Nebensachen. Zur Verschränkung von Fußball und Sexualität in „Toni, laß es polstern!“ von Toni Polster & Die fabulösen Thekenschlampen

Toni Polster & Die fabulösen Thekenschlampen

Toni, laß es polstern

Toni, laß es polstern!
Toni, polstern, polstern!
Toni, triff im Doppelpack!
Schlampen trinken Sechserpack.

Mein Spiel hat Feuer, ich hab Wiener Blut.
Dann spiel mit mir, denn du fummelst gut!
Hab ich den Ball, mach ich ihn rein.
Wie kriegt er diese Waden in die Söckchen rein?
Der Strafraum ist mein Jagdrevier.
Komm Toni, bitte jag mit mir!

Toni, laß es polstern! [...]

Meine Show beginnt samstags um halb vier.
Deine Locken, die frisier'n wir dir.
Ja, Wiener Walzer tanz ich mit dem Ball.
'n Freistoß gibt's auf jeden Fall.
Der Strafraum ist mein Jagdrevier.
Komm Toni, Toni, jag mit mir!

Toni, laß es polstern! [...]

Der Schuß ging leider nicht ins Netz.
Das macht doch nichts, dann sing'n mer jetzt!

Toni, laß es polstern! [...]

     [Toni Polster & Die fabulösen Thekenschlampen: Toni lass es polstern. BMG 1997.]

Spätestens seit Kick it like Beckham wissen wir um den emanzipatorischen Wert von Frauenfußball. Und welche – mutmaßlich erfreulichen – Folgen es haben wird, dass, weil viele Mädchen auch Fußball spielen können, Kinder ab einem bestimmten Alter nicht mehr automatisch in gleichgeschlechtlichen Gruppen spielen, wird sich in den kommenden Jahrzenhten zeigen. Doch gibt es auch eine Schattenseite des gestiegenen weiblichen Interesses an Fußball. Liliana Nova, als Ex-Frau von Lothar-Matthäus für die BILD-Redaktion offenbar kompetent in Bezug auf den Sexappeal von Fußballern, teilt in einem Interview mit: „Wir haben einige Sahneschnitten in unserer Elf“. Und im Radio läuft ein Lied mit dem Refrain: „Zieh einfach nur dein T-Shirt aus, / du kleine, verspielte Zuckermaus!“ Gesungen wird das von einer Frau, gemeint ist ein Mann, genauer: ein Fußballer. Das klingt zunächst aufgrund der Subversion von Rollenklischees interessant, erweist sich aber letzlich nur als der gleiche Sexismus, mit dem Männer zuweilen Damenbeachvolleyball kommentieren. Dieses Lied, das ich bislang keinem Interpreten zuordnen konnte (für Hinweise bin ich dankbar), hat thematisch einen außerhalb Kölns und Österreichs der eher wenig bekannten Vorgänger: Toni, laß es polstern, 1997 gesungen vom damaligen Stürmer des 1. FC Köln, Anton Polster, und der Kölner Band Die fabulösen Thekenschlampen, denen auch Mirja Boes, die später zunächst als Möhre auf Mallorca u.a. mit dem Hit 20 Zentimeter erfolgreich war und mittlerweile etablierte Komikerin ist, als eine der drei Sängerinnen angehörte. Ein Auftritt Polsters mit der Band (kurzer Auschnnitt hier ab Min. 20) am Abend nach dem verlorenen Pokalspiel gegen den SSV Ulm überstrapazierte seinerzeit das Humorverständnis der karnevalsgestählten Kölner Verantwortlichen, was insbesondere wegen des beschwingten Verspaars „Der Schuß ging leider nicht ins Netz. / Das macht doch nichts, dann sing’n mer jetzt!“ zumindest ein wenig nachvollziehbar erscheint.

Dabei erweist sich der Liedtext bei genauerer Betrachtung sogar als recht raffiniert: Da wäre zum einen der durchaus originelle Wechsel zwischen von Polster gesungenen Zeilen und dem Groupie-Chor, wobei dieser auf ihn reagiert, aber nicht umgekehrt. Somit bleibt unklar, ob wir es mit weiblichen Fans zu tun haben, die den z.B. ein Interview gebenden Fußballer aus der Ferne anschmachten, oder mit einer echten Dialogsitation. Nimmt man das Szenario des Interviews, vielleicht sogar eines der berüchtigten gleich nach Spielende vom Feldreporter in der Mixed Zone geführten, an, und liest Polsters Sätze isoliert, so ergibt sich folgendes recht unspektakuläres Phrasenstakkato:

Mein Spiel hat Feuer, ich hab Wiener Blut.
Hab ich den Ball, mach ich ihn rein.
Der Strafraum ist mein Jagdrevier.
Meine Show beginnt samstags um halb vier.
Ja, Wiener Walzer tanz ich mit dem Ball.
Der Schuß ging leider nicht ins Netz.

