Chance vertan? Zu Cro: „Bye Bye“ (2015)

Cro

Bye Bye

Es ist ein unglaublich schöner Tag
Draußen ist es warm
Er ist auf dem Weg nach Hause mit der Bahn
Schaut aus dem Fenster, lässt Gedanken freien Lauf
Lehnt sich ganz entspannt zurück
Denn er muss lange noch nicht raus
'n paar Menschen steigen ein, andere wieder aus
Er wechselt grad das Lied
Und plötzlich stand da diese Frau
Und er dachte sich "Wow"
Sagte: "Klar, der Platz ist frei"
Sie lachte und er dachte sich nur

Bitte komm
Sprich sie an
Das ist das Schönste, was du je gesehen hast
Und sie hat sicherlich keinen Mann
Stell dich nicht so an
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Doch alles, was man hört ist mein Herzschlag
Bamm!

Was soll ich nur sagen
Irgendwas knockt mich aus
Ich bin ein Versager, 
weil ich mich doch nicht trau'
Mein Kopf ist voller Wörter, 
doch es kommt nichts raus
Sie steht auf
Und steigt aus

Bye bye, bye bye meine Liebe des Lebens
Und ja, wir beide werden uns nie wieder sehen
Kann schon sein, dass man sich im Leben zweimal begegnet
Doch es beim zweiten Mal dann einfach zu spät ist

Es ist ein unglaublich schöner Tag
Draußen ist es warm
Sie hat Bock auf Shopping also in die Stadt
Sie braucht so Sachen, die Frauen halt eben brauchen
'nen Bikini, 'ne neue Tasche und außerdem will sie schauen
Also los, ab in die Bahn
Sie zieht sich 'n Ticket
Vier Siebzig für die Fahrt
Ist ja ganz schön hart
Doch dann sieht sie diesen Typ
Findet ihn süß
Setzt sich extra zu ihm hin und denkt sich

Bitte, bitte, bitte, bitte komm
Sprich mich an
Es ist ganz egal, was du jetzt sagen würdest
Ich spring darauf an
Also komm
Du bist mein Mann
Wir gehören zusammen
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Ich hör mein Herz, Bamm!

Was soll ich nur sagen [...]

     [Cro: MTV Unplugged. Chimperator 2015.]

Der Liedtext des Rappers Cro beschreibt eine Situation, die vermutlich Vielen bekannt vorkommt. In der Straßenbahn sitzt man einer Person gegenüber, die man körperlich attraktiv findet und die man gerne ansprechen würde, sich aber nicht traut das zu tun. Dargestellt wird diese Situation von einer allwissenden Sprechinstanz, die dementsprechend auch die Gedanken der beiden Personen, einem Mann und einer Frau mitteilen kann.

Die erste Strophe beschäftigt sich mit dem Mann. Gedankenverloren sitzt er in der Bahn auf dem Weg nach Hause, bis eine Frau einsteigt, die leidglich als „Wow“ beschrieben wird, sich neben ihn setzt. Aus irgendwelchen Gründen denkt sich der Mann, dass die für ihn so attraktive Frau „sicher keinen Mann“ hat. Letztendlich traut sich der Mann aber eben doch nicht die Frau anzusprechen. Wie im ganzen Liedtext ist eine implizite Fixierung auf die Äußerlichkeiten der beiden Protagonisten wahrzunehmen. So wird die Frau kurzum als „Liebe des Lebens“ bezeichnet und das, wohl gemerkt, obwohl sich die beiden kaum unterhalten haben. Lediglich „Klar, der Platz ist frei“ hat der Mann der Frau entgegnet. Liebe auf den ersten Blick hin oder her, scheint „Liebe des Lebens“ doch sehr hoch gegriffen zu sein.

Soweit so gut. Problematischer wird der Text bei der Beschreibung der Frau, sozusagen der Parallelüberlieferung aus weiblicher Sicht. Nach den in der ersten Strophe ebenfalls vorhandenen Beschreibungen des Tages wird die Protagonistin eingeführt durch das in der Popkultur vielleicht am weitesten verbreitete Klischee über weibliche Hobbies: Shopping. Somit wird bereits in der Erstbeschreibung der Frau eine moderne Femininität konstruiert. Verstärkt und fast schon so klischeehaft überzeichnet, dass es ironisch wirkt, wird dies dann durch das Aufzählen der Gegenstände, die die Frau kaufen will: einen Bikini und eine Tasche.

