Ode an den Augenblick: „Freu dich über jede Stunde“

Anonym

Freu dich über jede Stunde

Freu dich über jede Stunde,
die du lebst auf dieser Welt!
Freu dich, dass die Sonne aufgeht
und auch, dass der Regen fällt!
Du kannst atmen, du kannst fühlen,
du kannst auf neuen Wegen geh'n!
Freu dich, dass dich and're brauchen
und dir in die Augen seh'n!

Freue dich an jedem Morgen,
dass ein neuer Tag beginnt!
Freu dich an den Frühlingsblumen
und am kalten Winterwind!
Du kannst hoffen, du kannst kämpfen,
kannst dem Bösen widersteh'n.
Freu dich, dass die dunklen Wolken
irgendwann vorübergeh'n!

Freue dich an jedem Abend,
dass du ein Zuhause hast!
Freu dich an den schönen Stunden,
und vergiss die laute Hast!
Du kannst lieben, du kannst träumen
und jemand kann dich gut versteh'n!
Freu dich über jede Stunde,
denn das Leben ist so schön! 

Zu Zeiten der Corona-Krise können wir uns ein wenig damit trösten, dass auch die Pandemien der Pest (1348-1352), der Spanischen Grippe (1918 und 1919) und der Asiatischen Grippe (1957) vorübergegangen sind. Christen finden vielleicht in der Bibel Trost: „Ein jegliches hat seine Zeit…geboren werden und sterben…weinen und lachen, klagen und tanzen“ (Prediger Salomo, Kapitel 3, Verse 1, 2 und 4). Muslime können die Pandemie als Kismet begreifen. Und in Pete Seegers weltberühmten Song Turn, turn, turn heißt es: „To everything there is a season…  And a time for every purpose under Heaven“ (Alles hat seine Jahreszeit… und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit). Gewiss ist es nicht leicht, eine Krankheit oder die Bedrohung durch das Corona-Virus so einfach mit dieser Hoffnung hinzunehmen, aber unsere Stimmung kann auch das Hören oder Singen des obigen Lieds aufhellen.

Zu singen ist der Text nach der Melodie von Freude, schöner Götterfunken aus der der Symphonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven. Der ursprüngliche Text von Friedrich Schiller ist als (Ode) An die Freude bekannt. Nicht bekannt ist der Dichter bzw. die Dichterin von Freu dich über jede Stunde. Laut Dagmar Amslinger, Geschäftsführerin des in Würzburg etablierten Bundesverbands für die Rehabilitation der Aphasiker (Aphasie: eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer Hirnverletzung) dichtete den Text eine Aphasikerin aus Thüringen; wie sie heißt, ist nicht bekannt.

Ich habe es vor einigen Monaten im Gute Laune Chor in der Lenzsiedlung in Hamburg Eimsbüttel gesungen. Zur Aufmunterung in Zeiten der Corona-Krise wurde es auch von Balkonen und vor dem Verbot von Versammlungen auch in den Straßen einiger Städte, z. B. in Berlin Steglitz und in Hamburg jeden Sonntag in der Eichenstraße, der Telemannstraße und Am Weiher gesungen.

Es finden sich im Internet noch weitere Strophen:

Freu dich über deine Lieben,
die mit dir des Weges geh’n!
Freu dich über ihr Bemühen
und ihr gütiges Versteh’n!
Du darfst weinen, du darfst lachen,
du darfst ganz du selber sein.
Freu dich über jeden Menschen!
Lass ihn dein Gefährte sein!

Freu dich über schwere Stunden,
die du gut gemeistert hast!
Freu dich über Gottes Güte,
die dir half bei jeder Last!
Auf sie darfst du glaubend hoffen,
täglich neu, zu jeder Zeit,
bis der Herr dich wird geleiten
zur glücksel'gen Herrlichkeit. 

Georg Nagel, Hamburg

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

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