Die unerträgliche Leichtigkeit des Trödelns. Zu Deichkinds „Der Flohmarkt ruft“

Deichkind

Der Flohmarkt ruft

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu.
Brauchst du Games oder gar neue Schuh, nur zu.
Der Flohmarkt ruft, alles klötert und staubt.
Vielleicht findest du ja was, was du brauchst.

Einmal im Monat, geh' ich auf den Flohmarkt.
Ne Platte von Crowbar, Bay City Rollers, Blowfly,
Phantom der Oper.
Grad wieder sober. Grad aus dem Koma.
Sieht aus wie die Vase von Oma.
Der Mantel, der modert.
2-Euro-Prosa, Augen die lodern.

Ich hab die Vans im Blick,
Ich glaub ich nehm' sie mit
und den Trainer von Kettler,
hab' ich selber.
Ist der Sattel verstellbar?
Coole Machete,
aber viel zu viel Knete.
Komm lass uns handeln,
kann nicht so viel bieten.
Gib mir die Hanteln dazu,
dann sind beide zufrieden.

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu [...]

Tritt ein und schleich' herum,
tauch' ab und zieh' dich um.
Ein Stand der NVA,
der Kerzenständer da.

Das Kleid von H&M,
der Knopf ist abgetrennt.
Der Helm ist mir zu klein,
schöne Kette, ist das Bernstein?
Ein Crêpes mit Apfelmus
bevor ich weitersuch'.
Das Buch von „Was ist Was“,
das macht den Kindern Spaß.
Der Pelz ist unkorrekt,
der ist zu abgewetzt.
Du hast bestimmt noch Glück,
komm geh' halt noch ein Stück.

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu [...]

Möchtste haben?
Der passt total gut zu dir, echt, steht dir.
Das geht total leicht wieder ab, das ist nur Staub.
Ist ein bisschen nass geworden, das läuft aber noch.
Jaja, der läuft noch, der geht auf jeden Fall.
Nein, die sind neu, also wie neu.
Das ist ungetragen, habe ich nie benutzt, also ungewaschen, guck‘s dir an.
Nee, eine Tüte habe ich keine mehr.
Das ist die Spezialversion, die ist total rar,
da hab ich damals viel Geld für bezahlt.
Hey, bei Ebay kostet das das Doppelte, das sage ich dir.
Wir sind doch auf dem Flohmarkt, da handelt man.
Was willst du denn geben?
Nee, sag du zuerst.
Nee, zwanzig.
Nee, zwanzig.

Mein Tapeziertisch, der wackelt und hängt durch.
Was willst du geben für die schöne Playmo-Burg.
Mein' ganzen Krempel, den krieg ich nicht an' Mann.
Ich schlepp' das nicht noch einmal, das tu' ich mir nicht an.
Tausend Kilo Brockhaus, ein mächtiges Gerät.
Marc O'Polo-Sweater, komm riech' die Qualität.
'Nen Zwannie für den Gameboy, ich wechsel' keinen Schein.
Die Standgebühr ist viel zu hoch, die krieg' ich nie mehr rein.

Der Flohmarkt ruft mit Wurst und Didgeridoo, juhu [...]

     [Deichkind: Niveau weshalb warum. Sultan Günther 2015.]

Nostalgiker kreiden dem Internet an, dass es nicht nur einiges Angenehmes gebracht, sondern auch vieles Schönes verdrängt hat. Beispiele fallen unzählige ein. Lauter Selbstverständlichkeiten früherer Zeiten müssen bzw. können wir heute mehr oder weniger schmerzlich vermissen. Z.B. werden keine „Tausend Kilo Brockhaus“ mehr gedruckt und kaum mehr Mixtapes verschenkt; nur noch selten ist man heiß auf den Blick in den Briefkasten, und auch das erste Probehören in der CD-Abteilung des örtlichen Drogeriemarkts hatte schon einmal mehr Glanz; Youtube killed the MTV star, Youporn sexuelle Ausgeglichenheit, Amazon so manche äußerst reizvolle Fachbuchhandlung, Facebook den Datenschutz, Whatsapp die Telefonpyramiden usw.