Besonders deutlich wird die Problematik dann auch in der Zeile „Sie braucht so Sachen, die Frauen halt eben brauchen“. Auch wenn die „Sachen“ in der nächsten Textzeile als Bikini und Tasche identifiziert werden, schwingt in der Beschreibung eine gewisse Undurchdringbarkeit dieser Motive mit. Das wird auch durch die umgangssprachliche und etwas unbeholfene Ausdrucksweise unterstrichen. In der nächsten Zeile wird ebenfalls beschrieben, dass sie „schauen“ will. Nach was wird dabei nicht genau spezifiziert. Alles etwas nebulös. Die Frau braucht Dinge, die die Sprechinstanz nicht so richtig einzuschätzen vermag.

Wieder geht es bei der ersten Anziehung in erster Linie um die Äußerlichkeiten. So ist der Mann, neben den sich die Frau setzt, „süß“, nicht etwa nett oder interessant. Ähnlich wie bei der „Liebe des Lebens“ wird dann der Mann auch schnurstracks als „mein Mann“ bezeichnet und die Frau denkt sich „wir gehören zusammen“. Der Clou bei dem Austausch ist also, dass die beiden Akteure mit Herzklopfen nebeneinander sitzen und sich nicht trauen einander anzusprechen.

Oder? Denn ganz so eindeutig ist das im Lied nicht dargestellt. Obwohl beide Personen sich in der gleichen Position befinden, geht es lediglich darum, dass der Mann die Frau nicht anspricht. Also wird von vorneherein angenommen, dass das mögliche Ansprechen nur in einer Richtung stattfinden kann, nämlich von Mann zu Frau. Während der Mann sich selbst auffordert, aktiv zu werden („Sprich sie an“), hofft die Frau Frau passiv ebenfalls darauf, dass er aktiv wird („Sprich mich an“).

Vielleicht handelt es sich dabei um eine unnötige Fokussierung auf Details, doch in der hier vorgeschlagenen Lesart kann man argumentieren, dass es sich um Verwendung klassischer Gender-Stereotype handelt. Der Mann nämlich soll den aktiven Teil der Interaktion übernehmen, der Frau hingegen wird nicht zugestanden selber den Mann anzusprechen. Wie in Revolverhelds Ich lass für dich das Licht an (Interpretation), wo selbstverständlich der Mann der Frau den Heiratsantrag macht, ist nur der Mann aktiv.

Interessant ist dann, dass der Mann sich eben doch nicht traut, die Frau anzusprechen. Somit fällt er letztendlich aus der ihm zugedachten Rolle, weil er eben kein emotionsloser Klotz ist, der sich mutig alles traut. Doch offensichtlich resultiert das in dem Lied dargestellte Wertesystem gerade deshalb in einem Gefühl des Unbehagens bei dem Mann, der sich als „Versager“ sieht. Die gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen an die Maskulinität setzten so den Mann unter Druck.

Der Text beschreibt eine moderne Frau (Shoppen, Handtasche, Bikini), deren Beschreibung allerdings durch die Fokussierung auf klassisch-weibliche Attribute und die suggerierte Passivität problematisch ist. Neben ihr sitzt ein Mann, der, entgegen des Stereotyps vom kühlen und rationalen Brotbeschaffer, von seinen Gefühlen überrumpelt wird und sprachlos da sitzt („Mein Kopf ist voller Wörter, / doch es kommt nichts raus“). Beide bringen es nicht über sich, einander anzusprechen. Doch die vertane Chance ist nicht unbedingt final: Der beschriebene Handlungsraum ist lediglich der Bahnwagen. Denkbar also, dass die Frau in den Wagen zurück kommt oder der Mann ihr doch noch hinterhergeht. Vielleicht spricht dann die Frau einfach den Mann an? Und wenn nicht – auch nicht so wild: Wenn man so schnell die „Liebe des Lebens“ identifizieren kann, kommt morgen sicher gleich die nächste.

