Warum der Regenbogen ins Stadion gehört. Zu „Der Tag wird kommen“ von Marcus Wiebusch

Marcus Wiebusch

Der Tag wird kommen

Und der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben
Durch die Decke schweben, mit 'nem Toast den hochleben lassen
Auf den ersten, der's packt, den Mutigsten von allen
Der erste, der's schafft
Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern
Jeder liebt den, den er will, und der Rest bleibt still
Ein Tag, als hätte man gewonnen
Dieser Tag wird kommen

Dieser Tag wird kommen, jeder Fortschritt wurde immer erkämpft
Ganz egal, wie lang' es dauert, was der Bauer nicht kennt
nicht weiß, wird immer erstmal abgelehnt
Und auf den Barrikaden die Gedanken und Ideen,
dass das Nötige möglich ist, wie Freiheit und Gleichheit,
Dass nichts wirklich unmöglich und in Stein gemeißelt ist
Bis einer vortritt „Schluss jetzt mit Feigheit“
Geschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit
Wir den aufrechten Gang haben, nicht mehr in Höhlen wohnen
Nicht mehr die Keulen schwingen, Leute umbringen
Nicht umherstreifen in kleinen Herden
Weil Menschen nicht ewig homophobe Vollidioten bleiben werden

Und der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben [...]

A-Jugend Leistungsklasse Wilhelmsburg-Süd
Ein verschworener Haufen und einer machte den Unterschied
Mit so viel mehr Talent und mit mehr Willen als alle
"Oh, das wird mal ein Profi", stolz wussten wir das alle
U17, U19, Hamburger Auswahl
Bei fast jedem Heimspiel mehrere Scouts da
Nur 'ne Frage der Zeit, bis das Angebot kam
1. Liga, drei Jahre und ein Traum wurde wahr
Und am Abend des Deals, als wir es krachen lassen wollten
Er sich uns anvertraute und sich nichts ändern sollte
Denn die einen ahnten es, den anderen war es längst klar
Manche wussten es schon, es war uns allen egal
Es war uns vollkommen egal ob er straight oder schwul war
Wir spielten zusammen seit der F-Jugend Fußball
Eine Gang, ein Team, ein "You'll never walk alone"
So wurde es beigebracht, so wird es jetzt gemacht, mein Sohn
Dann besoffene Tränen und die große Erleichterung
Oh, dieser Tag kommt aus genau dem gleichen Grund
Weil wir Menschen nicht danach bewerten, wen sie lieben
Ihr Sex ihre Sache ist und sie es nicht verdienen
Von den Dümmsten der Dummen beurteilt zu werden
Von den Dümmsten der Dummen beurteilt zu werden
Um von ihnen dann verurteilt zu werden

Und er nahm seinen Traum, zog in die fremde Stadt
Und wir behielten sein Geheimnis, blieben zurück und in Kontakt

Und der Tag wird kommen, an dem wir alle unsere Gläser heben [...]

Nicht den Anschein erwecken in der großen Maskerade
Agenturen stellen die Freundin und besorgen die Fassade
Die gestellten Urlaubsfotos und den öffentlichen Auftritt
Warten, bis die ganze Scheiße auffliegt
Nicht den Anschein erwecken, auf dem Feld härter spielen
Zehn gelbe, zwei rote Karten und die auch verdienen

"Du kennst mich, ich war nie ein unfairer Spieler
Und jetzt gelt' ich als Treter der Liga
Du weißt nicht, wie das ist, wenn man immer eine Maske trägt
Immer aufpassen muss, wer man ist, wie man lebt
Permanent, eigentlich die ganze Zeit Angst
Und du spielst in dem Mist dann so gut wie du kannst
Und der sehnliche Wunsch und die Frage, wie es wäre
Hier ein anderer zu sein, jetzt mit dieser Karriere
Wenn ich es ändern könnte, dieses traurige Leben
Für mein Fühlen nie entschieden und so ist es eben“