„Ebay“ konkurriert entsprechend dieser zugespitzten Gegenüberstellungen seit nunmehr knapp zwei Jahrzehnten mit dem guten alten Flohmarkt. Dass sich jener in seinen traditionellen Formen an physischen Plätzen, in Fußgängerzonen, Schulen oder Vereinsheimen dennoch ganz gut zu halten scheint, mag damit zu tun haben, dass er ja von Natur aus von Nostalgikern getragen wird. Vor allem aber bietet er als social event en masse Möglichkeiten zur mutmaßlich selten gewordenen real face communication (vgl. im Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Flohmarkt die Ausführungen zum „Flair eines Marktes“).

Man trifft sich ungezwungen freizeitlich und genießt den gemeinsamen Überfluss, man tauscht Vintagejacken sowie Kindheitserinnerungen aus, man simuliert ein bisschen Zeitreise, man zockt ein wenig um dem Preis, handelt dabei im Sinne einer gewissen Nachhaltigkeit und spart letztlich sogar noch bares Geld. Wie viel Zeitgeist geht denn noch? Inwiefern die „ganze Menschheit […] dadurch geschunden“ (vgl. Tocotronic: Samstag ist Selbstmord) sein soll, ist an einem sonnigen Altstadtmorgen bei „Crêpes mit Apfelmus“ und „Was ist Was“-Bänden nicht immer unmittelbar nachvollziehbar. Nur folgerichtig also, dass die Institution Flohmarkt auch ausführlicher und positiver klingend besungen wird.

Deichkinds gelobtes Niveau weshalb warum enthält mit Like mich am Arsch nicht nur einen Song über „Stern-App, Bahn-App, Tier-App, Skype-App, Wein-App“, Youtube, Youporn, Amazon, Facebook, Whatsapp et al., sondern auch ein Lied, in dem Der Flohmarkt ruft. Wenn man die Qualitäten der „Band mit dem Dreieck“ (vgl. den Song Niveau weshalb warum) abseits ihrer Liveshows in 1. Bierprolligkeit (Prost, Roll das Fass rein, 99 Bierkanister etc.), 2. treffende Slogans (Leider geil, Arbeit nervt, Bück dich hoch [mit Interpretation], Denken Sie groß etc.) und 3. humorige Sozialkritik (neben u.a. 99 Bierkanister und Bück dich hoch auch Partnerlook, Mehr als lebensgefährlich etc.) unterteilt (vgl. zu diesen Qualitäten auch Patrick Galke: Die Ausbeutung kann man eigentlich nur tanzend ertragen), dann passt ihr Flohmarktlied wohl vor allem in die dritte Kategorie. Hier spiegelt sich die Gesellschaft in den Waren, die ihre Teilnehmer konsumieren, ihr „Warenfetischismus [führt] zu Momenten schwärmerischer Erregung“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, S. 54).

Dass sich abgesehen von Debord auch noch so manch anderer Marxist im Grab umdreht, wenn er erfährt, dass es dabei nicht nur um ein „Kleid von H & M“, sondern auch um Restbestände der „NVA“ geht, kann uns seit fünfundzwanzig Jahren gesamtdeutsch wurscht sein. Shoppen ist einfach die konsumierbarere Ideologie, vor allem, wenn wir „Games“, „Gameboy[s]“, „Trainer von Kettler“, „Playmo-Burg[en]“ und den ganzen ebenso überflüssigen wie unterhaltsamen „Krempel“ für Preise bekommen, die historisch oder global betrachtet in keinem reellen bzw. einem für uns sehr günstigen Verhältnis zu der dafür aufgewendeten Arbeitsleistung stehen. Solange wir die Wahl haben, ob wir beispielsweise die „Bay City Rollers“ gleich frei zugänglich auf Youtube oder erst nach Zahlung einer geringen Gebühr und wirklich wie früher nach dem Auflegen einer Platte anhören, können wir freudig durch das Leben tänzeln.