Auf diese Allerweltsaussagen reagiert der Chor nun jeweils mit erotisch motivierten Assoziationen: Die Formulierung „Dann spiel mit mir, denn du fummelst gut!“ nutzt dabei die verschiedenen Bedeutungen von ‚fummeln‘ einerseits als „zu häufig und zu lange dribbeln„, andererseits als „jemanden als Form des erotisch-sexuellen Kontakts berühren, streicheln“ (Duden). Ähnlich, wenn auch in seiner sexuellen Bedeutung, die sich erst aus dem Kontext der Sprechsituation ergibt, neologistisch, ist der Vers „’n Freistoß gibt’s auf jeden Fall“ gestaltet. Auf der anderen Seite verwendet Polster selbst primär erotisch aufgeladene Metaphorik, etwa, wenn er seinen Umgang mit dem Ball als Paartanz beschreibt oder sein „Jagdrevier“ benennt (damit wird zudem einer der grauenhaftesten krypto-pornographischen Schlager in diesem an Grauenhaftem nicht eben armen Subgenre zitiert: Tony Marshalls Ach, laß mich doch in deinem Wald der Oberförster sein). Klaus Zeyringer konstatiert eine generelle erotische Grundierung der Fußballsprache: „Diese Sprache braucht ihr Milieu, sonst gerät sie ins Zweideutige.“ (Klaus Zeyringer. Fußball. Eine Kulturgeschichte. Frankfurt a.M.: Fischer 2014, S. 425.)  Eben dieses semantische Potential bringen die Thekenschlampen durch eine erotische Rekontextualisierung zum Vorschein, so dass selbst die gängige Fußballvokabel ‚im Doppelpack treffen‘ auf einmal als Angebot einer ménage à trois lesbar wird.

Die Etablierung eines sexuellen Subtextes führt auch dazu, dass für sich betrachtet gänzlich unverfänglich wirkende Passagen entsprechend gedeutet werden können: „Hab ich den Ball, mach ich ihn rein“ klingt entsprechend gelesen nach erotischer Prahlerei, die der Realität dann nicht ganz entspricht: „Der Schuß ging leider nicht ins Netz.“ Aber der Trost erfolgt sofort: „Das macht doch nichts, dann sing’n mer jetzt!“ Und so werden im Laufe des Liedes das Sprechen über Fußball und das über Sex ununterscheidbar – und das, obwohl Fußball als traditionelle Männerdomäne oft als Gegenwelt zur heterosexuellen Paarbeziehung aufgefasst wird. Die Verschränkung beider Bereiche gipfelt im hier von Polsters Namen abgeleiteten Verb „polstern“, das in der Form „es polstern lassen“ keine konvetionelle Bedeutung trägt: Als Ruf der Fans war der Ruf „Toni, laß es polstern“ unzweifelhaft die Aufforderung, ein Tor zu schießen; im Kontext des Liedtextes ist für den Zuhörer frei wählbar, ob er eine sportliche oder erotische Bedeutung unterstellt.

Damit macht der Text deutlich, dass es sich bei einem Fußballspiel vor Publikum um eine durchaus auch erotische Inszenierung („Meine Show beginnt samstags um halb vier.“) handelt, bei der es neben äußeren Merkmalen (Waden, Locken) auch um Attribute wie Eleganz, Durchsetzungsvermögen, Zielstrebigkeit, Kampf und Erfolg geht. Im Gegensatz zum eingangs erwähnten sexualisierten Blick auf Fußballer, bei dem der Sport vollständig in den Hintergrund tritt und es lediglich um eine möglichst freie Sicht auf den Körper der Spieler geht („Zieh einfach nur dein T-Shirt aus“ [Trikot! Es heißt Trikot!]), liegt hier also kein Sexismus (in der Form der Voyeurismus) vor, der den Anderen auf ein reines Sexualobjekt reduziert, sondern wird ein erotisch gefärbtes Fantum ausgestellt, wie es im Showbusiness allgemein nicht nur verbreitet ist, sondern von seinen Akteuren auch durchaus intendiert wird.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Vereinsliebe als Passion. Zu Maximilian Kerners „Iiech bin a Glubberer“

Maximilian Kerner

Iiech bin a Glubberer

Manche gänger in ihr Ärwäd, jede Wochng, jedn Dooch
des wennsd fümfervöddsg Johr gmachd hast, vill hasd ned außer am Schlooch.
Danooch gänger's in Bension, grübblgrumm, grank und gabutt.
Und ich geh Samsdooch Nammidooch a bissla zu meim Glubb.

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim.
Uugmoold habb i schwadds und roud mei Fensderscheim.
Mei Nachbern soong ich gherrad in a Derrabie
und an jeds münchner Audo bruns mer a weng hie.

Manche hauer si a Greem und a Louschn aaf die Haud
fingerdigg, damid der Doud ned aus jeder Faldn schaud.
Manche reddoschiern ihr Foddo fir a Ehe-Inschdidudd.
Mei Haud is roud, vom Dreg ofd schwadds, wall des sin die Farm vom Glubb.

Iiech bin a Glubberer und mei Härdz hängd an ihm droo.
Und schdadd am Gruddsifix, do hängd a Endnmoo
an meiner Wänd lehmsgrouß als Farbfoddografie,
und an jeds Münchner Audo bruns mer aweng hie.

Manche siggsd im Schweinsgalobb, su als däds ihner bressiern,
suball si moll aweng wos rührt, in die Oddoschdrass marschiern.
An Fuchdsger zoolsd doo logger, fir an aansichn, koddsn Schubb.
Wädds z'haas in meiner Huusn, gäi ich aweng zum Glubb.

