Kitsch für einen guten Zweck. Zur deutschen Version des Band Aid-Projektes „Do They Know It’s christmas?“ (2014)

Band Aid Thirty (Text: Campino, Marteria, Thees Uhlmann, Sebastian Wehlings)

Do They Know It’s Christmas? (Deutsche Version)

Endlich wieder Weihnachtszeit (Campino [Die Toten Hosen])
Die Nerven liegen so schön blank (Philipp Poisel)
Egal ob’s regnet oder schneit (Clueso)
Wir treffen uns am Glühweinstand (Seeed)
Wir vergessen unsere Nächsten nicht (Andreas Bourani) 
Kaufen all die Läden leer (Ina Müller) 
Die ganze Stadt versinkt heut‘ Nacht im Lichtermeer (Jan Delay) 
Und du fliegst nur 6 Stunden weiter: Ärzte, Schmerzen ohne Grenzen (Marteria)
Kleine Jungs im Barcelona-Shirt malen ihre Träume an die Wände (Marteria und Max Herre)
Es gibt so viel Zukunft, so viel Vielfalt (Max Herre) 
In all den 54 Ländern (Cro)
Doch immer nur dieselben Bilder (Cro und Michi Beck) 
Gelbe Schutzanzüge auf all den Sendern (Michi Beck)
Du gehst durch den Dezember (Peter [Sportfreunde Stiller])
Mit einem Lied im Ohr (Steffi [Silbermond])

Do they know it’s Christmas Time at all? (Clemens [Milky Chance])

Wir feiern unsere Feste (Max Raabe)
Doch wir sehen nicht wie sie fallen (Wolfgang Niedecken)
Der Tod kennt keine Feiertage (Udo Lindenberg) 
Und schon ein Kuss kann tödlich sein (Sammy Amara [Broilers] und Anna Loos)
Kein Abschied und keine Umarmung (Peter Maffay)
Jeder stirbt für sich allein (Thees Uhlmann & Joy Denalane)

Do they know it’s Christmas Time at all? (Gentleman)
Do they know it's Christmas Time at all? (Patrice)
Do they know it's Christmas Time (Chor)

Und auf all den Feiern (Clemens [Milky Chance])
Von hier bis nach Monrovia (Jan-Josef Liefers)
Denken wir daran in dieser stillen Nacht (Adel Tawil)

Do they know it's Christmas Time at all? (Campino)
Do they know it's Christmas Time at all? (Inga Humpe [2Raumwohnung])
Do they know it's Christmas Time (Chor)
Heal the world (Chor) 
Heal the world (Donots)
Heal the world (Chor)
Let them know it’s Christmas Time. Heal the world (Gentleman und Patrice)
Let them know it’s Christmas Time (Jennifer Rostock)
Heal The World.

Do we know it's Christmas Time at all.

Heal The World.

Let them know it's Christmas Time again (Chor)

     [Band Aid 30: Do They Know It’s Christmas? (2014). Polydor 2014.]

 

