Von der Vergänglichkeit sportlicher Referenzen. Zu „Ich, Roque“ von Sportfreunde Stiller

Sportfreunde Stiller

Ich, Roque

Der Modefreak jubiliert, 
er hat den Anzug probiert
Und seine Freundin frohlockt, 
wie der Anzug rockt
Auf der Jeans da steht Punk, 
den Nietengürtel im Schrank
So schafft's heut jeder Pimp 
auf den Rock-Olymp
Der Unternehmer brilliert, 
er hat am Markt viel riskiert
Und man spendet Applaus, 
denn es rockt auch sein Haus

Doch nur einem gebühren diese Worte
Ein Privileg der ganz besonderen Sorte
Kein Wort zu niemandem wie ich zocke
Ich sag sag's nur meinem Fanblock
Ich, Roque!

Die coolen Kids reagieren, 
die fetten Beats explodieren
Wir brauchen mehr Distortion 
für die gesamte Nation
Denn es liegt wohl im Trend, 
dass jeder, der das Wort kennt
Nicht mehr ganz genau weiß, 
was „Rock“ eigentlich heißt

Doch nur einem gebühren diese Worte […]

Todo el mundo grita mi nombre
Es porque soy muy guapo, hombre
A lo mejor soy un goleador
¿O no tiene nada que ver, señor?
No sé porque mi nombre es tan relevante
En los estadios siempre doy el cante
Debería sentirme bien ahora
¿Ó no tiene nada que ver, señora?

     [Sportfreunde Stiller: Burli. Universal 2004.]

Kennen Sie Roque Santa Cruz? Mal gehört, so irgendwie dem Namen nach? Vielleicht wissen die Fußball-affinen Leserinnen und Leser, dass er mal bei Bayern war. Aber wann genau? Und für welche Nationalmannschaft hat er gespielt? Ich für meinen Teil kannte ihn überhaupt nicht. Santa Cruz spielte von 1999 bis 2007 bei Bayern München, ging danach nach England und spielt inzwischen wieder in seinem Heimatland Paraguay. Besonders mit München war Santa Cruz dabei durchaus erfolgreich, hat die Champions League und mehrfach den DFB Pokal und die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Das letzte Mal, dass Santa Cruz in Deutschland spielte, war vor mehr als zehn Jahren, 2007. Man muss also entweder schon länger Fußballfan, besonders von Bayern München, sein, oder ein Unterstützter der Nationalmannschaft Paraguays, um Roque zu kennen.

Umso überraschender scheint es auf den ersten Blick, dass eine deutschsprachige Band wie die Sportfreunde Stiller auf ihrem 2004 erschienen Album Burli Roque Santa Cruz ein Lied widmeten. Denn der Band war sicherlich auch bewusst, dass Fußballspieler eine recht kurze Halbwertszeit haben. Mitte dreißig ist für die meisten Spielerinnen und Spieler im aktiven Fußball Schluss, und damit sinkt in den meisten Fällen auch das öffentliche Interesse. Bei den Sportfreunden Stiller ist dieser Bezug zu aktuellen, sportlichen Ereignissen aber keine Ausnahme. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht das WM-Lied „54, 74, 90, 2006“. Als Deutschland 2006 eben nicht die WM gewann, wurde das Lied dann sogar als „54, 74, 90, 2010“ angepasst. Eine dritte Variante hat man sich für 2014 gespart und prompt klappte es mit dem Titel. Zumindest im Fall der WM-Lieder ist die Aktualität aber wohl ganz bewusst eingesetzt und hat insgesamt dem kommerziellen und kulturellen Erfolg der Lieder nicht geschadet. Die Verwendung von konkreten sportlichen Ereignissen oder Personen macht dabei einen wesentlichen Bestandteil der Lieder der Sportfreunde Stiller aus, die sich dadurch auch von viel allgemeiner gehaltenen WM-Liedern abgrenzen, wie beispielsweise Zeit, dass sich was dreht, das kaum einen Aktualitätsbezug erkennen lässt.

