„Eine Hure in der Küche, eine Köchin im Bett“ – Zu Stereo Total: Die Frau in der Musik

Stereo Total

Die Frau in der Musik

Die Frau in der Musik ist nervig
Die Frau in der Musik ist lästig
Die Frau in der Musik ist chaotisch
Die Frau in der Musik ist hysterisch

Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer

Sie sollte sexy Unterwäsche tragen Tag und Nacht
Und Lieder trällern über sexy love uh uh ah!
I love love love you über alles
My my my my, my Führer

Die Frau in der Musik ist die Bum-Bum-Bassistin
Die Frau in der Musik entspricht der Fantasien (oder auch nicht)
Die Frau in der Musik ist perfekt
Eine Hure in der Küche, eine Köchin im Bett

Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer

Die Frau in der Musik am Mikrophon
singt wie eine Nonne, wie ein Engel, wie eine Mutter
Die Frau in der Musik ist perfekt
Eine Hure in der Küche, eine Küche im Bett

Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer
Die Frau in der Musik stört immer

Die Frau in der Musik ist hysterisch!

     [Stereo Total: Die Frau in der Musik. Staatsakt 2012.]

Am Feminismus-Thema arbeiten sich viele ab, oft durchaus treffend, aber auch verschachtelt und popmusikalisch schwer zugänglich. Kein Wunder, das Gebiet ist furchtbar kompliziert und die Wahrheit hat auch keiner gepachtet. Zum Glück, denn nur ohne Wahrheiten ist jeder selbst gefordert.

Stereo Total mögen es textlich eher direkt. Mittlerweile ist das Gesamtwerk der seit 1993 aktiven Band recht umfangreich und es beansprucht bisweilen ordentlich Zeit,  in den Kosmos hinein zu finden, denn es ist immer eine schwer greifbare Mischung aus kantigem Geschrammel und Chanson. Am 2012er Lied Die Frau in der Musik erkennt man gut, dass sie nicht gesetzter geworden sind über die Jahrzehnte.

Die Mischung aus komplexem Thema und sehr schlichten Hauptsätzen macht wohl die Faszination des Stücks aus. Ich bin geneigt zu schreiben, dies sei ein Wagnis, aber genauer betrachtet riskiert man so eher weniger als  andere, weil der Text schwer angreifbar ist. Es geht schlicht um die Haltung vieler, auch sich für furchtbar klug haltender Musikjournalisten, dass Frauen einem altbackenen Frauenbild-Stereotyp entsprechen sollten, um musikalisch nicht unangenehm aufzufallen. Frauen sind immer total in Ordnung, wenn sie in dieses gutausehende-Sängerin-Schema passen. Ich sage natürlich nichts gegen gutaussehende Sängerinnen – vielen bin ich verfallen -, nur ist diese Reduzierung auf das positives Bild extrem mittelalterlich. Die Kunst ist geprägt durch Erfahrungen, was Erfahrungen aufgrund vorherrschender Geschlechterrollen natürlich einschließt. Deswegen müssen Geschlechterrollen aber wiederum nicht auf die Kunst projeziert werden, doch genau das passiert permanent.

Wenn jetzt jemand erwidern möchte dass z.B. Bands wie The Gossip doch wirklich nicht dem Rollenbild entsprechen und trotzdem total abgefeiert werden – das ist dann die andere Variante, eher so das Freakshowphänomen. Diese Klischees sind vermeindlich so weit weg von der Realität, dass man sie wieder begeistert anstarrt. Natürlich hat Françoise Cactus in diesem Interview recht wenn sie darauf hinweist, dass in den üblichen Musikmagazinen im Prinzip immer nur 4-Typen-Bands vorkommen (+/-1) und alles andere eher die Ausnahme ist. Ich wage zu behaupten, dass das nicht sein müsste, aber der Teufelskreis der Role Models (Musikmedien: Rockband = Männerveranstaltung → wenige öffentlich wahrgenomme Nicht-nur-Männerbands → keine Role-Models für Mädchen → weniger Bands → Rockband = Männerveranstaltung) muss dazu unterbrochen werden. Wahrlich, heute sieht es besser aus als früher und noch besserer als ganz früher – in den 60ern waren z.B. The Liverbirds wahre Exotinnen.

Bevor ich mich ins Klein-Klein schreibe, wie das beim Thema Feminismus ständig und überall passiert, beende ich diesen Artikel doch lieber mit der Feststellung dass eine Musikerin garnichts muss, genauso wenig wie ein Musiker. Außer man will Karriere machen, dann muss man. Aber Kommerz und Kunst ist schon wieder ein ganz anderes Thema…

Christan Gröpler, Berlin

Dieser Text erschien zuerst auf tantepop.de.