Iiech bin a Glubberer und ich wer‘s immer bleim […]

Manche beedn si an ab, jedn Sunndooch in der Kärch,
sie simmer so symbaddisch wäi fir an Fruusch die Schdärch.
Manche boodn im Weihwasser, wass ned, ob des su goud dudd.
Wenn ich beed, dann beed i häggsdns um zwaa Bungde fir mein Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche siggsd in Himalaya fläing, walls häicher nimmer gäit.
Alle mid am Moddsdrumbuggl, des is es Sauerstoffgerät.
Mim Gleddern hobbich nix am Houd, mir langd mei Schmausenbugg,
do binni bliddsschnell drundn und hobs ned weid zum Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche kochn aaf Chinesisch, wall des is der leddsde Schrei.
Wennich koch, dann blos franzesisch, a Bulliong mid am Ei.
Und will i moll wos wergli gouds, der Gschmagg is absoludd
vo am Saddienerweggla, drassn bei meim Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche gänger in die Bärch und do foans a bissla Schii.
Manche schbringer mid am Fallschirm, wenner zou bleibd, dann sin s hie.
Manche laffm hunderd Meeder in am aansichn, koddsn Schbodd.
Und ich laff Samsdooch Namidooch vo der Schdrassaboo zum Glubb.

Iiech bin a Glubberer und ich wer's immer bleim […]

Manche hom an Oarsch so hadd, daßd der dengst: Ich glaab, ich schbinn.
Blos wennsd draafhausd mergst sofodd, sie hom an Flachmann hindn drin.
Ich dring aa moll gern a Schnäbbsler, ich mach aamoll gern an Schlugg,
blos an Vullrausch hobbi seldn, wall er gwinnd net ofd mei Glubb. 

Iiech bin a Glubberer und ich wer‘s immer bleim […]

Manche färchdn si vorm Doud, manche färchdn si vorm Schderm.
Andre waddn scho lang draaf, gibds a bissla wos zu ärm.
Ich hab ka Angsd, wenn ich amoll do aaf meim Siechbedd lich,
ich was, der Heiner Stuhlfaud und der Ströll waddn aaf miich.

Iiech bin a Glubberer, des ganze Abschdiegsgwaaf,
des is mer woschd, wall näggsds Joah steing mer widder aaf.
Mir kummer widder und zwoa under Garandie,
und an jeds Münchner Audo bruns mer widder hie.
Und an jeds Münchner Audo bruns mer widder hie. 
Und an jeds Münchner Audo .... brunsmer widder hiiiie!

     [Kerner's Kombo: Iiech bin a Glubberer. Music Media 1995.]

Mit dem Fußball und der Musik ist es ja bekanntlich so eine Sache. Einige Aspekte dieser komplizierten Beziehungen wurden im Rahmen der Bamberger Anthologie etwa schon bezüglich der Weltmeister-Schlager Fußball ist unser Leben (1974) und Wir sind schon auf dem Brenner (1990), bezüglich der Lieder Er steht im Tor (Wenke Myhre, 1969) und Bayern (Funny van Dannen/Die Toten Hosen, 1999) sowie am Rande eines Beitrags zu Max Schmelings Das Herz eines Boxers (1930) angesprochen. Vor einigen Wochen konnte man in einer Sonderausgabe der Fußballzeitschrift 11Freunde zum Thema „Fußball und Pop“ lesen, was Werder Bremens Stadionsprecher und -DJ Arnd Zeigler über die Auswahl der Stimmungshits für die Halbzeitpause und die Unmöglichkeit eines „ultimativ-perfekten Stadion-Musikprogramm[s]“ (hier der Artikel auf 11freunde.de) zu berichten weiß. Auch die sogenannten Torhymnen, die bei einem erfolgreichen Abschluss der Heimmannschaft für einige Sekunden eingespielt werden, sind ein sensibles Thema (vgl. hierzu z.B. die Diskussionen beim 1. FC Nürnberg – nachzulesen in Artikeln auf der Internetpräsenz der Nürnberger Nachrichten, die von den Saisonauftakten 2012 und 2013 berichten.

Egal, ob Vereins-, Einlauf-, Tor- oder Halbzeithymnen, die Ansichten in der Kurve und die Meinungen auf der Haupttribüne kollidieren beim Thema Musik häufiger. Die Mischungen, die klassischerweise auf Geheiß der Marketingabteilungen aus Schlagermelodien oder weichgespültem Hardrock und mit Pathos aufgeblasenen, aber letztlich allzu oft allzu platt bleibenden Liebeserklärungen angerührt werden, zünden bei den Anhängern nicht zwangsläufig. Umgekehrt war das, was traditionell – gerade an beleidigendem Liedgut – aus den Fanblöcken kommt, den Vereinsbossen nie ganz geheuer. Hinzu kommt, dass Fußballhymnen per se nicht gerade als Meisterwerke anspruchsvoller Lyrik angesehen werden (vgl. hierzu die Kommentare zu den Vereinshymnen von Borussia Dortmund und dem FC Bayern München).

Als ein (zunächst einmal rein subjektiv betrachtet sehr positives) Gegenbeispiel zu all den eher mittelmäßigen Liedern über eine innige Beziehung zu einem Fußballverein sei hier das Lied Iiech bin a Glubberer von Maximilian Kerner vorgestellt. Nicht völlig überraschend wurde es bei den oben erwähnten Diskussionen über einen erträglichen Jingle zum Torjubel aus den Reihen der Club-Fans mehrfach als Alternativlösung vorgeschlagen. Das Stück aus dem Jahre 1995 genießt anhaltende Beliebtheit – obwohl bzw. gerade weil es weder plumper Schlager noch weichgespülter Hardrock noch pathetisch noch sonst etwas ist.