Noch offensichtlicher ist die Verankerung im Hier und Jetzt aber bei dem Lied Ich, Roque, wo es nicht um ein kollektives Ereignis wie eine WM geht, sondern nur um einen einzigen Spieler. Während ein Lied zur WM weiterhin gehört wird, vielleicht um die Emotionen und Erinnerungen wiederzubeleben, ist dies bei einem Lied, das ganz speziell auf einen Spieler rekurriert, schwieriger vorstellbar. Doch auch dieser Fokus auf einen einzelnen Spieler ist für die Sportfreunde Stiller kein Unikum. Auf dem gleichen Album wie Ich, Roque befindet sich der Song Lauth anhören, der auf Benjamin Lauth, Profi bei 1860 München, anspielt. Lauth ist wohl noch unbekannter als Roque Santa Cruz und dennoch wurde ihm auf diese Weise eine Art musikalisches Denkmal gesetzt.

In beiden Fällen sind phonetische Wortspiele wohl der ausschlaggebende Grund für die Verwendung der Sportler. Gleichzeitig funktioniert der Text durch den Einbezug der Fußballer aber auf mehreren Ebenen und kann auch als Verbeugung vor deren sportlichen Leistungen verstanden werden. Übrigens wurde das Lied von den Trainern von Santa Cruz‘ englischem Verein, den Blackburn Rovers, immer wieder vor Spielbeginn in der Kabine gespielt (vgl. sportbild).

Nicht zuletzt werden die Sportfreunde Stiller durch solche Lieder natürlich auch ihrem Bandnamen gerecht. Gleichzeitig kreiert die Band aber auch eine Gemeinschaft von Personen, die sich in der Fußballgeschichte gut auskennen. Wer den Liedtext verstehen kann, ist ein wahrer Sportfan, ein echter Sportfreund. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass das Lied keine informative Ebene hat und beispielsweise die Errungenschaften oder Biographie von Santa Cruz referiert. Stattdessen werden einfache Wortspiele angewandt, die aber mit der Sportlerkarriere von Santa Cruz wenig zu tun haben. Denn: Wahre Sportfans kennen ihn ohnehin.

Der Liedtext spielt mit der Aussprache von Santa Cruzs Vornamen als „Rocke“. Dabei thematisiert die erste Strophe die inflationäre Verwendung der Beschreibung „es rockt“. Anzüge und Häuser rocken und sogar (Pseudo-)Punks mit Nietengürteln kommen auf den Rockolymp. Doch letztlich steht, allein auf Grund seines Namens, das Privileg zu rocken eben nur Roque Santa Cruz zu. Im Refrain wird dann der beschreibende Erzählton des restlichen Liedes durch einen Einwurf in der ersten Person gebrochen. „Ich sag’s nur meinem Fanblock“, bis schließlich Santa Cruz selber „Ich, Roque“ singt. Denn folgerichtig steht nur ihm das Privileg zu, diese Worte zu sagen und wenn die Sportfreunde Stiller die Worte sagten, würden sie in der ersten Strophe ausgeführten Darstellungen selber untergraben. Die Sportfreunde Stiller umgehen damit aber auch ein sprachliches Spiel, denn letztlich funktioniert das Wortspiel aus Roque/rocke nur in der ersten Person Singular, würde man Du rockst verwenden, würde Roques Name eben nicht mehr passen.

Die in der ersten Strophe angebrachte Kritik, dass inzwischen alle rocken, wird dann in der zweiten Strophe auf die Spitze getrieben, denn nicht mal die Leute, die angeblich „rocken“ wissen, was das Wort bedeutet. Das lässt sich zum einen im Sinne des Liedtextes als Verweis darauf verstehen, dass nur Roque Santa Cruz überhaupt rocken kann, aber auch als kleine Spitze gegen die Rockmusik, die „nicht mehr ganz genau weiß, was ‚Rock‘ eigentlich heißt“. Doch die Anspielungen von Fanblock und ähnlichem sind ohne ein grundsätzliches Wissen über Roque kaum zu verstehen.

