Geradewegs in die Banalität – eine Kurzgeschichte Friedrich Dürrenmatts und ein Schlager von Christian Anders: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ (1972)

Christian Anders

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo
Es fährt ein zug nach Nirgendwo 

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Mit mir allein als Passagier.
Mit jeder Stunde, die vergeht,
Führt er mich weiter weg von dir.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Den es noch gestern gar nicht gab.
Ich hab’ gedacht, du glaubst an mich
Und dass ich dich für immer hab.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Und niemand stellt von grün auf rot das Licht.
Macht es dir wirklich gar nichts aus,
Dass unser Glück mit einem Mal zerbricht?

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Bald bist auch du wie ich allein.
Sag doch ein Wort, sag nur ein Wort
Und es wird alles so wie früher sein.

Oh, Maria, ich hab’ dich lieb,
Ich hab' dich lieb, bitte glaube mir.
Was auch immer mit der anderen war,
Das ist vorbei, ich schwöre es dir.

Oh, Maria, du lässt mich gehen,
Doch eine Träne in deinem Blick,
Eine Träne hab’ ich gesehen,
Will sie mir sagen: Komm doch zurück?

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Die Zeit verrinnt, die Stunden gehen,
Bald bricht ein neuer Tag heran.
Noch ist es für uns nicht zu spät,
Doch wenn die Tür sich schließt, was dann?

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Den es noch gestern gar nicht gab.
Ich hab’ gedacht, du glaubst an mich
Und dass ich dich für immer hab.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Und niemand stellt von grün auf rot das Licht.
Macht es dir wirklich gar nichts aus,
Dass unser Glück mit einem Mal zerbricht?

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Bald bist auch du wie ich allein.
Sag doch ein Wort, sag nur ein Wort
Und es wird alles so wie früher sein.

Oh, Maria, ich hab’ dich lieb,
Ich hab’ dich lieb, bitte glaube mir.
Was auch immer mit der anderen war,
Das ist vorbei, ich schwöre es dir.

Oh, Maria, du lässt mich gehen,
Doch eine Träne in deinem Blick,
Eine Träne hab' ich gesehen,
Will sie mir sagen: Komm doch zurück?

Oh, Maria, du lässt mich gehen,
Doch eine Träne in deinem Blick,
Eine Träne, die hab’ ich gesehen,
Willst du mir sagen: Komm doch zurück

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

     [Christian Anders: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Columbia 1972.]

 

1952 hatte Friedrich Dürrenmatt eine originelle Idee, deren literarische Realisierung vor allem in den siebziger Jahren viele Gymnasiasten beschäftigte. Sie mussten im Deutschunterricht die auf den ersten Blick absurd wirkende Kurzerzählung Der Tunnel lesen: Ein vierundzwanzigjähriger Student nimmt nach einem Wochenende bei seinen Eltern den gewohnten Zug, um an seinen Studienort zurückzukehren. Er bemerkt, dass der Zug ungewöhnlich lange durch einen Tunnel fährt. Auf der Suche nach der Ursache muss er feststellen, dass die Lokomotive führerlos ist, an Geschwindigkeit stetig zulegt und ein Ende des Tunnels nicht in Sicht ist. Der Zug lässt sich nicht anhalten, zudem deutet seine Neigung darauf hin, dass er abwärts fährt. Damit endet die Story, offen, wie es sich für eine Kurzgeschichte gehört, und bietet so eine beinahe übergroße Projektionsfläche für unterschiedliche Deutungen, von theologisch akzentuierten mit der Frage nach Gott oder nach dem Sinn des Lebens bis hin zur Problematik des modernen Menschen, der durch neue technische Errungenschaften und den damit verbundenen Wandel der Verhältnisse aus seiner Alltagssicherheit gerissen wird.

