Vom barocken Pestlied zum Kinderlied. Die erstaunliche Karriere von ‚Wiens heimlicher Hymne‘ „O du lieber Augustin“

 

O du lieber Augustin

1.
O du lieber Augustin, 
Augustin, Augustin, 
o du lieber Augustin, 
alles ist hin. 
Geld ist weg, Mäd’l ist weg, 
alles weg, alles weg, 
o du lieber Augustin, 
alles ist hin.

2. 
O du lieber Augustin [...] 
Rock ist weg, Stock ist weg, 
Augustin liegt im Dreck, 
o du lieber Augustin,
alles ist hin.

3.
O du lieber Augustin [...]
Und selbst das reiche Wien, 
hin ist’s wie Augustin; 
weint mit mir im gleichen Sinn, 
alles ist hin.

4. 
O du lieber Augustin [...] 
Jeder Tag war ein Fest, 
und was jetzt? Pest, die Pest! 
Nur ein groß Leichenfest,
das ist der Rest.

5.
O du lieber Augustin [...] 
Augustin, Augustin, 
leg nur ins Grab dich hin! 
O du lieber Augustin,
alles ist hin.

Angesichts des Coronavirus fiel mir ein Lied ein, in dem die Pest eine Rolle spielt: Der liebe Augustin. Vermutlich kennen viele Leser nur die erste Strophe, eventuell auch noch die zweite. Beide Strophen sind als Kinderlied bis heute populär geblieben. Doch der „liebe Augustinerzählt, wie es ihm zur Zeit von Wiens letzter große Pestepidemie im Jahre 1679 ergangen ist.

Markus (auch Marx) Augustin (1643-1685), einen Sackpfeifer (Sackpfeife = einfacher Dudelsack) und Sänger hat es tatsächlich gegeben. Er zog um 1670 in Wien von Beisl (Kneipe) zu Beisl, um dort gegen Geld Bänkellieder zu singen. Er war stadtbekannt, und da er immer lustiger Dinge war, nannte man ihn bald den „lieben Augustin“. Selbst als im Jahr 1677 zunächst einige Vorstädte und 1679 ganz Wien von der Pest heimgesucht wurde, verlor er nicht seinen Frohsinn, auch nicht, als immer mehr Menschen auf der Straße tot umfielen.

Doch die Kneipen wurden immer leerer, viele Leute wagten es nicht auszugehen, und die Einnahmen des lieben Augustins wurden von Woche zu Woche geringer. Da erbarmten sich manche Wirtsleute und gaben mal einige Humpen Bier, mal einige Weinkannen Heurigen aus. Und der liebe Augustin, der dem Alkohol recht zugetan war, trank so manches Mal über seinen Durst. So passierte es eines Tages, dass er nur noch aus der Wirtshaustür heraustorkeln konnte und bald darauf, volltrunken wie er war, in eine Gosse fiel und dort einschlief.

Dort in der Gosse war er nicht der einzige Mensch. Jeden Tag lagen Hunderte von der Pest hingeraffte Menschen auf den Straßen; sie wurden von sogenannten Siechknechten aufgesammelt, mit großen Karren vor die Tore Wiens gefahren und in Massengräber geworfen. Und so erging es auch unserem Augustin. Wie ein Toter schlafend, von der Gosse verdreckt, glaubten die Siechknechte, einen Pesttoten vor sich zu haben. „Seine“ Pest­gru­be soll sich in der Nähe der Kirche St. Ulrich im 7. Bezirk be­funden haben, in der Nähe des Platzes, wo heute der Augustinbrunnen steht.

Als Augustin seinen Rausch ausgeschlafen hatte, war er entsetzt, inmitten all der Leichen zu liegen. Er fand seine Sackpfeife und versuchte aus dem Grab zu klettern, schaffte es aber nicht. Da fing er an nach Hilfe zu rufen und, als er kein Gehör fand, spielte er so laut er konnte auf seiner Sackpfeife. Schließlich wurde er gehört und aus dem Grab gezogen. Glücklicherweise hatte er sich nicht angesteckt, und er begann wieder seine Beisltouren zu drehen. Nach der Legende dichtete er bald darauf ein Lied über das, was ihm widerfahren war: „alles ist hin“.