"Wir waren zusammen in Stadien, vor ca. 20 Jahren
Als sie farbige Spieler mit Bananen beworfen haben
Dann die Affenlaute, bei jeder Ballberührung
Diese Zeiten vorbei und keine glückliche Fügung
Sondern Fortschritt, Veränderung, wir sind auf dem Weg
Außenminister, Popstars, Rugby-Spieler zeigen, dass es geht
Früher undenkbar, heute normal, ich wette 90% ist es egal
Und dann erinner' dich an die Erleichterung als es raus war
Wie dein Herz zersprang, als die Wörter rauskamen
Die finden das zwei Wochen spannend und der Spuk ist verschwunden
Und du hättest deinen Frieden gefunden"

„Kein Verein will den Rummel, kein Team den Alarm
Und der Vertrag, den ich hab', geht so schnell wie er kam
Dass kann keiner absehen, wenn der Sturm losbricht
Und der Sturm wird kommen, ob man will oder nicht
Du bist dann der Erste, der Homo, der Freak
Es gibt dann keinen, der in dir nur noch den Fußballer sieht
Aber ja, es wird besser und der Tag ist in Sicht
Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht"

„Es ist deine Entscheidung, ganz egal wer was sagt“
Beim Abschied geflüstert „With hope in your heart“
Noch Einigkeit erzielt, dass der Tag kommen wird
Und das nächste Heimspiel wohl gewonnen wird
Auf dem Nachhauseweg, dieser eine Gedanke
Und fasst schon ein Lächeln
All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater
All ihr Forums-Vollschreiber, all ihr Schreibtischtäter
All ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen
All ihr Bibel-Zitierer mit euer'm Hass im Herzen
All ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner
All ihr harten Herdentiere, all ihr echten Männer
Kommt zusammen und bildet eine Front
Und dann seht zu was kommt

Und der Tag wird kommen an dem wir alle unsere Gläser heben [...]

Dieser Tag wird kommen
Dieser Tag wird kommen

     [Marcus Wiebusch: Konfetti. ‎Grand Hotel Van Cleef 2014.]

Für die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen die englische werden in den professionellen Kommentaren verschiedene Ursachen diskutiert: die zu lange Amtszeit des Trainers, eine zu defensive Taktik, zu späte Einwechslungen; in den Leserkommentaren darunter erfreute sich eine weitere Erklärung großer Beliebtheit: Es war die Regenbogenarmbinde Manuel Neuers! Diese These mutet nicht nur deshalb seltsam an, weil der englische Kapitän Harry Kane ebenfalls eine solche trug; sie impliziert außerdem, dass Fußballer sich nicht mit Unwichtigem (Menschenrechte) vom Wichtigen (Fußball) ablenken lassen sollten.

Doch dass diejenigen, die im Stadion Regenbogenfarben tragen, auf dem Platz oder auf den Rängen, die Politik in den Fußball brächten, ist falsch. Denn sie war schon vorher dort, getarnt als angeblich „normale“ Fankultur. Wenn in politischen Debatten von Normalität geredet wird, wird damit die eigene Position für sakrosankt erklärt und wird alles vom „gesunden Empfinden“ Abweichende als abnormal denunziert. Indem so politische Gegenpositionen zu sittlichen Defiziten erklärt werden, wird nicht nur der politische Gegner auch menschlich abgewertet, sondern zugleich auch die eigene Haltung aus dem Bereich des Politischen und damit Verhandelbaren herausgenommen. Zu beobachten ist dieses Muster etwa auch bei vielen „unpolitischen“ Skinhead-Bands, die darauf insistieren, dass etwa die Ablehnung von Migranten oder die ausgestellte Abscheu vor Homosexuellen unpolitisch seien, gleichsam ein natürlicher Reflex; politisch und damit die Szene spaltend seien hingegen diejenigen, die dies als Rassismus und Homophobie kritisierten.