Schließlich folgt ein spanischer Teil. In dem Text drückt das Alter Ego des Fußballers seine Verwunderung über die Beliebtheit seines Namens aus („Ich weiß nicht, warum mein Name so relevant ist“). Vielleicht, mutmaßt das Alter Ego von Santa Cruz, liegt es daran, dass er so gut aussieht oder so viele Tore schießt. Laut des vorhergehenden Textes ist die Antwort wohl einfacher, Santa Cruz roquet eben. Paradoxerweise wird dieser Liedteil im Musikvideo nicht von Santa Cruz, sondern von einer Art verkleidetem Chor gesungen, die wohl so etwas wie die innere Stimme von „Santa Cruz“ sind.

Der spanische Textteil fügt letztlich eine weitere Ebene der Verfremdung für das ansonsten deutschsprachige Leid hinzu. Nun benötigt man zum vollständigen Verständnis des Liedes nicht nur ein solides Fußballwissen, sondern auch rudimentäre Spanischkentnisse. Ich zumindest hatte weder das eine noch das andere und musste Wikipedia bzw. Google Translate bemühen, um den Liedtext verstehen zu können. Interessant ist ein solcher Liedtext besonders, weil er demonstriert, wie sehr Liedtexte von einer konkreten Situation geprägt sind, und das auch bei Liedtexten mit scheinbar leicht verständlichem Inhalt. „Ich, Roque“ verdeutlicht damit besonders eindrücklich, dass Liedtexte, genauso wie historische Quellen, in ihrem jeweiligen Entstehungskontext verstanden werden müssen.

Martin Christ, Tübingen

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Hooliganhymnen. „Fußball und Gewalt“ von den Böhsen Onkelz (1984) und „Auswärts sind wir asozial“ von Killermichel (2016)

Böhse Onkelz

Fußball und Gewalt

Samstag Mittag, Stadionzeit,
Schnaps und Bier, wir machen uns bereit,
Linie 13 total überfüllt,
im Stadioneingang wird nach Waffen gefilzt.

Wir steh'n in uns'rem Block
und singen uns're Lieder.
Wir schwör'n auf uns're Farben
und machen alles nieder.

Fußball und Gewalt,
blutige Schlachten im Wald,
Fußball und Gewalt.

Das Spiel ist aus, wir steh'n am Bierstand.
Das Stadion ist in unserer Hand.
Wir warten auf unsere Gegner.
Siege feiern können wir später.

Wir steh'n in uns'rem Block [...]

Fußball und Gewalt, [...]

     [Böhse Onkelz: Der nette Mann. Rock-o-Rama 1984.]

Killermichel

Auswärts sind wir asozial

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Mit dem Sonderzug nach Bayern
oder mit 'nem Bus nach Prag:
Auswärts wird gefeiert 
mit viel Alkohol am Start.
Also macht euch auf die Reise,
heute hol'n wir uns den Sieg.
Wir sind laut, ihr so leise,
und wir singen dieses Lied:

Denn auswärts sind wir asozial.
Auswärts sind wir hart.
Auswärts sind wir asozial,
denn wir saufen schon auf der Fahrt.
Auswärts sind wir asozial.
Auswärts sind wir hart.
Auswärts sind wir asozial,
denn wir saufen schon auf der Fahrt.

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Auswärts
Auswärts
Auswärts asozial

Und ihr denkt, wir sind die Schlimmsten,
ja ich glaub' da habt ihr Recht!
Niemals nüchtern, immer asozial
zieh'n wir auswärts ins Gefecht.
Steht eure Stadt in Flammen,
waren wir wahrscheinlich da.
Kehrt   die Scherben schnell zusammen
und macht's gut bis nächstes Jahr!

Denn auswärts sind wir asozial. [...]

Alkohol und schöne Frauen, 
Currywurst und Dosenbier, 
Fiesta de la noche, 
im nächsten Jahr sind wir wieder hier.  

Denn auswärts sind wir asozial. [...]

     [Killermichel: Auswärts sind wir asozial. 2016.]

