Das Lied der Weißen Rose – „Schließ Aug und Ohr“ von Friedrich Gundolf

Version von Die Grenzgänger (enthalten auf: und weil der Mensch ein Mensch ist, 2015)

Friedrich Gundolf

Schließ Aug und Ohr

Schließ Aug und Ohr für eine Weil
vor dem Getös der Zeit.
Du heilst es nicht und hast kein Heil
als wo dein Herz sich weiht.

Dein Amt ist hüten, harren, sehen
im Tag die Ewigkeit.
So bist du schon im Weltgeschehen
befangen und befreit.

Die Stunde kommt da man dich braucht,
dann sei du ganz bereit.
Und in das Feuer das verraucht,
wirf dich als letztes Scheit.

     [Fassung des Erstdrucks in: Jugendland. Jungenblätter des Bundes
     deutscher Ringpfadfinder 1931.]

Das Lied hörte ich kurz vor Weihnachten von einigen Pfadfinderinnen, die es nachts in einem Gemeindehaus sangen, leise, damit im Gemeindesaal schlafende Transit-Flüchtlinge nicht wach werden sollten.

Entstehung

Friedrich Gundolf (1880–1931) schrieb das Gedicht noch während seiner schweren Krankheit bald vor seinem Tod. Gundolf (eigentlich Gundelfinger) war Dichter und Professor der Germanistik, über sein Fachgebiet hinaus bekannt vor allem durch seine Übersetzungen (u.a. mit Stefan George Shakespeare in deutscher Sprache, 10 Bände) und zahlreichen Abhandlungen zur deutschen Literatur. Er war Mitglied im Kreis um Stefan George (1868–1912), dem auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg angehörte. Über Veröffentlichungen und Vorträge prägte der George-Kreis Teile der Jugendbewegung in politischer und kultureller Hinsicht. Schließ Aug und Ohr ist entstanden unter dem Einfluss des Symbolisten und Neuromantikers Stefan George, mit dem Gundolf zeitweise eng befreundet war.

Erstmalig im Druck erschienen ist das Lied Anfang 1931 in der Zeitschrift Jugendland. Jungenblätter des Bundes deutscher Ringpfadfinder, in der auch 1923 Hohe Tannen weisen die Sterne erstmalig gedruckt wurde. In bündischen und später auch in katholischen Kreisen wurde Schließ Aug und Ohr als Lied populär, nachdem es der der Jugendbewegung nahestehende Verlag Günther Wolff, Plauen, 1933 im Heft Lieder der Süd-Legion herausbrachte. Die Melodie „musikalischer Nähe zum russischen Liedgut“ (www.museenkoeln.de) ist im Tahoe-Ring entstanden, der, nachdem er aus der Ringgemeinschaft Deutscher Pfadfinder 1932 ausgetreten war, zum vor allem in Berlin aktiven Jungenbund Südlegion wurde. Ein Grund, weshalb in manchen nach 1945 erschienenen Liederbüchern als Urheber der Melodie mal Tahoe-Ring, mal Südlegion, mal beide Gruppierungen genannt werden. Die ebenfalls vorzufindende Nennung Alfred Zschiesches (1908–1992, Komponist einiger 100 Lieder der Jugendbewegung, u.a. Wenn die bunten Fahnen wehen) ist darauf zurückzuführen, dass Zschiesche eine eigene Melodie komponiert hat. Leicht variierende Weisen stammen von Karl Marx (1952) und Paul Becker (1951). Die oben verlinkte Version der Gruppe Die Grenzgänger hat mir am besten gefallen.

Rezeption 1933 bis 1945

Welche Auflage die Lieder der Süd-Legion hatte, ist mir nicht bekannt. Die Südlegion löste sich bereits 1934 offiziell auf, um der Eingliederung in die Hitler-Jugend zu entgehen. Heimlich und auf Auslandsfahrten wurde Schließ Aug und Ohr weiterhin gesungen. Handschriftliche Fassungen wurden im Geheimen weitergereicht, so z.B. bei der „Deutschen Jungenschaft“ in der Illegalität (1934-1945; erstes Verbot der bündischen Jugend 1934; neugefasste Verordnung 1938), die das Lied der Inneren Emigration für sich als Hymne gewählt hatte.