Dass das „[J]uhu“ hier dennoch irgendwie vergiftet klingt, bemerkt man spätestens, wenn die Salve an Flohmarktfloskeln abgefeuert wird. Neulich wurden im SZ-Magazin Die drei großen Lügen auf Flohmärkten gelistet: „Das ist orginalverpackt“, „Ich könnte auch das Doppelte verlangen“, „Es fällt mir echt schwer, mich davon zu trennen“. „Der passt total gut zu dir, echt, steht dir“, „Das geht total leicht wieder ab, das ist nur Staub“, „Ist ein bisschen nass geworden, das läuft aber noch“, trifft in die gleiche Kerbe. Besagte Marxisten könnten an dieser Stelle anmerken, dass auch ein Flohmarkt nur nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert. Das unternehmerische Risiko „Standgebühr“ führe gewissermaßen zwangsläufig dazu, das wir uns gegenseitig die Geldbeutel leerlügen. Letztlich wäre es aber quatschig, den Song in eine kapitalismuskritische Ecke zu drängen. Zumindest ein bißchen weniger unpassend erscheint es demgegenüber, darüber zu reden, dass kollektivierte Freizeit an Sommertagen in Innenstädten tatsächlich manchmal nur schwer auszuhalten sein kann. Entsprechend ist der Flohmarkt ruft doch gar nicht so weit weg von Tocotronics Samstag ist Selbstmord. Die entscheidende Qualität des Songs liegt darin, dass er das Kippmoment zwischen Leichtigkeit und Unerträglichkeit hörbar macht.

Martin Kraus, Bamberg

Die Ausbeutung kann man eigentlich nur tanzend ertragen: Deichkinds „Bück dich hoch!“ als Entwurf des falschen Lebens im Falschen


Deichkind

Bück dich hoch!

Halt die Deadline ein, so ist's fein!
Hol' die Ellenbogen raus, burn dich aus!
24/7, 8 bis 8, was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!
Bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich hoch, ja!
Das muss heute noch zum Chef, besser jetzt!
Bück dich hoch.
Ach du Schreck, Bonus-Scheck, ist schon weg!
Bück dich hoch.
Fleißig Überstunden, ganz normal!
Bück dich hoch.
Unbezahlt, scheißegal, keine Wahl!
Bück dich hoch.

Klick dich, fax dich, mail dich hoch,
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch,
kick dich, box dich, schlaf dich hoch,
bück dich hoch, ja!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Auch wenn es dich verbiegt!
Bück dich hoch! Komm steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Bück dich hoch, ja!

Dieses Wochenende Pitch, machste mit!
Bück dich hoch.
Denke groß, sei aktiv, halt dich fit!
Bück dich hoch.
Pass dich an, du bist nichts, glaub ans Team!
Bück dich hoch.
Halt die Schnauze, frisch ans Werk und verdien!
Bück dich hoch.
Aufgebraucht, Akku raucht, ausgetauscht!
Bück dich hoch.
Komm pack im Meeting noch ne Schippe drauf!
Bück dich hoch.
Yogakurs, abgesagt, reingekloppt!
Bück dich hoch.
Fehlt der Job, ja mein Gott, tu als ob!
Bück dich hoch.
Klick dich, fax dich, mail dich hoch,
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch,
kick dich, box dich, schlaf dich hoch,
bück dich hoch, ja!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit! [...]

Zick dich, pitch dich, grins dich, push dich,
deal dich, klatsch dich, drück dich, reib dich,
swing dich, stech dich, grip dich, zech dich,
roll dich, fahr dich, stampf dich, jag dich,
kämpf dich, schieß dich, gräm dich, flash dich,
schlag dich, kick dich, press dich, füg dich,
treib dich, knöpf dich, schraub dich, quäl dich,
bück dich hoch.

Du brauchst Konkurrenz, keine Friends!
Do your fucking Job, till the End!
Nimm dir ein Beispiel an Donald Trump!
Was ist los, reiß dich zusammen, pack mit an!
Deinen Einsatz gibst du denen da oben gern!
Bück dich hoch.
Schenke deinen Urlaub dem Konzern!
Bück dich hoch.
Trink einen großen Schluck Leistungsdruck!
Bück dich hoch.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit! [...]

