Kiffer vom Dach: „Highnachtsmann“ von GReeeN

GReeeN

Highnachtsmann

Hallo liebes Kind, ich bin der Highnachtsmann
Gib dei’m Vater diesen Keks und er ist gleich entspannt
Und wenn du mich oben auf dem Schornstein siehst
Dann nur, weil da wie an einer Bong dran zieh‘
Ja, mein liebes Kind, ich bin der Highnachtsmann
Bitte nicht verwechseln mit dem Weihnachtsmann
Der Unterschied zu ihm? Ich bin high, verdammt
Und versteck‘ mich vor dei’m Vater im Kleiderschrank

Ich sitz‘ da und roll‘ mir ’n Ofen
Aus meinem Mund kommen Wolken geflogen
Keinen Sack, nur ein’n Beutel voll Drogen
Das Feuerzeug lodert, die Knolle nicht ohne
Die Lichtlein angezündet,
Freude zieht in jeden Raum
Sag mir, Kinder, habt ihr Wünsche?
Heut‘ erfüll‘ ich jeden Traum
Leuchte Licht mit hellem Schein
Vom Kräuter-Spliff, da werd‘ ich high
Hm, duftet das gut, ich freu‘ mich auf die Leckereien
Statt Schnee fallen Blüten vom Himmel
Fröhliche Stimmung, es riecht süß nach Vanille
Grün ist die Brille, ein Jointlein brennt
Erst ein, dann zwei, dann drei, dann vier

Hallo, liebes Kind, ich bin der Highnachtsmann [...]

Und wenn ich heut‘ Nacht bedeutsam ’nen Joint paff‘
Kann es jeder seh’n wegen der unglaublichen Leuchtkraft
Sie renn’n mir hinterher, weil ich supergeiles Zeug hab‘
Ja, daran zerbrach schon so manche Freundschaft
Lass uns froh und munter sein
Ich hab‘ hier grad ’n pures Teil
Ja, mein Dope bleibt unerreicht
Wir ballern uns die Lunte rein
Mein Schlitten kann nicht flieg’n,
im Gegensatz zu seinem
Doch ich bin so high,
ich flieg‘ von ganz alleine
Ich back‘ im Handumdreh’n
’nen Haschisch-Keks
Der im Handumdreh’n
dein’n Verstand zerlegt
Danach kannst du nicht mehr das Alphabet
Und man kann die Sabber seh’n

Hallo, liebes Kind, ich bin der Highnachtsmann […]

Ich bin der Highnachtsmann, ich bin high, verdammt
Ich bin der Highnachtsmann, ich bin high, verdammt
Und ich flieg‘ hier rum, ich flieg‘ hier rum
Ich kiff‘ mich dumm, ich kiff‘ mich dumm

     [GReeeN: Highnachtsmann. 2020.]

Eine auf einem Wortspiel basierende Alberei in der Tradition deutscher ‚Blödelbarden‘ wie Insterburg & Co., Mike Krüger oder Jürgen von der Lippe – so könnte man das Lied abtun, ggf. noch ergänzt um die biographistische Spekulation, dass dessen Verfasser bei der Niederschrift des Textes eventuell selbst unter Substanzeinfluss stand. Oder man könnte das Stück in der Traditionslinie der Kifferlieder stellen, einem international seit den 1960ern etablierten Genre (vgl. dazu etwa dieses Ranking), das Ton Steine Scherben mit ihrem Shit-Hit für die deutsche Musik adaptierten, das Hans Söllner (u.a. mit Marihuanabam) fortführte und das im Deutschrap endgültig mehrheitsfähig gewordenen ist (vgl. etwa entsprechende Listen auf rap.de oder backspin.de). Auch der Rapper und Reggae-Sänger GReeeN hat bereits einige erfolgreiche Songs zum Thema veröffentlich, z.B. THC oder Stoned durch den Wald. Und doch handelt es sich bei Highnachtsmann nicht einfach um ein weiteres Gute-Laune-Kiffer-Lied.

Das liegt vor allem daran, dass die Haschkekse nicht dem angesprochenen Kind angeboten werden, sondern für dessen Vater bestimmt sind. Dieser erscheint als durchaus bedrohliche Figur, die mit der Droge besänftigt werden soll und vor der sich der Highnachtsmann im Schrank verstecken muss. Damit steht der Highnachtsmann in der Tradition von Figuren, die Kindern dabei helfen, sich gegen eine oppressive erwachsene Autorität zu behaupten – man denke daran, wie Karlsson vom Dach Fräulein Bock tirrituiert.

Dazu passt auch, dass der Highnachtsmann ausdrücklich Wert darauf legt, nicht mit dem Weihnachtsmann verwechselt zu werden. Zwar begründet er dies vordergründig mit Äußerlichkeiten (kein fliegender Schlitten, Drogenbeutel statt Geschenkesack, high statt nüchtern) und führt für ähnliches Verhalten (Aufenthalt auf dem Schornstein) eine abweichende Motivation an; doch lässt sich die Abgrenzung auch auf die unterschiedlichen Funktionen der Figuren beziehen: Der Weihnachtsmann fungiert üblicherweise als Handlanger der Erwachsenenwelt – selbst wenn er nicht, wie der verwandte Nikolaus, Züchtigungsinstrumente oder furchterregende Begleiter (Knecht Rupprecht, Krampus etc.) dabei hat, die in Geiste einer – hier auch wörtlich zu verstehenden – schwarzen Pädagogik Kinder ängstigen und so zu normgerechtem Verhalten bewegen sollen; denn dass nur „brave“ resp. „artige“ Kinder Geschenke erhalten, gehört fest zur Weihnachtsmannmythologie. Er mag, speziell in der amerikanischen Santa Claus-Spielart, deren Ikonographie maßgeblich von der Coca Cola-Werbung mitgeprägt worden ist, zwar eine gütige Autorität sein, subversiv ist er jedoch in der klassischen Überlieferung nicht (um so attraktiver ist es natürlich, ihn in satirischen Texten zu einer solchen zu machen wie Robert Gernhardt in Die Falle. Eine Weihnachtsgeschichte oder Paul Maar in Das Sams feiert Weihnachten).

