Frauen, jung und alt. Zu Gerhard Gundermanns „Linda“ und „Brunhilde“

Gerhard Gundermann

Linda (1993)

Du bist in mein Herz gefallen,
wie in ein verlassenes Haus.
Hast die Türen und Fenster weit aufgerissen.
Das Licht kann rein und raus.
Ich hatte doch schon meinen Frieden,
aber du bist so 'ne laute Braut.
Du hast mich wieder ausgeschnitten
aus meiner dicken Haut.

Jetzt komm' die fetten Tage, Linda.
Wir ham so lang auf dich gespart.
Was soll'n wir euch sagen, Kinder?
Die Alten sind noch mal am Start.

Ich wußte, wie die Kugel rollt
und war nicht mehr interessiert.
Wenn der Sensenmann mich abgeholt,
hätt' ich mich nicht geziert.
Meine Pistole war geladen
mit dem allerletzten Schuß.
Ich hab sie unter'm Kirschenbaum vergraben,
weil ich doch hier bleiben muß.

Jetzt komm' die fetten Tage, Linda [...]

Du bist in mein Herz gefallen,
wie in ein verlassenes Haus.
Hast die Türen und Fenster weit aufgerissen,
das Licht kann rein und raus.

Ach, ich dachte, ich finde nie mehr
heim ins Weihnachtsland.
Vielleicht kannst du mein Lotse sein,
halt mich an deiner Hand.

     [Gundermann & Seilschaft: Der 7te Samurai. Buschfunk 1993.]

Gerhard Gundermann

Brunhilde
 
Nicht mehr lang hin, dann sind die Kerzen
in deinen Augen heruntergebrannt.
Und von dir abgesprungen
werden all die grünen Jungen sein,
die sich mal deine Freunde genannt.

Bleib heute wach, Brunhilde,
wir feiern noch 'n Fest.
Die Uhr geht nach, Brunhilde,
und ich klemme die Zeiger fest.
Und du wirst schwach, Brunhilde,
denn ich bin härter als der Rest.

Nicht mehr lang hin, dann schickt dein Magen
den Schnaps zurück, dein Herz liegt blank.
Und aus dem kleinen Huckel
wächst ein richtiger Hexenbuckel
und dir fall 'n die Tassen aus dem Schrank.

Bleib heute wach, Brunhilde [...]

Hier liegt für dich ein altes Kissen
und hinterm Haus steht eine Bank.
So poppig bunte Wundertüten
kann ich dir nicht bieten,
nur 'n richtig guten Sonnenuntergang.

Und was sollte besser sein
als so ein Abend im Frieden
mit 'm Fahrrad
durch die Wiesen zu fliehn.
Alte Frauen und Männer
hocken auf ihren Bänken
und Gott hat 'nen leichten
warmen Regen zu verschenken.
Straßen dampfen, Hasen mampfen
an so einem Abend im Frieden.

Hier liegt für dich ein altes Kissen [...]

     [Gundermann & Seilschaft: Engel über dem Revier. Buschfunk 1997.]
                                    

Das dünne Haar hat er zum Zopf gebunden, die Ärmel des Fleischerhemds hochgekrempelt. Seine Jeans wird von roten Hosenträgern gehalten, auf der Nase sitzt eine übergroße Brille. Er steht nah am Mikrofon, sein Blick geht in Richtung des Publikums und wirkt doch, als würde er es gar nicht sehen, als sänge er nur für sich: „Du bist in mein Herz gefallen / wie in ein verlassenes Haus. /Hast die Türen und Fenster weit aufgerissen. / Das Licht kann rein und raus.“