Ganz ähnlich verläuft die Argumentation bei manchen Fußballfans. Nicht diejenigen, die dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten beleidigen oder Spieler der gegnerischen Mannschaft, um sie herabzuwürdigen, als schwul bezeichnen, sind politisch, sondern diejenigen, die dagegen protestieren. Politik ist aber bereits mit jedem Affenlaut, jedem „XY ist homosexuell, homosexuell, homosexuell“-Sprechchor, mit jedem Absingen des U-Bahn-Lieds („Eine U-Bahn, eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir, von [Heimatstadt der Gegenmannschaft] bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir!“) im Stadion. Es geht denjenigen, die im Namen der Einheit der Fangemeinschaft gegen antirassistische und antihomophobe Faninitiativen angehen, keineswegs um den Erhalt eines politikfreien Raums, sondern um die Aufrechterhaltung ihrer eigenen politischen Lufthoheit.

Nun könnte man als Gegenstrategie dafür plädieren, entsprechendes Verhalten einfach zu ignorieren in der Hoffnung, die Provokationen würden damit ihren Reiz verlieren. Jedoch hat „Ignorier sie einfach“ schon auf dem Schulhof meistens nicht funktioniert. Und außerdem geht es denjenigen, die Rassismus und Homosexuellenfeindlichkeit als normale Teile einer rauen, „männlichen“ Fankultur begriffen wissen wollen, ja nicht primär um Provokation, sondern um die Etablierung bzw. demonstrative Aufrechterhaltung ihrer Auffassung von Normalität, weshalb der ausbleibende Widerspruch als stumme Zustimmung verstanden werden dürfte – auch z.B. von Jugendlichen, die in die Fanszenen hineinwachsen und sich an den Älteren orientieren. Doch auch über diesen immer noch recht überschaubaren Personenkreis hinaus hat die Frage, wie man mit zur Schau gestelltem Rassismus und Homosexuellenfeindlichkeit in Fußballstadien umgeht, Bedeutung, wird Fußball, zumal der von Nationalmannschaften, doch oft in Bezug zur Gesellschaft gesetzt: Man denke nur an die „deutschen Tugenden“ früher Nationalmannschaftsjahrgänge oder die Interpretation späterer, ethnisch vielfältiger Nationalmannschaften als Vorbilder gelungener Integration – worin vermutlich der Hauptgrund dafür zu sehen ist, dass gerade sich so bezeichnende „Patrioten“ in Kommentarspalten der deutschen Nationalmannschaft mit solchem Ingrimm begegnen.

Zu all diesen mittelbaren Folgen kommt hinzu, dass Homophobie in Fußballstadien ganz unmittelbar diejenigen trifft, wegen derer man in ein Fußballstadion geht: die Spieler, speziell wenn sie, was statistisch gesehen in jedem Spiel auf einen Spieler zutreffen müsste, nicht heterosexuell sind. Und davon handelt das Lied von Marcus Wiebusch, der sich schon mit …but alive, Rantanplan und Kettcar immer auch an politischen Debatten beteiligt hat.

Das Lied setzt ein mit dem Refrain, in dem antizipiert wird, dass es eines nicht mehr allzu fernen Tages Anlass zum Feiern geben wird – das erste Outing eines aktiven und erfolgreichen Profifußballers in der jüngeren Vergangenheit (Justin Fashanu unternahm diesen Schritt, nachdem seine Karriere de facto beendet und seine Homosexualität bereits gegen seinen Willen bekannt gemacht worden war). Dieses Ereignis wird vom Sprecher-Ich mit großer Bedeutung aufgeladen: „Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern / Jeder liebt den, den er will, und der Rest bleibt still / Ein Tag, als hätte man gewonnen“ – es geht hier also um nicht weniger als um den Triumph liberaler humanistischer Werte. Das Wir, das diesen Moment zumindest kurz als Sieg empfindet – im Irrealis „als hätte man gewonnen“ klingt bereits die Skespis über dessen Dauerhaftigkeit an – kann als die Fußballclique, von der in den nachfolgenden Strophen die Rede ist, verstanden werden, aber auch als Gemeinschaft derjenigen, die diese Werte teilen – so können sich auch Rezipierende des Lieds mitgemeint fühlen bzw. laut oder leise mitsingend zum Teil dieses Wir werden.