Es ist so weit, der Advent ist wieder da und mit ihm auch die kopfschmerzbereitende Geschenkefrage, die Plätzchenbäckerei und die in Endlosschleife gespielten Weihnachtslieder im Radio. Ja, wir hassen den Hype manchmal, der mittlerweile um die Weihnachtsfeiertage zelebriert wird, aber entziehen können wir uns ihm nicht. Und ganz ehrlich – am Ende lässt sich doch jeder von der hektischen, aber trotz allem besinnlichen Stimmung mitreißen. Denn der Grundgedanke dieses Festes berührt letztendlich jeden von uns. Das hat sich in diesem Jahr auch Bob Geldof zum Ziel gesetzt, den vor einigen Wochen die UNO darum gebeten hat, zum Jubiläum seines Klassikers Do they know it’s christmas? von 1984 eine Neuauflage zugunsten der Ebola-Opfer in Westafrika zu produzieren. Der Sänger ließ sich nicht lange bitten, sondern trommelte im Handumdrehen eine Gruppe stimmgewaltiger Briten (u.a. Ed Sheeran, Sinead O’Connor und Chris Martin) zusammen, die den Song in unveränderter Form neu aufnahmen. Da dieses Projekt, das Band Aid genannt wird, in dieser Art schon des Öfteren organisiert wurde, zuletzt 2004, als das Geld zur Bekämpfung einer Hungersnot im afrikanischen Sudan verwendet wurde, ist es nicht unbedingt eine Überraschung, wenn der Weihnachtshit auch dieses Jahr wieder im Radio rauf und runter gespielt wird. Neue Töne werden diesmal allerdings aus den deutschen Lautsprechern schallen. Zum ersten Mal nämlich gibt es auch eine deutsche Version des Band Aid-Projektes, das von Campino, dem Frontsänger der Punkrockband Die Toten Hosen, auf Anfrage/Bitte/Auftrag von Bob Geldof in die Wege geleitet wurde. Der Rocksänger wurde Anfang November von seinem alten Bekannten angerufen, der ihm, wie Campino im ZEIT-Interview gestand (vgl. „Do they know it’s christmas?“: Heilt die Welt!), keine andere Wahl ließ als zuzusagen, den deutschen Beitrag zu organisieren. Kurz darauf, am 13. November, war Campino in der Lage, sein All-Star-Team vorzustellen, für das er fast die gesamte deutsche Pop-Elite gewinnen konnte. Rund dreißig Musiker haben Do they know it’s christmas? nun neu aufgenommen und jeder von ihnen singt i.d.R. eine Textzeile der Übersetzung, die Campino zusammen mit Thees Uhlmann, Sebastian Wehlings (u.a. Texter von Adel Tawil) und Marteria in mühevoller Kleinarbeit erarbeitete. Das allein sei laut dem Punksänger schon ein „Himmelfahrtskommando“ gewesen, wie er im Morgenmagazin von ARD/ZDF berichtete (vgl. Sendung vom 21.11.2014). Die Musiker hätten sich bemüht, den deutschen Text des Klassikers von all den Flachheiten zu reinigen, die, wie Bob Geldof selbst zugab, im Original steckten. Campino wollte mit seinem Team einen Song schaffen, hinter dem die deutschen Musiker stehen könnten und der frei von den Klischees und Undifferenziertheiten ist, die in der Gegenwart sowieso schon überhandgenommen haben. Natürlich ist der Song immer noch Kitsch – aber dafür Kitsch auf hohem Niveau.

Als Beispiel für eine solche Flachheit des Originals kann die Textzeile „And there won’t be snow in Africa this Christmas Time“ dienen. So hat man sich schließlich für einen komplett neuen Text entschieden, der nicht wie die Originalversion auf Hungersnöte eingeht, sondern spezifisch auf die Ebola-Epidemie verweist: „Gelbe Schutzanzüge auf all den Sendern“. Daher haben Campino und Co. auch den Refrain-Zusatz „Feed the world“ in „Heal the world“ verwandelt (und dabei Michael Jacksons Metapher wörtlich genommen). Manchmal sind Neuerungen einfach unumgänglich. Der Text überzeugt zwar nicht von tiefsinnigen Betrachtungen über das Elend in Afrika und er stellt auch nicht mit erhobenem Zeigefinger Moralvorstellungen in den Mittelpunkt. „Natürlich ist es ein Kitschlied“, meinte selbst Campino dazu. Aber es ist schon eine Leistung, dass der Text nicht in den Ohren weh tut, sondern man sich trotzdem noch an ihm erfreuen kann.

