Vernunftgebet – Bernice Ehrlichs Corona-Version von Leonard Cohens „Hallelujah“

Bernice Ehrlich

Halleluja – Corona-Version

Hört gut zu, es ist nun Zeit,
dass jeder von uns zuhause bleibt,
auch wenn wir uns so sehr nach Nähe sehnen.
Coronavirus ist kein Fake,
der uns zum Spaß zuhause hält,
es ist ernst, es geht um uns und unser Leben
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Wenn jeder von uns zuhause bleibt,
sich ganz allein die Zeit vertreibt,
dann können wir die Krankheit auch besiegen.
Es geht um dich, um mich, um uns,
um jeden, den man schützen muss.
Auch wenn die Zeiten schwer sind, bleib zuhause.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Egal wie gut es dir auch geht,
du weißt nicht, ob du’s in dir trägst,
drum sei nicht dumm, wir dürfen nichts riskieren.
Sei ein Held und gib nicht auf,
sonst hört die Krankheit nie mehr auf,
das darf nicht sein, das darf niemals passieren.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Eines Tages wird’s vorüber geh‘n
und uns wird’s wieder besser geh‘n.
Bis dahin müssen wir zusammenhalten.
Und wenn wir uns dann wiederseh‘n,
wird alles gleich nochmal so schön.
Einer für alle und alle für einen!
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Von den rund 20 Videos bei Youtube mit Corona Songs hat mir Hört gut zu, es ist nun Zeit textlich und melodisch am besten gefallen. Den Text dichtete die im Rheinland geborene Sängerin Bernice Ehrlich kurze Zeit nach Ausbruch der Coronavirus-Pandemie im März 2020. Die Melodie stammt aus dem Jahr 1984 vom kanadischen Singer-Songwriter Leonard Cohen. Hallelujah, so der Titel des Originals, wurde erst langsam populär. Inzwischen gibt es über 100 Cover-Versionen, u.a. von Bob Dylan (1988) und John Cale (1991). Cohens Hallelujah wurde 2007 von der britischen Zeitschrift Q als bester Song aller Zeiten genannt.

Die ausgebildete Sopranistin Bernice Ehrlich ist eine vielseitige Künstlerin. Ihre Karriere begann als Opernsängerin, wurde fortgesetzt als Musical-Darstellerin und seit 2017 zusätzlich als Popsängerin mit Coverversionen von Helene Fischer, Andrea Berg, Celine Dion, Whitney Houston u.v.a. Seit 2018 kamen von ihr die Singles Einfach unbeschreiblich, 2019 Nie wieder missen und aktuell 2020 Weil ich dich liebe heraus. Auch international ist die Sängerin unterwegs. Sie sang unter anderem am Teatro Sociale in Cittadella (Italien), dem Goethe-Institut in Paris und im Atlantis The Palm Hotel in Dubai. Als Freiberuflerin hat sie ihren Unterhalt durch Auftritte bei Operetten- und Musicalgalas und auch auf Geburtstags-, Hochzeits- und Betriebsfeiern und ähnlichen Veranstaltungen verdienst. Zur Zeit geht sie, da fast alle Auftritte wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurden, einer Bürotätigkeit nach.

Liedbetrachtung

Wie der Corona-Song entstand, beschreibt Bernice Ehrlich in einem Interview im März 2020: „Dieses Lied [gemeint ist Cohens Hallelujah] hab ich seit Jahren in meinem Programm, aber vorige Woche hatte ich beim Zähneputzen die Idee zu einem aktuellen Text. Und da ich an dem Tag mit meinem Pianisten Klaus Klaas zur Probe verabredet war, bin ich gleich in dessen Studio nach Duisburg gefahren, um gemeinsam die neue Version aufzunehmen“.

Das Lied beginnt mit der Aufforderung, gut zuzuhören. Weiß man anfangs noch nicht warum, folgt gleich die Erklärung, „es ist nun Zeit“, zu Hause zu bleiben. Die Begründung ist nicht weit: Der Coronavirus ist da, er ist ernst zu nehmen, er bedroht unser Leben. Mögen wir uns noch so sehr Nähe sehnen, wir müssen uns immer bewusst sein: der Virus ist lebensgefährlich. Das Robert Koch Institut hat am 14.8.2020 9.225 Todesfälle registriert.