Hier singt ein Vater, Gerhard Gundermann, über seine neugeborene Tochter, Linda. Und das tut er scheinbar auch noch zwei Jahrzehnte später bei einem fast identischen Auftritt, doch steht auf der Bühne nicht Gerhard Gundermann, sondern Alexander Scheer – in dem im August 2018 ins Kino gekommenen Film, der im Titel den Nachnamen des 1998 verstorbenen Sängers, Poeten, Baggerfahrers und bekennenden Kommunisten trägt. Scheer spielt Gundermann so überzeugend – nicht nur in Bezug auf dessen Physiognomie, auch hinsichtlich Sprachmelodie oder Körperhaltung – dass Gundermanns Tochter Linda während des Drehs gesagt habe: „Ich schaue wie durch ein Zeitfenster. Ich habe Papa lange nicht mehr gesehen“ (zit. n. Meinhardt 2018 A: 136). Und in der taz heißt es, die Songpassagen im Film wirkten „fast wie anachronistische Videoclips eines DDR-MTVs“. Insgesamt 18 von Gerhard Gundermanns Liedern hat Alexander Scheer für den Kinofilm neu eingesungen, sie musikalisch sanft modernisiert, während die zeitlosen Texte geblieben sind.

Die Idee, einen Film über Gerhard Gundermann (*1955 in Weimar – †1998 in Spreetal, Sachsen) zu drehen, sei bereits zu dessen Lebzeiten entstanden, erzählt die Drehbuchautorin Laila Stieler. Gemeinsam mit Regisseur Andreas Dresen bereitete sie den Film über zehn Jahre lang vor, wobei es zahlreiche Widerstände zu überwinden galt. So musste die Produktionsfirma gewechselt und die Filmförderung von der Relevanz einer Geschichte über einen ostdeutschen Sänger überzeugt werden, den im Osten fast jeder und im Westen kaum jemand kennt – „Wenn es Rio Reiser wäre, ginge das locker durch“, habe Andreas Dresen darauf entgegnet (zit. n. Meinhardt 2018 C: 171). Die Mühe hat sich gelohnt: Der sehr empfehlenswerte Film findet auch in den Medien viel Zuspruch (vgl. bspw. sehr positiv Spiegel Online, FAZ, etwas nüchterner Süddeutsche Zeitung, Zeit Online).

Liebeserklärung eines Vaters an seine Tochter

Linda, die Tochter Gerhard Gundermanns und seiner Frau Conny, kommt im Jahr 1992 zur Welt. Das gleichnamige Lied erscheint im Folgejahr. Das Sprecher-Ich beschreibt darin einen Moment der Erweckung, des Neuanfangs: In sein „Herz“, das einem „verlassene[n] Haus“ ähnelt, sei sie – Linda – „gefallen“, habe die „Türen und Fenster weit aufgerissen“, so dass „das Licht“ wieder „rein und raus“ könne. Dabei habe das singende Ich „doch schon [s]einen Frieden“ gemacht, sich mit allem abgefunden, sich „nicht mehr interessiert“ zurückgezogen, mit dem Gefühl, alles erlebt zu haben und dem Wissen, „wie die Kugel rollt“. Auf das Ende, den „Sensenmann“, sei es vorbereitet gewesen, „hätt‘ [s]ich nicht geziert“ und auch selbst zur Pistole gegriffen. Doch die wird jetzt „vergraben“, denn der Vater wird noch gebraucht, er ist „noch mal am Start“. Statt „dem allerletzten Schuss“ stehen nun „die fetten Tage“ an. Sogar „heim ins Weihnachtsland“, für das es angesichts seiner „dicken Haut“ nicht mehr empfänglich war, hofft das Sprecher-Ich, noch einmal zu gelangen. Mit Hilfe des Kindes als „Lotse“ an der Hand. Stellte dies nicht solch ein berührendes Bild dar, wäre es (zu) dick aufgetragen. Gut, dass die Ironie nicht zu kurz kommt: Das Baby ist „’ne laute Braut“.