     [Deichkind: Befehl von ganz unten. Vertigo 2012.]

Wer Deichkind schon länger kennt, erinnert sich vielleicht noch, dass Arbeit nervt. Glaubt man dem so benannten Track der Hamburger, möchte jeder am liebsten „gammeln, feiern, flirten, fummeln, fressen“. Deshalb reibt man sich verwundert die Ohren, wenn auf dem aktuellen Album der Befehl von ganz unten erfolgt: Bück dich hoch! Unterlegt von elektronischen Samstagabendbeats, die irgendwo zwischen Acid Trance und Rap wummern, erhalten wir eine Anleitung zum falschen Leben im Falschen. In vier Minuten entfaltet Philipp Grütering aka Cryptic Joe ein Einmaleins der gegenwärtigen Arbeitswelt.

In seinem sprachlichen Aufbau orientiert sich der Liedtext an den Beats. Dem Hörer fliegen knapp und eingängig formulierte Slogans um die Ohren. Zu Beginn vermittelt der Text einen ersten Blick in die schöne neue, von Stress geprägte Welt der Arbeit: Statt schwer erkämpfter 40-Stundenwoche und wohl verdienter Freizeit herrscht das Prinzip der unentwegten Erreichbarkeit. Permanente Arbeit ist das Ziel. Um diese erfolgreich zu erledigen, sollte man die Kollegen als Gegner begreifen. Dieser einleitende Textabschnitt führt bereits alle Elemente der sich ähnelnden, aber nie ganz gleich aufgebauten Strophen und Bridges ein. Nach den spezifische Aufforderungen formulierenden Befehlszeilen findet sich das isolierte Mantra vom Hoch-bücken, das anschließend im Wechsel mit den Befehlszeilen zum Einsatz kommt. Wir haben nach dem „Präludium“ drei Grundelemente des Textes: 1. die insgesamt dreimal verwendete Bridge, die die Formel „Bück dich hoch!“ variiert, 2. den Refrain, bei dem auf die Aufforderung zum Hoch-bücken ein weiterer, diesen Ausruf präzisierender Appell folgt, und 3. die beiden Strophen, in denen das Prinzip des Refrains umgekehrt wird.

In der musikalischen Untermalung unterscheiden sich die einzelnen Elemente stark. Die Strophen erinnern in der Konzentration auf den Rhythmus an das Prinzip aus der Rapmusik, dass sich Beat und Rap ergänzen, um den Text zu unterstreichen oder kontrastierend hervorzuheben. Die Bridge erhöht dann das Grundtempo und führt den melodischen Loop ein, der anschließend im mitsingbaren Refrain aufgeht. Da kann man dann feiern, was einem zuvor an Widerlichem ausgebreitet worden ist.

Soweit der grobe Aufbau. Aber was soll das Ganze? Die ersten Zeilen lassen sich als vorläufige Ausführungen zum paradoxen Titel lesen. Sich selbst erniedrigen, aber mit allen Mitteln darum kämpfen, an die ökonomische Spitze zu gelangen, das ist, was uns der Song als Grundzug der Arbeitswelt vorstellt. Mit Peter Rühmkorf ließe sich die inhärente Logik der ironisch angepriesenen Arbeitsethik etwas dialektischer fassen: „Wer geduckt steht, will auch andre biegen“. Die Bridge macht klar, egal was man auch tut, ums Hoch-bücken kommt keiner herum.

Wenn man den Refrain ernst nimmt, ist es unwichtig, ob die Arbeit entlohnt wird und wie viele Überstunden man ableistet. Es gibt – auf den ersten Blick – keinen Ausweg. Wer sich nicht unterordnet, sich nicht verbiegen will, wer keine Lust hat, sich der Profitmaximierung ganz und gar unterzuordnen, wird eben „ausgesiebt“, auch weil er selbst ja immerzu dringend Geld braucht. Mitmachen beim Verdienen darf nur, wer mitläuft ohne zu murren. Erfolg hat, wer die Entwürdigung feiert und singt.

