Es bleiben einige sehr schöne Lieder. Zu Gerhard Gundermanns „Sieglinde“

Gerhard Gundermann

Sieglinde

Eröffnungstanzabend auf der Kur,
die andern Männer gehen in die Spur.
Ich weiß, dass ich da nicht mithalten kann
und gucke meine Bilderbücher an.

Da plötzlich sträubt sich mein Gefieder,
so `ne kleine Dicke steht mir gegenüber,
sie hat mir ihren Daumen in den Mund gesteckt
und ich hab ihn abgeleckt.

Mensch, Sieglinde,
wenn ich dich finde,
dann bist du dran,
bitte ruf an.

Zurück auf dem Fabrikplaneten
hab ich überhaupt nichts mehr von dir gehört.
Die andern haben ungebeten
mich über dich aufgeklärt.

Sie sagen du hast mich verraten,
doch fehlt mir ja bis heute kein Bein.
Der Teufel wollte braten,
und die Pfanne sollte deine sein.

Mensch, Sieglinde […]

Sie sagen du hast mich belauscht,
doch außer dir hat mir nie einer zu gehört,
und schneller als das Wasser rauscht,
hab ich dir meine paar Geheimnisse diktiert.

Sie sagen, du hast mich beschattet,
für deinen Schatten danke ich.
Von zu viel Sonne auf der Platte,
kriegt man doch nur`n Sonnenstich.

Sie sagen, du hast mich verraten,
doch fehlt mir ja bis heute kein Bein.
Der Teufel wollte braten
und die Pfanne sollte deine sein.

Mensch, Sieglinde […]

     [Gerhard Gundermann: Der siebte Samurai. Buschfunk 1993.]

In den vergangenen Wochen zeigte die ARD die zweite Staffel ihrer preisgekrönten („Deutscher Fernsehpreis 2011“ etc.), hochgelobten (vgl. aktuelle Artikel auf Focus.de, Sueddeutsche.de, Zeit.de) und tatsächlich sehr empfehlenswerten Serie Weissensee. Darin wird der Themenkomplex Stasi als Familien-Epos erzählt (so beinhalten viele Kommentare Bezugnahmen auf Dallas oder den Denver Clan, vgl. etwa Focus.de) – mit einer großen verhinderten Liebe (entsprechend ist etwa auf Stern.de von „Romeo und Julia in der DDR“ die Rede, vgl. aber auch Beiträge der Welt und von The Guardian) und schuldhaften Verwicklungen (vgl. beispielsweise einen Artikel mit dem Titel „Die Diktatur der DDR als griechische Tragödie“). 24 Jahre nach dem Mauerfall werden dem deutschen Fernsehpublikum u.a. ein immer menschlicher werdender Stasi-General (Hans Kupfer, gespielt von Uwe Kockisch) und eine Stasi-Gattin, die sich selbst nur unter großem Druck als Informelle Mitarbeiterin verpflichten lässt (Vera Kupfer, gespielt von Anna Loos), angeboten. Auch wenn die Handlung manchem Kritiker wie eine „Aneinanderreihung von DDR-Klischees“ (Spiegel online) erscheinen mag, kann das dramatische Geschehen bei vielen Zuschauern zu einer gewissen Identifikation und damit zu einem Verständnis führen, das bei denjenigen, denen die DDR erspart geblieben ist, nicht immer vorhanden war.

Als Präzedenzfall westdeutscher Verständnisschwierigkeiten gegenüber Vergangenheiten mit Verpflichtungserklärung gilt der im Einheitsjahr 1990 von Frank Schirrmacher und anderen Journalisten angefachte/ausgefochtene „deutsch-deutsche Literaturstreit“ (eine entsprechend überschriebene Betrachtung findet sich in: Robert Weniger: Streitbare Literaten. Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur um Christa Wolf. München: Beck 2004). Christa Wolf veröffentlichte mit Was bleibt eine Erzählung, die aus der Zeit berichtete (1976 bis ca. 1979), in der die Autorin verstärkt bespitzelt worden war. Darauf reagierte man in den westdeutschen Medien erst mit geballter Kritik, dann mit Artikeln über jene Zeit (ca. 1959 bis 1962, Wolf war damals ca. 30 bis 33 Jahre alt), in der sie selbst bespitzelt hatte. Ulrich Greiner warf der „Staatsdichterin der DDR“ einen „Mangel […] an Aufrichtigkeit gegen sich selbst und die eigene Geschichte, einen Mangel an Feingefühl gegenüber jenen, deren Leben der SED-Staat zerstört hat“ vor (Die Zeit vom 1. Juni 1990). Dem damaligen Zeit-Feuilletonchef mangelte es offensichtlich an Einfühlungsvermögen und -willen gegenüber einer etwas schwerer zu bestreitenden DDR-Biographie.