Über die Entstehung des Liedes sagt Gerhard Gundermanns Witwe, diese sei instinktiv vonstatten gegangen: „Die Worte sind ihm aus dem Mund gefallen“. „Und die Musik kam aus dem Herzen“, so Jens Quandt, der Gundermann seit dem Jahr 1980 kannte (zit. n. Balitzki 2018: 75). „schade Gundi, das [sic] deine fetten Tage so kurz waren“, hat jemand in die Kommentare unter das Video geschrieben – Gerhard Gundermann erlag in der Mittsommernacht des Jahres 1998 mit nur 43 Jahren einem Schlaganfall.

Doch Linda lässt sich nicht nur aus Gundermanns privater Situation heraus interpretieren, sondern auch vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Wie auch in vielen anderen von Gundermanns Liedern aus den 1990er Jahren findet sich hier eine für die Nachwendezeit typische Orientierungssuche zwischen Alt und Neu gespiegelt, die sowohl Verunsicherungen als auch bereits eingetretene Enttäuschungen umfasst, doch zugleich Raum lässt für Hoffnung. „Man wusste einfach, dass Gundi über sich sang und über uns und dass er dies dennoch tat auf einer Zwischenebene, angesiedelt in einer poetischen Realität“, so der mit Gundermann bekannte Liedermacher Paul Bartsch auf einem Kolloquium, das anlässlich Gundermanns 50. Geburtstag im Jahr 2005 stattfand. (Beim Spiegel – einem genuin westdeutschen Medium – konnte man damit offenbar weniger anfangen: „Oft wehte durch seine Nachwendelieder eine befremdliche Todessehnsucht“, hieß es dort in einem Nachruf aus dem Jahr 1998.)

Sensenmann und Pistole

Neben dem „Sensenmann“ – einem wiederkehrenden Motiv in Gundermanns Liedern – findet sich mit der Pistole ein Gegenstand, zu dem Gundermann Zeit seines Lebens ein besonderes Verhältnis hatte. Im Alter von zwölf Jahren entdeckte er eine Pistole im Keller seines Elternhauses. Sein Vater hatte sie nach dem Zweiten Weltkrieg verbotenerweise behalten und versteckt. Das Kind nahm sie an sich und zeigte sie auf dem Spielplatz herum. Daraufhin wird sein Vater verhaftet und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Beziehung der Eltern – wenngleich schon zuvor zerrüttet – geht in die Brüche und der alte Gundermann sucht die Schuld bei seinem Sohn, mit dem er fortan nichts mehr zu tun haben will. Die Drehbuchautorin Laila Stieler sieht darin einen Erklärungsansatz für die Melancholie, die auch in Linda zu hören ist, wenn sie sagt, dass, „die Trauer bei ihm [Gundermann] noch ganz andere Wurzeln hat, dass da eine tiefe Schuld ist, die von innen frisst, und diese Einsamkeit verursacht. Dieses Alleinsein, Außenseitersein“ (zit. n. Leinkauf 2018: 112). Zum Militärischen hatte Gerhard Gundermann schon als Kind eine Affinität: Er träumte davon, als zweiter Che Guevara in die Welt zu ziehen. Mit 18 ging er auf die Offiziershochschule der NVA, die er jedoch nach anderthalb Jahren verlassen musste, da er Befehle verweigert hatte.

Gundermanns Antwort auf die Frage eines Reporters des Neuen Deutschlands 1996, ob er manchmal an den eigenen Tod denke, liest sich wie eine Bestätigung des Songtextes von Linda: „Ich habe alles gesehn und alles gehabt. Ich könnte gehen – vorausgesetzt, meine Frau Conny kommt mit. Aber das ist ja nur die eine Seite, dass man genug bekommen hat. Die andere Seite ist, ob man fertig ist mit dem Geben. Und deshalb will ich schon noch ’n bisschen bleiben, zumindest so lange, bis die Kinder ohne uns auskommen“. Ein Jahr nachdem Gundermann dies gesagt hatte, erschien Brunhilde.