Do they know it’s christmas? wird mit seinem Bezug zur deutschen Alltagssprache zu einer Weihnachtshymne, in der Campino und Co. unter anderem auch deutsche Sprichwörter miteinbezogen haben: „Wir feiern unsere Feste / doch wir sehen nicht wie sie fallen“. Diese Redewendung verwendete in jüngster Vergangenheit schon die Newcomerin Julia Engelmann, die Anfang des Jahres mit ihrem Beitrag One Day/Reckoning Text beim Bielefelder Campus TV Hörsaalslam, einem Poetry-Slam-Wettbewerb, für Furore sorgte: „Lasst uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen, wie sie zu Boden reißen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind“. Man sieht, die junge Slammerin und auch die deutsche Band Aid-Gruppe haben mit der Botschaft, die sie in ihren Werken vertreten, irgendwie den Nerv der Zeit getroffen: Müssen die Deutschen mittlerweile daran erinnert werden, die Feste dann zu feiern, wann sie sind, anstatt sie aufzuschieben, obwohl der übervolle Terminkalender sowieso keinen Platz für sie lässt? Der Text appelliert also nicht nur an unsere Hilfsbereitschaft, sondern auch an unser Unvermögen, unseren Wohlstand so zu genießen, wie es ihm gebührt. Eine recht philosophische Botschaft für solch eine leichte Lektüre, wenn man es sich recht überlegt.

In diesem Sinne ist es wohl auch ein großer Pluspunkt des Projektes, dass sich Musiker aus so vielen unterschiedlichen Genres an der Spendenaktion beteiligen, die dem Song alle individuelle Stimmungen und Schattierungen geben, kurz, die dem Text, so verschieden wie diese Sänger sind, ihren Stempel aufdrücken. Es finden sich hier etablierte Interpreten aus Pop und Rock, aber auch unbekanntere Musiker aus dem Soul wie Joy Denalane oder dem Reggae wie Patrice. Abwechslung bieten insbesondere die Textzeilen der Rapper Marteria und Max Herre, die genau wie Cro und Michi Beck (Fanta 4) die idyllische Stimmung gesanglich wie textlich wieder auf den Boden holen: „Und du fliegst nur sechs Stunden weiter: Ärzte, Schmerzen ohne Grenzen“. Natürlich könnte man sich nun fragen, weshalb Herbert Grönemeyer und Schlagerstars wie Helene Fischer oder Andrea Berg nicht bei dem Projekt mitgewirkt haben. Auch eine deutsche Diskursband wie Tocotronic hätte sich in der bunten Vielfalt an Musikercharakteren sicher gut gemacht. Letztendlich spielt es aber keine Rolle, wer dabei war und wer nicht. Und Campino stellte außerdem ganz schnell klar, dass er „über die reden möchte, die mitgemacht haben und nicht über die, die nicht mitgemacht haben.“ (vgl. „Do they know it’s christmas?“: Heilt die Welt!)

Der Kampf gegen Ebola hat also dazu geführt, dass Musiker wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten (und von denen sich mit Sicherheit einige bei der ECHO-Verleihung lieber aus dem Weg gehen), ein Lied produziert haben, das wider aller Erwartungen sogar richtig gut geworden ist. Der Band Aid Trust entscheidet schließlich, wem die Einnahmen aus dem Verkauf der Singles und Downloads zugespielt werden. Die Entwicklung eines neuen Impfstoffes ist neben der Bekämpfung des akuten Ausbruchs der Krankheit das Hauptanliegen der Bemühungen. Aber trotz des guten Zwecks wurden schon vor Veröffentlichung des Videos des deutschen Band Aid-Beitrags am Freitag, dem 21.11.14, kurz vor den Tagesthemen um 20.00 Uhr, kritische Stimmen laut. „Schlimmer als Ebola“ sei diese Version, die nur eine „neue Eskalationsstufe von Scheiße“ erreichen würde, wertete das Vice-Magazin den Beitrag ab. Harte Worte in Anbetracht der noch härteren Lage in Afrika. Natürlich könnte man die Künstler, die sich daran beteiligten, bezichtigen, dies nur wegen des Imagegewinns zu tun und auch für die Plattenfirmen bietet sich hier ein kostenloses globales Marketingmittel. Der Appell¸ der mit dem Lied aus dem Radio in unsere Ohren transportiert wird, grenze an zwischenmenschlichen Druck, der auf uns aufgebaut werden würde, sodass man gar keine andere Möglichkeit habe, als die Single zu kaufen. Das könnten schon alles wahre Worte sein. Aber muss man bei einem einfachen Popsong, dessen Gewinne lediglich an eine Hilfsorganisation gehen, gleich von modernem Ablasshandel sprechen, der uns wie eine Drohung mit dem Fegefeuer einschüchtert? Nun, diese Ansicht ist mit Sicherheit leicht übertrieben. Campino hält das alles jedenfalls für „beispiellosen Zynismus“. Und wenn man folgende Zeilen auf dem Internetauftritt des Vice-Magazins liest, dann stimmt man ihm auch schon mal zu: „2014 hat soeben offiziell seine Bewerbung für das beschissenste Jahr der Weltgeschichte eingereicht, 1939 kriegt schon kalte Füße.“ (Nicht mal Ebola rechtfertigt die deutsche Version von „Do They Know It’s Christmas“, 18.11.14). Soll man da lachen oder weinen? Man weiß es einfach nicht.