Verbot der Bündischen Jugend

Schließ Aug und Ohr

Handschriftlicher Auszug aus dem zwischen 1936 und 1941 entstandenen Liederbuch eines Kölner Pfadfinders (www.museenkoeln.de)

Auffällig ist, dass das Lied bis etwa 1939 in keinem weiteren gedruckten Liederbuch auftaucht – weder in bündischen noch konfessionellen oder anderen Liederbüchern. Während der Nazizeit galt es als eine Art ‚Besinnungslied‘ unter den verbotenen Jugendgruppen. In NS-Liederbüchern war für solch ein Lied kein Platz, zumal sein Verfasser aus einer jüdischen Familie stammte. Nach dem Verbot „bündischer Umtriebe“ hatte es keine Chance, in anderen Liederbüchern zu erscheinen. Um 1939 wagte es Günther Wollf, sogar nach dem Verbot seines Verlages 1938, erneut das Lied in Lieder der Süd-Legion mit dem Impressum „Günther Wolff i.V. Röderdruck, Leipzig“, herauszubringen (Archiv Schendel, www.deutscheslied.com). Einige Exemplare müssen in katholische Kreise gelangt sein. Und so wurde das Lied Ostern 1940 bei einer katholischen Jugendtagung in Altenberg (bei Köln) gesungen. Das Lied galt auch als Lieblingslied des aus der katholischen Jugendbewegung hervorgegangenen, 1938 verbotenen „Grauen Ordens“, dessen Leiter Willi Graf später der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ angehörte. Hier wiederum war es insbesondere das Schicksal Sophie Scholls, das dazu beigetragen hat, Schließ Aug und Ohr so populär zu machen, dass es schließlich als „Lied der Weißen Rose“ galt (vgl. www.museenkoeln.de).

Rezeption nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Schließ Aug und Ohr im Gegensatz zu vielen Liedern der Jugendbewegung in keines der Liederbücher mit großer Auflage aufgenommen worden. Der Grund, warum es in den handlichen, weit verbreiteten Taschenbüchern der Verlage Insel, Fischer, Heyne oder in den umfangreichen Liederbüchern von Bertelsmann, Kiepenheuer und Witsch und Weltbild, von der Mundorgel ganz abgesehen, und in den noch heute kursierenden Liederheften Liederbuch, Liederkarren, Liedersonne etc. nicht vertreten ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Gäbe es nicht die Liederbücher der Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung und die CD der Folkrockgruppe Singvøgel (Hart am Rande, 2003) und vor allem die Auftritte und die CD der Songgruppe Die Grenzgänger (und weil der Mensch ein Mensch ist, 2015) wäre das Lied vermutlich verloren gegangen, zumal selbst im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, nicht einmal ein Tonträger aufgeführt ist. Gemessen an der Zahl der Liederbücher, die Schließ Aug und Ohr aufgenommen haben, steht es nach wie vor im Schatten der heute noch weit verbreiteten jugendbewegten Lieder, wie z.B. Im Frühtau zu Berge, Wenn die bunten Fahnen wehen, Wann wir schreiten Seit an Seit, Aus grauer Städte Mauern. Auffällig, dass es in einem Liederbuch der DDR erscheinen konnte: 1956 brachten die Seelsorgeämter der DDR Lieder der Runde – Ein Liederbuch für das christliche Heim heraus. In der vergangenen Dekade erschien das Lied in 10 Liederbüchern mit kleinen Auflagen, überwiegend in Eigenverlagen der verschiedenen Pfadfinderbünde und -gruppierungen. Einen Überblick über „die Lieder der Bündischen in der Verbotszeit 1933 – 1945“ gibt das von Klaus Meier, Verband der christlichen PfadfinderInnen, herausgegebene Singen in der dunklen Zeit (2014).

Zum Lied

Auch wenn die Nazis es abwertend als „Besinnungslied“ bezeichneten, ruft das Gedicht bzw. das Lied tatsächlich zur Besinnung auf. Es wendet sich direkt an den Leser und Hörer, und auch der Sänger, der den Inhalt transportiert, ist sicherlich gemeint. Es gilt „vor dem Getös der Zeit“ abzuschalten, „für eine Weil“ in sich zu gehen, „Aug und Ohr“ zu schließen. 1931, als das Gedicht entstand, nahm das „Getös der Zeitgrößere Ausmaße an. Es kann hier als Metapher für die zunehmende Hektik der Großstadt verstanden werden, aber auch für den zunehmenden Druck radikaler politischer Strömungen stehen, dem die Jugendlichen ausgesetzt waren. Ganz konnten sie sich dem nicht entziehen, und sie konnten es nicht ändern – „Du heilst es nicht“ -, aber sie sollten versuchen, immer wieder durch innere Einkehr zu sich zu kommen, denn man hat „kein Heil / als wo [s]ein Herz sich weiht“.

