Durchhalteschlager und Widerstandslied: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh‘n“ von Zarah Leander (Text: Bruno Balz)

Zarah Leander (Text: Bruno Balz)

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh‘n

Wenn ich ohne Hoffnung leben müsste,
wenn ich glauben müsste, dass mich niemand liebt,
dass es nie für mich ein Glück mehr gibt,
ach, das wär' schwer.
Wenn ich nicht in meinem Herzen wüsste,
dass du einmal zu mir sagst: Ich liebe dich,
wär' das Leben ohne Sinn für mich,
doch ich weiß mehr:

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n
und dann werden tausend Märchen wahr.
Ich weiß, so schnell kann keine Liebe vergeh‘n,
die so groß ist und so wunderbar.

Wir haben beide denselben Stern
und dein Schicksal ist auch meins.
Du bist mir fern und doch nicht fern,
denn unsere Seelen sind eins.

Und darum wird einmal ein Wunder gescheh'n
und ich weiß, dass wir uns wiederseh'n!

Wenn ich ohne Hoffnung leben müsste,
wenn ich glauben müsste, dass mich niemand liebt,
dass es nie für mich ein Glück mehr gibt,
ach, das wär' schwer.
 Wenn ich nicht in meinem Herzen wüsste,
dass du einmal zu mir sagst: Ich liebe dich,
wär' das Leben ohne Sinn für mich,
doch ich weiß mehr:

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n [...]

Keinem ist mein Herz so gut gewesen
wie dem Einem, der mich jetzt verlassen hat,
der für mich nicht einen Gruß mehr hat,
der mich vergaß.
Könnt' er jetzt in meinen Augen lesen,
was ich fühle, dann würd' alles anders sein.
Ewig kann doch nicht verloren sein,
was ich besaß. 

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n [...]

Wer nur die Version von Nina Hagen kennt, könnte meinen, wieder so ein Schlager wie viele, die die Liebe als ein Wunder ansehen, z. B. Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden (entstanden 1930, u.a. Peter Alexander 1960), Wunder gibt es immer wieder (Katja Ebstein, 1970) oder Wunder gescheh’n (Nena, 1989). Kennt man jedoch die Originalfassung von Zarah Leander und die Entstehungsgeschichte, so öffnen sich ganz neue Einsichten.

Das Lied stammt aus dem 1942 gedrehten Film Die große Liebe. Er ist ein Auftragsfilm des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda und Vorsitzenden der Reichskulturkammer, Joseph Goebbels. Goebbels hatte bereits 1936 zum Filmschaffen in Deutschland eine programmatische Rede gehalten, nach der Filmmusik und Filme nicht nur der Unterhaltung dienen dürften, sondern auch der „nationalen Erziehung“.

In einer Rückschau auf die Kulturpolitik der Jahre 1933 bis 1937 bemängelte Goebbels einige Jahre später, dass die „nationalsozialistische Gesinnung“ in den Filmen nicht deutlich genug zum Ausdruck gekommen sei. Als Folge wurde die deutsche Filmindustrie verstaatlicht; 1941 waren alle Firmen unter dem Dach der Universum Film AG (UFA, später als Konzern UFI) in staatlicher Hand. Bereits Jahre zuvor hatte sich Goebbels zum „Schirmherrn des deutschen Films“ ernannt und versucht, durch das Verbot der Beschäftigung von Juden, durch direkte Einflussnahme auf einzelne Filmproduktionen, durch Zensur und Repression die Filmindustrie gleichzuschalten. Andererseits war sich Goebbels darüber im Klaren, dass „man […] nicht von früh bis spät in Gesinnung machen kann“, und verkündete vor Filmschaffenden: „Das Schaffen des kleinsten Amüsements des Tagesbedarfs für die Langeweile und der Trübsal wollen wir nicht unterdrücken“.

So entstanden vor dem 1. September 1939 seichte Filme wie z.B. Krach um Jolanthe (1934) oder Wenn wir alle Engeln wären (1936). Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde zum einen der Trend zum Unterhaltungsfilm fortgesetzt, z.B. mit Geierwally (1940) oder Wiener Blut (1942), zum anderen wurden im Auftrag Goebbels antisemitische Filme produziert wie Der ewige Jude und Jud Süß (beide 1940). Auch entstanden andere eindeutig propagandistische Filme wie Wunschkonzert (1940) und Auf Wiedersehen, Franziska (1941) oder aber Die große Liebe (1942) mit subtiler Propaganda.