Die Ambivalenz eines solchen Projekts zeigt sich darin, dass zwar ungewiss ist, in welchem Umfang der die Veröffentlichung dieses Songs den Ebola-Opfern hilft, dass er jedoch uns  in jedem Fall hilft, uns in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Denn das ist heutzutage ja auch, um Campino zu zitieren, „ein Himmelfahrtskommando“.

 Marina Willinger, Bamberg

Autopoiesis des Hintergrundradios. Adel Tawils „Lieder“

Adel Tawil

Lieder

Ich ging wie ein Ägypter
Hab' mit Tauben geweint
War ein Voodookind
Wie ein rollender Stein
Im Dornenwald sang Maria für mich
Ich starb in deinen Armen, Bochum '84
Ich ließ die Sonne nie untergehen
In meiner wundervollen Welt

Und ich singe diese Lieder
Tanz' mit Tränen in den Augen
Bowie war für'n Tag mein Held
Und EMF kann es nicht glauben
Und ich steh' im lila Regen
Ich will ein Feuerstarter sein
Whitney wird mich immer lieben
Und Michael lässt mich nich' allein

Ich war willkommen im Dschungel
Und fremd im eigenen Land
Mein persönlicher Jesus
Und im Gehirn total krank
Und ich frage mich, wann
Werd' ich, werd' ich berühmt sein
So wie Rio, mein König für die Ewigkeit
Ich war am Ende der Straße angelangt
War ein Verlierer, Baby, doch dann
Hielt ich ein Cover in der Hand
Darauf ein Mönch, der in Flammen stand
Kurt Cobain sagte mir, ich soll kommen wie ich bin

Und ich singe diese Lieder [...]

Ich war einer von fünf Jungs
"One Minute" aus, dann war's vorbei
Ich sang nur noch für mich,
für ‘ne unendlich lange Zeit
Dann traf ich auf sie
Und sie erinnerte mich
Wir waren Welten entfernt
Und doch vom selben Stern
Ich ging wie ein Ägypter
Hab' mit Tauben geweint
War ein Voodoo-Kind
Wie ein rollender Stein
Ich ließ die Sonne nie untergehen
In meiner wundervollen Welt

Und jetzt singe ich meine Lieder
Tanz' mit Tränen in den Augen
Bowie war für'n Tag mein Held
Und EMF kann es nich' glauben
Und ich steh' im lila Regen
Ich will ein Feuerstarter sein
Whitney wird mich immer lieben
Und Michael lässt uns nicht allein

Denn wir singen diese Lieder
Tanzen mit Tränen in den Augen
Bowie war für'n Tag ein Held
Und EMF kann es nich' glauben
Und wir stehen im lila Regen
Wir wollen Feuerstarter sein
Whitney wird uns immer lieben
Und Michael lässt uns nicht allein