Mit sich immer wieder ähnelnden Formulierungen stellt der Text die Allpräsenz von Leistungsdruck und Selbstaufgabe aus. Man soll sich fit halten, aber keinesfalls die Arbeit zu kurz kommen lassen. Seinen Gedanken keine Grenzen setzen, dabei aber bitte nicht vergessen, dass man nur im Team etwas wert sei. Wie verlogen das englische Wort für Mannschaft gebraucht wird, unterstreicht die Bridge. Sie erinnert daran, welche Möglichkeiten es gibt, um sich nach oben zu bücken. Nichts ist verboten, um nach oben zu kommen: Neben dem adäquaten Einsatz der elektronischen Medien, die einen, wie man aus den ersten Zeilen weiß, immerzu erreichbar machen, rät der Song zum möglichst umfänglichen Einsatz des eigenen Körpers, sei es durch Gewalt oder auch Sex, nicht zu vergessen intrigantes Verhalten gegen alle.

Strophe drei liefert dafür eine Begründung: Konkurrenz ist alles, Freundschaft nichts. Das Ideal des Erfolgs ist, als ironische Krone des ganzen Lieds, Donald Trump. Seit 2004 sucht der amerikanische Immobilienunternehmer in der Realityshow The Apprentice nach dem idealen (leitenden) Angestellten. Dem von Deichkind entworfenen Idealtyp kommen die Kandidaten und vor allem der Sieger der Sendung ziemlich nahe. Wer ohne Rücksicht auf Verluste für den Profit kämpft, wer seine Mitarbeiter effizient auswringt, kommt ans Ziel. Ausreden gelten nicht. Auch wer ohne Arbeit ist, kann noch eine Stresspantomime tanzen. Alles für ein Ziel, das den meisten Hörern allzu bekannt sein dürfte: die heilige Steigerung des BIP.

Spätestens mit diesem Zitat in der letzten Strophe erinnert man sich dann an einen ähnliches Lied. Als in den achtziger Jahren der letzte große Umbruch der Arbeitswelt erfolgte und das Mantra vom alles erhaltenden, heilbringenden Wirtschaftswachstum erstmals die politische Debatte dominierte, komponierten Geier Sturzflug die passende Hymne zur Neuausrichtung der Gesellschaft. Rückblickend wirkt die dort besungene übermäßige Arbeitslust fast harmlos. Zwar entwerfen auch die Bochumer eine Welt voller Überstunden und Arbeitswut, und ihr Song ist mit einer ordentlichen Portion Konsumkritik angereichert, aber keine Spur findet sich von konkurrenzwütigen, den sozialen Zusammenhalt und die Würde gefährdenden Prozessen, wie sie Deichkind skizzieren. Beide Lieder ähneln sich aber in der Vermittlung. Melodie und Rhythmus sind, wenn auch unterschiedlich schnell, eingängig gestaltet. Man kann das eigene Leid wunderbar mitschallern und dazu tanzen, egal ob mit Discofox oder Discopogo.

Die Musikkritiker der Groove bezeichnen diese Verbindung von freudiger Musik und sozial-realistischem Text als malträtierende Sektdusche, weil ihnen die Reime zu simpel erscheinen. Sie wünschen sich anscheinend mehr Ernsthaftigkeit. Diese Ansicht muss man freilich nicht teilen. Es gibt sie natürlich, nachzulesen bei Elfriede Jellinek und anderen. Wer sich aber auf den Deichkind-Song einlässt und die entworfene Arbeitswelt mitdenkt, fragt sich, mit welchen Mitteln die entwürdigenden Anforderungen an den zeitgenössischen Angestellten besser zu fassen wären. So viel Schreckliches kann man eigentlich nur in solcher Überzeichnung und elektronischer Unbeschwertheit ertragen. Zumal die Einfacheit der Reime aus der ökonomisierten Sprache unserer Alltagswelt erwächst. Was mancher Roman auf mehreren hundert Seiten an Sprachkritik und Sozialstudie entfaltet, packen die Hamburger MCs in einen im besten Sinne poetischen, also verdichteten Text.

Patrick Galke, Bamberg