Dieser Film, der damals das selten vergebene Dreifach-Prädikat „staatspolitisch, künstlerisch und volkstümlich wertvoll“ erhielt, könnte aus heutiger Sicht als eine Schnulze mit einer simplen Story angesehen werden:

Die große Liebe zwischen der Varietésängerin Hanna Holberg (Zarah Leander) und dem Flieger Paul Wendland (Victor Staal) beginnt während eines Fliegeralarms in einem Berliner Luftschutzkeller. Pauls Kriegseinsätze, aber auch Hannas Show-Auftritte in wechselnden Städten, verhindern regelmäßige Zusammentreffen und so wird diese Liebesbeziehung immer wieder unterbrochen. Auch ergeben sich ständig Missverständnisse durch verpasste Gelegenheiten. Paul will sie bei einem Fronturlaub in ihrer Berliner Wohnung besuchen, doch sie gibt ein Wehrmachtskonzert in Paris. Selbst die Absicht, endlich zu heiraten, wird am Polterabend durch einen plötzlichen Einsatzbefehl verhindert. Enttäuscht nimmt Hanna daraufhin ein Engagement in Rom an. Als Paul sie dort, in der Absicht zu heiraten, überraschend aufsucht, kommt es zu einem Streit zwischen ihnen. Der Krieg mit der Sowjetunion hatte begonnen und Paul reist, ohne einen Befehl bekommen zu haben, vorzeitig ab, einzig aus dem Gefühl heraus, an der Front gebraucht zu werden. Abermals findet die Hochzeit nicht statt und Paul befürchtet, seine Verlobte für immer verloren zu haben. Hanna bleibt verständnislos in Rom zurück. Paul kämpft nun an der Ostfront. Als ein Fliegerkamerad bei einem Einsatz sein Leben lässt, schreibt Paul Hanna einen Abschiedsbrief, um die Gefahr seiner Einsätze besser ertragen zu können. Erst als Paul abgeschossen wird, aber überlebt, scheint die große Liebe in Erfüllung zu gehen; Hanna macht sich nun auf den Weg, ihrem schwer verletzten Verlobten im Lazarett Beistand zu leisten, denn sie ist immer noch bereit, ihn zu heiraten.

Im Subtext – Frau geht trotz Bombenkriegs ihrer Arbeit nach, Mann ist begeisterter Soldat an der Front – zeigt sich die Propaganda. Das Kriegsgeschehen fordert immer wieder die Trennung des Liebespaares. Doch letztlich ermöglicht es die „große Liebe“, dass die Geliebten sich allen Widrigkeiten zum Trotz endgültig finden: Es wird einmal ein Wunder gescheh’n.

Der Film trifft 1942 und in den folgenden Kriegsjahren den Nerv der Zeit. Viele Frauen waren allein oder nur mit ihren Kindern zu Haus; ihre Ehemänner bzw. Freunde oder Söhne waren an der Front. Zu Hause bangten die Familien um ihre Soldaten. Der von Hitler-Deutschland ausgelöste Aggressionskrieg war in der Heimat angekommen: 1942 fielen als Reaktion auf die deutschen Bombenangriffe auf London und die fast vollständige Zerstörung Coventrys die ersten Bomben auf deutsche Städte wie Lübeck und Rostock. Bald folgten Köln und andere Großstädte, Werften sowie andere, nicht nur kriegswichtige, Betriebe. Die Versorgungslage im Reich verschlechterte sich zusehends: auf den Lebensmittelkarten wurden die monatlichen Rationen pro Familie reduziert, z.B. Brot von 9,6 kg auf 6,4 kg, Fleisch von 1.600 g bis 1.200 g, Fett von 1.053 g auf 825 g.