Als im Jahre 2005 der Tod des Nürnberger Mundart-Lyrikers (seine Gedichtbände heißen u.a. Druggns Brood oder Gnabb derneem) und Liedermachers (z.B. Gostenhofer Blues und Wos soll mer do machen) Maximilian Kerner vermeldet wurde, hob die Nürnberger Zeitung den „größte[n] Hit von Kerners Combo“ als „die einzige Fußball-Hymne, in der das Wort ‚Therapie‘ vorkommt“ (Nürnberger Zeitung am 29.07.2005) hervor. Ohne dass nachgeprüft werden kann, ob Iiech bin a Glubberer tatsächlich das „einzige“ entsprechende Musikstück mit einer Verwendung dieses Begriffes ist, dürfen die eher fanhymnenuntypischen Bilder, mit denen das Sprecher-Ich hier sein für manchen krankhaft erscheinendes Fan-Sein – seinen Fanatismus – besingt, als Besonderheit (und eine wesentliche Qualität) des Liedes angesehen werden.

Zum besagten Begriff Fanatismus heißt es in einem Online-Psychologie-Lexikon: „Mit positiver Konnotation gebraucht, wenn eine hohe emotionale Verbundenheit und unbedingte Identifikation mit einem Objekt oder einer Tätigkeit besteht.“ Auf einer anderen Seite dieser Art wird der Fanatismus als „unduldsames, kompromißloses, aggressives Eintreten für eine Sache und Verfolgen eines Ziels“ definiert. Auf Wikipedia findet man zum Stichwort folgenden Satz: „Daraus kann sich eine erhebliche Einseitigkeit der Lebensführung ergeben, und es kann nicht zuletzt zu Spannungen mit Partnern oder Bezugspersonen kommen, die sich vernachlässigt fühlen.“

Von einem „Partner“ ist im Lied erst gar nicht die Rede, das „Ehe-Inschdidudd“ kommt nicht in Frage, auch die im Umfeld der Nürnberger „Oddoschdrass“ tätigen Prostituierten erscheinen wenig attraktiv, als „Bezugspersonen“ werden einzig die eher verständnisarmen „Nachbern“ genannt. Demzufolge lässt die Lebensbeschreibung eine „erhebliche Einseitigkeit“ erkennen. „Ärwäd“ ist nachrangig, genauso wenig interessiert das Kochen gemäß dem „der leddsde[n] Schrei“. Auch andere Beschäftigungen wie „a bissla Schi“, „[S]pringer mid am Fallschirm“ oder Bergsteigen mit einem „Sauerschdoffgeräd“ kommen nicht in Frage. Zumindest was das aktive Ausführen dieser (Extrem-)Sportarten anbelangt, bleibt alles hinter dem Erlebnis eines „Samsdooch Namidooch[s]“ beim geliebten „Glubb“ zurück.

In Ansätzen „aggressives“ Verhalten zeigt sich gegenüber Fahrzeugen mit Münchner Kennzeichen: die potenziellen Erzfeind-Fans müssen es über sich bzw. ihre „Audo[s]“ ergehen lassen, dass „mer a weng hie“ urinieren. Gegenüber Andersgläubigen wird ein in tendenziell „unduldsames“ Benehmen erkennbar: Wenn statt „Gruddsifix“ der (speziell aus damaliger FCN-Perspektive) ‚langjährige‘ Cheftrainer Willi „Endnmoo“ Entenmann an der Wand hängt, zeigt das, dass Fußball zur (Ersatz-)Religion geworden ist. Konventionell praktizierende Christen sind dem so stark auf den Fußball Ausgerichteten so „so symbaddisch wäi fir an Fruusch die Schdärch“. Er stellt klar: „Wenn ich beed, dann beed i häggsdns um zwaa Bungde fir mein Glubb.“ Entsprechend relativiert sich auch die Angst vor dem Tod angesichts der Gelegenheit eines Wiedersehens mit den vorausgegangenen Vereinsidolen Heinrich Stuhlfauth und Heinz Strehl. Man kann dies zweifellos als „kompromißloses“ Denken werten.

Wenn neben der Fensterscheibe auch die Haut „schwadds und roud“ ist, bezeugt dies die „hohe emotionale Verbundenheit und unbedingte Identifikation“. Das Fan-Sein ist nach außen hin deutlich sichtbar, mehr noch, es bestimmt die gesamte Weltsicht, so dass zwangsläufig alle alltäglichen Situation letzlich einen Bezug zu dem einen Verein aufweisen. Das Bekenntnis zu dieser Lebensführung erscheint umso stärker, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es  aus jener dunklen Zeit stammt, in der die erste Mannschaft gerade dabei war, von der zweiten in die dritte Liga abzusteigen. In diesem Kontext wirkt auch der Satz „Iiech bin a Glubberer, des ganze Abschdiegsgwaaf, / des is mer woschd, wall näggsds Joah steing mer widder aaf.“. Wurscht, was passiert, der Club-Fan bleibt Club-Fan.

Martin Kraus, Bamberg

Pummelfee in Lederhosen und Altpunks als poetae vates. Zur unerwarteten Aktualität von „Bayern“ von Die Toten Hosen

Die Toten Hosen

Bayern

Es gibt nicht viel auf dieser Welt,
woran man sich halten kann.
Manche sagen die Liebe,
vielleicht ist da was dran.
Und es bleibt ja immer noch Gott,
wenn man sonst niemand hat.
Andere glauben an gar nichts,
das Leben hat sie hart gemacht.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Nur eins weiß ich hundertprozentig:
Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen.

