Die Coverversion als interkulturelle und intergenerationelle Übersetzung. Zu Peter Kraus‘ ‚deutscher Originalaufnahme‘ von Little Richards „Tutti Frutti“

Little Richard (Text: Dorothy LaBostrie)

Tutti Frutti (1955)

A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom
Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty
Tutti Frutti, aw rooty
Tutti Frutti, aw rooty
Tutti Frutti, aw rooty
A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom

I got a girl, named Sue, 
she knows just what to do. 
I got a girl, named Sue, 
she knows just what to do. 
She rocks to the east, she rocks to the west,
but she’s the girl that I love best. 
 
Tutti Frutti, aw rooty [...]
A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom 

I got a girl, named Daisy, 
She almost drives me crazy 
I got a girl, named Daisy, 
She almost drives me crazy 
She knows how to love me, yes indeed. 
Boy, you don’t know, what she’s doing to me! 
 
Tutti Frutti, aw rooty [...]
A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom  

I got a girl, named Daisy, [...] 

Tutti Frutti, aw rooty [...]
A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom 

     [Little Richard: Tutti Frutti. Speciality 1955]

Little Richards Lied erschien 1955 und löste – keinen Skandal aus. Das verwundert angesichts des nicht zuletzt durch Filme wie Pleasantville verbreiteten Bilds der 1950er Jahre in den USA als Zeit rigider und oppressiver Sexualmoral. Zwar geht die u. a. vom zuständigen Produzenten Richard Blackwell und dem beteiligten Schlagzeuger Charles Connor verbreitete Legende, dass Tutti Frutti ursprünglich einen von Little Richard selbst verfassten, offen homosexuellen und sexuell expliziten Text gehabt habe, den die später hinzugezogene professionelle Texterin Dorothy LaBostrie auf Blackwells Betreiben hin entschärft habe, aber sie selbst hat dieser Mythenbildung widersprochen (vgl. engl. Wikipedia). Wer hier Recht hat, lässt sich kaum mehr feststellen, haben doch alle Beteiligten ein persönliches Interesse an Ihrer Version: Blackwell und Connor als an der Aufnahme Beteiligte nutzt der Ruch des Skandalösen, der dem Lied noch größere Aufmerksamkeit beschert, wohingegen LaBostrie verständlicherweise Wert auf ihre alleinige Autorschaft legt und ihren Text nicht als bloßes Resultat einer vorauseilenden Selbstzensur verstanden wissen möchte, hinter dem der interessantere, authentischere Text verborgen bleibt.

Wie dem auch sei, auch der tatsächlich veröffentlichte Text hätte in seinem zeitlichen Kontext eigentlich genug Anlass gegeben, die Sittlichkeit der oft jugendlichen Rezipientinnen und Rezipienten gefährdet zu sehen. Denn es handelt sich recht eindeutig um eine Hymne auf die Promiskuität. Dass der Text lediglich zweideutig sei, weil „to rock“ im zeitgenössischen Sprachgebrauch sowohl ‚tanzen‘ als auch ‚Geschlechtsverkehr ausüben‘ bedeutet, mag ein Argument gewesen sein, um einen Radioboykott abzuwenden; im Kontext des Liedtextes ergibt die Bedeutung ‚tanzen‘ jedoch keinen Sinn. Das wird ausgerechnet am einzigen konservativen Element des Textes deutlich, dem „but“ des (mutmaßlich männlichen) Sprechers in „but she’s the girl that I love best.“ Denn warum sollte er sie am meisten lieben, obwohl sie viel tanzt? Übersetzt man „She rocks to the east, she rocks to the west“ allerdings salopp mit „Sie schläft sich durchs ganze Land“ so blitzt hier der Rest einer patriarchalen Doppelmoral, oder, interpretatorisch etwas niedriger gehängt, schlichte Eifersucht auf: Der Mann, der im Refrain wie im gesamten Lied seine eigene Promiskuität feiert („aw rooty“ war ein zeitgenössischer Slangausdruck für „all right“ und mit den Früchten – „Tutti frutti“ – dürften hier, wie sich aus den Strophen ergibt, verschiedene Frauen gemeint sein), dieser Mann tut sich dann offensichtlich doch ein wenig schwer damit, seiner Favoritin Sue dieselben erotischen Freiheiten zuzugestehen – auch wenn er ihre aus eben dieser Erfahrung resultierenden Fähigkeiten durchaus goutiert („she knows just what to do“).  Und auch die zweite namentlich genannte Freundin bringt ihn keineswegs, wie in traditionellen Lovesongs, durch ihr Aussehen, ihre Blicke, ihr Lachen oder andere Attribute um den Verstand, sondern durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten als Liebhaberin, was wiederum sehr deutlich, wenn auch unter eigens betonter Aussparung von Details, zum Ausdruck gebracht wird:  „She knows how to love me, yes indeed / Boy, you don’t know, what she’s doing to me!“