Vermehrt gab es von der Front Todesmeldungen; viele Verwundete wurden in Lazarette aufgenommen oder nach Hause entlassen. Die ehemalige Kriegsbegeisterung hatte sich schon lange abgekühlt. Nun kam eine grundsätzlich schlechte Stimmung hinzu, von der die vom Sicherheitsdienst (SD) erstellten Meldungen aus dem Reich der NS-Führung und den Reichsleitern berichteten. Wie stark sich die „Stimmungslage“ im Laufe der Kriegsjahre verschlechterte, kann man daraus ersehen, dass Goebbels 1944 veranlasste, die Meldungen ganz einzustellen, mit der Begründung, sie seien das „Sprachrohr des Defaitismus“. Die NS-Propaganda griff zu allen Mitteln, um die Stimmungslage zu verbessern. In Reden, Wochenschauen und Zeitungen wurde der Endsieg angekündigt und in den Wochenschauen die Wirkung der Raketenwaffe V 2, die in London ganze Häuserzeilen zerstörte, gezeigt. Zusätzlich wurde das Gerücht gestreut, dass eine noch ganz andere Wunderwaffe im Bau sei.

In dieser Zeit stießen die Schlager Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, Es geht alles vorüber und vor allem Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh‘n auf ein großes Echo. Wer wollte nicht hoffen, dass „einmal ein Wunder geschieht“? Dabei kam es Ende 1942 bereits zur Einkesselung der 6. Deutschen Armee bei Stalingrad, die bereits damals manche Stabsmilitärs als Kriegswende ansahen, in späteren Jahren auch die Mehrheit der Historiker. Der Film und die Schlager dagegen boten Flucht aus dem Alltag; sie machten Hoffnung auf bessere Zeiten: „und tausend Märchen werden wahr.“ Die große Liebe wurde mit einem Einspielergebnis von 8 Millionen Reichsmark (bei Herstellungskosten von 3 Millionen RM) zum kommerziell erfolgreichsten Film der Nazi-Zeit und hinsichtlich der Besucherzahl zu einem der attraktivsten Filme: 27 Millionen Zuschauer haben ihn besucht, allerdings manche zwei- oder dreimal (so die Zeitzeugen aus meiner Verwandtschaft). Erfolgreicher war nur noch der „Blut und Boden“ geschwängerte Film Die goldene Stadt (1942), einer der ersten deutschen Farbfilme mit 31 Millionen Besuchern.

Wie es zu dem Schlager Es wird einmal ein Wunder gescheh‘n kam, ist beinahe eine Filmstory für sich. Bevor der Text zu dem Lied entstand, wurde Bruno Balz, der mit dem Komponisten Michael Jary bereits einige erfolgreiche Schlager verfasst hatte (u. a. z.B. Roter Mohn, 1938 oder Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, 1939), festgenommen. Er hatte auf die Avancen eines „attraktiven blonden Jünglings“ reagiert, war in eine Falle der Gestapo getappt (vgl. Bruno Balz-Archiv) und wurde in die berüchtigte Gestapo-Zentrale in der Normannenstraße (Berlin) verbracht. Michael Jary wandte sich an Joseph Goebbels, der Die große Liebe in Auftrag gegeben und gefordert hatte, Lieder als „Beitrag zur Kriegsanstrengung“ zu verfassen. Jary wies darauf hin, dass aufgrund seiner langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit mit Balz dieser für die Lieder des Films unbedingt als Texter nötig sei. Goebbels veranlasste daraufhin dessen Entlassung. Es bleibt offen, ob Balz bereits während seiner Haft weiter getextet hatte oder, wie auch berichtet wird, innerhalb der nächsten 24 Stunden danach einen seiner größten Erfolge geschrieben hat: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n.

Der Schlager wurde in den Film aufgenommen und von Zarah Leander gesungen. Häufige Radiosendungen, etliche Schellackplatten und zahlreiche Konzerte mit Zarah Leander zeigen, dass er zu einem ihrer größten Erfolge wurde. Bereits ab der Jahreswende 1941/42 hatte Zarah Leander große Erfolge mit dem ebenfalls vom Duo Jary/Balz verfassten Schlager Davon geht die Welt nicht unter. Bekannt ist ihr Auftritt vor verwundeten deutschen Soldaten in Paris. Dieser Schlager wurde nachträglich in den bereits fertiggestellten Film mit einer nachgedrehten Sequenz eingebaut.

Zur Doppelbödigkeit dieses Schlagers hat Bruno Balz selbst Stellung genommen: „Aber man konnte den Text auslegen, wie man wollte: Die Welt geht entweder vom Bombenhagel nicht unter oder nicht von den Bösartigkeiten der Nazis“ (Bruno Balz Archiv). Kritische Geister sangen die Schlager mit einem Augenzwinkern und verständnisvollem Zunicken, natürlich nur in geschlossenen Wohnungen mit Verwandten und Freunden, denen man trauen konnte. Für einen Witz über die Hitlergrößen, wie z.B. Göring Herrn Meier zu nennen, konnte man ins KZ kommen oder wie es euphemistisch hieß, in Schutzhaft genommen werden (Göring hatte in einer Rundfunkrede zu Beginn des Krieges erklärt: „Wenn nur ein feindliches Flugzeug unser Reichsgebiet überfliegt, will ich Meier heißen“).

