Wenn ein Mensch lebt oder Jegliches hat seine Zeit – Alles nur geklaut?

Die Puhdys

Wenn ein Mensch lebt

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt,
Sagt die Welt, es ist Zeit, daß er geht.

Meine Freundin ist schön.
Als ich aufstand, ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich hab' mich in ihren Schatten gelegt.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu'n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau'n,
Leben und sterben und Streit.

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit, dass er geht.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu'n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau'n
Leben und sterben und Frieden und Streit.

Weckt sie nicht, bis sie selber sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit, dass er geht.

Meine Freundin ist schön,
als ich aufstand, ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.

     [Die Puhdys: Die Puhdys. Amiga 1974.]

Entstehung und Vorgeschichte

Die Rockballade der Puhdys Wenn ein Mensch lebt (so der Kurztitel) stammt aus dem erfolgreichen DEFA-Film Die Legende von Paul und Paula. 1973 entdeckte der Filmkomponist Peter Gotthardt (geb. 1941, über 60 Filmmusiken, darunter mehrmals für Polizeiruf) die Band und schrieb für sie sieben Songs. Die Texte dazu wurden von dem Dichter und Schriftsteller Ulrich Plenzdorf (1934–2007) verfasst (berühmtestes Werk Die neuen Leiden des jungen Werther), als Dramaturg auch für das Drehbuch des Films zuständig.

Ob Plenzdorf sich bei den auf „Jegliches hat seine Zeit“ (s.o.) folgenden Dichotomien an den Versen 1 bis 8 des 3. Kapitels Koholet (Die Sprüche Salomos) orientiert hat, ist nicht bekannt. Möglich ist es, da der Textdichter offensichtlich über Bibelkenntnisse verfügte, worauf einige im Liedtext verwendeten Bibelzitate deuten (s. Anm./Interpr.). Unwahrscheinlich ist jedoch, dass Plenzdorf sich für seinen Text von Marlene Dietrichs Version (1963) Glaub, glaub, glaub (Für alles Tun auf dieser Welt kommt die Zeit) (s. u.) hat inspirieren lassen, zumal dieser Version nicht gerade ein großer Erfolg beschert war.

Nach einer anderen Vermutung hat Plenzdorf sich Pete Seegers Turn, turn, turn, turn (s. u.) als Vorlage genommen (vgl. Wikipedia-Artikel zu Turn, turn, turn). Dafür spricht einiges: Seeger und seine Songs waren – wie auch andere Folksinger und ihre Songs – über das Radio DDR Sonderstudio DT 64 und vor allem durch den kanadischen Banjospieler und Sänger Perry Friedman in der DDR bekannt. Friedman, der 1959 in die DDR umgesiedelt war, ist Mitbegründer des Hootenanny-Clubs (Singer-Songwriter-Treff mit geselligen zwanglosen Konzerten), 1966 umbenannt in den systemnahen Oktoberklub.

So wie Plenzdorf sich an bereits vorliegenden Texten orientierte, hatte auch der Filmkomponist Peter Gotthardt seine Vorbilder. Wenn ein Mensch lebt ähnelt auffallend – wie Teile der Interpretation der Puhdys – Spicks and Specks (Where is the sun?) der Bee Gees von 1966 (und Geh zu ihr dem 1972 erschienenen Titel Look Wot You Dun der britischen Rockband Slade).

Anmerkungen / Interpretation

Wie lange ein Mensch lebt, ist von ihm nicht oder nur sehr bedingt (z.B. durch gesunde Ernährung) zu beeinflussen. Und sicherlich bedauern wir, wenn ein Mensch in jungen Jahren oder „im besten Alter“ stirbt. Aber dass man bei alten Leuten sagt, es werde Zeit zu gehen, dürfte i.d.R. nicht zutreffen (es sei denn, ein Mensch ist todkrank). Im Gegenteil, die meisten Menschen sprechen anerkennend von einem „biblischen Alter“.

Im Refrain wird eine Freundin besungen, die ihren Freund verlassen hat. Die rätselhaften Worte „Weckt sie nicht, bis sie sich regt. / Ich hab‘ mich in ihren Schatten gelegtwerden klar, wenn man den Film kennt (Inhaltsangabe auf www.filmzentrale.com). Nach einer kurzen Zeit des Glücks trennt sich Paula von Paul (In Spicks and Specks von den Bee Gees heißt es: „Where is the girl I loved / All along / The girl that I loved / She’s gone / She’s gone“), der sich aus gesellschaftlichen Gründen nicht zur ihr bekennt („als ich aufstand“). Doch Paul erkennt, wie sehr er Paula wirklich liebt, im Lied ausgedrückt durch: „Meine Freundin ist schön“. Als sie ihn eine Zeit lang nicht in ihre Wohnung lässt, legt sich Paul vor ihre Wohnungstür („Ich hab mich in ihren Schatten gelegt“). Schließlich „regt sich“ Paula („Weckt sie nicht, bis sie sich regt“) und sie versöhnen sich; doch ein Happy End gibt es nicht (s. Inhaltsangabe).