Wenn Hooligans wie nun wieder in Marseille, Nizza und Lille Massenschlägereien herbeiführen, wird von Sportjournalisten regelmäßig betont, bei den Randalierern handle es sich keinesfalls um Fußballfans. Diese Aussage ist aus Sicht einer Branche strategisch sinnvoll, die ihre Aufgabe zunehmend darin sieht, das von ihnen präsentierte Produkt Fußball in Kooperation mit dem Veranstalter (die UEFA hat mittels Bildregie bei der Übertragung des Spiels England–Russland konsequent vermieden, dass die der Blocksturm russischer Hooligans nach Spielende überhaupt zu sehen war, wogegen ARD und ZDF immerhin protestiert haben) möglichst effektiv zu vermarkten, aber deshalb ist sie noch lange nicht zutreffend. Auch wenn Etymologie Argumentation nicht ersetzen kann, sollte es doch misstrauisch stimmen, dass Fans, obwohl das Wort von „fanatic“ abgeleitet ist, gerade dann keine solchen mehr sein sollen, wenn sie sich als besonders fanatisch erweisen.

Von Hooliganismus spricht man in der Regel nur, wenn die Merkmale Fußball und Gewalt beide gleichermaßen als notwendige Bedingungen vorliegen. Um der Verbindung dieser beiden Aspekte nachzugehen, soll nun eines der älteren Kult-Lieder der Hooligan-Szene, Fußball und Gewalt von den Böhsen Onkelz, sowie mit Auswärts sind wir asozial von Killermichel ein thematisch verwandtes aktuelles Lied, das aus dem Ballermann-Umfeld stammt und also eher den ‚normalen‘ Fan ansprechen soll, analysiert werden. In beiden Liedern wird gleich in der ersten Strophe deutlich, dass ein zusätzliches Element, das für die Verbindung von Fußball und Gewalt konstitutiv zu sein scheint, der Alkoholkonsum darstellt. Sowohl bei Heimspielen, wie sie in Fußball in Gewalt besungen werden, als auch bei Auswärtsspielen wird schon bei der Anfahrt getrunken. Dies wird bei den Böhsen Onkelz ausdrücklich als Vorbereitung auf das Geplante aufgefasst („Schnaps und Bier, wir machen uns bereit“), bei Killermichel sogar als Grund für das spätere gewalttätige Verhalten angeführt („Auswärts sind wir hart, / denn wir saufen schon auf der Fahrt.“ [Hervorh. durch d. Verf.]).

Bemerkenswert ist ferner, dass sich Auswärts sind wir asozial, obwohl weder von Protagonisten der Hooliganszene verfasst und vorgetragen noch auf diese als Hauptzielgruppe zugeschnitten, hinsichtlich der Kriegsrhetorik kaum von genuinen Hooliganlied der Böhsen Onkelz unterscheidet. Dort werden „blutige Schlachten“ geschlagen, hier zieht man „ins Gefecht“. Dort macht man „alles [bzw. „alle“ im zweiten Refrain] platt“, hier wird die gegnerische „Stadt in Flammen“ gesetzt. In einem anderen Fußballied der Böhsen Onkelz von derselben indizierten Platte (Der nette Mann), Frankreich ‘84, wird der Besuch der Europameisterschaft (auch politisch provozierend) als „Frankreichüberfall“ apostrophiert. Der Krieg als Metapher für das eigene Tun, bei dem realiter zwar nicht ganze Städte in Flammen gesetzt, aber durchaus Innenstädte verwüstet werden (das Zusammenkehren der Scherben geworfener Flaschen fiel auch am vergangenen Wochenende wieder an), steht in einer Reihe von Übertragungen, die jeweils mit Eskalation einhergehen: Da wäre zunächst die Identifikation mit der eigenen Mannschaft, die auch in der gängigen Rede von den Fans als ‚zwölfter Mann‘ zum Ausdruck kommt. Doch zeigt sich bei Hooligans diese Identifikation – dies bildet die zweite Übertragung – eben nicht nur durch den Support während des Spiels („Wir steh’n in uns’rem Block / und singen uns’re Lieder“, „wir sind laut, ihr so leise“), sondern wird der Wettkampf auch unmittelbar danach in der ‚dritten Halbzeit‘ (in einem anderen beliebten Hooliganlied, Paul der Hooligan von den Broilers, wird die Titelfigur als „Held der dritten Halbzeit“ besungen) fortgesetzt: „Wir warten auf unsere Gegner. / Siege feiern können wir später.“ Die Hooligans agieren also aus ihrer Sicht selbst als Sportler, die für ihren Verein antreten.