Die folgende erste Strophe steht noch ganz in der Tradition des politischen Lieds, das mit Argumenten überzeugen und mit Pathos mitreißen will: Der Kampf um die Akzeptanz von Homosexualität (auch) im Fußball wird in die Reihe großer sozialer Bewegungen (im Video konkretisiert bezogen u.a. auf Sufragetten und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung), ja sogar der Menschheitsentwicklung seit der Steinzeit, gestellt.

Die zweite Strophe wechselt ins Narrative: Erzählt wird die alte Geschichte von den elf Freunden – mit der neuen Wendung, dass das tradierte Ethos der verschworenen Gemeinschaft angewendet wird auf die Frage nach der sexuellen Präferenz („So wurde es beigebracht, so wird es jetzt gemacht, mein Sohn“): Das Outing des begabtesten Spielers, der eine Profikarriere vor sich hat, verläuft bestmöglich, nämlich unspektakulär: „Es war uns vollkommen egal ob er straight oder schwul war“. Er hat ein unterstützendes Umfeld – bessere Voraussetzungen also als viele.

Dennoch wagt er das öffentliche Outing als Profi nicht und beginnt ein professionell inszeniertes Scheinleben mit einer angeblichen Freundin; das Doppelleben hat nicht nur negative psychische Folgen für ihn, sondern wirkt sich auch auf sein Spiel aus, insofern er versucht, besonders mann-männlich aufzutreten und mehr foult, als er es bisher getan hat – was wiederum sein öffentliches Bild negativ beeinflusst.

Über diese Situation spricht er mit einem oder mehreren seiner alten Freunde. Sein Gegenüber versucht ihn unter Verweis auf die Erfolge im Kampf gegen offenen Rassismus in Fußballstadien sowie mit weiteren Argumenten zu ermuntern, sich zu outen. Damit steuert die Geschichte auf ihren Höhepunkt zu – man erwartet, dass der Protagonist der im Refrain besungene erste offen homosexuelle Fußballprofi wird, dass es eine „Gemeinsam sind wir stark“-Geschichte mit Happy End wird. Stattdessen bekräftigt er zwar, dass die allgemeine Situation bald das Outing eines Fußballprofis zulassen werde, konstatiert aber angesichts der immer noch erwartbaren Belastung durch die mediale Aufmerksamkeit, dass er selbst diesen Schritt nicht gehen wird. Sein zugleich hoffnungsvolles und resigniertes „Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht“, hervorgehoben durch das vorübergehende Aussetzen der instrumentellen Begleitung, bildet den emotionalen Höhepunkt des Lieds – aber noch nicht den Endpunkt der erzählten Geschichte.

Denn das Lied endet nicht mit dem Eingeständnis, dass die eigene Kraft nicht ausreicht, diesen Kampf für alle Nachfolgenden, die es ungleich leichter haben werden, zu führen, sondern mit der Reaktion des solidarischen Gegenübers: Dieses nimmt den homosexuellen Profi nicht in die Pflicht, sich für die gemeinsame politische Sache zu opfern, sondern praktiziert stattdessen die zutiefst humane Haltung, die überhaupt erst die Grundlage dafür ist, als Heterosexuelller für die Akzeptanz Homosexueller zu kämpfen: Er stellt das Individuum und dessen Recht auf persönliches Glück über die politische Agenda. Und wenn es seinem Freund zum Schluss mit „With hope in your heart“ einen Vers aus You’ll never walk alone zuflüstert, so nimmt das nicht nur das Pathos der verschworenen Gemeinschaft, in deren Kontext das Lied in der zweiten Strophe zitiert wurde, auf, evoziert nicht nur Szenen von singenden Fans in Anfield und anderswo, sondern ruft auch eine intertextuelle Folie auf: You’ll never walk alone, in der Coverversion von Gary & the Pacemakers zur Stadionhymne des FC Liverpool geworden, wurde für das 1945 uraufgeführte Musical Carousel (von Benjamin Glazer, Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II nach einen Stück von Ferenc Molnár) geschrieben, worin es einer armen jungen schwangeren Frau, die ihren kriminellen Mann durch Suizid verloren hat, Mut machen soll. Zwar sind verschiedene Diskriminierungen nicht in eins zu setzen, aber die Situation einer alleinerziehenden Mutter mit dieser Vorgeschichte in den 1940er Jahren dürfte ebenfalls keine erfreuliche Perspektive gewesen sein. In der Parallelisierung dieses Schicksals mit dem des homosexuellen Profis wird zugleich die eingangs allgemein geschilderte mögliche progressive Entwicklung von gesellschaftlichen Verhältnissen aufgenommen: Wie heute der Status als Alleinerziehende gemeinhin nicht mehr als Makel angesehen wird, so steht zu hoffen, dass dies bald auch für Homosexuelle (im Fußball und anderswo) gelten wird. So werden die Themen Fußballfankultur und gesellschaftlicher Fortschritt mit diesem Liedzitat noch einmal zusammengeführt.