Auch hier hat der Liedtext biblische Bezüge: Im Hohe Lied Salomos, Kapitel 1, Vers 15 heißt es: „Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du […]“. Und die 7. Zeile des Liedtextes „Weckt sie nicht, bis sie sich regt“ könnte ebenfalls biblisch inspiriert sein (vgl. Das Hohe Lied, Kapitel 2, Vers 7: „Ich beschwöre Euch, […] dass ihr meine Freundin nicht aufweckt noch regt, bis es ihr selbst gefällt“).

„Jegliches hat seine Zeit“ und die folgenden Zeilen handeln vom Zeitenwandel mit bestimmten, nicht beeinflussbaren Zeitabschnitten – „leben und sterben“ – und bewusst gestalteten – „Bäume pflanzen, Bäume abhau’n“. Dabei greift Plenzdorf das Bibelwort „ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde“ auf (Prediger 3,1). Von den dort erwähnten weiteren zehn zum Teil beeinflussbaren Dichotomien (vgl. Prediger 3, 2b-8a) greift unser Liedtext zusätzlich nur „Steine sammeln, Steine zerstreu’n“ (hebräische Metaphern für männliches und weibliches Begehren) und „Frieden und Streit“ auf. Viele der im Songtext nicht aufgegriffenen Motive aus dem Bibeltext (töten – heilen, weinen – lachen, umarmen – Umarmung lösen, suchen – verlieren, lieben – hassen) werden aber  im Film Die Legende von Paul und Paula thematisiert.

Die vier in der Rockballade beschriebenen Gegensatzpaare stehen exemplarisch für die Ungleichzeitigkeit mancher Ereignisse und dafür, dass alles seine Zeit hat – in Pete Seegers Turn, Turn, Turn heißt es: „To Everything (Turn, Turn, Turn) / There is a season (Turn, Turn, Turn) / And a time for every purpose under Heaven“ (s. u. Synopse). Im Gegensatz zu den von den Puhdys gesungenen Versen hat Pete Seeger alle 14 Dichotomien fast wörtlich der Bibel entnommen, wie folgende Synopse zeigt:

Links der Bibeltext aus dem 10. Jh. v. Chr. stammenden Buch Kohelet (Prediger), (Einheitsübersetzung EKD), rechts der 1960 geschriebene Text von Pete Seeger:

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.
2 Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist,
3 würgen und heilen, brechen und bauen,
4 weinen und lachen, klagen und tanzen,
5 Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen,
6 suchen und verlieren, behalten und wegwerfen,
7 zerreißen und zunähen, schweigen und reden,
8 lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit. 

 

To Everything (Turn, Turn, Turn)
There is a season (Turn, Turn, Turn)
And a time for every purpose, under Heaven
A time to be born, a time to die
A time to plant, a time to reap
A time to kill, a time to heal
A time to build up, a time to break down
A time to laugh, a time to weep
A time to dance, a time to mourn
A time to cast away stones, a time to gather stones together
A time you may embrace, a time to refrain from embracing
A time to gain, a time to lose
A time to rend, a time to sew
A time of love, a time of hate
A time of war, a time of peace
I swear it’s not too late.

Außer dem Text von Plenzdorf hat der Schriftsteller und Dichter Max Colpet (1905-1998) nach der Melodie von Pete Seeger eine Textversion mit dem Titel Glaub, glaub, glaub (linke Spalte) verfasst, die 1963 Marlene Dietrich (1901-1992) interpretiert hat. Hannes Wader (geb. 1942) hat 2012 eine Version mit dem Titel Seit Ewigkeiten (rechte Spalte) veröffentlicht.