Martin Christ, Tübingen

 

Kitsch für einen guten Zweck. Zur deutschen Version des Band Aid-Projektes „Do They Know It’s christmas?“ (2014)

Band Aid Thirty (Text: Campino, Marteria, Thees Uhlmann, Sebastian Wehlings)

Do They Know It’s Christmas? (Deutsche Version)

Endlich wieder Weihnachtszeit (Campino [Die Toten Hosen])
Die Nerven liegen so schön blank (Philipp Poisel)
Egal ob’s regnet oder schneit (Clueso)
Wir treffen uns am Glühweinstand (Seeed)
Wir vergessen unsere Nächsten nicht (Andreas Bourani) 
Kaufen all die Läden leer (Ina Müller) 
Die ganze Stadt versinkt heut‘ Nacht im Lichtermeer (Jan Delay) 
Und du fliegst nur 6 Stunden weiter: Ärzte, Schmerzen ohne Grenzen (Marteria)
Kleine Jungs im Barcelona-Shirt malen ihre Träume an die Wände (Marteria und Max Herre)
Es gibt so viel Zukunft, so viel Vielfalt (Max Herre) 
In all den 54 Ländern (Cro)
Doch immer nur dieselben Bilder (Cro und Michi Beck) 
Gelbe Schutzanzüge auf all den Sendern (Michi Beck)
Du gehst durch den Dezember (Peter [Sportfreunde Stiller])
Mit einem Lied im Ohr (Steffi [Silbermond])

Do they know it’s Christmas Time at all? (Clemens [Milky Chance])

Wir feiern unsere Feste (Max Raabe)
Doch wir sehen nicht wie sie fallen (Wolfgang Niedecken)
Der Tod kennt keine Feiertage (Udo Lindenberg) 
Und schon ein Kuss kann tödlich sein (Sammy Amara [Broilers] und Anna Loos)
Kein Abschied und keine Umarmung (Peter Maffay)
Jeder stirbt für sich allein (Thees Uhlmann & Joy Denalane)

Do they know it’s Christmas Time at all? (Gentleman)
Do they know it's Christmas Time at all? (Patrice)
Do they know it's Christmas Time (Chor)

Und auf all den Feiern (Clemens [Milky Chance])
Von hier bis nach Monrovia (Jan-Josef Liefers)
Denken wir daran in dieser stillen Nacht (Adel Tawil)

Do they know it's Christmas Time at all? (Campino)
Do they know it's Christmas Time at all? (Inga Humpe [2Raumwohnung])
Do they know it's Christmas Time (Chor)
Heal the world (Chor) 
Heal the world (Donots)
Heal the world (Chor)
Let them know it’s Christmas Time. Heal the world (Gentleman und Patrice)
Let them know it’s Christmas Time (Jennifer Rostock)
Heal The World.

Do we know it's Christmas Time at all.

Heal The World.

Let them know it's Christmas Time again (Chor)

     [Band Aid 30: Do They Know It’s Christmas? (2014). Polydor 2014.]

 