Eine Quarantäne ist eine Möglichkeit, eine Ansteckung zu verhindern. Wir aber wissen, es ist nicht realistisch, dass prophylaktisch „jeder von uns zu Hause bleibt“, man denke nur an das Krankenhauspersonal, an die Ordnungs- und Sicherheitskräfte, die Serviceleute im Lebensmittelladen usw. Aber es kommt nicht darauf an, die Forderung wörtlich umzusetzen. Der Text will uns vor allem darauf hinweisen, dass wir nichts riskieren, nicht leichtsinnig werden sollen, vorsichtig sein müssen, selbst wenn es uns gut geht und wir keine Symptome spüren. Und bei nachgewiesenen Corona-Infektionen und bei vorhandenen Symptomen sind die Quarantänetage ohnehin hilfreich, um die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern.

Die von Virologen und Politikern vorgeschlagenen Maßnahmen werden im Lied im Einzelnen nicht erwähnt, aber wir alle kennen sie (Atemmaske, Hygieneregeln und Abstandhalten, einprägsam durch die A H A- Formel). Im Folgenden weist der Text eindringlich darauf hin, es geht es nicht nur darum, dass ich mich schütze, sondern dass jeder von uns verantwortlich ist, durch sein Verhalten auch andere zu schützen. Wenn wir das konsequent tun, dann besteht die Chance, die Krankheit einzudämmen und später mit Hilfe von Impfungen sogar ganz zu überwinden. Voller Hoffnung endet das Lied: Dann „wird’s uns allen besser geh‘n“, und das Leben wird „gleich nochmal so schön“. Doch bis dahin müssen wir solidarisch sein und uns und andere schützen: „Einer für alle und alle für einen!

Auffallend ist die Übernahme des Refrains von Cohens Hallelujah Song. Die vierfache Wiederholung des Halleluja nach jeder Strophe soll, ähnlich wie in manchen geistlichen Liedern (z.B. Gelobt sei Gott im höchsten Thron oder Luthers Christ lag in Todesbanden – Interpretation hier) die Aussage des Textes bekräftigen.

Verbreitung des Liedes

Zum ersten Mal hörte ich die Corona-Version mit der Melodie von Cohens Hallelujah Anfang April in einer Straße in Hamburg Eimsbüttel. Ein Gitarrist sang und spielte Lieder von einem Balkon, auf der Straße sangen einige Nachbarn mit. Ich erfuhr, dass die Evangelische Kirche in Deutschland nach italienischem Vorbild bundesweit zum Balkonsingen aufgerufen hatte. Von wem der Text stammte, wusste niemand. Inzwischen ist die Verfasserin bekannt: Bernice Ehrlich. Wie ich von ihr hörte, hatte ihr Video mit der Corona Version bei Youtube bereits in fünf Tagen rund 1 Millionen Aufrufe, bevor sie das Video zurückziehen musste, weil ihr die Verwertung der Melodie nicht gestattet wurde. Seit einigen Zeit findet man ein anderes Video mit ihr (s. o.), eingestellt von einem Portugiesen, mit deutschen und portugiesischen Untertiteln mit rund 225.000 Aufrufen (14.8.20).

Bald nach der ersten Veröffentlichung bei Youtube brachte der Berliner Kurier am 21.3.2020 als erste Zeitung einen Artikel mit der Überschrjft „Dieser neue Corona Song berührt jeden zu Tränen“. Es folgten Rezensionen und Berichte in Zeitungen und im Internet bundesweit, vom Kölner Stadtanzeiger bis sanktludwig.de (Berlin-Wilmersdorf), darüber hinaus auch in Österreich.

In Melle setzte sich ein Mann in den Firmenwagen und spielte über Lautsprecher Ehrlichs Corona-Lied, indem er an manchen Abenden durch die Straßen einer Siedlung der Stadt fuhr. In Ludwigshafen erstellte die Stadtverwaltung ein Video, auf dem der Oberbürgermeister „eine emotionale Botschaft“ singt. Die Freiwillige Feuerwehr Wiener Neustadt hat – mit Genehmigung von Bernice Ehrlich – den Song in ein Video verpackt, dass „unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger zum zu Hause bleiben aufrufen soll“.

Bernice Ehrlich und ihrem Video sind bei Youtube viele Millionen Aufrufe zu wünschen.

Georg Nagel, Hamburg