Dabei hat jeder der Angesprochenen das „Amt“ zu „hüten“, zu „harren“ und zu „sehen“, die Aufgabe, vorsichtig zu sein, sich (und die Seinen) vor aufziehendem Unheil zu bewahren. Auf die damalige Zeit bezogen, heißt das, nicht in den Sog radikaler Parolen zu geraten, sich nicht an Straßen- und Saalschlachten zu beteiligen, nicht Mitglied gewalttätiger oder rassistischer Organisationen zu werden.

Zunächst ist abzuwarten (in innerer Opposition), heißt es sich nicht vorzeitig zu exponieren und achtsam zu sein. Mit dieser Einsicht entzieht man sich nicht der Realität, sondern man ist „im Weltgeschehen“ zugleich „befangen und befreit“. Das bedeutet, nach wie vor gilt es, das Geschehen zu beobachten, um zu erkennen, wann es soweit ist, Widerstand zu leisten.

Denn, da ist sich der Dichter gewiss und spricht Mut machend: „Die Stunde kommt da man dich braucht“. Dann heißt es, sich für seine Ideale, z.B. für die Menschenrechte einzusetzen, „dann sei du ganz bereit“, auch wenn es gefährlich ist: „Und in das Feuer das verraucht“ – hier wahrscheinlich gemeint: die allgemeine Resignation, das Hinnehmen des gegebenen Unrechts – „Wirf dich als letztes Scheit“ , damit das Feuer wieder aufflackert und das Zeichen gibt: Der Widerstand ist noch nicht erloschen, so wie Sophie Scholl und die Mitglieder der Weißen Rose es taten. Sie waren sich der Gefahr völlig bewusst, sie setzten ein Fanal, sie warfen sich ins Feuer „als letztes Scheit“ und wurden 1943 von den Nazis hingerichtet.

Heute mag jeder selbst entscheiden, ob die Stunde schon da ist, um einen Beitrag gegen Fremdenhass und Flüchtlingsnot, für Menschenrechte und Menschlichkeit zu leisten. ‚Bis zum letzten Scheit‘ möge es nie wieder kommen.

Georg Nagel, Hamburg

Unterdrückte Homoerotik. Börries von Münchhausens „Jenseits des Tales“ (1907)

Börries von Münchhausen/Robert Götz

Jenseits des Tales

1.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Zum roten Abendhimmel quoll der Rauch.
Das war ein Singen in dem ganzen Heere,
Und Ihre Reiterbuben sangen auch.

2.
Sie putzten klirrend am Geschirr der Pferde,
her tänzelte die Marketenderin.
Und unterm Singen sprach der Knaben einer:
"Mädchen, du weißt, wo ging der König hin?"

3.
Diesseits des Tales stand der junge König
Und griff die feuchte Erde aus dem Grund.
Sie kühlte nicht die Glut der heißen Stirne,
Sie machte nicht sein krankes Herz gesund.

4.
Ihn heilten nur zwei knabenfrische (jugendfrische) Wangen
Und nur ein Mund, den er sich selbst verbot.
Noch fester schloss der König seine Lippen
Und sah hinüber in das Abendrot.

5.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Zum roten Abendhimmel quoll der Rauch.
Und war ein Lachen in dem ganzen Heere
Und jener Reiterbube lachte (ihre Reiterbuben lachten) auch.

[Wegen der als anzüglich angesehenen Textstelle "knabenfrische Wangen" und 
des Hinweises auf einen bestimmten Reiterbuben "jener Reiterbube" wurden 
in vielen Liederbüchern diese Stellen geändert (s. Text in Klammern).]

Entstehung

Der im Stil einer Volksballade verfasste Originaltext von Börries von Münchhausen (1874 bis 1945) erschien 1907 in seiner Sammlung Balladen von Börries Freiherrn von Münchhausen; diese ürsprüngliche Fassung (s.u.) weist einige Unterschiede zum später als Liedtext gesungenen Text auf, womöglich gehen diese Änderungen auf den Komponisten der Melodie, Robert Götz, zurück:

Der Nachfahre des „Lügenbarons“ schrieb unzählige Balladen und Lieder; darin feierte er die Ritterlichkeit, was für das romantische Lebensgefühl der deutschen Jugendbewegung anschlussfähig war. Um 1910 waren seine Gedichte Allgemeingut. Jenseits des Tales wurde besonders populär durch die Vertonung 1920 durch Robert Götz (weswegen als Entstehungsjahr des Textes in vielen Liederbüchern 1920 angegeben wird). Robert Götz (1892 bis 1978), der im Laufe seines Lebens rund 500 Gedichte und Texte vertont hat, ist auch Schöpfer der populären Lieder Aus grauer Städte Mauern und Wildgänse rauschen durch die Nacht.