Identität und Herkunft

Veröffentlicht im Jahr 1997 auf dem Album Engel über dem Revier, entstand Brunhilde zu einer für Gerhard Gundermann schwierigen Zeit: Mit der Wende war ein Land untergegangen, das bei aller Fehlerhaftigkeit eine Heimat gewesen, einen Lebenssinn und Identität gespendet hatte, betrachtete Gerhard Gundermann sich doch als Kommunist, der an den Sozialismus, die DDR und eine gerechte Gesellschaft glaubte und etwas verändern wollte. Zwar hatte ihn der real existierende Sozialismus schließlich enttäuscht, dennoch hatte er sich ihm verpflichtet gefühlt. Er habe aufs richtige Pferd gesetzt, leider habe es nicht gewonnen, sagte Gundermann einmal. 1995 war bekannt geworden, dass er zwischen den Jahren 1976 und 1983/84 mit der Stasi zusammen gearbeitet und nicht nur als Sänger und Poet Liedtexte, sondern auch als Inoffizieller Mitarbeiter Spitzelberichte verfasst hatte (vgl. hierzu Martin Kraus‘ Interpretation von Gerhard Gundermanns Lied Sieglinde auf diesem Blog). Gundermann sang gegen das System und spitzelte für es – „wo man auch hinguckt bei ihm: Widersprüchlichkeit, Ambivalenz“, so Alexander Scheer (zit. n. Meinhardt 2018 A: 141).

1994 war zudem Gundermanns Vater verstorben, der, wie bereits geschildert, Jahrzehnte zuvor den Kontakt zu seinem Sohn abgebrochen hatte. Mit dieser Situation hatte Gundermann nur oberflächlich abgeschlossen, „in den Tagen vor und nach dem Tod des Vaters brach alles auf“, erzählt seine Witwe rückblickend (zit. n. Meinhardt 2018 B: 13). In der Wohnung seines verstorbenen Vaters habe Gundermann dann Zeitungsartikel über sich gefunden, „nun kam erst richtige Trauer hoch, auch das Bewusstsein vom Verlust der Zeit. Einer Zeit, die er mit dem Vater nicht gehabt hat“ (ebd.). (Vergleiche hierzu auch das Lied Vater, veröffentlicht ebenfalls auf dem Album Engel über dem Revier.)

Nicht nur den Verlust des Vaters hatte Gerhard Gundermann in den 1990er Jahren zu beklagen, 1997 verlor er auch seine Stelle im Tagebau. Nach der Wende und der damit verbundenen wirtschaftlichen Neuausrichtung im Osten Deutschlands war der Rohbraunkohlebedarf drastisch zurück gegangen, so dass die Stilllegung der Spreetaler Gruben beschlossen worden war. Maschinist für Tagebaugroßgeräte stand auf einer Liste von 160 Berufen, die im Westen gar nicht existierten. Für Gerhard Gundermann, der über zwanzig Jahre im Tagebau gearbeitet hatte, eine prägende Erfahrung: „Er hat das Baggerfahren wirklich geliebt“, erzählt seine Witwe (zit. n. Meinhardt 2018 B: 19). Nach seiner Entlassung probierte Gundermann sich erst als Maurer aus, begann anschließend eine Tischlerlehre. Doch der Umgang in dem Betrieb setzte ihm psychisch zu: „Hilflos. Schweigsam. Düster“, sei ihr Mann gewesen, erzählt seine Frau Conny rückblickend (zit. n. Meinhardt 2018 B: 20). „Weiterzumachen, gegenzuhalten, die Lehre durchzuziehen, hat ihn mehr Kraft gekostet, als er übrig hatte“, so ihre Einschätzung (ebd.).

Verschiedene Aussagen Gerhard Gundermanns aus den 1990er Jahren belegen, wie entwurzelt er sich gefühlt haben muss. So bemängelte er an der Gesellschaft der wiedervereinigten Bundesrepublik, sie würde den Menschen das Gefühl vermitteln, nicht mehr gebraucht zu werden. Von einem Reporter der Jungen Welt gefragt, ob seine Generation – Gundermann war Jahrgang 1955 – ihre Chance verpasst habe, antwortete dieser: „Mir hat mal jemand gesagt, wir seien so eine übersprungene Generation. Die Alten wollten ewig nicht weg. Und als sie weg waren, hat die Generation hinter uns uns gleich mit weggeschubst“.