Nicht zuletzt kann der Bezug zu You’ll never walk alone auch autoreflexiv auf die mögliche Funktion von Liedern als Ermutigung gelesen werden, als Bestätigung nicht allein zu sein. Und genau darauf zielte ja auch die Regenbogenarmbinde. Und sollte Manuel Neuers und Harry Kanes Geste auch nur einem einzigen homosexuellen Jugendlichen, der die Übertragung des Spiels gesehen hat, dieses Gefühl gegeben haben und ihn dadurch möglicherweise vom Suizid (das Suizidrisiko für homosexuelle Jugendliche liegt ca. vier mal höher als für gleichaltrige Heterosexuelle) abgehalten haben, so wäre das allemal die Niederlage gegen England wert gewesen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

What is the answer? Zum Protest- und Lovesong „Sie war, sie ist, sie bleibt“ von …But Alive

…But Alive

Sie war, sie ist, sie bleibt

Ein Hool schreibt ein wirklich schönes Gedicht,
irgendjemand tritt ihm dafür ins Gesicht.
In den S-Bahnen fährt hier längst schon der Tod,
und die Bürgersteige verfärben sich rot.
In der Kneipe gegenüber hat man aufgehört zu fragen,
zuhause werden nur noch die Kinder geschlagen.
Einer Krawatte wird einmal mehr geglaubt,
in der Vorstadt ein effektives Ghetto gebaut.

Sie war, sie ist, sie bleibt.
Tut mir leid.

Und ‚Clockwork Orange‘ 10x gesehen
und wirklich versucht, ihn ganz zu verstehen.
Und ein Hippie sabbelt mich mit Weltfrieden voll,
weiß nicht was ich ‘93 davon halten soll.
Es wird immer härter je mehr wir verfallen,
wenn sich vor Wasserwerfern Hunderte von Fäuste ballen.
Manchmal kommt sie laut, viel öfter ist sie still,
ich kenne keinen der freiwillig am Fließband sein will.

Sie war, sie ist, sie bleibt.
Tut mir leid.

Ich seh in diese Augen die Zeit steht still,
weiß nur daß ich nirgendwo anders sein will.
Irgendetwas explodiert in mir,
so fern von jedem Hass, fern von jeder Gier.
Vielleicht hatte John Lennon doch irgendwo recht,
wenn es so wäre, es wäre wirklich nicht schlecht.
Dieses kleine Licht gib gut drauf acht,
wenn der kalte Sturm wieder auf dich niederkracht.

Sie war, sie ist, sie bleibt.
Du hast die Wahl.

     […But Alive. Für uns nicht. Weird System 1993.]