Als ein historisch-literarisches Vorbild des Textes gilt der Roman von Felix Dahn (1834 bis 1912) Ein Kampf um Rom (1876). Die Reiterbuben des ostgotischen Heeres sollen für ihre Herren Tag und Nacht da gewesen sein. Eine andere Vorlage könnte der Preußenkönig Friedrich II geliefert haben. Der „Alte Fritz“, der in jungen Jahren gegen seinen Willen verheiratet worden war, soll deshalb seine Jugendliebe in Männerkleidern in seinem Tross mitgeführt haben. Eine Variante bietet die Deutung, dass mit dem „jungen König“ der letzte Stauferkaiser Konradin gemeint sei, dem man homoerotische Neigungen nachsagte (vgl. Jürgen Reulecke: Ich möchte einer werden so wie die… Männerbünde im 20. Jahrhundert. Frankfurt 2001). Wieder andere Auffassungen vermuten, dass Börries von Münchhausen eine Anregung zu seiner Ballade durch die Novelle Gustav Adolfs Page (1882) von Conrad Ferdinand Meyer (1799 bis 1878) erhalten hat. Der Page ist eine junge Frau, die verkleidet als junger Mann anstelle ihres als Reiterbuben erkorenen jüngeren Bruders in die persönlichen Dienste des Königs Gustav Adolf tritt.

Interpretation

Die Szenerie der Ballade spielt in Zeiten der Landsknechte, worauf die Erwähnung einer Marketenderin hinweist. Seit dem 12. Jahrhundert hatte jedes Fähnlein der Landsknechte einen Marketender (mercatante, Händler), oft auch eine Marketenderin, die eine Art „Mädchen für alles“ war. Sie sorgte für Lebensmittel, Tabak und Alkohol, flickte die Uniformen, wusch die Wäsche und kochte das Essen. Manchmal war sie auch, sofern sie nicht Ehefrau eines Landknechts war (den Söldnern war es nicht verboten zu heiraten), für nächtliche Vergnügungen zuständig (Prostitution), wie es im Lied der Marketenderin von Heinrich Heine (1787 bis 1856) heißt:

Die Kavallerie und die Infanterie,
ich hab sie alle die Braven,
auch habe ich bei der Artillerie
gar manche Nacht geschlummert.

Im Zeltlager herrscht eine Stimmung wie nach einer gewonnenen Schlacht. An den Lagerfeuern wird gesungen und – wie anzunehmen ist – auch getrunken und gescherzt. Gesungen wurde nicht nur von dem „ganzen Heere“, sondern auch von den Reiterbuben, die für die Pferde zu sorgen hatten und hier „klirrend das Pferdegeschirr putzen“. Der Anführer des Heeres, ein junger König, hat sich von dem Treiben abgesetzt, die Liebesdienste einer Marketenderin verschmäht und sich auf die andere Seite des Tales begeben. Ein dem König zugeneigter Reiterbube, fragt die Marketenderin, wohin der König gegangen sei.

Vom sprichwörtlich „anderen Ufer“ (vgl. erste Strophe „Jenseits des Tales“ mit der dritten Strophe „Diesseits des Tales“) denkt der König an diesen Reiterbuben und ist offensichtlich in ihn verliebt. Da sitzt er nun, der junge König, schaut hinüber und ist mit sich nicht ganz im Reinen. Er versucht, seine Leidenschaft zu unterdrücken, indem er sich bemüht, „die Glut der armen Stirne“ zu kühlen. Das gelingt nur bedingt; sein (liebes-) ‚krankes Herz macht es nicht gesund‘.

Er weiß, dass ihm nur die körperliche Nähe zu diesem Knaben Linderung bringen kann, dessen ‚Mund und knabenfrischen Wangen‘. Doch versagt er sich diesem Wunsch und schaut stattdessen mit zusammengepressten Lippen „in das Abendrot“.

