Eingeschränkt systemrelevant. Warum Funny van Dannens „Künstler sind nicht überflüssig“ das Lied der Stunde ist.

Funny van Dannen 

Künstler sind nicht überflüssig 

Künstler sind nicht überflüssig 
Aber Bäcker sind viel wichtiger
Sie backen das Brot schön knusprig 
Und sie stehen schon ganz früh auf.
Ohne sie wär das Frühstück eine Katastrophe
Wir müßten die Marmelade mit dem Löffel essen
Und die Wurst pur.

Künstler sind nicht überflüssig, 
Doch Fleischer sind viel wichtiger
Sie hacken das Fleisch in Stücke, 
Und sie schneiden es zurecht
Sie machen feine Koteletts, 
Und viele schicke Filets
Ohne sie müßten wir selber, 
Blutige Schürzen tragen
So eine Schweinerei

Künstler sind nicht überflüssig, 
Doch Soldaten sind viel wichtiger
Sie beschützen unser Land, 
Wenn Feinde es bedrohen
Sie fahren U-Boot und Panzer, 
Und Sie zerstören Nachschubbasen
Stellt euch einmal vor wir müßten 
Selber Menschen töten
So ein Wahnsinn

Künstler sind nicht überflüssig,
Doch Unternehmer sind viel wichtiger
Sie schaffen Arbeitsplätze, 
Und tragen die Verantwortung
Für viele Existenzen, 
Und wenn etwas schiefläuft
Stehen sie auf der Straße 
Mit der nackten Hand im Wind
Das ist bitter, das ist so bitter

Künstler sind nicht überflüssig, 
Weil sie was zu sagen haben
Und uns den Alltag vergessen lassen, 
Ich finde, daß sie prima
In unsere Gesellschaft passen

     [Funny van Dannen: Basics. Trikont 1996.]

Der Begriff „systemrelevant“, ursprünglich v.a. auf Großbanken bezogen, die volkswirtschaftlich als „too big to fail“ angesehen wurden, hatte bereits eine sukzessive Ausweitung erfahren (vgl. Wikipedia), als er im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie noch einmal massiv ausgedehnt wurde: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rechnet zu den kritischen Infrastrukturen, die als systemrelevvant gelten, „Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien und Kultur“ (www.bbk.bund.de). Nun ist eine solche Ausweitung natürlich für alle Personen, die in den eingeschlossenen Branchen tätig sind, erfreulich, etwa wenn es darum geht, welche Betriebe im Lockdown weiterarbeiten dürfen oder wer seine Kinder in die Notgruppen von Betreuungseinrichtungen schicken kann; da aber jede Definition darüber funktioniert, dass sie nicht nur ein-, sondern auch ausschließt, wird das Gefühl der Benachteiligung bei denjenigen, deren Tätigkeiten nicht als systemrelevant eingestuft werden, umso größer, je mehr andere in die Gruppe der Systemrelevanten aufgenommen werden. Versteht man den Begriff ferner nicht rein denotativ, sondern interpretiert ein Konnotat, mithin eine Wertung, mit hinein, so wird aus der Benachteiligung eine Kränkung. Diese fällt umso heftiger aus, je relevanter die zurückgesetzte Person sich und ihr Tun selbst einschätzt und je mehr sie darin bislang auch von ihrem Umfeld und von gesellschaftlichen Instanzen bestärkt worden ist.

Künstler werden in der Bundesrepublik Deutschland in einem im internationalen Vergleich außergewöhnlichen Umfang gefördert: Das reicht von Preisen, Stipendien etc. bis zu öffentlich finanzierten Positionen, z.B. an Stadttheatern, Staatsorchestern oder Kunstakademien. Vor diesem Hintergrun nimmt es kaum Wunder, dass sich Künstler nun nicht nur teilweise in ihrer finanziellen Existenz bedroht sehen, sondern es darüber hinaus auch als Kränkung empfinden, dass ihnen nun Friseure und Schuhgeschäfte, bislang vor allem als beliebter Gegenstand meist schlechter Witze medial präsent, vorgezogen werden.

Da hülfe es, einem Kollegen zuzuhören – der Singer-Songwriter, Autor und Maler Funny van Dannen hat bereits 1996 sehr einleuchtend zum Ausdruck gebracht, welche Bedeutung Künstlern in der Gesellschaft zukommt: Sie sind – das Positive vorweg – nicht überflüssig. Immerhin, das ist ja schon einmal was. Allerdings folgt die narzisstische Kränkung gleich auf dem Fuße, gilt die von Brecht formulierte Erkenntnis „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ doch auch abgewandelt für die Kunst: Vor die Wahl gestellt, ob man eher auf Brot und Brötchen oder auf neue künstlerische Hervorbringungen verzichten würde, fiele den meisten die Wahl wohl leicht, wie das in der ersten Strophe durchgeführte Gedankenexperiment zwar humoristisch aber dadurch keineswegs nicht ernst gemeint illustriert.