Für alles Tun,
Glaub, glaub, glaub,
Auf dieser Welt,
Glaub, glaub, glaub,
Kommt die Zeit, wenn es dem Himmel so gefällt.Die Zeit der Fülle, die Zeit der Not.
Die Zeit der Sorge um’s tägliche Brot.
Die Zeit zum Speisen, die Zeit zum Fasten.
Die Zeit zum Schaffen, Zeit zum Rasten.Für alles Tun […]Die Zeit der Saat, der Erntezeit.
Die Zeit des Danks, dass es soweit!
Die Zeit zum Schweigen, die Zeit zum Reden.
Die Zeit zum Singen, Zeit zum Beten.Für alles Tun […]Die Zeit der Furcht, die Zeit zum Mut.
Die Zeit, die weit von Bös‘ und Gut.
Die Zeit zum Frieden nach all dem Leid.
Denn Streit und Friede hat seine Zeit.

 

 

 

Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n
Wir diese Welt sich dreh’n, dreh’n, dreh’n
Und doch hat ein jegliches seine Zeit auf Erden.Die Zeit zu ernten, die Zeit zu säen
Die Zeit zu werden, die Zeit zu vergeh’n
Die Zeit der Freude, die Zeit des Leids
Die Zeit des Lachens, die Zeit zu trauern.Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]Die Zeit zu bauen, die Zeit zu zerstör’n
Die Zeit des Duldens, die Zeit sich zu empör’n
Die Zeit zu kämpfen, die Zeit zu fliehen
Die Zeit zu hassen, die Zeit zu lieben.Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]Die Zeit zu verstummen, die Zeit zu schrei’n
Die Zeit der Reue, die Zeit zu verzeih’n
Die Zeit der Erlösung, die Zeit der Qual
Die Zeit der Wende, die Zeit der Kälte.

Seit Ewigkeiten seh’n, seh’n, seh’n […]
Die Zeit zu gewinnen, die Zeit zu verlier’n
Die Zeit des Zorns, die Zeit der Gewalt
Die Zeit der Versöhnung, die Zeit für den Sieg
Den Sieg des Friedens in der Welt über den Krieg.

Die 1963 herausgebrachte Single mit Marlene Dietrichs Interpretation war nicht besonders erfolgreich (So ist sie im Wikipedia-Artikel zu Marlene Dietrich gar nicht aufgeführt).

Wenn ein Mensch lebt dagegen war mit einer verkauften Auflage von fast drei Millionen LPs bzw. CDs. in Gesamtdeutschland ein Hit. Nicht nur in der DDR, wo der Song sogar im Musikunterricht gesungen und besprochen wurde, sondern spätestens seit einem Konzert 1976 in der Hamburger Fabrik, dem ersten Fernsehauftritt 1977 und weiteren Tourneen in Westdeutschland wurde die Rockband auch in der BRD gefeiert. Nach ihrem letzten Konzert 2016 in Berlin löste sich die Band „aus Altersgründen“ (so der Keyboarder und Saxofonist Peter Meyer) auf. Gecovert wurde die Rockballade u.a. von Clueso, Herbert Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze, Matthias Reim und die Sportfreunde Stiller.

Das zum Sprichwort gewordene Bibelwort Ein Jegliches hat seine Zeit ist auch Titel einer von dem Komponisten Ludger Vollmer (geb. 1961) geschaffenen Kantate für Solisten, Chor, Orgel und Orchester. Die Uraufführung fand anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution in Jena in einem Festgottesdienst in der Stadtkirche St. Michael statt. Das zeitgenössisch politische Libretto wurde von dem Schriftsteller und Liedermacher Stephan Krawczyk (geb. 1955) verfasst.

Alle drei Liedtexte beziehen sich auf die biblische Aussage „Alles hat seine Zeit“ (vgl. Prediger 3, 1). Machen wir uns diese Lebensweisheit Salomos im alltäglichen Leben bewusst, so können wir manches gelassener nehmen. Wir wissen ja, dass es eine Zeit zum Säen und eine Zeit zum Ernten gibt; wir haben erfahren, dass wir uns nach einem Streit mit Freunden bald wieder mit ihnen versöhnen.

Dass „Alles seine Zeit hat“ klingt allerdings wenig beruhigend in einem Krieg, in den wir als Soldaten, Flüchtlinge oder unter Bomben Leidende involviert sind. Aber irgendwann erfüllen sich unsere Hoffnungen auf Frieden, und so bestätigt sich, dass manches seine Zeit braucht und wir uns in Geduld üben sollen. Der chinesische Philosoph und Begründer des Taoismus Laotse hat bereits um 6. Jh. v.Chr. (umstritten, evtl. auch im 4. Jh.) gelehrt: „Im Nichtstun bleibt nichts ungetan“.

Georg Nagel, Hamburg

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

2 Responses to Wenn ein Mensch lebt oder Jegliches hat seine Zeit – Alles nur geklaut?

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