Im Freundeskreis meiner Eltern wurde damals nicht nur das Wunder versprechende Lied in der oben bezeichneten Weise gesungen, sondern auch andere „Durchhalteschlager“ wie z. B. Es geht alles vorüber allerdings mit anderem Refrain „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei / und im nächsten Dezember gibt’s wieder ein Ei.“ oder auch noch leiser, damit es etwaige Denunzianten nicht hörten: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei / erst geht der Hitler und dann die Partei.“

Wie populär der Filmschlager Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n auch noch nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs geblieben ist, kann man dem Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, entnehmen: Über 80 Tonträger (von der Schellackplatte bis zur CD von 2014) enthalten das Lied mit verschiedenen Interpreten, hauptsächlich aber Zarah Leander, und diversen Orchestern. Über 250 Videos bei Youtube zeigen noch deutlicher, wie beliebt der Schlager nach wie vor auch bei jüngeren Leuten ist.

Anmerkung: Zu dem Lied Es wird einmal ein Wunder gescheh’n, ist mir keine Parodie bekannt.

Georg Nagel, Hamburg

Luftraum über Berlin. Zu „Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist!“ (1942) und „Der Insulaner verliert die Ruhe nicht“ (1948)


Manfred Heidmann (Text: Bruno Balz)

Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist!

Ja, na, Licht ist wunderschön,
wenn wir bummeln gehen,
doch das lassen wir jetzt bleiben.
Wie man sieht, geht es auch so,
wir sind auch im Dustern froh.

Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist,
wir Berliner, wir Berliner bleiben helle.
Und wenn man auch dies oder das vermißt,
der Berliner bleibt ein lustiger Geselle.
Es kann der fehlende Laternenschein
bevölkerungspolitisch äußerst wertvoll sein.
Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist,
der Berliner bleibt doch helle,
denn er ist ein Optimist.

Fehlt uns das Laternenlicht?
Nein, das fehlt uns nicht,
das kann auch der Mond besorgen,
und wenn der sich auch versteckt,
das hat uns noch nie erschreckt.

Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist, [...]

     [Manfred Heidmann: Grüß mir die Berolina ... / Wenn unser Berlin auch
     verdunkelt ist! Grammophon 1942.]

Ethel Reschke (Text: Günter Neumann)

Der Insulaner verliert die Ruhe nicht

Es liegt eine Insel im roten Meer,
und die Insel heißt Berlin,
und die Brandung geht schwer,
und die dunklen Wolken ziehen.

Der Osten ist nah, und der Westen ist fern,
und manch Flugzeug dröhnt durch die Nacht,
und wacht man dann auf, haben verärgerte Herren
sich etwas Neues ausgedacht.

Wir wollen unter fremdes Joch nicht,
trotz Drohungen und Atom,
wir bleiben auf dem Teppich, und noch nicht
kriegen sie uns auf den Boden.

Der Insulaner verliert die Ruhe nicht,
der Insulaner liebt keen Getue nicht,
und brummen des nachts auch laut die viermotorigen Schwärme,
det is Musik für unser Ohr, wer redt vom Lärme.

Der Insulaner träumt lächelnd wunderschön,
dass wieder Licht ist und alle Züge gehen.
Der Insulaner hofft unbeirrt,
dass seine Insel wieder ein schönes Festland wird.

In den letzten Monaten musste das Image der Hauptstadt unter dem Bau eines neuen Großflughafens leiden (vgl. hierzu etwa ein Interview der Berliner Zeitung), der öffentlichkeitswirksam als „Großversagen“ (Die Zeit) kritisiert wurde. Berlin, so hieß es, sei „arm, sexy und auch noch zu doof, um eine Halle zu bauen“ (Lausitzer Rundschau). Lange her ist die Zeit, in der der Flugverkehr über Berlin als „ein Symbol der Entschlossenheit, ein Symbol des Widerstands und letztlich ein Symbol der Freiheit“ (Rede des stellvertretenden  US-Verteidigungsministers 1998) funktionierte, die Zeit, in der es – wie bereits in einem Beitrag von Hans-Peter Ecker hier zu lesen war – nicht nur eine tatsächliche, sondern auch eine „singende Luftbrücke“ gab.