Aber zurück zu unserem Highnachtsmann: Bei aller Abgrenzung vom rotbemützten Ordnungshüter ist er doch keine amoralische Figur: Denn er kommt keineswegs als Dealer ins Kinderzimmer, sondern bietet dem Kind lediglich einen Ausweg an, wie es Konflikten mit der anderen Autoritätsfigur des Textes, dem Vater, vorbeugen kann. Darüber hinaus fällt seine Schilderung des eigenen Konsums durchaus ambivalent aus: Beginnt sie noch mit im Rap gängigen grotesken Prahlereien (der Schornstein als Bong, was en passant die textliche Fixierung vieler Rapper auf die Größe ihres Geschlechtsteils parodiert) und der Schilderung weihnachtsähnlich gemütlicher Stimmung, führt sie über Allmachtsphantasien („Heut‘ erfüll‘ ich jeden Traum“) in soziale Isolation („Ja, daran zerbrach schon so manche Freundschaft“) und körperliche Degeneration („Der im Handumdreh’n / Dein’n Verstand zerlegt / Danach kannst du nicht mehr das Alphabet / Und man kann die Sabber seh’n“, „Ich kiff‘ mich dumm“). Eine ähnliche, pädagogisch wertvolle Warnung vor übermäßigem Drogenkonsum findet sich übrigens auch in Stoned durch den Wald:

Es ist wahr, ich verbrenn gerne Dope
Sei dir gewiss, ich bin nicht ständig stoned
Nüchternsein ist das Wahre und bleibt Nummer eins
Nüchtern schreib ich in fünf Minuten 200 Lines

Bemerkenswert an diesem Bekenntnis zur überwiegenden Nüchternheit ist auch, dass es explizit poetologisch begründet wird: Entgegen der oft kolportierten These, dass Künstler unter Drogeneinfluss besonders kreativ seien, betont das Sprecher-Ich hier (wieder hyperbolisch) seine immense Produktivität in nüchternem Zustand.

Doch zurück zu unserem Lied: Ist der Highnachtsmann, der sich selbst als warnendes Beispiel vor exzessivem Drogenkonsum vorstellt, mithin vielleicht ein lediglich modern daherkommender Verwandter seines Beinahe-Namensvetters und fungiert wie dieser letztlich doch als Erziehungsgehilfe der Eltern? Nein. Denn er begegnet dem Kind ja als Verbündeter gegen den Vater, dem er allerdings keineswegs überlegen ist – sonst müsste er sich nicht im Schrank verstecken. Der Highnachtsmann steht somit auf der Seite des Kindes (und ist auch selbst reichlich kindisch-albern) und zeigt ihm einen Weg auf, sich zu behaupten – er schiebt den Keks ja nicht etwa selbst dem Vater unter, sondern ermuntert das Kind dazu. Im Vorschlag, dem angespannten Vater einen Haschgebäck zu verabreichen, klingt außerdem die soziale und politische Utopie an, die oft in Plädoyers für Marihuanakonsum angeführt wird: Die Droge habe befriedende Wirkung auf ihre Konsumenten: Würden, so die Theorie, alle – erwachsenen – Menschen, gerade die zur Aggression neigenden, regelmäßig kiffen, würde dies zu einem harmonischeren Miteinander führen – sowohl, wie im Lied ausbuchstabiert, in der Familie als auch im größeren gesellschaftlichen und politischen Rahmen.

Doch gilt auch hier, so zeigt der Highnachtsmann mit den drastischen Schilderungen der Folgen übermäßigen Konsums, dass die Dosis das Gift macht. Und so geht es ja auch beim geplanten Haschkeksunterschub nicht darum, den Vater in den Zustand eines sabbernden Analphabeten zu versetzen, sondern ihm die – mutmaßlich aus seinem (beruflichen) Erwachsenenleben nach Hause mitgebrachte – Anspannung zu nehmen. Der Highnachtsmann fungiert hier als eine Art Familienhelfer in der Tradition von Mary Poppins – sobald die Voraussetzung wieder hergestellt ist, dass der nunmehr entspannte Vater sich seinem Kind zuwendet, wird wohl auch er wieder verschwinden, ebenso wie es das schirmreisende Kindermädchen schließlich tut. Und er wird im besten Fall eine Familie zurücklassen, die auch nach dem Abklingen der beruhigenden Drogenwirkung beim vormals gestressten Vater ein glückliches Weihnachtsfest gemeinsam verbringt. Und sollte doch ein Streit aufziehen, steht ja die Keksdose bereit.

Jedoch erschöpft sich das Lied nicht darin, die Tradition fantastischer Helferfiguren für Kinder fortzuschreiben und für sein Genre ungewöhnlich kritisch Nutzen und Gefahren des Marihuanakonsums zu reflektieren; es ist vor allem ein großer Spaß, mit dem im Ohr sich auch die Lichterorgien öffentlicher Weihnachtsdekorationen als psychedelisch goutieren lassen. Und so kann es vielleicht, ganz unabhängig von den jeweils präferierten Plätzchenrezepten, zu einem fröhlichen und entspannten Weihnachten beitragen – wir alle haben es zum Ende dieses Jahres wohl nötig. In diesem Sinne: Ein frohes Fest!

Martin Rehfeldt, Bamberg

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.