Der Imperativ des Propheten. Gedanken zu „Zeig mir den Platz an der Sonne“ von Udo Jürgens (Text: Eckhart Hachfeld)

(Das Video setzt beim ersten Refrain ein.)

Udo Jürgens (Text: Eckart Hachfeld)

Zeig mir den Platz an der Sonne

In meinem Herzen flattert leise
ein kleiner, bunter Schmetterling,
den schickt die Sehnsucht auf die Reise,
wenn ich von meinen Träumen sing'.
Ich such' ein Land, es liegt noch weit,
wo Liebe wohnt und Zärtlichkeit.

Zeig' mir den Platz an der Sonne,
wo alle Menschen sich versteh'n.
Liebe allein ist die Sonne,
drum darf die Liebe nie untergeh'n.

Wen kümmern noch des Nachbarn Schmerzen,
wer hilft dem Nächsten durch die Tat?
Wir haben Riegel vor den Herzen,
und um die Seele Stacheldraht.
Ich such' ein Land, es liegt noch weit,
wo Friede wohnt und Menschlichkeit.

Zeig' mir den Platz an der Sonne, [...]

     [Udo Jürgens: Zeig mir den Platz an der Sonne. Ariola 1971.]

Musikstars sind für viele Menschen gottgleich. Das Liedgut wird zur Offenbarung eines singenden Propheten, und die oft darin kommunizierte Suche nach der heilen Welt ist die Antwort auf den menschlichen Drang zur Weltflucht. Jenseits der Realität wird es besser. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die zunächst säkulare und klare Bildsprache vieler Schlagertexte religiös ausdeuten lässt. Exemplarisch dafür ist Udo Jürgens’ Zeig mir den Platz an der Sonne.

Von der Strophe zum Refrain überleitend heißt es: „Ich such‘ ein Land, es liegt noch weit, / wo Liebe wohnt und Zärtlichkeit.“ In einer Kirche gesungen, würden sich diese Worte unmissverständlich in die Lehre vom Reich Gottes wandeln. Aus „Liebe allein ist die Sonne“ spricht die Gottessymbolik gar doppelt, denn im christlichen Metaphernschatz ist Jesus die Liebe und das Licht. Noch deutlicher bedient sich die zweite Strophe einer christlichen Rhetorik. Hier ist vom „Nachbarn“ und vom „[N]ächsten“ die Rede. Konsequent könnte der erwähnte „Stacheldraht“ zur Dornenkrone umgedeutet werden. Die geistliche Bildsprache zieht sich also durch den Text.

Dass die Formulierung „Platz an der Sonne“ im deutschsprachigen Raum auch sehr weltliche Assoziationen hervorrufen kann, zeigt ein Blick in die Geschichte: 1897 sprach Bernhard von Bülow, zu dieser Zeit Staatssekretär im Auswärtigen Amt, von einem Recht der Deutschen auf einen „Platz an der Sonne“ in Bezug auf seine Kolonialpolitik. Von christlicher Nächstenliebe und Himmelsnähe als Trost wollte er nichts wissen: „[D]ie Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer, und sich selbst den Himmel reservierte […] sind vorüber“.

Zynisch erdet der Gesellschaftskritiker Karl Kraus jede Euphorie, die sich mit dem Ausspruch im Kaiserreich verband: „Der Anspruch auf den Platz an der Sonne ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass sie untergeht, sobald er errungen ist.“ Ein Satz bar jeder Hoffnung. Er entlarvt den Populismus mit seinen eigenen rhetorischen Mitteln.

Seinem österreichischen Landsmann Udo Jürgens gelingt es ein gutes halbes Jahrhundert später allerdings durch bewusste Zynismusferne und Ironiefreiheit den Hörer anzusprechen, ohne ihn jedoch für ein religiöses oder politisches System zu werben. So einfach wie sich das Lied durch die Parallelen mit dem häufig gebrauchten Sonnensymbol auf die erwähnten Folien beziehen lässt, so wenig plausibel wird diese Übertragung in Bezug auf den Empfänger der Botschaft. Dieser ist der nach Unterhaltung, Ablenkung und/oder Trost Ausschau haltende Hörer. Und der hängt der absolut guten Welt nach, die das Sprecher-Ich aus „[s]einen Träumen“ herbeiruft und mit der positiv besetzten Sonnensymbolik heraufbeschwört.

Hinter dieses Heile-Welt-Evangelium tritt selbst die eigentlich Botschaft des Lieds zurück, die streng genommen, auf Weltverbesserung zielt, eine unvollkommene Welt anklagt indem sie auf eine imaginierte bessere verweist. Der Hörer wird dabei direkt aufgefordert mit dem Imperativ „Zeig’“. Was soll er zeigen? Eine besser Welt, „[w]o alle Menschen sich verstehen“, weil die Liebe absolut regiert. Die einzige Ideologie, die in diesen Imperativ eingeschrieben sein mag, ist die eines natürlichen Utopieglaubens, anhand dessen die gegenwärtige Welt sich ausrichten soll. Denn der vom Sprecher-Ich Beauftragte sollte sich fragen: Wo finde ich denn diesen Platz an der Sonne? Dann sollte er sich des Fehlens dieses Platzes bewusst werden und im letzten Schritt dieser Didaktik selbst zur Entstehung beitragen.

Dies weist zwar Ähnlichkeiten mit der Rhetorik der Bergpredigt auf, doch die Wirkung des Schlagers ist eine andere. Denn der prophetische Imperativ verfliegt durch die mantrische Wiederholung von „Zeig’ mir den Platz an der Sonne“ und „Liebe allein ist die Sonne“. Das, was beim Hörer hängen bleibt, ist der „Platz an der Sonne“, die heile Welt, der Traum, nicht die Abwesenheit dieses Platzes. Das Wort „Sonne“, als Epipher viermal im Refrain genannt, sendet in regelmäßigem Abstand diesen Impuls. Ebenso oft vertreten: „Liebe“.

An einem YouTube-Kommentar wird deutlich, dass nicht der Imperativ beim Hörer wirkt, sondern das Bild der bessern Welt selbst (legitimer Selbstzweck für das Genre Schlager!): „Es waere schoen wenn der Inhalt dieses Liedes wahr werden wuerde“ (http://www.youtube.com/watch?v=X9zRexgixyM). Auf den wörtlichen Inhalt des Lieds bezogen, wünscht sich der Kommentator die Bestandsaufnahme einer Welt, die – zunächst noch – ein Schattenplatz ist. Traurig. Fortsetzung folgt…

Florian Seubert, Bamberg

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