Baggerfahrer und Poet

Wie eng verknüpft Gerhard Gundermanns Identität mit seiner Arbeit im Tagebau war und wie sehr sich sein Selbstbild als Liedermacher daraus speiste, belegt seine folgende Aussage aus dem Jahr 1988: „Das ist wie Motor und Getriebe. Der Motor ist das, was ich auf meinem Bagger mache. Und das Getriebe ist das, was ich mit der Gitarre mache. […] Und Motor und Getriebe gehören zusammen. Jedes für sich allein ist nichts. So, wie ich das mache, kann ich es eben nur in diesem Umfeld. […] Meine Idealvorstellung ist, dass ich gern beides je zur Hälfte machen würde: zehn Schichten auf dem Bagger und zehn Schichten in der Kultur. Doch ich könnte keines von beidem aufgeben“. Nicht zuletzt wollte sich Gerhard Gundermann mittels der Arbeit als Baggerfahrer seine Unabhängigkeit von der Musikindustrie bewahren.

Den Verlust seiner Arbeit im Tagebau verarbeitete Gundermann in dem Lied Brigitta, in dem es heißt: „ich bin angebunden hier / gehör dazu wie auf’m Fensterbrett der Staub / ein jeder Baum trägt meinen Steckbrief unter’m Laub. (Das Lied ist jedoch nicht gänzlich autobiographisch zu lesen, trank Gundermann doch keinen Alkohol und war sein Vater kein Bergmann, wie es im Liedtext von Brigitta jeweils heißt.) Trug die Grube, in der Gundermann arbeitete, vormals den Namen Brigitta, könnte es sich bei Brunhilde um eine Kollegin handeln. Schließlich hatte Gerhard Gundermann mit der Entlassung aus dem Tagebau auch den Verlust seiner sozialen Kontakte dort zu beklagen. „Lange habe ich gedacht, es ist nur die Arbeit, die ich brauche. Aber es sind auch die Leute, meine Kollegen“, erklärte er bereits im Jahr 1988.

Für seine Poesie, seine Lieder habe Gerhard Gundermann zurückgegriffen auf einen „sozialen Kosmos individueller Personen mit erkennbarer Biografie – ob sie nun Sieglinde, Linda oder Brunhilde heißen, ob es die kleinen blassen Frauen sind oder alte graue Kaffeefrauen“, so Paul Bartsch. Abgebildet fände sich „ein Mikro-Kosmos [Herv. i. O.], der innere [Herv. i. O.] Kreis der Verluste und Verlässlichkeiten“ (ebd.). Die Lesart wird auch von anderen Hörerinnen und Hörern geteilt: Die Berliner Künstlerin Ute Donner hat sich von Gundermanns Brunhilde zu einem Gemälde inspirieren lassen, das eine ältere Frau mit Helm und Arbeitskleidung vor einer Industrielandschaft mit Bagger und Gleisen zeigt, dahinter ein glutroter Himmel (siehe Video oben). „Das Bild gibt die Atmosphäre des Liedes perfekt wieder“, lautet ein Kommentar unter dem Video zu Brunhilde.