So die Überlieferung, die so oder so ähnlich bereits fünf Jahre vor Ausbruch der Pest der wortgewaltige und populäre Prediger Abraham a Sancta Clara in Wien in einer Predigt verwandt hatte. Der Prediger kannte das Ereignis aus seiner schwäbischen Heimat und wollte diese Geschichte als Warnung vor der Pest und als abschreckendes Beispiel gegen übermäßiges Trinken verstanden wissen.

In Wien nachgewiesen worden sind Text und Melodie erstmals um 1800 – über 100 Jahre nach dem Tod des „lieben Augustins“ -, wobei Textdichter und Komponist bis heute unbekannt geblieben sind. Die Melodie lässt sich Ende des 18. Jahrhunderts als ein aus Böhmen oder Sachsen kommender Schlager nachweisen. Nach 1800,  so die Liedforscher, habe sich Der liebe Augustin über Sachsen in ganz Europa verbreitet.

Da das Lied zur „heimlichen Hymne Wiens“ geworden ist, hat die Stadt Wien Markus Augustin ein 1908 Denkmal gewidmet und einen Platz nach ihm benannt.

 

 

Relief am Haus mit dem Griechenbeisl (Foto: Zenit)

 

Augustin-Brunnen von Hans Scherpe (1908)

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Statue Au­gu­stins gestohlen. Kurz darauf wurde an ihre Stelle ein Schild mit der fol­gen­den Auf­schrift angebracht:

Der Schwarzen Pest bin ich entronnen,
die braune hat mich mitgenommen.

Liedbetrachtung

Der sicherlich aus Wien stammende unbekannte Textdichter versetzt sich in die Lage des auf wundersame Art von der Pest verschonten Augustins und erzählt, was Augustin alles verloren hat: Sein Geld, sein Mäd’l, sein Rock und sein Stock sind ihm abhandengekommen. Die Wiederholungen „alles ist hin“ deuten auf die triste Lage des Sackpfeifers. Es bleibt zu hoffen, dass er sein Instrument nicht auch noch verloren hat. Einige Schillinge wird er wohl noch vor seinem Tod mit 42 Jahren, sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Pest, eingenommen haben.

 „Alles ist hin“ trifft auch die reichen Leute in der vom „Schwarzen Tod“ befallenen Stadt zu. Nach den von ihm als festlich empfundenen Tagen trauert Augustin nun mit dem ganzen Wien. Ironisch nennt er die Auswirkungen der Pest „ein groß Leichenfest“. Und obwohl er sich auf dem Totenanger nicht angesteckt hat, ist  ihm doch bewusst, dass im Grab auch sein Leben zu Ende hätte gehen können. So traurig und ernst der Text ist, so wird er doch durch die beschwingte Melodie, nach der man sogar Walzer tanzen kann, konterkariert. Sie zeigt, dass ein jegliches seine Zeit hat, leben und sterben, tanzen und weinen (vgl. Abschnitt „Anmerkungen“ in der Interpretation zu Puhdys Wenn ein Mensch lebt).

Exkurs Epidemien

 Die bakterielle Infektionskrankheit Pest wird durch pestkranke Rattenflöhe (bei der Beulenpest) übertragen. Der “Schwarze Tod“, so genannt wegen der dunklen Beulen auf dem ganzen Körper, trat in Europa vom 14.-18 Jh. immer wieder epidemisch auf. Während der großen Pestepidemie 1348–52 (nach andere Quellen 1347–1351) starb ca. 1/3 (bis zu 25 Mio. Menschen) der Bevölkerung Europas.

Als die Pest noch einmal über Europa kam, traten in Wien die ersten Pestfälle im De­zem­ber 1678 in der damaligen Vorstadt Leopoldstadt auf. Die Seuche brei­te­te sich dann in ganz Wien schnell aus, wobei es vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten waren, die als erste er­krankten. Von Monat zu Monat stieg die Zahl der Todesfälle. Durch den „Schwarzen Tod“ kam 1679/80 ein Viertel der Bevölkerung um.