Es ist so weit, der Advent ist wieder da und mit ihm auch die kopfschmerzbereitende Geschenkefrage, die Plätzchenbäckerei und die in Endlosschleife gespielten Weihnachtslieder im Radio. Ja, wir hassen den Hype manchmal, der mittlerweile um die Weihnachtsfeiertage zelebriert wird, aber entziehen können wir uns ihm nicht. Und ganz ehrlich – am Ende lässt sich doch jeder von der hektischen, aber trotz allem besinnlichen Stimmung mitreißen. Denn der Grundgedanke dieses Festes berührt letztendlich jeden von uns. Das hat sich in diesem Jahr auch Bob Geldof zum Ziel gesetzt, den vor einigen Wochen die UNO darum gebeten hat, zum Jubiläum seines Klassikers Do they know it’s christmas? von 1984 eine Neuauflage zugunsten der Ebola-Opfer in Westafrika zu produzieren. Der Sänger ließ sich nicht lange bitten, sondern trommelte im Handumdrehen eine Gruppe stimmgewaltiger Briten (u.a. Ed Sheeran, Sinead O’Connor und Chris Martin) zusammen, die den Song in unveränderter Form neu aufnahmen. Da dieses Projekt, das Band Aid genannt wird, in dieser Art schon des Öfteren organisiert wurde, zuletzt 2004, als das Geld zur Bekämpfung einer Hungersnot im afrikanischen Sudan verwendet wurde, ist es nicht unbedingt eine Überraschung, wenn der Weihnachtshit auch dieses Jahr wieder im Radio rauf und runter gespielt wird. Neue Töne werden diesmal allerdings aus den deutschen Lautsprechern schallen. Zum ersten Mal nämlich gibt es auch eine deutsche Version des Band Aid-Projektes, das von Campino, dem Frontsänger der Punkrockband Die Toten Hosen, auf Anfrage/Bitte/Auftrag von Bob Geldof in die Wege geleitet wurde. Der Rocksänger wurde Anfang November von seinem alten Bekannten angerufen, der ihm, wie Campino im ZEIT-Interview gestand (vgl. „Do they know it’s christmas?“: Heilt die Welt!), keine andere Wahl ließ als zuzusagen, den deutschen Beitrag zu organisieren. Kurz darauf, am 13. November, war Campino in der Lage, sein All-Star-Team vorzustellen, für das er fast die gesamte deutsche Pop-Elite gewinnen konnte. Rund dreißig Musiker haben Do they know it’s christmas? nun neu aufgenommen und jeder von ihnen singt i.d.R. eine Textzeile der Übersetzung, die Campino zusammen mit Thees Uhlmann, Sebastian Wehlings (u.a. Texter von Adel Tawil) und Marteria in mühevoller Kleinarbeit erarbeitete. Das allein sei laut dem Punksänger schon ein „Himmelfahrtskommando“ gewesen, wie er im Morgenmagazin von ARD/ZDF berichtete (vgl. Sendung vom 21.11.2014). Die Musiker hätten sich bemüht, den deutschen Text des Klassikers von all den Flachheiten zu reinigen, die, wie Bob Geldof selbst zugab, im Original steckten. Campino wollte mit seinem Team einen Song schaffen, hinter dem die deutschen Musiker stehen könnten und der frei von den Klischees und Undifferenziertheiten ist, die in der Gegenwart sowieso schon überhandgenommen haben. Natürlich ist der Song immer noch Kitsch – aber dafür Kitsch auf hohem Niveau.

Als Beispiel für eine solche Flachheit des Originals kann die Textzeile „And there won’t be snow in Africa this Christmas Time“ dienen. So hat man sich schließlich für einen komplett neuen Text entschieden, der nicht wie die Originalversion auf Hungersnöte eingeht, sondern spezifisch auf die Ebola-Epidemie verweist: „Gelbe Schutzanzüge auf all den Sendern“. Daher haben Campino und Co. auch den Refrain-Zusatz „Feed the world“ in „Heal the world“ verwandelt (und dabei Michael Jacksons Metapher wörtlich genommen). Manchmal sind Neuerungen einfach unumgänglich. Der Text überzeugt zwar nicht von tiefsinnigen Betrachtungen über das Elend in Afrika und er stellt auch nicht mit erhobenem Zeigefinger Moralvorstellungen in den Mittelpunkt. „Natürlich ist es ein Kitschlied“, meinte selbst Campino dazu. Aber es ist schon eine Leistung, dass der Text nicht in den Ohren weh tut, sondern man sich trotzdem noch an ihm erfreuen kann.

Do they know it’s christmas? wird mit seinem Bezug zur deutschen Alltagssprache zu einer Weihnachtshymne, in der Campino und Co. unter anderem auch deutsche Sprichwörter miteinbezogen haben: „Wir feiern unsere Feste / doch wir sehen nicht wie sie fallen“. Diese Redewendung verwendete in jüngster Vergangenheit schon die Newcomerin Julia Engelmann, die Anfang des Jahres mit ihrem Beitrag One Day/Reckoning Text beim Bielefelder Campus TV Hörsaalslam, einem Poetry-Slam-Wettbewerb, für Furore sorgte: „Lasst uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen, wie sie zu Boden reißen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind“. Man sieht, die junge Slammerin und auch die deutsche Band Aid-Gruppe haben mit der Botschaft, die sie in ihren Werken vertreten, irgendwie den Nerv der Zeit getroffen: Müssen die Deutschen mittlerweile daran erinnert werden, die Feste dann zu feiern, wann sie sind, anstatt sie aufzuschieben, obwohl der übervolle Terminkalender sowieso keinen Platz für sie lässt? Der Text appelliert also nicht nur an unsere Hilfsbereitschaft, sondern auch an unser Unvermögen, unseren Wohlstand so zu genießen, wie es ihm gebührt. Eine recht philosophische Botschaft für solch eine leichte Lektüre, wenn man es sich recht überlegt.