In Andreas Dresens Film findet sich eine Figur, für die Brunhilde als Vorbild gedient haben könnte: Eine ältere Baggerfahrerin namens Helga, die von der sie darstellenden Schauspielerin Eva Weißenborn als Verkörperung eines „alte[n] schräge[n] Typen“ bezeichnet wird (Potsdamer Neueste Nachrichten). Eine erfahrene Kollegin, die sich im Film des jungen Gundermanns annimmt, als dieser nach abgebrochenem Studium im Tagebau anfängt. Während sich draußen das riesige Baggerrad in die Erde frisst, sind Helga und Gundermann in der engen Baggerkanzel zu sehen. Gundermanns Blick ist konzentriert, Helga steht hinter ihm, berührt seine Hand auf dem Steuerknüppel des Baggers – eine fast intime Szene. „Schön sachte, nicht so ruckelig“, solle er den Bagger bedienen. Hatte der echte Gundermann an der Offiziershochschule Befehle verweigert, lässt der Film-Gundermann den Rat der älteren Baggerfahrerin gelten. Als sich das Schaufelrad gleichmäßig dreht, wendet sich Gundermann mit einem stolzen Grinsen zu Helga um, die lächelt zurück. Die Kamera schweift über die nächtliche Mondlandschaft des Tagebaus, in der der mächtige Bagger mit seinen Lichtern wie ein Raumschiff wirkt, alles unterlegt mit Klängen von Brunhilde.

Nochmals erklingt Brunhilde inklusive Gesang in einer späteren Szene von Dresens Film, die Gerhard Gundermann in einem Moment tiefer Einsamkeit zeigt. Zuvor hatte er einen SED-Oberen bei dessen Besuch im Spreetaler Tagebau gefragt, „wieso du hier mit ’nem Westwagen anrollst, wo wir doch alle bloß Trabbi fahren“. Weder vom empörten Staunen der SED-Entourage noch von den peinlich berührten Blicken seiner Kollegen lässt sich der Film-Gundermann schrecken, bemängelt stattdessen den Arbeitsschutz in der Grube und fragt nach energiepolitischen Konzepten, „denn dass man hier die Heimat verheizt, das kann’s ja auf Dauer nischt sein“. Im Film eskaliert die Situation, Conny läuft Gundermann hinterher, fragt ihn, ob er „denn immer gegen den Strom schwimmen“ will. „Wenn’s sein muss“ antwortet der und küsst sie. Conny, die im Film zu dieser Zeit noch mit einem anderen Mann verheiratet ist, ohrfeigt Gundermann, der flüchtet sich auf seinen Bagger und lässt seinen Blick über die Grube schweifen. Der Bagger als Rückzugsort – auch für den echten Gundermann, der dank der Abgeschiedenheit und Routine seiner Arbeit hier Zeit zum nachdenken fand und Ideen für neue Lieder entwickelte.

An die Vertonung von Ilja Muromez der Berliner Gruppe Regenmacher, für die Gundermann mutmaßlich den Text beisteuerte, fühlt sich hingegen Andreas Leusink erinnert, der u.a. Andreas Dresen und Laila Stieler als Agent betreut. Die russische Sagengestalt sei für Gundermann „einer seiner mythischen Helden, ein alter, müder Kriegsmann“ gewesen (Leusink 2018: 7). Freilich ist angesichts des Namens Brunhilde auch an die mythologische Figur Brünhild aus dem nordischen Sagenkreis zu denken, deren wohl berühmteste literarische Verkörperung die kriegerische Königin aus dem Nibelungenlied darstellt.