Sogenannte ‚Ackermatches‘, bei denen sich verfeindete Hooligangruppen an einem neutralen und abgeschiedenen Ort zum Kampf verabreden, um der polizeilichen Überwachung zu entgehen, die als „blutige Schlachten im Wald“ besungen werden, bilden aus Hooligansicht nur eine Notlösung, das in den Strophen von Fußball und Gewalt geschilderte Ideal bleibt die enge zeitliche und räumliche Verbindung von beobachtetem Fußball und selbst als ‚Sport‘ betriebener Gewalt.

Hooliganismus stellt ein Phänomen dar, das fast ausschließlich im Kontext von Fußball zu beobachten ist. Neben der mittlerweile globalen Beliebtheit dieses Sports dürfte eine weitere Ursache dafür darin liegen, dass das Moment des Kriegerischen auch auf dem Spielfeld eine große Rolle spielt: Zwei Mannschaften, bestehend aus Männern (Hooliganismus findet meines Wissens nach nicht im Umfeld von Frauenfußballspielen statt), treten gegeneinander an, wobei sie das gegnerische Tor angreifen und das eigene verteidigen. Neben dieser abstrakten Ähnlichkeit, die sich auch im Sprechen über Fußball niederschlägt, findet Gewalt – anders als bei körperfernen Sportarten wie z.B. Volleyball – auch durchaus innerhalb des Spiels statt – vom noch regelkonformen Körpereinsatz („internationale Härte“) über das Foul bis zur Tätlichkeit und den ihr oft vorausgehenden archaisch anmutenden Ritualen der gegenseitigen Provokation (Kopf an Kopf-Stehen). Neben filigranen Ballkünstlern wie Maradona und Messi sind auch immer wieder besonders körperlich agierende Verteidiger (als jüngstes Beispiel Robert Huth von Leicester City) zu Fan-Idolen geworden. Und einige der zentralen Bildikonen des Fußballs bilden Gewaltakte oder deren Folgen ab: Ewald Lienens von Norbert Siegmann aufgeschlitzter Oberschenkel, Vinnie Jones‘ Griff ins Gemächt von Paul Gascoigne und vor allem natürlich Zinedine Zidanes Kopfstoß gegen Marco Materazzi, der mittlerweile von Abdel Abdessemed als Bronzestatue nachempfunden wurde. Dass sich Fußball als Inszenierung kriegerischer Auseinandersetzungen auffassen lässt, hat nicht zuletzt die Eröffnung des Champions-League-Finales 2013 in Wembley gezeigt, bei der beide Mannschaften von kämpfenden Rittergruppen dargestellt wurden. Im Idealfall kann das Spielen oder Zuschauen dabei als Surrogat für ernste Gewalt dienen. Und auch die Geschichte des Fußballspiels selbst von seinen regelarmen und extrem brutalen Vorläufern bis zur Gegenwart lässt sich als Zivilisationsprozess beschreiben – Spieler wie Uli Borowka würden heute regelmäßig kaum mehr als zehn Minuten auf dem Platz verbringen.