Im Lager „[j]enseits des Tales“ herrscht nach wie vor eine gute Stimmung. Und nun kommt noch „ein Lachen in dem ganzen Heere“ hinzu. Vermutlich haben sich die Soldaten über ihren jungen König lustig gemacht. Wie konnte er nur die Marketenderin ablehnen? Auch „jener Reiterbuben lachte“; er macht sich nach wie vor Hoffnung, dass der König ihn irgendwann doch noch erhört.

Eine andere Deutung gibt Jürgen Reulecke (Historiker mit einem Schwerpunkt Jugendbewegung): „Nach innerem Ringen …. blickt der junge König schließlich hinüber ins Abendrot zu seinem Heer; das Lachen des Heeres ist dann ein befreiendes: Der König hat sich offensichtlich zum Männerbund und gegen die Verführung der Marketenderin entschieden“ (Reulecke: Ich möchte einer werden so wie die…, S. 123).

Rezeption

Vor 1933 verbreitete sich das Lied Jenseits des Tales überwiegend durch mündliches Weitergeben am Lagerfeuer oder auf Wanderungen. Viele Jugendgruppen verfügten über hektographierte Liederblätter und handschriftliche Liederbücher. Eine gesteigerte Verbreitung erfuhr das Lied ab 1932 nach der Erstveröffentlichung des von Robert Götz herausgegebenen Liederbuchs Aus grauer Städte Mauern.

Im Vergleich zu anderen Liedern der Jugend- und Wandervogelbewegung wie z. B. Aus grauer Städte Mauern, Wildgänse rauschen durch die Nacht oder Und wenn wir marschieren haben die Nationalsozialisten Jenseits des Tales nur in sehr wenige ihrer Liederbücher aufgenommen. Nur zu Beginn der Nazi-Herrschaft tauchte es in einigen Liederbüchern auf, allerdings mit „jugendfrischen“ statt „knabenfrischen Wangen“ auf, z. B. in dem vom Reichsjugendführer der Hitlerjugend Baldur von Schirach herausgegebenen Liederbuch für die Hitlerjugend Blut und Ehre und dem Liederbuch der Jungmannen Die weiße Trommel (beide 1933). Eines der wenigen Liederbücher, das außerhalb der NS-Organisationen mit dem Lied erschien, war 1935 St. Georg, Lieder der deutschen Jugend der katholischen Pfadfinder, deren Organisation, die DPSG, 1938 aufgelöst und verboten wurde. Nach Erscheinen von Soldaten singen (1936) ist das Lied bis 1945 in keinem gängigen Liederbuch zu finden. Es war „unerwünscht, weil es homosexuelle Assoziationen erregen“ könnte (so Ernst Klusen in Robert Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben – Gespräche mit Ernst Klusen, Köln 1975, S. 61). Dagegen haben es 1942 KZ-Häftlinge des „Konzentrationslagers“ Sachsenhausen in ihr handschriftliches Lagerliederbuch aufgenommen, allerdings ebenfalls in der verharmlosenden Fassung.

Bereits in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen Liederbücher Jenseits des Tales in der bezeichnenden Abänderung mit „jugendfrischen Wangen“ in ihr Repertoire auf, z. B. Lieder der Jugend (1946) und Singende Jugend (1948), beide verlegt von katholischen Organisationen, und auf evangelischer Seite Unser kleines Liederbuch für Fahrt und Lager (1949).

1958 wuchs die Popularität des Liedes, nachdem einige Sänger des Südwestdeutschen Rundfunks und der Staatsoper Stuttgart nach dem Erfolg mit dem piemontesischen Volkslied La Montanara als Montanara Chor eine Schallplatte mit Jenseits des Tales herausbrachten. Anfangs hatten die Chormitglieder das Lied für ein altes Landsknechtlied gehalten, bis sie von Götz selbst über die Entstehung aufgeklärt wurden (ebd., S. 54).

Die Beliebtheit des Liedes nahm weiter zu, als 1965 eine gleichnamige Single mit Heino herauskam. Bis 2014 erschienen 16 Alben und weitere acht Compilations mit Heino als Interpreten. „Selbst Heino gibt zu, dass er durch Jenseits des Tales bekannt wurde“ (ebd., S. 54). Da konnte der Montanara Chor mit dem Lied auf 16 Alben und einer Compilation (1963 bis 1997) nicht mithalten.

Obwohl das Lied nicht in den Schulliederbüchern steht, wurde es in vielen Schulen, manchmal sogar in Latein (vgl. ebd.) gesungen.