Härter als der Rest

In jedem Fall also scheint es sich bei Brunhilde um keine junge Frau zu handeln: „Nicht mehr lang hin, dann sind die Kerzen / in deinen Augen heruntergebrannt“.Mit diesen Versen, die sich wie eine Ankündigung des nahenden Todes lesen, beginnt das Lied. „Und von dir abgesprungen / werden all die grünen Jungen sein, / die sich mal deine Freunde genannt“. Eine Frau, die bereits Enttäuschungen erlebt hat und darüber möglicherweise Verbitterung empfindet. Auch die Zeilen „Und aus dem kleinen Huckel / wächst ein richtiger Hexenbuckel“ deuten auf das fortgeschrittene Alter der Besungenen hin. Doch noch ist Zeit für ein Fest, das Sprecher-Ich fordert: „Bleib heute wach, Brunhilde“. Der Vergänglichkeit wird noch ein bisschen Zeit abgetrotzt: „Die Uhr geht nach, Brunhilde, / und ich klemme die Zeiger fest“. Mit Erfolg: „Und du wirst schwach, Brunhilde, / denn ich bin härter als der Rest“. Bei dieser selbstbewussten Bekundung könnte es sich um eine Übersetzung von Bruce Springsteens Tougher Than the Rest (1987) handeln. Im Jahr 1994 durfte Gundermann mit seiner Band im Vorprogramm zu einem Auftritt nicht Springsteens, aber Bob Dylans spielen. In Andreas Dresens Film ist zu sehen, wie sich der Film-Gundermann hinter der Bühne an Dylans Bodyguards vorbei windet und den Superstar anspricht, der ihm daraufhin jovial auf die Schulter klopft. Was er zu Dylan gesagt habe, wollen Gundermanns Bandkollegen daraufhin von ihm wissen. „Dass Springsteen der Größte ist“, antwortet der. Zwar handelt es sich hierbei nur um eine Anekdote aus dem Film, doch „was Gundermann gefiel, machte er zu seinem Material. Härter als der Rest also, und nicht etwa, um aufzutrumpfen, sondern als Strohhalm-Angebot für Brunhilde, eine jener Frauen, mit denen Gundermann besser zurechtkam, als die mit sich selbst, wie er einmal sagte“, so der Lyriker Henry-Martin Klemt.

Ganz von der Hand weisen lässt sich jedoch wohl nicht, dass Gundermann selbst durchaus empfänglich war für eine solche Zuschreibung, „härter als der Rest“ zu sein. Er arbeitete im Dreischichtsystem als Baggerfahrer. „Wenn er Frühschicht hatte, musste er um drei Uhr raus. Dazu die Konzerte, die Proben, er hat in der Regel nicht mehr als drei Stunden geschlafen, er hat immer am Limit gelebt“, erinnert sich Conny Gundermann (zit. n. Meinhardt 2018 B: 11). Auch in Brunhilde bleibt das Fest nicht ohne Konsequenzen: „Nicht mehr lang hin, dann schickt dein Magen / den Schnaps zurück, dein Herz liegt blank.“ Hier zeigt sich zudem Gundermanns Vorliebe, sprachliche Bilder oft zu wechseln – der Schnaps, das Herz, der Hexenbuckel und dann „fall ’n die Tassen aus dem Schrank“ – und die besungene Szenerie in der Artikulation auszudrücken. Dazu Paul Bartsch: „Dem Umgang in dieser fast privaten Gesellschaft, in der trotz billigem Fusel auf Marken, den der Magen irgendwann zurück schickt, manch roter Schein versauft wurde, passt sich Gundi auch sprachlich an, wirkliche Umgangs-Sprache [Herv. i. O.] sozusagen, die verschluckten Silben, die verwischten Endungen […].“

Einladung zu einem Abend im Frieden

Doch Brunhilde ist mehr als die Vertonung einer durchzechten Nacht: Für ihn handle es sich um „ein zartes Liebeslied und ein starkes Lied vom Frieden in einer Nachkriegszeit“, schreibt Andreas Leusink (2018: 7). Dazu tragen vor allem die letzten beiden Strophen bei, vor denen die Gitarre einen plötzlichen Akkord schlägt und ein zweistimmiger Gesang einsetzt. „Und was sollte besser sein / als so ein Abend im Frieden“ – eine schlichte und zugleich entwaffnende Feststellung. Ebenso einfache Tätigkeiten sind es, die sich an einem solchen Abend anfangen bzw. beobachten lassen: im Sommerregen mit dem Fahrrad durch die Wiesen fahren, die Vertrautheit alter Menschen, vielleicht eines Paares, das auf einer Bank hinter seinem Haus sitzt und wenn man Glück hat, lassen sich noch mampfende Hasen erblicken. (Bei Linda die laute Braut, bei Brunhilde die mampfenden Hasen: Drohen die hervorgerufenen Bilder ins Kitschige zu kippen, kommt ein skurriler Bruch.) Gerhard Gundermann bedient sich natürlicher und beinahe unspektakulärer Bilder, die jeder kennen dürfte, und die dennoch oder gerade deshalb berühren.