Ich meine, wenn ich 20 wär
und supertalentiert,
und Real Madrid hätte schon angeklopft,
und die Jungs aus Manchester.
Und ich hätt auch schon für Deutschland gespielt
und wär mental topfit
und Uli Hoeneß würde bei mir
auf der Matte stehen.

Ich würde meine Tür nicht öffnen,
weil's für mich nicht in Frage kommt,
sich bei so Leuten wie den Bayern
seinen Charakter zu versauen.

Das wollt ich nur mal klarstellen,
damit wir uns richtig verstehen:
Ich habe nichts gegen München,
ich würde nur nie zu den Bayern gehen.

Muß denn sowas wirklich sein?
Ist das Leben nicht viel zu schön?
Sich selber so wegzuschmeißen
und zum FC Bayern zu gehen.

Es kann soviel passieren,
es kann soviel geschehen.
Ganz egal, wie hart mein Schicksal wär,
ich würde nie zum FC Bayern München gehen.

Was für Eltern muss man haben
um so verdorben zu sein,
einen Vertrag zu unterschreiben
bei diesem Scheißverein?

Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!
Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!
- Niemals zu den Bayern gehen!

     [Die Toten Hosen: Unsterblich.  JKP 1999.]

Manche Lieder erscheinen zu früh. Als Die Toten Hosen 1999 das Album Unsterblich mit dem Song Bayern veröffentlichten, konnte man aber zunächst den gegenteilige Eindruck bekommen – dass es zu spät erschienen sei: Die Phase, in der der FC Bayern München Ligakonkurrenten systematisch kaputtkaufte, indem Spielmacher, Stürmer oder, wenn gar nichts mehr half, auch Trainer abgeworben wurden (Werder-Bremen-Fans wissen, wovon die Rede ist), schien sich ihrem Ende zuzuneigen, und mit der Ausweitung des Teilnehmerfelds der Champions League zur Saison 1997/1998 gewann die UEFA-Fünfjahreswertung an Bedeutung. Mit ihr wurde die Auffassung „International bin ich für Bayern“ zunehmend salonfähig, weil der FC ja gewissermaßen auch für die anderen deutschen Mannschaften spielte. Nicht zuletzt das tragisch verlorene Champions League-Finale 1999 dürfte zu einer partiellen bundesweiten Solidarisierung geführt haben.

In den Folgejahren gelang Bayern u. a. durch ‚Rettungsspiele‘ bei finanziell angeschlagenen Vereinen wie 2003 beim FC Sankt Pauli, geographisch und ideologisch eigentlich der Gegenpol zu Bayern, ein Imagewandel. Sogar Uli Hoeneß bewies Humor und zeigte sich in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Weltpokalsiegerbesiegerretter“ (in Anspielung auf das nach dem 2:1-Sieg von St. Pauli gegen Bayern am 6. Februar 2002 gedruckte „Weltpokalsiegerbesieger“-Motiv).

Gerade die öffentliche Person Hoeneß remodelte sich langsam, aber im Ergebnis grundlegend: Vom für die „Abteilung Attacke“ zuständigen Intriganten entwickelte er sich in der öffentlichen Wahrnehmung zum zwar aufbrausenden, aber großmütigen Patriarchen, der sich um seine Angestellten – sowohl die des FC Bayern als auch die seiner Wurstfabrik – sorgt. Und im Vergleich zu den hochverschuldeten spanischen Großvereinen Real Madrid und FC Barcelona oder den von Milliardären übernommenen englischen Clubs wie dem FC Chelsea und Manchester City wurde der FC Bayern nicht mehr primär als bedrohlich übermächtiger Liga-Krösus wahrgenommen, sondern als solides (Festgeldkonto!) deutsches Gegenmodell.

Den Höhepunkt dürfte die Bayern-Akzeptanz mit der Verpflichtung von Pep Guardiola als ‚begehrtestem Trainer der Welt‘, die wesentlich Hoeneß‘ Verdienst war, erreicht haben. Nicht nur, dass man aufgrund der Vereinsstruktur, die Guardiola dezidiert als einen Grund für seine Entscheidung anführte, finanzstärkere Konkurrenten wie den FC Chelsea ausgestochen hatte; mit dem schöngeistigen, weltgewandten (Sabbatical in New York!) und politisch eher links stehenden Katalanen („Wir spielen linken Fußball“) schickte sich der FC Bayern an, den letzten Rest des Reaktionär-Provinziellen abzustreifen. Wer käme sich nicht lächerlich vor, „Zieht den Bayern die Lederhosen aus?“ anzustimmen, wenn Guardiola im Anzug an der Seitenlinie steht? Selbst Tote Hosen-Sänger Campino hatte mehrfach Sympathie für Hoeneß geäußert (vgl. etwa im Interview in der Münchener Abendzeitung vom 17.2.2012).