Für die in der zweiten Strophe genannten Fleischprodukte gilt dies hingegen schon eingeschränkter, denn nicht nur – man verzeihe das Wortspiel – eingefleischte Vegetarier, sondern auch viele Gelegenheitscarnivoren könnten sicher auf Fleisch verzichten, um im Gegenzug z.B. neue Folgen ihrer Lieblingsserie sehen zu können. Aber der Fokus wird in dieser Strophe ohnehin interessanterweise weg vom Konsum hin zur Produktion verschoben: Die Angesprochenen werden nicht analog zur ersten Strophe aufgefordert, sich ein Leben ohne Grillgut vorzustellen, sondern sich in die Rolle des Fleischers hineinzuimaginieren – „eine Schweinerei“, wie der Sprecher bilanzierend kalauert. Hier klingt einerseits die moralische Zweifelhaftigkeit des Tötens von Lebewesen zum Verzehr an, andererseits auch die Auslagerung dieser physisch wie psychich belastenden Arbeit – über die Zustände in Schlachthöfen sind im Zuge der Berichterstattung über die dortigen Coronaausbrüche mittlerweise auch diejenigen informiert, die davor die Frage, wo das Fleisch war, bevor es ins Regal kam, erfolgreich ausgeblendet hatten.

Noch deutlicher wird die Kritik am vorgestellten Berufsstand in der dritten Strophe: Werden zunächst noch die gängigen Begründungen für die Notwendigkeit einer Armee referiert und Tätigkeiten von Soldaten verschiedener Waffengattungen aufgezählt, so wird das die Strophe beschließende Gedankenexperiment („Stellt euch einmal vor, wir müßten / Selber Menschen töten“) eindeutig pazifistisch kommentiert: „So ein Wahnsinn“

In diesem Kontext erscheint auch die folgende Strophe, in der, wieder unter Rückgriff auf gängige Phrasen, die Rolle von Unternehmern gepriesen wird, ironisch – erst recht, wenn behauptet wird, dass sie im Falle deiner Unternehmenspleite „mit der nackten Hand im Wind“ stünden – denn der mit seinem Privatvermögen haftende Kaufmann, der aus Scham über den Bankrott den Freitod wählt, ist längst zur historischen Figur geworden, erlauben doch moderne Unternehmensformen, einen Haftungsdurchgriff aufs Privatvermögen zu verhindern.

Wenn es dann in der fünften Strophe endlich hauptamtlich um die titelgebendeKünstler geht, ist also tatsächlich ein weit differenziertzeres Bild der Gesellschaft und der darin vertretenen mehr oder weniger notwendigen Berufe gezeichnet worden, als das Sprecher-Ich vorgeblich behauptet, wenn es alle aufgezählten Berufe als „viel wichtiger“ als den des Künstlers einführt. Denn, was die gelenkte Sympathieverteilung angeht, balgt sich der Künstler wohl mit dem Fleischer um Platz zwei hinter dem unangefochten sympathischen Becker, der selbst früh aufsteht, um uns unser Langschläferfrühstück mit frischen Brötchen zu ermöglichen. Die Berufe des Soldaten und Unternehmers hingegen werden deutlich kritischer gesehen. Zudem wird in der kurzen Schlusstrophe auch die gesellschaftliche Funktion von Künstlern genannt und zwar aller Künstler – man beachte die Wahl der Konjunktion „weil“ statt des ebenfalls möglichen, einschränkenden „wenn“ -: Sie haben etwas zu sagen und lassen den Alltag vergessen – das kann man entweder im Sinne des klassischen „docere et delectare“ zusammendenken oder aber als zwei entgegengesetzte Spielarten: engagierte vs. eskapistische Kunst. So oder so – Künstler haben ihren, wenn auch nicht herausgehobenen, Platz in der Gesellschaft.

Soweit zur expliziten Aussage des Textes; Kunst, die autoreflexiv Kunst thematisiert, lenkt aber unweigerlich auch den Blick auf ihre ästhetischen Strategien. Und hier ist der reimfreie und nah an alltagssprachlicher Rede gehaltene Text raffinierter als es auf den ersten Blick scheint. Denn er spielt seine zum Strophenanfang jeweils wiederholte Kernaussage „Künstler sind nicht überflüssig“ in allen Stufen der Ernsthaftigkeit vom eigentlichen Sprechen bis zur offenen rhetorischen Ironie durch, wie oben gezeigt. So eröffnet der Text einen Diskussionsraum über die Bedeutung von Künstlern, ohne sich selbst ganz eindeutig zu positionieren – denn weder singt er das Loblied des Intellektuellen als geistiger Führungsfigur noch wertet er Kunst gegenüber allen übrigen Berufen ab. Diese Ambivalenz entspricht bezogen auf den Gesamttext eher dem romantischen Ironieverständnis, eine Sache und ihr Gegenteil zugleich auszudrücken, als der rhetorischen Schulhofironie vieler der „#allesdichtmachen“-Beiträge, in denen genau das Gegenteil von dem gesagt wird, was eigentlich gemeint ist. Insofern ist den Protagonistinnen und Protagonisten dieser so vieldiskutierten Aktion vielleicht weniger vorzuhalten, dass sie sich kritisch zu Wort gemeldet haben – denn das müssen Künstler selbstverständlich tun dürfen -, sondern, dass sie es so wenig künstlerisch getan haben, dass sie eben den Nachweis der Besonderheit ihres Berufsstands schuldig geblieben sind. Denn eine Kunst, die formal und inhaltlich nichts anders macht als Journalismus und politische Debatte, ist tatsächlich nicht systemrelevant.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

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