Brunhilde wird zu all dem eingeladen: Für sie liegt „ein altes Kissen“ bereit und eine Bank wartet auf sie, von der aus sich „’n richtig gute[r] Sonnenuntergang“, vielleicht über der verwüsteten Landschaft des Braunkohlereviers, beobachten lässt. Nur „so poppig bunte Wundertüten / kann ich dir nicht bieten“, heißt es weniger bedauernd als vielmehr trotzig. Diese Wundertüten, deren Inhalt sich erst erschließt, nachdem man sie geöffnet hat, dürften ein Sinnbild für die Verheißungen sein, die sich nach der Wiedervereinigung (scheinbar) boten. In Gerhard Gundermanns Liedern fände man „das warme, vertraute Grau wieder, das man manchmal zwischen all der neuen Buntheit verloren zu haben meint“, hieß es in der Berliner Stadtteilzeitung Scheinschlag 1995 und damit zwar vor der Veröffentlichung von Brunhilde, deshalb jedoch nicht weniger zutreffend. Das Sprecher-Ich setzt den Wundertüten unbekannten Inhalts ein Naturschauspiel entgegen, das zwar altbekannt ist, aber in seiner Erhabenheit immer wieder beeindrucken dürfte.

Einen differenzierten Blick auf die ostdeutsche Geschichte möchte Andreas Dresen mit seinem Gundermann-Film wagen und diese Perspektive auch im Westen populärer machen. „Es wäre schön, wenn durch den Film Menschen auf Gundermann aufmerksam werden, die ihn vorher gar nicht kannten“, so der Regisseur gegenüber dem mdr. Und Gerhard Gundermanns Witwe ergänzt: „Ich wünsche mir, dass seine Lieder auch uns überdauern“.

Isabel Stanoschek, Bamberg

Literatur:

Balitzki, Jürgen (2018): „Flötentöne raus, Gitarrenschub rein: Tina Powileit und Mario Ferraro (Die Seilschaft), Sebastian Deufel (Gisbert-zu-Knyphausen-Band) und Jens Quandt (Film-Music-Supervisor / Musikproduzent) im Gespräch mit Jürgen Balitzki“, in: Andreas Leusink [Hrsg.] (2018): Gundermann: Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse: Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 63-75.

Leinkauf, Maxi (2018): „Meine Reue kriegt ihr nicht: Laila Stieler im Gespräch mit Maxi Leinkauf“, in: Andreas Leusink [Hrsg.] (2018): Gundermann: Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse: Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 109-121.

Leusink, Andreas (2018): „Für die einen Stützen des Gedächtnisses, für die anderen Flügel der Phantasie: Ein Vorwort“, in: ders. [Hrsg.] (2018): Gundermann: Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse: Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 7-9.

Meinhardt, Birk (2018) A: „Als ich das Drehbuch gelesen hatte, wusste ich, das ist mein Film! Alexander Scheer im Gespräch mit Birk Meinhardt“, in: Andreas Leusink [Hrsg.] (2018): Gundermann: Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse: Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 129-144.

Ders. (2018) B: „Sehnsucht nach einem Leben ohne diesen Druck: Conny Gundermann im Gespräch mit Birk Meinhardt“, in: Andreas Leusink [Hrsg.] (2018): Gundermann: Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse: Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 11-21.

Ders. (2018) C: „Wir wollen die Deutungshoheit über unsere Biografien zurück! Andreas Dresen im Gespräch mit Birk Meinhardt“, in: Andreas Leusink [Hrsg.] (2018): Gundermann: Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse: Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen. Berlin: Christoph Links Verlag, S. 161-171.

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