Ausgerechnet die Jecken wollen die Kirche im Dorf lassen: „Mer losse d’r Dom en Kölle“ von den Bläck Fööss (Text: Hans Knipp)

Vorbemerkung des Blogbetreibers:

Nachdem fast anderthalb Jahre lang der Publikationsrhythmus ‚eine Interpretation pro Woche‘ eingehalten worden ist, ist nur der Zeitpunkt gekommen, damit zu brechen: Zum Abschluss der fünften Jahreszeit wird in den nächsten vier Tagen täglich eine Karnevalsiedinterpretation von Hans-Peter Ecker erscheinen, da diese im Rest des Jahres eher deplaziert wären und es deshalb Jahre dauern würde, bis ein Vergleichskorpus dieser Textsorte zusammenkommen würde.

Bläck Fööss (Text: Hans Knipp)

Mer losse d'r Dom en Kölle

Mer losse d'r Dom en Kölle,
denn do jehöt hä hin.
Wat soll dä dann woanders,
dat hät doch keine Senn.

Mer losse d'r Dom en Kölle,
denn do es hä zo Hus
un op singem ahle Platz
bliev hä och jot en Schoss,
un op singem ahle Platz
bliev hä och jot en Schoss.

Stell d'r für d'r Kreml stünd am Ebertplatz,
stell d'r für d'r Louvre stünd am Rhing,
do wör für die zwei doch vell zo winnich Platz,
dat wör doch e unvührstellbar Ding.

Am Jürzenich, do wör villeich et Pentajon,
am Rothus stünd dann die Akropolis,
do wöss mer övverhaup nit wo mer hinjon sollt,
un doröm es dat eine janz jewess:

Mer losse d'r Dom en Kölle,
denn do jehöt hä hin.
Wat soll dä dann woanders,
dat hät doch keine Senn.
Die Ihrestross die hiess villeich Sixth Avenue,
oder die Nord-Süd-Fahrt Brennerpass.
D'r Mont Klamott dä heiss op eimol Zuckerhot.
Do köm dat Panorama schwer en Brass.

Jet froch ich üch, wem domet jeholfe es,
wat nötz die janze Stadtsanierung schon,
do soll doch leever alles blieve wie et es
un mir behalde uns're schöne Dom.

Mer losse d'r Dom en Kölle,
denn do jehöt hä hin.
Wat soll dä dann woanders,
dat hät doch keine Senn.

     [De Bläck Fööss. Op Bläcke Fööss Noh Kölle. Cornet 1974.
     Textquelle: Kölsch-Wörterbuch.]

Hans Knipp (1946-2011) war einer der Superstars der Kölner Liedermacherszene; seine Lebensleistung umfasst knapp 900 Lieder, wovon sich die meisten mit dem kölschen Milieu bzw. mit niederrheinischer Mentalität befassen. Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters sah in ihnen die Verkörperung der „Kölschen Siel“ (vgl. http://www.stadt-koeln.de/1/presseservice/mitteilungen/2011/06467/, siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Knipp). Knipp schrieb viele seiner Lieder speziell für Karnevals-Kampagnen, so auch diesen Superhit, der durch die Interpretation der Bläck Fööss unsterblich wurde (soweit sich ein so weitreichendes Urteil aus heutiger Perspektive fällen lässt). Die Zusammenarbeit mit der damals noch weitgehend unbekannten Mundartgruppe Bläck Fööss datiert in die frühen Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts; Mer losse d‘r Dom en Kölle war eine der ersten Koproduktionen. Viele weitere sollten folgen und am Ende konnte man auf ein höchst beachtliches gemeinsames Repertoire von ca. 100 Titeln zurückblicken.

Dass unser Lied zu einer der größten Karnevalshymnen überhaupt avancieren sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt, war es doch zunächst lediglich als satirische Spitze gegen die damalige Sanierungspolitik der Stadt intendiert. Doch seine Rezeptionsgeschichte zeigte bald, dass in ihm weitaus mehr Potential steckte, als in einer x-beliebigen Satire auf ein kommunalpolitisch brisantes Thema. Aus heutiger Perspektive lässt sich der Erfolg dieses Liedes über den tagespolitischen Bezug hinaus m.E. auch ganz gut erklären. Indem Knipps Karnevalsschlager hinter seiner Titel- und Refrainzeile das bekannte Sprichwort von der Kirche, die man doch bitte im Dorf lassen sollte, aufscheinen lässt, stellt er am Beispiel des Vorgehens der damaligen Kölner Stadtbehörden eine Frage von grundsätzlicher ethischer Relevanz, die Frage nach den humanen Wertmaßstäben bei der Ausübung von politischer und technokratischer Macht.

In diesem Artikel muss nicht diskutiert werden, ob die Kölner Stadterneuerungspolitik der 1970er insgesamt eher positive Lösungen für die anstehenden Probleme gefunden hat oder doch eher Beispiel für unsensible Eingriffe in gewachsene Strukturen liefert. Bei zugegebener Weise sehr flüchtiger Beschäftigung mit dieser reichlich komplexen Materie habe ich den Eindruck, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt (einen Einstieg in die Problematik verschaffen Gerhard Curdes und Markus Ulrich: Die Entwicklung des Kölner Stadtraumes. Der Einfluss von Leitbildern und Innovationen auf die Form der Stadt, Dortmund 1997). Die Sprecherinstanz des Liedes formuliert jedenfalls Gefühle eines einheimischen Bürgers, der sich durch die Baupolitik zunehmend seines vertrauten Lebensraums beraubt sieht. Die Stadtplaner scheinen mit ihren Maßnahmen ans ,Eingemachte‘ seines Heimatgefühls zu gehen, indem sie durch maßlose Eingriffe alles verändern, ja, im eigentlichen Sinne des Wortes ,verkehren‘.

In dieser Situation bietet aus Sicht des traditionalistisch fühlenden Sängers nur noch der Dom Stabilität, Identität, Orientierung und Verlässlichkeit. Dass dieses Bauwerk nicht nur von jeher das bedeutendste Wahrzeichen Kölns war, sondern sich den Eingriffen der Modernisierer auch kraft seiner Spiritualität entgegenstemmen kann, scheint mir hier nicht ganz nebensächlich. Die Titelzeile „Mer losse d’r Dom in Kölle“ ist vermutlich eher als Appell an die Solidarität der Kölner zu lesen, denn als Faktizität. In meiner Wahrnehmung schimmert durch diese trotzig vorgebrachte Behauptung die Sorge durch, dass die Technokratie am Ende auch vor diesem Symbol nicht Halt machen würde, wenn der Widerstand der Bürgerschaft erlahmte.

Widerstand gegen kulturelle Modernitätsschübe, Globalisierungseffekte, Klagen über verlorene Werte einer ,guten alten Zeit‘ (Orientierung, Identität, Symbole eines ,guten Lebens‘) sind für viele populäre Lieder typisch. Wir finden diese Haltung im klassischen Volkslied und Vagantenlied ebenso wie im Wiener Lied, im Chanson, bei den neueren Liedermachen, im Schlager und natürlich auch im Karnevalslied: „do soll doch leever alles blieve wie et es“.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Advertisements