Das Gegenstück zur Vorstellung, die Rezeption inszenierter Gewalt könne die Ausübung realer ersetzen, bildet die, dass die Rezeption von Gewalthandlungen zur Nachahmung führt. Nun sind in der Medienwirkungsforschung deterministische Rezeptionsmodelle, die danach fragen, was Medien mit Menschen machen, mittlerweile abgelöst worden von stärker handlungsorientierten, die stattdessen untersuchen, was Menschen mit Medien machen. Und in diesem Sinne finden sich unter Fußballfans zweifellos Beispiele für beide Theorien: Für viele bildet der Besuch eines Fußballspiels ein Ventil, um aufgestaute Aggressionen in einer nicht sozial schädlichen Weise abzureagieren. Doch manche, wie die in den beiden Liedern beschriebenen Protagonisten, nutzen Fußball eben auch als Mittel, um sich in Stimmung zu bringen für ausgeübte Gewalt. Die kognitive Dissonanz, die diese Tatsache bei Menschen, die selbst Fußball mögen, aber Gewalt ablehnen, auslöst, muss man aushalten bzw. durch Erklärungen abbauen. Aber wie mit der eingangs zitierten Jounralistenformel, dass Hooligans keine Fans seien, schlicht zu leugnen, dass ein Zusammenhang zwischen Fußball und Gewalt existiert, ist nicht nur sachlich falsch, sondern verhindert auch ein Verständnis des Phänomens Hooliganismus. Und ein solches geht jedem erfolgversprechenden Umgang damit voraus: Nach den Hochzeiten des Hooliganismus in den 1980er Jahren waren es u.a. Fanprojekte, die dazu geführt haben, dass der Hooliganismus ein derartiges Randphänomen geworden ist, dass uns heute Bilder wie die aus Nizza, Marseille und Lille überhaupt überraschen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

So sehen Sieger aus. Eine Relektüre von Oliver Pochers „Schwarz und Weiß“ im Lichte der aktuellen Debatten

 

Oliver Pocher

Schwarz und Weiß

Am linken Flügel durch Schäfer, 
Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt, 
und Botschek immer wieder Botschek, 
der rechte Läufer der Ungarn am Ball, 
er hat den Ball verloren diesmal, gegen Schäfer, 
Schäfer nach innen geflankt, Kopfball, abgewehrt, 
aus dem Hintergund müsste Rahn schießen, 
Rahn schießt, Tor, Tor, Tor, Tor!

Flanke, Kopfball, Tor, 
so stell'n wir uns unsere Mannschaft vor. 
Favoriten, das sind wir, 
und Schwarz, Rot, Gold wir steh'n zu dir. 
Auf den Rängen schallt es im Chor: 
Deutschland vor!

(Wir tragen) 
Schwarz und Weiß, 
Wir steh'n auf eurer Seite. 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Jetzt geht’s los! 
Schwarz und Weiß, 
Wir steh'n auf eurer Seite. 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Und wir hol'n den Sieg mit euch! 
Jetzt geht’s los!

Als Turniermannschaft bekannt 
holten wir den Pokal schon oft ins Land. 
Und wir Fans als zwölfter Mann 
zeigen, was man vereint erreichen kann. 
Wir stehen auf und singen unser Lied. 
dass unsere Mannschaft wieder siegt!

(Wir tragen) 
Schwarz und Weiß [...] 

Matthäus, Traumpass Völler. 
Und was gibt er, er gibt Elfmeter, er gibt Elfmeter! 
Brehme gegen den Elfmetertöter Goycochea. 
Ja! 
Tor für Deutschland, eins zu null! 
Jawoll, aus, das Spiel ist aus! 
Deutschland ist Fußballweltmeister! 

Schwarz und Weiß [...] 
Haut ihn rein!

     [Oliver Pocher: Schwarz und Weiß. Universal 2006.]

„Schatz, ich liebe dich. Aber demnächst solltest du dir unbedingt die Nase machen lassen, ich habe da schon eine neue ausgesucht, die mir gefällt. Bei der Gelegenheit könnte man auch was um die Augen machen, das sind, sei mir nicht böse, wirklich Schweineritzen. Und die Lippen aufspritzen ist heutzutage ja ein Klacks. Dann müsstest du dir natürlich auch eine vernünftige Frisur machen lassen, das, was du da auf dem Kopf hast, macht ja die schönste chirurgische Arbeit kaputt. Und Sport treiben solltest du auch, glaub mir, du hast es nötig. Wenn du dann halbwegs vorzeigbar bist, will ich dich auch unter Menschen mitnehmen, deshalb wäre es wichtig, dass du dir diesen nervigen Dialekt endlich mal abgewöhnst. Ein bisschen Sprechtraining solltest du auch machen, deine Stimme klingt immer so kieksig. Und dein Lachen erst! Natürlich bringt es nichts, wenn du dann zwar erträglich sprichst, aber nach wie vor nur Unsinn redest. Du könntest doch ein paar Volkshochschulkurse besuchen, damit du dich zumindest bei manchen Themen nicht sofort blamierst. Na, Schatz, wie wär‘ das?“  Es steht zu bezweifeln, dass diese Einlassungen von der Angesprochenen als aufrichtige Liebeserklärung verstanden würden.