Ein Dokument aus den zehneinhalb Monaten zwischen dem 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949, in denen zeitweise alle drei Minuten ein Flugzeug der Westalliierten landete, um der sowjetischen Berlin-Blockade zu trotzen und die westliche Hälfte der Stadt zu versorgen, ist das von – dem hier bereits im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswunder vorgestellten – Günter Neumann geschriebene erste „Insulanerlied“ mit dem Titel Der Insulaner verliert die Ruhe nicht (zu Weihnachten 1948 vorgetragen von Ethel Reschke). Das Kabarettprogram rund um Die Insulaner (hier ein weiteres Insulanerlied aus dem Frühjahr 1949 sowie das Lied Wir sind kapitalistisch geknechtet  von 1952) etablierte sich in der Folge als eine feste Marke des RIAS und blieb, bis die Lage mit dem Mauerbau 1961 zu sensibel für Scherze wurde, ein – wie es auf Wikipedia heißt – viel gehörter „Bestandteil eines lokalpatriotischen Antikommunismus, wie er wohl nur in der Zeit des Kalten Krieges entstehen konnte“.

Berlin wird hier entsprechend als „eine Insel im roten Meer“ besungen, bedroht vom nahen Osten und deren „Atom“ und behütet vom fernen Westen und dessen „viermotorigen Schwärme[n]“. Wenn „manch Flugzeug dröhnt durch die Nacht“ ist das keine Lärmbelästigung, sondern ein Lichtblick inmitten der „dunklen Wolken“, die sonst über den Berliner Nachthimmel ziehen. Derweil „träumt [der  Insulaner] lächelnd wunderschön, / dass wieder Licht ist und alle Züge gehen“. Als echter Berliner mit all seinen typischen Eigenschaften „verliert [er] die Ruhe nicht“ und „liebt keen Getue nicht.“ Durch Schlager ein ebenso unkompliziertes wie widerstandsfähiges Wesen attestiert zu bekommen und damit zum Durchhalten aufgerufen zu werden, war für ihn da freilich bereits ebenso zur Routine geworden wie das Durchhalten selbst.

1942 ging es etwa um die Verdunklung Berlins als Luftschutz-Maßnahme. Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist entstammt den Federn von Bruno Balz (wie u.a. auch Davon geht die Welt nicht unter und Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen aus dem selben Jahr) und dem in der Folge zum stellvertretenden Fachschaftsleiter der Komponisten in der Reichsmusikkammer erhobenen Franz Grothe (wie etwa auch Wir werden das Kind schon schaukeln aus dem Jahre 1941 sowie später eben auch die Musik zum Text Neumanns über das Wirtschaftswunder). Gesungen wurde es von dem damals gerade 22jährigen Schauspieler Manfred Heidmann. Mit guter Miene zum Bombenkrieg wurde gemäß Goebbelscher Propaganda geträllert, dass man „auch im Dustern froh“ sein könne. „Licht ist wunderschön“, aber „Bummeln gehen“ müsse momentan ausfallen. Dafür könne, so heißt es mit einem zynischen Augenzwinkern, „der fehlende Laternenschein bevölkerungspolitisch äußerst wertvoll sein“ – schließlich benötigte das Reich Nachschub an Soldaten.

Um einer Kriegsmüdigkeit entgegenzuwirken, wurde dem Berliner eine heitere Identität als „Optimist“ und „lustiger Geselle“ gestiftet; der Clou ist, dass man das Licht gar nicht brauche, weil man ja selber so „helle“ sei. Allerdings wurde das hier fröhlich abgehandelte Thema des Liedes mit den ersten Bombenangriffen auf Köln am 30. und 31. Mai 1942 schnell zu ernst, so dass Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist – ganz anderes als jene anderen Balz-Texte, in denen beteuert wird, dass die Welt schon nicht untergehen werde und doch noch ein Wunder geschehen könne – wenig Popularität erlangte (vgl. hierzu André Port le Roi: Schlager lügen nicht. Essen: Klartext 1998, S. 30-31).

Martin Kraus, Bamberg