So stellte sich die Lage dar – bis zur vergangenen Woche, als zwei Ereignisse, mit denen wohl kaum jemand gerechnet hatte, das mühsam erarbeitete Bild zunichte und das Lied plötzlich tagesaktuell machten: Zuerst wurde die Selbstanzeige von Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung bekannt, dann der Wechsel von Mario Götze vom BVB Dortmund zum FC Bayern München. Nicht nur, dass jedes Detail der Phantasie des im Song probehandelnden Sprecher-Ichs auf Götze zutrifft (Alter, Nationalmannschaftseinsätze, kolportiertes Interesse von Real Madrid und Manchester [United und City]); Mario Götze, der von seinen Mitspielern „Pummelfee“ gerufene Heintje des deutschen Fußballs, eignet sich geradezu ideal für die Rolle des naiven Jungstars, der nun seiner unausweichlichen charakterlichen Deformation an der Säbener Straße entgegengeht. Und Hoeneß‘ im Anschluss an das Lied im Video zitierte Untergang des Abendlands-Rhetorik angesichts eines respektlosen Fußballsongs („Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird.“) taugt im Lichte seiner eigenen mutmaßlichen Straffälligkeit als ideales Beispiel für die Doppelmoral der Mächtigen, die schon immer ein zentrales Thema in Punktexten war, in denen hinter jeder gut bürgerlichen Fassade Abgründe vermutet werden.

So hat das Lied 14 Jahre nach seiner Veröffentlichung endlich seine Realitätsreferenz gefunden und dürfte zugleich aber für die meisten Hörer seine Mehrfachcodierung verloren haben: Aus der Allegorie für moralische Standhaftigkeit, in der Fußball, ähnlich wie im thematisch verwandten Erinnert sich jemand an Kalle Del’Haye von …But Alive, nur als Metapher dient, ist ein konkret adressierbares Schmählied geworden.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Deutsche (Fußballer) im Ausland. Zu Udo Jürgens‘ „Wir sind schon auf dem Brenner“ (Text: Friedhelm Lehmann)

Udo Jürgens (Text: Friedhelm Lehmann)

Wir sind schon auf dem Brenner

Süden voraus
hinter Tunnels und Staus
schon Milano in Sicht.
Kein Blick zurück
auf dem Weg in das Glück,
das Italien verspricht.
Spiele am Strand,
schöne Mädchen zur Hand,
Blicke, die sich verstehn,
Himmel und Meer,
Open End, Open Air,
Freunde das woll'n wir sehn.

Wir sind schon auf dem Brenner.
Wir brennen schon darauf.
Wir sind schon auf dem Brenner.
Ja, da kommt Freude auf.

Drum nichts wie hin,
hinter uns liegt der Inn
und vor uns liegt der Po.
Die Welt spielt sich frei,
und auch wir sind dabei,
Hollahi, hollaho.
Wir sind enorm
motiviert und in Form,
und die Freundschaft gewinnt.
Versiegelt das Tor,
schiebt elf Riegel davor,
denn wir kommen bestimmt.

Wir sind schon auf dem Brenner [...]

Hier wird der Frust
von unbändiger Lust
In den Schatten gestellt
Nehmt uns beim Wort
in der Sonne vor Ort
Dort am Stiefel der Welt
Wir sind schon auf dem Brenner [...]

Lalalalalala....

     [Udo Jürgens & Die Fußball-Nationalmannschaft:
     Wir sind schon auf dem Brenner. Ariola 1989.]

Nicht viele Fußballlieder gelten als gelungen, die meisten geben Anlass zur „Fremdscham“ und bleiben vor allem wegen ihrer „schaurigen Faszination“ (Titanic Juli 1992, S. 64 ) im Gedächtnis. New Orders World in Motion wird vielfach als positive Ausnahme bewertet: Der auf den englischen Ausflug zur Weltmeisterschaft 1990 zugeschnittene und mit einem Rap des Mittelfeldspielers John Barnes angereicherte Eurodancehit wird regelmäßig zu den künstlerisch wertvollsten mit Fußball verknüpften Songs gezählt (vgl. etwa musikexpress.de) und taucht mitunter sogar in allgemeineren Bestenlisten auf (vgl. etwa guardian.co.uk).

Niederschmetternd demgegenüber das Urteil der Engländer über die unmittelbare deutsche Konkurrenz, den 1990 von der DFB-Elf unter Gesamtleitung von Udo Jürgens eingesungenen Schlager Wir sind schon auf dem Brenner: 11 Freunde sprach New Order in einem Interview auf das Lied an und erntete „fassungsloses Gelächter der Band nach der Übersetzung“. Aber ist denn der deutsche Beitrag zum Fußball-Songcontest wirklich so viel schlechter als der englische? Verhält es sich hier eben genauso wie mit der deutschen gegenüber der englischen Popmusik generell?

Zunächst steht Wir sind schon auf dem Brenner in einer gewissen Tradition. Schon anlässlich der WM 1978 stimmte Udo Jürgens auf die Reise ein (Buenas Dias Argentina), 1982 durfte Michael Schanze romantische Spanien-Klischees vertonen (Ole Espana), 1986 beschäftigte sich Peter Alexander mit dem Ausrichterland Mexiko (Mexico mi amor). 1990 war er dann aber nicht so „lang, mein Weg zu dir“ (Buenas Dias Argentina),  man befand sich „schon auf dem Brenner“ , war also eh gleich da. Diesmal ging es nicht in ein „fremdes Land“ (Buenas Dias Argentina), man kannte sich aus: Nicht nur die Sänger selbst – 1990 spielten acht deutsche Nationalkicker bei italienischen Klubs –, sondern ganz allgemein. Nach Jahrzehnten bundesdeutscher Reisewellen gen Italien hatte bereits ein Großteil der Hörerschaft eigene Eindrücke von der „Sonne vor Ort“ gewinnen können. Besungen wird der wichtigste Moment des deutschen Sommers: der Aufbruch in den Süden, dort soll „Frust von unbändiger Lust in den Schatten gestellt“ werden.