In diesem Sinne ist es wohl auch ein großer Pluspunkt des Projektes, dass sich Musiker aus so vielen unterschiedlichen Genres an der Spendenaktion beteiligen, die dem Song alle individuelle Stimmungen und Schattierungen geben, kurz, die dem Text, so verschieden wie diese Sänger sind, ihren Stempel aufdrücken. Es finden sich hier etablierte Interpreten aus Pop und Rock, aber auch unbekanntere Musiker aus dem Soul wie Joy Denalane oder dem Reggae wie Patrice. Abwechslung bieten insbesondere die Textzeilen der Rapper Marteria und Max Herre, die genau wie Cro und Michi Beck (Fanta 4) die idyllische Stimmung gesanglich wie textlich wieder auf den Boden holen: „Und du fliegst nur sechs Stunden weiter: Ärzte, Schmerzen ohne Grenzen“. Natürlich könnte man sich nun fragen, weshalb Herbert Grönemeyer und Schlagerstars wie Helene Fischer oder Andrea Berg nicht bei dem Projekt mitgewirkt haben. Auch eine deutsche Diskursband wie Tocotronic hätte sich in der bunten Vielfalt an Musikercharakteren sicher gut gemacht. Letztendlich spielt es aber keine Rolle, wer dabei war und wer nicht. Und Campino stellte außerdem ganz schnell klar, dass er „über die reden möchte, die mitgemacht haben und nicht über die, die nicht mitgemacht haben.“ (vgl. „Do they know it’s christmas?“: Heilt die Welt!)

Der Kampf gegen Ebola hat also dazu geführt, dass Musiker wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten (und von denen sich mit Sicherheit einige bei der ECHO-Verleihung lieber aus dem Weg gehen), ein Lied produziert haben, das wider aller Erwartungen sogar richtig gut geworden ist. Der Band Aid Trust entscheidet schließlich, wem die Einnahmen aus dem Verkauf der Singles und Downloads zugespielt werden. Die Entwicklung eines neuen Impfstoffes ist neben der Bekämpfung des akuten Ausbruchs der Krankheit das Hauptanliegen der Bemühungen. Aber trotz des guten Zwecks wurden schon vor Veröffentlichung des Videos des deutschen Band Aid-Beitrags am Freitag, dem 21.11.14, kurz vor den Tagesthemen um 20.00 Uhr, kritische Stimmen laut. „Schlimmer als Ebola“ sei diese Version, die nur eine „neue Eskalationsstufe von Scheiße“ erreichen würde, wertete das Vice-Magazin den Beitrag ab. Harte Worte in Anbetracht der noch härteren Lage in Afrika. Natürlich könnte man die Künstler, die sich daran beteiligten, bezichtigen, dies nur wegen des Imagegewinns zu tun und auch für die Plattenfirmen bietet sich hier ein kostenloses globales Marketingmittel. Der Appell¸ der mit dem Lied aus dem Radio in unsere Ohren transportiert wird, grenze an zwischenmenschlichen Druck, der auf uns aufgebaut werden würde, sodass man gar keine andere Möglichkeit habe, als die Single zu kaufen. Das könnten schon alles wahre Worte sein. Aber muss man bei einem einfachen Popsong, dessen Gewinne lediglich an eine Hilfsorganisation gehen, gleich von modernem Ablasshandel sprechen, der uns wie eine Drohung mit dem Fegefeuer einschüchtert? Nun, diese Ansicht ist mit Sicherheit leicht übertrieben. Campino hält das alles jedenfalls für „beispiellosen Zynismus“. Und wenn man folgende Zeilen auf dem Internetauftritt des Vice-Magazins liest, dann stimmt man ihm auch schon mal zu: „2014 hat soeben offiziell seine Bewerbung für das beschissenste Jahr der Weltgeschichte eingereicht, 1939 kriegt schon kalte Füße.“ (Nicht mal Ebola rechtfertigt die deutsche Version von „Do They Know It’s Christmas“, 18.11.14). Soll man da lachen oder weinen? Man weiß es einfach nicht.

Die Ambivalenz eines solchen Projekts zeigt sich darin, dass zwar ungewiss ist, in welchem Umfang der die Veröffentlichung dieses Songs den Ebola-Opfern hilft, dass er jedoch uns  in jedem Fall hilft, uns in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Denn das ist heutzutage ja auch, um Campino zu zitieren, „ein Himmelfahrtskommando“.

 Marina Willinger, Bamberg