Schon der erste Vers von Sie war, sie ist, sie bleibt irritiert in zweifacher Hinsicht: Zum einen ist das Verfassen von Gedichten nicht die erste Hooligan-Tätigkeit, die einem in den Sinn kommt, steht das gängige Bild des Lyrikers als besonders feinfühligem Menschen doch der Bereitschaft zu exzessiver körperlicher Gewalt entgegen. Zum anderen erscheint die Rede von einem „wirklich schöne[n] Gedicht“ verwunderlich angesichts der Tatsache, dass es sich bei …But Alive um eine Hamburger Politpunkband handelte, denn im Punkdiskurs stellt eine solche Formulierung eigentlich eine contradictio in adjecto dar, verkörpert das, zumal ‚schöne‘, Gedicht, mit dem als Gattung ungeachtet seiner vielfältigen konkreten Ausgestaltung in der Literaturgeschichte prototypisch Innerlichkeit, Mehrdeutigkeit, Metaphorik, eine elaborierte, ungewöhnliche Ausdrucksweise und kunstvolle Gestaltung verbunden werden, doch genau das Gegenteil des gesellschaftskritischen, um Eindeutigkeit bemühten, sich der Umgangssprache bedienenden und jeden Kunstcharakter ablehnenden Politpunktextes. Hinzu kommt, dass das Gedicht literarisch den Inbegriff der ‚Hochkultur‘ darstellt als eine Textsorte, deren ‚Bedeutung‘ sich nicht jedem erschließt, sondern nur dem gebildeten, mit kulturellem Wissen und bestimmten hermeneutischen Techniken vertrauten Leser.

Mit Clockwork Orange wird zu Beginn der zweiten Strophe auf die hochgradig ästhetisierte Literaturverfilmung des Romans von Anthony Burgess durch Stanley Kubrick Bezug genommen. Im Kontext von Punk interessant erscheint an diesem Verweis, dass die Mitglieder der britischen Punkband The Adicts sich in ihren Outfits auf die Droogs aus Kubricks Film bezogen, viele andere Bands, insbesondere der Skinheadszene, den Film zitieren und der kommerziell erfolgreichen deutschen Punkband Die Toten Hosen mit der Single Hier kommt Alex und dem Album Ein kleines bisschen Horrorschau, die aus einer dramatischen Umsetzung des Stoffs am Bonner Schauspielhaus hervorgegangen waren, 1988 der Durchbruch gelang. Deren Texte interpretieren die Hauptfigur Alex, die u.a. extrem gewalttätig gegen wahllos ausgewählte Opfer vorgeht, als Rebellen. Wenn nun das Sprecher-Ich in Sie war, sie ist, sie bleibt mitteilt, den Film im Bemühen, „ihn ganz zu verstehen“, zehn Mal gesehen zu haben, so demonstriert es damit einen anderen Umgang damit: Es bezieht ihn nicht auf seine eigenen Lebensumstände, identifiziert sich nicht mit den Protagonisten, sondern versucht, sich dem Film als Kunstwerk in der Rolle des Interpreten zu nähern. Wie schon in der positiven Bezugnahme auf die Gattung Gedicht wird hier dem Identifikation ermöglichenden und in seiner Aussage zugespitzten Politsongtext eine Form von Literatur entgegengesetzt, die dem Rezipienten eine eingehende Beschäftigung abverlangt.