Verlässt man den Bereich der zwischenmenschlichen Zuneigung und begibt sich auf die Ebene der emotionalen Beziehung von Menschen zu Ländern, so illustriert das fiktive Beispiel die Beziehung der neurechten Patrioten von AfD, Pegida etc. zu Deutschland. Denn ihre so exzessiv postulierte Heimatliebe ist eine rein hypothetische. Sie gilt dem Phantasma eines ethnisch, sexuell, kulturell und religiös homogenisierten Deutschland, wie sie es, im Besitz der absoluten Macht, die sie anstreben, gestalten würden.  Aus John F. Kennedys berühmter Aufforderung „Don’t ask what your country can do for you, ask what you can do for your country!“ wird bei ihnen „Ask what you can do with your country!“ Für das Land, in dem sie tatsächlich leben, und für der Mehrheit der übrigen dort lebenden Menschen empfinden sie hingegen nur Verachtung und Hass. Es ist, in ihrem Jargon, die „links-grün versiffte“ „BRDDR“, als Teil der „EUDSSR“ regiert von der „Kanzler-Diktatorin“ Merkel, die, gestützt von den „Altparteien“ und der „Lügenpresse“ der „Systemmedien“ eine „Umvolkung“ und eine „Islamisierung“ und „Verschwulung“ des Landes betreibt. Konkret gelten der Hass und der sich in Morddrohungen, Brandstiftungen und Mordversuchen, die als Formen des zivilen Widerstands verniedlicht werden, zeigende Vernichtungswille neben Menschen mit Migrationshintergrund fast sämtlichen gewählten Repräsentanten, gegenwärtigen kulturellen Hervorbringungen und Medien des Landes, den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland (anderen religiösen Bekenntnissen ja ohnehin), Menschen mit von der eigenen abweichender sexueller Disposition, der Justiz, Schulen und Universitäten – und natürlich allen, die diesen Hass nicht uneingeschränkt teilen. Man fühlt sich zuweilen ein wenig an den ‚Herrn des Hasses‘ aus dem NdW-Hit Codo von DöF erinnert.

Angesichts dieses Furors und der Tatsache, dass Teile der Bewegung sogar die bundesdeutsche Fahne ablehnen und statt ihrer auf Demonstrationen die von Josef Wirmer entworfene Fahne, die ihnen als Fahne des „Geheimen Deutschlands“ gilt, tragen, verwundert es nicht, dass auch die Nationalmannschaft Ablehnung erfährt. Nach der Debatte um journalistische Zitationsregeln anlässlich der in der FAS berichteten Äußerung Alexander Gaulands zu Jérôme Boateng hat der stellvertretende AfD-Sprecher nun für Klarheit gesorgt, indem er, diesmal autorisiert, im Spiegel nachgelegt hat, dass die deutsche Nationalmannschaft „schon lange nicht mehr deutsch“ sei „im klassischen Sinne“ (i. e. arischen). Und nachdem Frauke Petry zunächst noch im innerparteilichen Machtkampf Kapital aus Gaulands Äußerung schlagen wollte und sich zur Nationalmannschaft bekannt hat, echauffierte sie sich dann über deren Spielmacher Mesut Özil und dessen in sozialen Medien öffentlich gemachte Pilgerreise nach Mekka.