In einer repräsentativen Umfrage (E. Klusen: Zur Situation des Singens in der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2. Köln 1975) nach den bekanntesten Liedern war es rund 25 % der Befragten bekannt (Rang 17 der 20 bekanntesten Lieder, „vorgegeben aus 186 Liedern die von 90 bis 50 % der VP als bekannt bezeichnet wurden“). Andere von Götz vertonte Lieder wie Aus grauer Städte Mauern oder Wildgänse rauschen durch die Nacht waren 62 % bzw. 57 % der Befragten bekannt und landeten damit auf Rang 10. bzw. 14. (vgl. E. Klusen im Nachwort zu Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben).

Nach Robert Götz hat Jenseits des Tales „laut GEMA-Miteilungen in England eine Riesenauflage in England erfahren; es ist auch in Teilen Afrikas und Australiens und in Honkong und Ceylon bekannt, insgesamt ist das Lied in ungefähr 30 Ländern verbreitet“ (Götz: Ich wollte Volkslieder schreiben; S. 56).

Varianten

Wie bereits oben im Liedtext zu ersehen, ist in der vierten Strophe das Original „knabenfrische Wangen“ häufig durch „jugendfrische Wagen“ ersetzt worden, und in manchen Liederbüchern der bestimmte Reiterbube („jener“) in der fünften Strophe entindividualisiert worden durch „ihre Reiterbuben“.

Während der genannte Historiker Jürgen Reulecke (geb. 1940) den Balladentext Borries von Münchhausens im Original zitiert, ist es bemerkenswert, dass angesehene Volksliedforscher wie der Musikwissenschaftler Ernst Klusen (1909-1988) und der Germanist Heinz Rölleke (geb. 1936) in ihren Liederbüchern (Klusen: Deutsche Lieder. Frankfurt am Main 1980 und Rölleke: Das große Buch der Volkslieder. Köln 1993) „jugendfrische Wangen“ schreiben.

Eine ganz andere Fassung ist in dem auflagenstärksten deutschen Liederbuch Die Mundorgel (1953 bis 2014 Auflage über 10 Millionen Textausgabe und 3 Millionen Notenausgabe) zu finden:

Hoch überm Tale standen unsre Zelte,
der bunte Wimpel flatterte am Schaft.
Die Speere flogen und der Hornruf gellte,
im harten Kampfe spannten wir die Kraft.

Wir zogen wie die Wölfe durch die Wälder,
uns war kein Fels zu steil, kein Pfad zu schmal.
Wir lagen manche Nacht am Lagerfeuer
und unsre Lieder klangen übers Tal.

Wir schritten Seit‘ an Seit‘ in gleichem Schritte,
wir schlossen Hand in Hand den engen Kreis,
da trat der König selbst in unsre Mitte,
und zur Gefolgschaft rief uns sein Geheiß.

Hoch überm Tale standen unsre Zelte
Der bunte Wimpel flatterte im Wind
Als uns in seinen Dienst der König stellte
Und wir sind stolz, dass wir des Königs sind.

In den ersten beiden Verse weisen die jugendbewegten Fahrten und Lager einen an die Jugendbewegung erinnernden Inhalt auf; die dritte und vierte Strophe sind christlich geprägt: der „zur Gefolgschaft aufrufende König“ ist Jesus Christus, der Christkönig (vgl. INRI – Jesus Nazarenus Rex Judaeorum).

In der Mundorgel (1968, 13. Auflage) wird dieser Text W. Heisterkamp, über den nichts Näheres bekannt ist, zugeschrieben. Wie diese Zuordnung zustande gekommen ist, konnte nicht geklärt werden. Andere Liederbücher und spätere Ausgaben der Mundorgel, z. B. die von 1982, nennen Fritz Hockenjos (1909-1988) als Autoren, der mit 23 Jahren als überzeugter Christ und Mitglied des evangelischen Bundes Deutscher Bibelkreise (BK) Hoch überm Tale verfasst hat. In der GEMA-Datenbank sind weder Heisterkamp noch Hockenlos aufgeführt. Außer in der Mundorgel ist Hoch überm Tale noch in einigen Liederbüchern vorwiegend christlicher Provenienz erschienen, zuletzt 2012 in (der neu herausgegebenen) tonspur, herausgegeben von der Heliand Pfadfinderschaft und der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD).

Georg Nagel, Hamburg