Dieser nähert sich der Text selbst insofern an, als zwar in den Strophen, wie in Politsongtexten üblich, konkrete Missstände geschildert werden, im folgenden Refrain daraus aber keine Forderung bzw. die Aufforderung zu einer Handlung abgeleitet wird, sondern anstelle einer solchen Zuspitzung eine Bedeutungsöffnung erfolgt. Denn der Refrain ist maximal unbestimmt gehalten: Jedes Substantiv mit weiblichem Genus kann für „sie“ eingesetzt werden. Und daraus, dass „sie“ dem Sprecher-Ich zufolge war, ist und bleibt, kann auch keine Konkretisierung abgeleitet werden. Der Leser ist also, will er den Text ‚verstehen‘, darauf angewiesen, sich aus dem Inhalt der dem Refrain jeweils vorangehenden Strophe zu erschließen, wie „sie“ konkretisiert werden könnte, wobei im siebenten Vers der zweiten Strophe auch von „sie“ die Rede ist, jedoch ebenfalls relativ vage: „Manchmal kommt sie laut, viel öfter ist sie still“. Wie auch immer der Rezipient dieses hermeneutische Problem – in einer Amazon-Kundenrezension heißt es „…But Alive ist fast die einzige deutsche Punkband, die sinnvolle Texte schreibt. Und schon ‚Sie war sie ist sie bleibt‘ muss man erstmal verstehen…“ (amazon.de)  – löst, er muss dies auf dem Wege einer Auseinandersetzung mit dem Text bzw. mit den darin geschilderten Zuständen tun. Textanalyse wird so in den ersten beiden Strophen zur Gesellschaftsanalyse. Der Rezipient sieht sich mit der Frage konfrontiert, unter welchen Begriff sich die verschiedenen geschilderten Zustände subsumieren lassen. Er wird so dazu gebracht, Zustände, zwischen denen er unter Umständen spontan keine Verbindung hergestellt hätte, als verschiedenen Ausformungen ein und desselben Phänomens oder als verschiedene Resultate ein und derselben Ursache zu sehen. Er wird also genau an der Stelle, an der im klassischen politischen Rocksongtext die Zuspitzung zur Parole erfolgt, im Refrain, also an dem Punkt, an dem ihm der Kritik aus einem anderen …But Alive-Song, Wir vs. verbitterte Empörung (Korrekt II), zufolge das Denken abgenommen wird, eben dazu gezwungen.

Dafür, dass eine solche Auseinandersetzung mit dem Text auch tatsächlich vielfach stattgefunden hat, spricht, dass die Frage danach, wofür „sie“ steht, auf der Homepage des Bandlabels B.A. Records unter Frequently asked Questions beantwortet wird:

Was ist mit „Sie“ gemeint in „Sie war, sie ist, sie bleibt“?
Unser bestgehütetes Geheimnis wird – hier und jetzt – preisgegeben: In den ersten beiden Strophen ist die Gewalt gemeint und in der dritten Strophe die Liebe. Kein Witz jetzt. Du hast die Wahl. (http://www.ba-records.de/label/faq.html)

In dieser seitens der Band vorgeschlagenen Lesart propagiert das Lied einen weiten Gewaltbegriff, der neben individueller („In den S-Bahnen fährt hier längst schon der Tod, / und die Bürgersteige verfärben sich rot“) und institutioneller („wenn sich vor Wasserwerfern Hunderte von Fäusten ballen“) auch familiäre („zuhause werden nur noch die Kinder geschlagen“) und v.a. strukturelle Gewalt („in der Vorstadt ein effektives Ghetto gebaut“, „Manchmal kommt sie laut, viel öfter ist sie still, / ich kenne keinen, der freiwillig am Fließband sein will“) einschließt. Mit dem Wechsel des besungenen Gegenstands in der dritten Strophe eröffnet sie zudem das Spannungsfeld Liebe/Sexualität und Politik, wobei der Text einen mittelbaren Zusammenhang zwischen diesen beiden Polen herstellt: Die Liebeserfahrung wird als emotional ausgleichender Gegenpol zur unvermeidlichen Gewalterfahrung gesehen. Das letzte „Du hast die Wahl“ könnte dahingehend verstanden werden, dass eine Wahl zwischen Gewalt und Liebe getroffen werden könne oder gar müsse. Diese Position ermöglicht bezogen auf die Bedeutung der Liebe eine Annäherung an John Lennon als eine der Ikonen der Hippiebewegung, obwohl deren politische Haltung als naiv abgelehnt wird: „Und ein Hippie sabbelt mich mit Weltfrieden voll, / weiß nicht, was ich ‘93 davon halten soll.“ Indem nicht nur in Erwägung gezogen wird, dass „Love ist the answer“ (Mind Games) tatsächlich zutreffen könnte, sondern diese Möglichkeit sogar begrüßt wird, deutet sich in Sie war, sie ist, sie bleibt vom …But Alive-Debutalbum bereits die Abkehr vom Politpunk an, die der Sänger und Texter Marcus Wiebusch nach drei weiteren Alben mit dieser Band und zweien mit Rantanplan mit der Gründung von Kettcar vollzog.

Martin Rehfeldt, Bamberg