Vermutlich inspirierte Dürrenmatts Zug, der dem endlosen Tunnel nicht entrinnt und trotz seiner Gleise kein Ziel mehr ansteuert, 20 Jahre später, 1972, Christian Anders zu seinem bis heute bekanntesten Hitparaden-Schlager: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Der damals siebenundzwanzigjährige Sänger schrieb seine Lieder selbst, darüber hinaus verfasste er Gedichte, Romane und Krimis. Es ist unbekannt, woher er Dürrenmatts Geschichte kannte, das Gymnasium jedenfalls hatte der gebürtige Österreicher, dessen bürgerlicher Name Antonio Augusto Schinzel-Tenicolo lautet, nicht besucht; doch das Motiv ist derart speziell und eigen, dass vieles für eine Anregung durch Dürrenmatts Erzählung spricht, selbst wenn Anders die Protagonisten sozusagen tauscht, den Akzent nicht auf den Tunnel, sondern den Zug legt. Aber auch wenn es sich nur um eine zufällige Analogie handeln sollte, lohnt sich ein Blick auf Anders’ Text.

Der Schlagerstar imaginiert in melancholisch-weinerlichen Strophen eine Zugfahrt, die – wie schon der Titel verrät – ins Nirgendwo führt. Er denkt diese Vorlage nicht weiter. Auch er weiß keine Lösung und bietet kein Ende. Dafür benennt er aber den Ursprung der schauerlichen Fahrt, das Ende einer Beziehung. Während Dürrenmatts Student langsam und fast unmerklich in eine grotesk-entsetzliche Situation gleitet, wird bei Anders nach einigen Strophen deutlich, dass die Reise eigentlich noch gar nicht begonnen hat. Das Sprecher-Ich befindet sich noch nicht in dem Zug befindet, ja dass der Zug, „den es noch gestern gar nicht gab“, nicht einmal real ist. Das Sprecher-Ich greift auf das Dürrenmattsche Horrorszenario zurück, um seine ehemalige Freundin umzustimmen. Der Zug wird zur Metapher für den Trennungsschmerz, den sie ihm zugefügt hat.

Dabei hat das Sprecher-Ich sein Elend selbst heraufbeschworen. In der fünften Strophe wird klar, dass es fremdgegangen war und sich hat erwischen lassen, weshalb ihm die Freundin die Koffer vor die Türe bzw. an den Zug gestellt hat. Nun wird es, sollte sie nicht willens sein, sich seiner zu erbarmen, in den Zug steigen und als einziger Passagier ins Nirgendwo rauschen. In dieser konkreten Situation jammert Sprecher-Ich an seine Ex-Freundin hin, lamentiert in dünner tenoraler Lage; je mehr die Stimme sich dem Falsett nähert, desto weinerlicher und eindringlicher wird sie. Es fleht die ehemalige Geliebte an, mit „nur einem Wort“ die Trennung zurückzunehmen und so das scheinbar Unvermeidliche noch abzuwenden. Denn „wenn die Tür sich schließt, was dann?“ Dann wäre der Zug ebensowenig noch zu stoppen wie der Dürrenmatts: „Niemand stellt von grün auf rot das Licht“.

Eventuell steckt hinter der Eisenbahnmetapher auch ein Hinweis auf die Unreife der Sprecherinstanz. Sie zeigt keinerlei Einsicht in die eigene Verantwortung und denkt in naiver Weise, alles würde gut, wenn Maria auch nur „ein Wort“ sagen würde. Die absolute Egozentrik der Perspektive lässt auf eine gewisse Infantilität des Sprechers schließen: Er hat das Kinderzimmer noch nicht verlassen und spielt wahrscheinlich besser mit Eisenbahnen als mit Frauen. Offenbar hat dieser Mensch keinen Lebensplan, war schon immer nach Nirgendwo unterwegs und verkennt das tragisch-komisch – eine Eigenart, die ihn möglicherweise mit seinem Schöpfer Christian Anders verbindet. Der konnte nach dem sensationellen Erfolg seines Songs seinen „Zug“ gegen – Tatsache! – einen vergoldeten Rolls Royce eintauschen. Der allerdings fuhr auch „nach Nirgendwo“, oder besser: abwärts. In die Tiefen millionenfacher Überschuldung, in ein Guru-Dasein, in dem er Verschwörungstheorien und esoterische Gelehrsamkeit, die nicht ohne Beleidigungen und Antisemitismen auskamen, generierte. Wer da mehr wissen will: Schon ein Blick in den Wikipedia-Artikel lohnt sich!

Karoline Hillesheim, Augsburg