Nun hat der bemerkenswerte Umstand, dass sich Rechte von der wohl wirkmächtigsten symbolischen Repräsentation ihres Landes abwenden, zunächst vermutlich rassistische Gründe. Hinzu könnte aber kommen, dass der vieldiskutierte „Schland“-Partiotismus, der sich im Zuge der WM 2006 etabliert hat, mit Gesichtsschminke, Perücken, Autowimpeln etc. in den Nationalfarben sich von dem der neuen Rechten in zwei Aspekten grundsätzlich unterscheidet: Zum einen ist er fröhlich und zuweilen etwas albern, wohingegen der neurechte „Patriotismus“, wie er sich in zahllosen Internetkommentaren äußert, missgelaunt und ernst ausfällt. Zum anderen, und das dürfte der wichtigere Punkt sein, gilt er der deutschen Gesellschaft, wie sie ist und wie sie von einer multiethnischen und multireligiösen Nationalmannschaft, in der es jedem einzelnen Spieler überlassen ist, ob er die Nationalhymne singen oder sich anders aufs Spiel einstimmen möchte, recht gut repräsentiert wird.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Neuinterpretation des im Ballermann-Stil gehaltenen Fanlieds Schwarz und Weiß von Oliver Pocher aus dem „Sommermärchen“-Jahr 2006 sinnvoll. Als der fröhliche Fähnchen-Patriotismus noch die weitgehend einzige öffentlich gezeigte Form des Partiotismus war, konnte man Pochers Lied aufgrund mancher aggressiv-nationalistischer Elemente durchaus bedenklich finden: Die in den Reportagen-Samples stattfindende Bezugnahme auf die Nationalmythen des „Wunders von Bern“ sowie des gesamtdeutschen Weltmeistertitels 1990, nach dem die Nationalmannschaft bekanntlich „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein sollte, klang damals ebenso nach Nationalismus wie das aggressive „Schwarz, Rot, Gold wir steh’n zu dir“, das schon die Böhsen Onkelz in ihrer rechten Phase sangen (Deutschland). Und Schwarz und Weiß habe zumindest ich damals ausschließlich auf die traditionellen deutschen Trikotfarben bezogen.

Nun, zehn Jahre und über Tausend Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte später und angesichts der Ablehnung der Nationalmannschaft bzw. einzelner ihrer Spieler durch AfD-Vertreter, stellt sich das anders dar. Zunächst klingt, wenn man das Lied nun hört, in „Schwarz und Weiß“ natürlich auch an, dass dies eben nicht nur die Trikotfarben, sondern auch die Hautfarben der Spieler sind (dazu passt, dass das Lied eine deutsche Fassung des weniger bekannten Black And White der deutschen Band Frameless aus dem Jahr 2004 ist, dessen Titel wiederum fast unausweichlich an Michael Jacksons berühmten Anti-Rassismus-Song Black Or White erinnert). Und wenn man sich als „zwölfter Mann“, der das Trikot in diesen Farben trägt, zu dieser Nationalmannschaft hinzurechnet, stellt das im Kontext der aktuellen Debatte auch ein Bekenntnis zu einem liberalen und multikulturellen Deutschland dar, das die neue Rechte so sehr hasst. In diesem Zusammenhang kann man auch die eingespielten Reportagen von den Finals 1954 und 1990, in denen ausschließlich ‚typisch deutsche‘ Namen genannt wurden, neu deuten: Wenn der angestrebte Sieg in diese Reihe von Siegen, die zum Aufhänger für neue nationale Selbstentwürfe („Wir sind wieder wer“, wiedervereinigtes Deutschland) gemacht wurden, gestellt wird, so kann man dies lesen als Ausdruck der Hoffnung, dass mit dem sportlichen Erfolg der aktuellen Fußballnationalmannschaft auch eine neue Selbsterzählung als Einwanderungsland einhergehen möge.

Also mit Oliver Pocher und seinem „Schwarz, Rot, Gold wir steh’n zu dir“ gegen die neue Rechte? Man kann sich seine Verbündeten nicht immer aussuchen. Außerdem haben sich auch in Sachen textlicher Aggressivität von Ballermann-Fußballliedern die Zeiten geändert: Verglichen mit Auswärts sind wir asozial von Killermichel erscheint Schwarz und Weiß geradezu als Dokument ästhetischer Verfeinerung.

Martin Rehfeldt, Bamberg