„Wenn ich Arschloch denk‘, will ich nicht Blödmann sagen“. Tic Tac Toe stellen sich vor in „Schubidamdam“

Tic Tac Toe 

Schubidamdam (Text: Tic Tac Toe, C. A. Wohlfromm und T. Börger)

hallo wir sind TIC TAC TOE und du willst mir erzählen wir ham kein niveau
weil wir wörter benutzen die dich verdutzen
die deiner meinung nach die umwelt verschmutzen
laber laber laber ich brauch dich nicht
vielleicht brauchst du mich du blockflötengesicht
unsere konversation ist keine kommunikation
denn deine präsentation bringt keine stimulation

intellekt intellektuell oh wow bist du schlau nurn bißchen
grau im kopf n bißchen kleinkariert
aber trotzdem vielen dank ich hab mich köstlich amüsiert

ich quassel wie und was ich will
ich weiß vielleicht nicht viel aber ich sag was ich fühl
drum echauffier dich nicht du kleines arschgesicht
denn wenn ich ehrlich bin du interessierst mich nicht

piss off i'm not your bitch
i'm not your baby i'm just a witch
piss off i'm not ya bitch
i'm not your schubidubidubidamdam

wir sagen was wir denken und wir denken was wir sagen
wenn ich arschloch denk will ich nicht blödmann sagen
denn das wär nicht ehrlich das wär gefährlich
ne schere im kopf wär dann unentbehrlich
ich bin wie ich bin mich zu verstellen macht keinen sinn
ich hab keine lust schubidubi zu sing
drum find dich damit ab daß die straße ihre eigne sprache hat
und die ist nicht glatt

aber sie drückt mit drei worten aus wozu du 120 brauchst
deine impertinenz unsere verbalexistenz zu denunzieren
kann ich so nicht akzeptieren un schon gar nicht kapieren
aber wegen dir werd ich bestimmt nicht meine contenance verlieren

drum echauffier dich nicht du kleines arschgesicht
denn wenn ich ehrlich bin du interessierst mich nicht

     [Tic Tac Toe: Klappe die 2te. RCA 1997.]

Nie als Single veröffentlicht findet sich etwas versteckt auf dem mit Klappe die 2te betitelten zweiten Album der Gruppe Tic Tac Toe das Lied Schubidamdam, das man als eine Art Visitenkarte der Mitglieder Lee, Ricky und Jazzy auffassen kann. Das Album erschien am 24. April 1997 und zu diesem Zeitpunkt hatten die drei schon einiges hinter sich.

In der ursprünglichen Besetzung (spätere Comeback-Versuche nicht mitgerechnet) dauerte die Karriere der Band nur zwei Jahre. Im November 1995 wurde die erste Single Ich find‘ dich scheiße veröffentlicht, im November 1997 kam es auf einer Pressekonferenz zum Zerwürfnis.

Rückblickend betrachtet befand sich das Trio von Anfang an in einem Spannungsfeld zwischen Authentizität und Künstlichkeit. Bezüglich seiner Entstehung wurde die Legende lanciert, die Mädchen hätten sich im April 1995 im Kolpingheim in Dortmund beim „Freestyle-Hip-Hop-Jam“ kennengelernt und die zufällig anwesende Managerin Claudia A. Wohlfromm sei von der gemeinsamen Performance der drei so angetan gewesen, dass sie sie spontan unter Vertrag genommen habe. Kurioserweise erzählen zwei 1997 erschienene Bücher für Fans der Band die Geschichte jeweils etwas unterschiedlich: Laut Hans S. Mundi sei Jazzy als Erste zu Lee auf die Bühne geklettert und Ricky habe sich zunächst nicht getraut, laut Julia Edenhofer sei es genau umgekehrt gewesen.