Die Deutschen fallen nicht auf Elefanten ein, sondern  in ihren Autos. Wer sich nicht selbst an langgestreckte oder abenteuerliche Fahrten durch besagte „Tunnels“ und „Staus“ erinnern kann, schaue sich den in eben jener Zeit entstandene Filmklamauk Der Superstau (1991) oder besser noch Go Trabi Go (1991) an. Freilich: anders als etwa der Go Trabi Go-Protagonist Oberstudienrat Udo Struutz hat unsere Reisegruppe wohl eher nicht vor, dass Land auf den Spuren Goethes zu erkunden. Das „Glück, das Italien verspricht“ hat hier eher wenig mit Dante, Michelangelo oder Carravagio zu tun, viel attraktiver wirken „Spiele am Strand“ und „schöne Mädchen zur Hand“. Man denkt an Jesolo, Cesenatico und Rimini, an Ballermann in Italien, „Open End, Open Air“ eben. Eine weiterer Film aus jener Zeit mag einem da einfallen: Gerhard Polts Satire Man spricht deutsch (1988).

Dass sich die Gäste der von ihnen im Kollektiv ausgestrahlten Bedrohlichkeit durchaus bewusst sind, lässt sich in der vierten Strophe hören: „Versiegelt das Tor, schiebt elf Riegel davor. Denn wir kommen bestimmt“. Die Gastgeber werden zu Vorsichtmaßnahmen aufgefordert, zumindest zur Catenaccio-Taktik. Überhaupt präsentieren sich die deutschen Vertreter hier – im Jahr der Einheit und eben auch des Titelgewinns – offensiv und optimistisch, „enorm motiviert und in Form“. Entsprechend wiederholt der Chor: „Wir brennen schon darauf […] Ja da kommt Freude auf“. Ob sich denn wirklich alle freuen, wenn die Deutschen kommen, könnte man jetzt fragen. Immerhin stellt Udo Jürgens klar: „die Freundschaft gewinnt“. Und: „Die Welt spielt sich frei und auch wir sind dabei“ ähnelt inhaltlich durchaus New Orders Botschaft von der Liebe, die die Welt in Bewegung hält.

Ob und wie arg die Komposition des „Grandsegnieurs“ des deutschen Schlagers letztlich als schlechter zu bewerten ist gegenüber dem Song der englischen „Väter der elektronischen Musik“ (Zeit online), kann und sollte natürlich nicht beantwortet werden. Viel interessanter erschiene zunächst, wie die Übersetzung der 11 Freunde-Redakteure lautete. „We are already on the Brenner, we already burn for it“ ließe jedenfalls kein Wortspiel erkennen. Offensichtlich ist, dass es sich um einen kuriosen Text handelt, mit dem aber bei ein bisschen Ironie tatsächlich einige Freude aufkommen kann. In der Süddeutschen Zeitung etwa wurde anlässlich des Halbfinales bei der Europameisterschaft 2012 eine entsprechend ironische Perspektive eingenommen – und „Hollahi, hollaho“ zum besten Vers erklärt (Süddeutsche Zeitung, 28. Juni 2012, S. 26). Freude könnte auch aufkommen, wenn man eben die deutsche Fußballnationalmannschaft unterstützt(e), sich an das Halbfinale gegen England erinnert, an das Elfmeterschießen damals, an Gary Linekers Spruch von den immer gewinnenden Deutschen – wenn auch nicht im Bereich der Popmusik, so schien es zumindest im Fußball eine Zeit lang so.

Martin Kraus, Bamberg

Berufsbild Spielerfrau. Wencke Myhre: „Er steht im Tor“ (Text: Peter Zeeden)

Wencke Myhre (Text: Peter Zeeden)

Er steht im Tor

Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter
Frühling, Sommer, Herbst und Winter
bin ich nah bei meinem Schatz
auf dem Fußballplatz.

Ich hab mich im Leben nie für Fußball interessiert
aber im April, da ist es passiert
da hat mich im Mondenschein ein junger Mann geküsst
und nun weiß ich was sein Hobby ist

Sie hat sich im Leben nie aus Fußball was gemacht
aber er hat ihr alles beigebracht
Ich kenn alle Fußballregeln und bin obendrein
heute das Maskottchen vom Verein

Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter
mag es regnen, mag es schnein
er ist nie im Tor allein
Er steht davor, davor, davor und ich dahinter
Frühling, Sommer, Herbst und Winter
bin ich nah bei meinem Schatz
auf dem Fußballplatz

Ich drück ihm die Daumen, alles andre, das macht er
jedem Gegner macht er das Leben schwer
Kopfball und Elfmeter sind für ihn nur Spielerei
denn sein guter Engel ist dabei

Vitamine, Traubenzucker so was braucht er nicht
anstatt dessen schaut sie ihm ins Gesicht
Hält er dann die Bomben und der Gegner, der bricht ein
krieg ich rote Rosen vom Verein

Er steht im Tor […]
La la la la la la la la la la la la la la
La la la la la la la la la la la la

Er steht davor, davor, davor und ich dahinter
Frühling, Sommer, Herbst und Winter
bin ich nah bei meinem Schatz
auf dem Fußballplatz

     [Wenke Myhre: Er steht im Tor. Polydor 1969.]

