist das Herumalbern erwachsener Menschen in der Öffentlichkeit alles andere als unpolitisches Kasperltheater: es zersetzt auf eine besonders raffinierte, weil kaum angreifbare bzw. zu unterdrückende Art und Weise etablierte Hierarchien und Autoritäten.

Drei der vier Fragen des Elektrolurchs enthalten das Wort „eigentlich“. Verwenden Politiker, Journalistinnen oder auch Studierende diese Partikel, dann tun sie so, als ginge es ihnen um etwas ganz Zentrales, Wesentliches, aber tatsächlich täuschen sie diese Wichtigkeit in den allermeisten Fällen nur vor und verraten stattdessen ihre mangelnde Professionalität. Das gleiche Phänomen haben wir hier: Die Fragen des Elektrolurchs geben sich bedeutsam, sind aber in Wirklichkeit beliebig und absolut konventionell. Dessen ungeachtet überraschen uns die Antworten durchaus, indem sie aus den üblichen Frage-Antwort-Spielchen herausfallen und gerade durch ihre Banalität die dumpfen Bestätigungsrituale einschlägiger Interviews verspotten. Die erste Antwort beginnt pseudointellektuell, wobei das eingestreute „zum Beispiel“ aber schon den folgenden Unsinn signalisiert, bevor die nachgeschobene Erklärung, dass der Name ,Guru Guru‘ keinerlei Funktion habe, die Absurdität der Situation expliziert. Die zweite Antwort, ein auf Südhessisch artikuliertes Zitat aus den Bremer Stadtmusikanten, ist situativ ebenfalls eigentlich absurd, wirkt als Veralberung der Fragestellung aber ausgesprochen listig. Und die Antwort auf die Frage nach dem ,besonders wichtigen Ereignis‘ würde auch einem Helge Schneider jederzeit zur Ehre gereichen …

Die letzte Frage empfinde ich als ,genial‘. Sie ist einerseits, oberflächlich betrachtet, genauso beliebig und konventionell wie die vorher gestellten, ernst genommen hinterfragt sie aber ALLES – das Spektakel des Elektrolurch-Bühnenauftritts, das Herumgealbere des vorgängigen Textes, die ausgelassene Stimmung des Publikums, die ,unerhörte Leichtigkeit des Seins‘ einer optimistischen Epoche … Vermutlich ,verdankt‘ sich diese Einschätzung dem historischen Abstand, der mich heute von den/meinen frühen siebziger Jahren trennt, die sich für mich inzwischen zu weitgehend ,goldenen‘ Erinnerungen verklärt haben. Absolut richtig, dass diese Frage im Song nicht mehr beantwortet wird!

Aus heutiger Sicht wäre die Antwort natürlich so einfach wie banal und einmal mehr absurd:

Dasselbe wie immer!

Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier, und der Elektrolurch vermutlich auch …

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Literatur:

Viele einschlägige und nicht einschlägige Wikipedia-Artikel.

Hans-Peter Ecker: Der Zwerg reinigt die Kittel. Das Alberne als ästhetische Kategorie. In: Literatur und Ästhetik. Texte von und für Heinz Gockel. Hrsg. von Julia Schöll. Würzburg 2008, S. 67-74.

MundMische. Wörterbuch der deutschen Umgangssprache.

Sprachnudel.  Wörterbuch der Jetztsprache.

Peter Wicke u.a.: Handbuch der populären Musik. Mainz 2007.