Das ansonsten wohlinformierte Portal laut.de erzählt die Geschichte von einem Hip-Hop-Wettbewerb bis heute, dabei berichtete Wohlfromm im Jahre 2014 in einem Interview, wie sich alles tatsächlich zugetragen hatte: „Die Idee mit Lee und Ricky eine Band zu machen, gab es schon. Jazzy habe ich dann bei einer Jam entdeckt und die drei zusammen geführt […] Lee kenne ich schon, seit sie klein war. Die hat damals in meinem Studio gesungen. Als sie 15 war, habe ich ihr schon gesagt, dass ich irgendwann kommen und sie holen werde.“

Julia Edenhofer wirft in ihrem Buch auf S. 10 f. den Begriff „Girlpower“ in den Raum und definiert ihn u. a. dadurch, dass die Bandmitglieder sich „nicht von irgendeinem Manager oder Produzenten wie Marionetten vorführen lassen“ und dass sie „Freundinnen sind, die zueinander stehen“. Auf S. 16 wird Ricky mit den Worten „Wir wurden nicht gecastet, und wir sind auch kein Schubladenprojekt“ zitiert – zurechtgebogene Wahrheit. Sowohl Edenhofer als auch Mundi ziehen die zur gleichen Zeit erfolgreichen Spice Girls aus Großbritannien als Vergleich heran, wobei es sich hierbei ebenfalls um eine gecastete Band handelte. Beide Fan-Bücher zitieren aus Interviews mit den Bandmitgliedern, in denen diese betonen, dass die Songs in (harmonischer und freundschaftlicher) Gemeinschaftsarbeit mit Wohlfromm und dem Produzenten Torsten Börger entstehen.

Mundis Buch erschien Anfang 1997, noch vor dem Release des zweiten Albums und zu einem Zeitpunkt, als die Welt noch in Ordnung war. Die Geburtsjahre von Ricky, Jazzy und Lee werden mit 1978, 1977 und 1977 angegeben. Bei Edenhofer, deren Buch nur wenige Monate später veröffentlicht wurde, steht bereits 1978, 1975 und 1974, wobei die Erkenntnis, dass zwei der drei Mädchen älter waren als ursprünglich angegeben, nur die Spitze des Eisbergs war. Liane „Lee“ Wiegelmann betreffende Skandale kamen ans Licht: Ihr (von ihr nie erwähnter) Ehemann hatte sich nach Scheitern der Beziehung erhängt und sie hatte für kurze Zeit als Prostituierte gearbeitet. Hassbotschaften bis hin zu Morddrohungen waren die Folge, dennoch fand die geplante Tour im April/Mai 1997 statt und die Fans zeigten mit Plakaten und Sprechchören, dass sie hinter ihrer Lieblingsband standen.

Auch Schubidamdam erklang damals auf diversen Bühnen im deutschsprachigen Raum. In diesem Lied stellt sich ein „Wir“ bzw. „Ich“ (das Trio als Einheit?) gegen ein „Du“. „hallo wir sind TIC TAC TOE“, heißt es zu Beginn. Die sprechende Entität ist nicht gebildet, aber ehrlich und direkt („ich weiß vielleicht nicht viel aber ich sag was ich fühl“), sie kommt von der Straße und ist weder willens noch in der Lage, sich zu verstellen. Die als „Du“ angesprochene Partei ist langweilig und steif („nurn bißchen / grau im kopf n bißchen kleinkariert“), versteht sich als intellektuell und braucht „120“ Worte, um auf den Punkt zu kommen. Ihre Meinung interessiert und beeindruckt Tic Tac Toe nicht. Der lautmalerische Titel steht für belanglose, inhaltsleere Texte, die die Gruppe eben nicht vortragen möchte: „ich hab keine lust schubidubi zu sing“.

Durch den gesamten Songtext ziehen sich Binnenreime. An den Stellen, an denen die sprechende Instanz die angesprochene parodiert (und damit zeigt, dass sie sich sehr wohl gebildet ausdrücken könnte, wenn sie nur wollte), kommen Alliterationen hinzu („unsre konversation ist keine kommunikation“, „intellekt intellektuell“). Der Refrain ist – für die Gruppe untypisch – auf Englisch gehalten, während in den Passagen, in denen die Ausdrucksweise der gegnerischen Partei imitiert wird, zahlreiche Entlehnungen aus dem Lateinischen und Französischen auffallen, darunter auch wenig gebräuchliche Wörter wie Impertinenz und Contenance. Im englischsprachigen Refrain finden sich die eher derben Ausdrücke piss off und bitch, die deutschen Strophen warten neben dem originellen Blockflötengesicht mit Arschgesicht und Arschloch (und eben nicht Blödmann) auf. Zur unfeinen Bezeichnung für den Hintern ist zu sagen, dass Tic Tac Toe sie in einem Song auf ihrem ersten nach sich selbst benannten Album (Veröffentlichung im April 1996) bewusst umschiffen: „Leck mich am A, leck mich am B, leck mich am Zeh“, bekommt der Mann zu hören, der sich weigert, beim One-Night-Stand ein Kondom zu benutzen.