Gar nicht unähnlich verhielt es sich einige Jahre danach im Fall Gerhard Gundermann. 1995 erschien ebenfalls in der Zeit ein Artikel, in der der ostdeutsche Sänger als gesamtdeutsche Figur zu Grabe getragen wurde, weil auch bei ihm eine Tätigkeit als IM (von 1976 bis 1984, also im Alter von. 21 bis 28 Jahren) bekannt geworden war. Danach konnten die Entscheidungsträger des Musikbusiness nichts mehr für ihn tun: „‚Nach dieser Sache hat Gerhard keine Zukunft mehr im Westen‘, bedauert die Managerin.“ (Die Zeit vom 26. Mai 1995) Und weiter: „Er hat ja doch Sachen getan, die man kaum entschuldigen kann.“ Der Betroffene selbst wird vom Verfasser des Artikels (namentlich Steve Koerner) nur ironisch distanziert zitiert:

„Wenn mich einer gefragt hat“, sagt Gundermann, „habe ich‘s ja immer zugegeben.“ Im übrigen hat Gerhard Gundermann beim Stichwort „Stasi“ stets zuerst an seine Opfergeschichte gedacht. Sechs Jahre unterm Brennglas. Parteiausschluß, Auftrittsverbot, Westreisesperre.“

Was bei Christa Wolf Was bleibt hieß, war bei Gerhard Gundermann Sieglinde. In Bezugnahme auf dieses Lied schreibt Koerner: „Dazu zwei, drei Zitate aus der Akte – das gab einen schönen Widerspruch zwischen Poesie und Petzbericht.“

Das singende Ich in Sieglinde ist ein Opfer von Bespitzelung, das der vermeintlichen Täterin unbeschwert vergibt. Nach der Kur „zurück auf dem Fabrikplanten“ wurde es „ungebeten […] darüber aufgeklärt“, dass es offensichtlich von seinem Kurschatten, der „kleine[n] Dicke[n]“, die es am „Eröffnungstanzabend“ kennengelernt hatte, „beschattet“ worden war.  Statt die Verflossene zu verfluchen, dankt der mit Aufmerksamkeit Bedachte „für deinen Schatten“. Nur allzu bereitwillig hatte er sich auf die Zuwendung eingelassen – „außer dir hat mir nie einer zu gehört“. Der Lauschangriff war nicht weiter schlimm, es ging nur um „meine paar Geheimnisse“, es „fehlt mir ja bis heute kein Bein“. Man könne demnach (anders als es im oben zitierten Artikel in der Zeit vom 26. Mai 1995 hieß) doch gewisse Sachen entschuldigen, hier wurde kein Leben zerstört (vgl. Die Zeit vom 1. Juni 1990).

Es liegt im Auge des Betrachters, dies auch jetzt noch als nicht hinzunehmende Verharmlosung anzuprangern oder als eine Beschreibung eines Falles anzunehmen, den es vielleicht so auch gegeben haben könnte: Im Mitschnitt eines Konzerts Ende 1993 in Dresden hört man Gundermann während der Ansage des Songs Sieglinde von einem „Freund“ erzählen, bei dem sich mit „IM weiblich“ das „einzige erotische Abenteuer“ seines Lebens ergeben hätte (Sieglinde auf dem Konzert am 9.12.1993 im Bärenzwinger in Dresden). Gundermann scherzt, dass sich hier die nur im real-existierenden Sozialismus vorhandene Übereinstimmung von persönlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen gezeigt habe. Spätestens hier wird erkennbar, dass Sieglinde von der Unmöglichkeit wirklich unbeschwerter  persönlicher Beziehungen auf Grundlage starker gesellschaftlicher Zwänge erzählt.

Wie oben angedroht hatte Gundermann „keine [große] Zukunft mehr im Westen“ (Die Zeit vom 26. Mai 1995), trotz allen Jahren des deutsch-deutschen Zusammenwachsens ist er dort auch heute noch etwas weniger bekannt. Dagegen gilt der „singende Baggerfahrer“ (u.a. Titel eines sehr liebevollen Fernsehbeitrags, der vor einigen Monaten im MDR gesendet wurde) im Osten der Republik vielen Anhängern als „Mythos“ mit „Kultstatus“ (Lutz Kirschner: Gerhard Gundermann: Militanz und Melancholie), als „Dylan des Tagebaus“ (Die Zeit vom 23. Januar 1998), der einst (1994) beim echten Dylan im Vorprogramm spielen durfte, aber weiterhin neben der Kunst einem gescheiten Brotberuf (eben erst Förderkranführer im Tagebau der Lausitz, dann Tischler) nachgehen wollte und schließlich 1998 an dieser Doppelbelastung starb; als sehr begabter Musiker mit wirklich sehr schönen (und auch politisch weniger belasteten) Liedern wie etwa Linda, Gras oder Das war mein zweitbester Sommer.

Martin Kraus, Bamberg

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