Lange bevor Spielerfrauen bzw. WAGs (wives and girlfriends) zum festen Bestandteil der Sportberichterstattung wurden, lieferte Wenke Myhre eine Beschreibung dieses Berufsbilds. Bemerkenswert ist daran zunächst, dass die Geschichte im Amateurfußball spielt – Fußball ist ausdrücklich nur das Hobby des jungen Mannes, auch wenn er diesem durchaus ambitioniert  nachzugehen scheint. Für die Wirkung des Liedes ist das insofern von Bedeutung, als sich das Verhalten des (mutmaßlich weiblichen) Sprecher-Ichs so nicht finanziell motivieren lässt – weder unterstützt sie ihren Partner moralisch beim Geldverdienen noch kann sie sich von ihrer Rolle so große öffentliche Aufmerksamkeit versprechen, dass sich darauf eine eigene Karriere (etwa als Schmuckdesignerin) aufbauen ließe. Diese selbstverständliche Selbstlosigkeit, mit der die an Fußball eigentlich Desinteressierte eigene Bedürfnisse (wofür sie sich interessiert hat, bevor sie ihren Freund getroffen hat, erfährt man gar nicht erst) hinter die des Partners zurückstellt, macht den Text – zumindest für heutige Rezipienten – so befremdend.

Das Sprecher-Ich präsentiert sich als naive junge Frau, deren Vorstellungen von Romantik den gängigen Bildern von Liebesromanen oder Filmen entlehnt sein könnten: Der Archaismus „Mondenschein“ markiert, dass es sich nicht um ihre eigene Sprache handelt. Selbstverständlich hat sie sich, ganz den Geschlechterbildern entsprechend, nicht für Fußball interessiert und scheint umso stolzer darauf zu sein, von ihrem Freund alle Fußballregeln gelernt und außerdem als Maskottchen noch eine Funktion bekommen zu haben, die traditionell Tiere erfüllen. Die Passivität ihrer Rolle ist ihr dabei durchaus bewusst, wie die Zeile „Ich drück ihm die Daumen, alles andre das macht er“ zeigt.

Nun läge es nahe, in diesem Lied eine weitere Bestätigung der verbreiteten Vorstellung vom Schlager als Medium reaktionärer Ideologie, auch und im Besonderen in Geschlechterfragen, zu sehen, denn das Sprecher-Ich affirmiert seine Rolle offenkundig, wie auch der fröhliche Gesang betont. Es ist jedoch fraglich, ob dies dem Text gerecht würde. Denn eine solche Lesart erscheint nur dann schlüssig, wenn man den Text aufgrund der Zugehörigkeit des Liedes zum Genre Schlager von vornherein als oberflächlich einstuft, ihm also keine über den bloßen Literalsinn hinausgehende Bedeutung zugesteht. Liest man ihn jedoch metaphorisch, so erscheint er gar nicht mehr so eindeutig unkritisch. Denn die zentrale räumliche Metapher, die Stellung von Mann und Frau, widerspricht dem Glauben des Sprecher-Ichs, dazuzugehören: Hinter dem Tor zu stehen bedeutet eben außerhalb des Spielfeldes zu sein – auf dem Fußballplatz steht nur ihr Freund. Diese Divergenz zwischen Selbstwahrnehmung und tatsächlicher Situation findet ihre formale Entsprechung im syntaktisch ambivalenten „auf dem Fußballplatz“: Sie glaubt, gemeinsam mit ihrem Freund auf dem Fußballplatz zu sein, während aber tatsächlich nur er sich darauf aufhält.

Lässt man die Möglichkeit einer übertragenen Bedeutung des Textes zu, so liegt es nahe, Fußball hier als Allegorie des gesellschaftlichen Lebens im Allgemeinen zu sehen und die wörtlich genommene Stellung der Frau als Spiegelbild ihrer gesellschaftlichen Stellung. Der verbreitete Satz,  hinter jedem erfolgreichen Mann stehe eine starke Frau, wird hier wörtlich genommen und damit zur Kenntlichkeit entstellt: Denn sie ist ihrem Mann zwar nah, wird aber durch ein Netz daran gehindert, seine Position einzunehmen. Das Sprecher-Ich fällt auf genau jene die Zurückstellung eigener Ambitionen begründende Suggestion herein, die in der Rede von der starken Frau hinter dem erfolgreichen Mann vermittelt wird: dass man, indem man dem Mann ‚den Rücken freihält‘, an seinen beruflichen Erfolgen – in der allegorischen Lesart steht das Hobby für den Beruf – teilhabe und also keine eigenen mehr anstreben müsse.

Dabei nimmt das Sprecher-Ich nicht wahr, dass es längst der putzigen Lächerlichkeit preisgegeben ist und dass die roten Rosen, die es vom Verein bei guten Leistungen ihres Freundes erhält (bei der EM 1980 erhielten die Spieler neben einer Siegprämie immerhin auch einen Juweliergutschein über 2.500 Mark für ihre Frauen), wertlos sind, da sie ihre Bedeutung ja erst als Liebessymbol erhalten und dies nur dann, wenn sie der geliebte Mensch selbst verschenkt. Dessen ganze Liebe gilt aber offenbar seinem Beruf, bzw. den Kollegen. In der Vorstellung des Sprecher-Ichs, dass er ohne es hinter sich allein sei, kommt dessen ganze Fehleinschätzung der Situation zum Ausdruck, weiß man doch, dass Fußballer gute Freunde sind, die niemand trennen kann und die entsprechend ohnehin nie allein sind.

Martin Rehfeldt, Bamberg