Ein anderer im Deutschen höchst beliebter Kraftausdruck wird im Refrain ihrer allerersten Single immer wieder und wieder verwendet: scheiße, gebraucht als Adjektiv. Beim Musiksender VIVA lief das dazugehörige Video nach Veröffentlichung mehrmals am Tag, in den Geschäften war die Single so erfolgreich, dass sie im Mai 1996 für 500.000 verkaufte Exemplare mit Platin ausgezeichnet wurde, doch Radiostationen wollten das Lied mit dem schlimmen Wort zunächst nicht spielen. Wenig zimperlich ist auch der Titel des ersten Nummer-1-Hits des Trios, Release im Dezember 1996: Verpiß dich lautet er und eine Nebenbuhlerin wird im Text als „miese Schlampe“ tituliert.

Moralapostel sind gegen uns, doch sie können uns nicht einschüchtern und uns den Erfolg nicht nehmen, dies ist die Botschaft von Schubidamdam. Zum Songtext passt die folgende Aussage von Lee im als Reaktion auf die Skandale aufgezeichneten Video Die ganze Wahrheit (zitiert nach Edenhofer, S. 55): „[…] Vielleicht sehen die Eltern jetzt ein, warum wir ‚Ich find dich Scheiße‘ singen, und nicht ‚Ich find dich nicht nett‘. […] Wenn ich nicht durch diese Scheiße gestiefelt wäre, könnten wir solche Lieder gar nicht singen. Mein Leben macht viel von diesen Texten aus.“

Kritik an den Zuständen auf der Welt, Abrechnung mit Leuten, die die drei Mädchen nicht mögen (vorwiegend männlichen Geschlechts), und selbstbestimmte weibliche Sexualität sind die Themen, die sich durch beide Alben der Band ziehen. Provokation ja, aber mit Spaß statt Verbissenheit, so beschrieben es Tic Tac Toe damals in Interviews. Ihren Stil bezeichneten sie nicht als Hip-Hop, sondern als „deutschen Sprechgesang, gekoppelt mit jeder Art von Musik“ (zitiert nach Edenhofer S. 19). Ihre Musik sollte gute Laune verbreiten und gleichzeitig eine Botschaft vermitteln, die Songs widmeten sich Themen wie Geld- und Machtgier, Safer Sex und Drogenmissbrauch. Heute rühmen einzelne Stimmen die Bedeutung von Tic Tac Toe als selbstbewusste nicht-weiße Frauen, während sich die Mehrheit vor allem an das Ende mit Knalleffekt auf der unglückseligen Pressekonferenz zu erinnern scheint. Ausschnitte sind im Netz noch einsehbar, unreif und überfordert wirken die drei da. Wenngleich sie nicht ganz so jung waren wie ursprünglich behauptet, war die Älteste gerade einmal 23 Jahre alt.

Nur zwei Jahre währte die Blütezeit, doch in den Erinnerungen vor allem der damals etwa zehn bis fünfzehn Jahre alten Mädchen haben Tic Tac Toe einen festen Platz. Weibliche Stimmen waren im deutschen Hip-Hop in jener Zeit rar gesät, Schimpfwörter aus dem Mund von Frauen im Mainstream unüblich. Und Lee, Ricky und Jazzy konnten mehr als nur Vulgaritäten absondern. Die Band mag das Produkt des kalkulierenden Paars Börger/Wohlfromm gewesen sein (siehe auch hier), doch ihre Texte waren von eigenen Erfahrungen geprägt und die Persönlichkeit der Mitglieder schimmerte zwischen den Zeilen stets hindurch. Die „Ruhrpottniggaz“ (wie ihr erstes Album fast geheißen hätte) sind aus der Geschichte der 90er-Jahre nicht wegzudenken.

Irina Brüning, Hamburg

Literatur:

Hans S. Mundi: TIC TAC TOE – Die Erfolgsstory von Lee, Ricky und Jazzy, Düsseldorf 21997.

Julia Edenhofer: TIC TAC TOE – Kleine Träume werden groß. Die ultimative Biographie der Ruhrpottniggaz, München 1997.

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

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