     [Adel Tawil: Lieder. Vertigo 2013.]
Der Künstler Matthias Schamp hat eine umfangreiche Fotoserie mit dem Titel „Schlechte Verstecke“ veröffentlicht, deren Bilder einen Mann zeigen, der hinter zu kleinen Gegenständen hockt, sich deutlich abzeichnend unter Teppichen liegt etc. Ähnlich raffiniert versteckt sind auch die Zitat-Ostereier in Adel Tawils Lieder. Offensichtlich besteht der Reiz, den das Lied ausweislich der hohen Chartplatzierung (Platz 2) und des massiven Radio-Airplays (Platz 1) auf viele Hörer auszuüben scheint, nicht darin, dass es den sportlichen Ehrgeiz beim Zitate-Suchen weckt. Das wird nicht nur daran deutlich, dass in manchen Fällen (Whitney Houston, Michael Jackson, Kurt Cobain, David Bowie, EMF) der Interpret sogar gleich mitgenannt wird, sondern auch in der wörtlichen Übersetzung von „Firestarter“ mit dem Neologismus „Feuerstarter“ anstelle des geläufigen „Brandstifter“, was wohl tatsächlich längeres Überlegen provoziert hätte.
Und ordnet man die zitierten Lieder (die u. a. bereits bei Wikipedia aufgelistet sind) chronologisch an, wird auch deutlich, dass es sich hier nicht, wie mancherorts behauptet (Tawil selbst spricht nur von „Liedern, die [ihn sein] ganzes Leben lang begleitet haben“, vgl. Interview), ausschließlich um Lieder aus der Jugend des 1978 geborenen Sängers handelt:
  • Anonym: Maria durch ein Dornwald ging (1850)
  • Bob Dylan: Like a Rolling Stone (1965)
  • Louis Armstrong: What a Wonderful World (1968)
  • Jimi Hendrix: Voodoo Child (1970)
  • Elton John: Don’t Let the Sun Go down on Me (1974)
  • David Bowie: Heroes (1977)
  • Prince: When Doves Cry (1984)
  • Cutting Crew: (I Just) Died In Your Arms (1984)
  • Herbert Grönemeyer: Bochum (1984)
  • Ultravox: Dancing with Tears in My Eyes (1984)
  • Prince: Purple Rain (1984)
  • The Bangles: Walk Like an Egyptian (1986)
  • Rio Reiser: König von Deutschland (1986)
  • Guns ’n‘ Roses: Welcome to the Jungle (1987)
  • Bros: When Will I Be Famous (1987)
  • Depeche Mode: Personal Jesus (1989)
  • EMF: Unbelievable (1990)
  • Advanced Chemistry: Fremd in eigenen Land (1992)
  • Boyz II Men: End of the Road (1992)
  • Nirvana: Come as You Are (1992)
  • Rage Against the Machine: Killing in the Name (1992)
  • Whitney Houston: I Will Always Love You (1992)
  • Cypress Hill: Insane in the Brain (1993)
  • Beck: Loser (1994)
  • Michael Jackson: You Are Not Alone (1995)
  • The Prodigy: Firestarter (1996)
Doch nicht nur zeitlich, auch stilistisch sind die zitierten Songs derart gestreut, dass ihre Zusammenstellung keine spezifische musikalische Sozialisation einer Alterskohorte oder der Angehörigen einer bestimmten Musikszene abbildet und somit als Erinnerungsmedium funktionieren könnte. Auch entsteht durch die Zitate, abgesehen von der dritten Strophe, in der Tawil seine musikalische Vergangenheit in der Boyband The Boyz und zusammen mit Annette Humpe als Ich + Ich besingt, kein neuer Sinn, etwa in Form einer Geschichte (wie unter Verwendung diverser Punkbandnamen in Wir sind nicht die Onkelz von Rantanplan).
Die Aufzählung erinnert an die Programmankündigungen von Massenwellen: „Das Beste der 60er, 70er, 80er und 90er“. Und so verwundert es nicht, dass das Lied vor allem dort derart erfolgreich ist. Es ist eine Feier jener popkulturellen Indifferenz, in der linksradikaler Metal, Lovesongs, Rap, Deutschrock und Adventslieder sich abwechseln, ohne dass sich jemand daran stört, was ja überhaupt – aus Sicht der Programmverantwortlichen auch ganz explizit – das Hauptanliegen solcher Sender ist: nicht zu stören – beim Autofahren, Bügeln, Frühstücken oder Lieder schreiben.
Martin Rehfeldt, Bamberg