Ein zeitgenössischer Chronist berichtet von „3.000 und mehr inficirten Personen“ und darüber“, dass „vmb die gantze Stadt herumb fast alle Lust- vnnd Wein-Gärten, Gässen vnnd Straßen mit Toten- vvnd Kranken Leuten angefüllet,  ja sogar dass man nicht Leuth genug haben kunte, die Toten vnter die Erden zu bringen, vnnd daher es bisweilen geschahe, daß mit dem Tode allebreit Ringenden, auff Wägen vnter die Todten geleget vnnd mit einander in die hierzu gemachte Gruben geworffen worden“ (Johann Konstantin Feigius, Wunderbarer Adlers Schwung, Wien, 1694).

Wiens letzte Pestepidemie 1713 konnte wegen verbesserter Hygienemaßnahmen und mit Hilfe der Ausrottungskampagnen der Ratten in ganz Europa etwa ab 1740 eingedämmt werden. Ein Antibiotikum gegen die Pest wurde erst nach 1894 gefunden, nachdem der Schweizer Alexander Yersin den Pesterreger entdeckt hatte.

 

Michel Serre: Le chevalier Roze déblayant la Tourette au plus fort de la peste (1720)

 

Paul Fürst: Der Doctor Schnabel von Rom (1656)

Doch die Pest sollte nicht die letzte Pandemie bleiben. Durch die sich 1918 und 1919 in drei Wellen verbreitende sog. „Spanische Grippe“ fanden nach Schätzungen in Deutschland rund 40.000, global 25 Millionen bis etwa 50 Millionen Menschen den Tod.

Im Vergleich dazu gingen die „Asiatische Grippe“ von 1957 mit weltweit 1 bis 2 Millionen, davon in Deutschland geschätzten 30.000 Todesopfern und die Hongkong-Grippe 1967/68  mit rund 1 Million Toten (nach anderen Schätzungen 750.000 bis 2 Millionen) noch glimpflich aus.

Bei der derzeitigen durch den Coronavirus verursachten Pandemie bleibt zu hoffen, dass bald ein Impfstoff gegen Covid-19 entdeckt wird, so dass es nicht zu ähnlich hohen Todesraten kommt.

Rezeption

Das Lied bzw. die Figur des lieben Augustins ist seit seiner Entstehung (etwa um 1800) bis heute populär geblieben. Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) komponierte aus dem Lied ein Werk mit acht Variationen. Max Reger (1873–1916) griff die Melodie 1901 in der Sechsten Burleske (op. 58) auf und Arnold Schönberg (1874–1951) hat sie 1908 im 2. Satz seines Zweiten Streichquartetts (op. 10). verarbeitet. Leo Fall (1873–1925) knüpfte an die Berühmtheit des Augustins an und komponierte 1912 eine gleichnamige Operette, die inhaltlich ebenso wenig mit der Geschichte des Sackpfeifers zu tun hat wie der 1921 von Horst Wolfram Geißler (1893–1983) verfasste Roman mit dem Titel.

In Deutschland ist das Lied hauptsächlich als Kinderlied mit einer bzw. zwei Strophen beliebt, was die zahlreichen CDs und Videos (vgl. YouTube) und die 30 Partituren des Deutschen Musikarchivs, vorwiegend für Kinderchöre, belegen. In annähernd 100 Liederbüchern, die mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglich waren, habe ich den „lieben Augustin“ gefunden, häufig allerdings nur mit ein oder zwei Strophen.

In England ist das Lied bekannt als O my dear friend Augustin, und in den USA gibt es das Kinderlied „Ach, du lieber Augustin […] all is kaputt / money gone, honey gone / money gone, honey gone / my goose is cooked.“

In Österreich ist die Figur des lieben Augustins nach wie vor lebendig. Er gilt als „erster echter und legendärster Wienerliedsänger“ und „auch als Urvater der Mentalität des gemütlichen Wieners, der nicht untergeht“ (BR Klassik).

Georg Nagel, Hamburg

Quellen:

Johann Konstantin Feigius: Wunderbarer Adlers Schwung. Wien 1694.

Moritz Bermann: Die schönsten Sagen aus Österreich. Wien 1865.

Nanette Peithmann: Der Schwarze Tod – Die Pest wütet in Europa. In: Planet Wissen

Die Pest: Der schwarze Tod des Mittelalters. In: Geolino

www.sagen.at

timetravel-vienna.at

www.mein-oesterreich.info

www.augustin.ws

 

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.