Während dieses Lied in den USA zum Hit wurde und Little Richard damit in Fernsehshows auftrat, wäre Vergleichbares in der Bundesrepublik der 1950er Jahre undenkbar gewesen. So boykottierten Radiosender 1959 das deutlich zahmere Ich bin ein Mann, gesungen vom 17jährigen Ted Herold, in dem das Sprecher-Ich die begehrte angesprochene Person mit äußerst vagen erotischen Versprechungen („Meine Küsse brennen heißer als Wüstenwind“, „Ich hab vieles schon erfahren, mehr als du meinst“) und einem Treueversprechen dazu zu überreden versucht, es „nicht so lange warten“ zu lassen. Bevor Ted Herold als „deutscher Elvis“ aufgebaut wurde und Peter Kraus (beide hatten denselben Manager, Gerhard Mendelson) von da an ruhigere Stücke sang, fungierte Kraus als deutscher Rock’n’Roll-Star. Als seine erste Single erschien 1956, noch vor der Veröffentlichung des Originals und der Elvis Presley-Version in der BRD, eine deutschsprachige Fassung von Tutti Frutti: 

Peter Kraus und die Rockies (Text: Hans Raster)

Tutti Frutti (1956)

A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom 
Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom
 
Die Comfort-Bar, die ist toll
Dort tanzt man Rock’n’Roll
Die Comfort-Bar, die ist toll
Dort tanzt man Rock’n’Roll
So geht’s jede Nacht bis morgens um acht
Rock’n’Roll hat uns verrückt gemacht

Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom 

In der Bar sah ich Lou
Und war verliebt im Nu
In der Bar sah ich Lou
Und war verliebt im Nu
Denn so einen Swing gab’s noch nie
Kein Mädel rockt und rollt wie sie

Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
Tutti Frutti, aw rooty 
A-wop-bop-a-loo-bop a-lop-bam-boom

[...]

     [Peter Kraus: Tutti Frutti. Polydor 1956.]

Es handelt sich hierbei um eine „deutsche Originalversion“, jene bis in die 1970er Jahre hinein gängigen deutschsprachigen Aufnahmen internationaler Hits, die auf ein noch nicht mehrheitlich souverän des Englischen mächtiges Publikum zugeschnitten waren. Die Bandbreite der deutschen Texte, zumeist angefertigt von professionellen Textern, reicht dabei von Übersetzungen, die nahe am Original bleiben, bis hin zu Kontrafakturen mit bloß noch einen vagen athmosphärischen oder thematischem Bezug zum Original (z.B. das Cover von The Bands The Night, They Drove Old Dixie Down: Am Tag, als Conny Kramer starb, gesungen von Juliane Werding). Der Tutti Frutti-Text von Hans Raster (den auch Will Fantel und seine Rocker’s verwendeten) liegt in der Mitte zwischen einer Übersetzung i.e.S. und einer Kontrafaktur. Mit dem Original gemein hat er, dass ein mutmaßlich männliches Sprecher-Ich von seiner Faszination für das andere Geschlecht spricht. Die Abweichungen sind indes zahlreicher: In der deutschen Fassung geht es um lediglich eine junge Frau (Lou) statt um mehrere (Sue und Daisy). Die Gefühle des Sprecher-Ichs sind außerdem romantischer („verliebt“) statt explizit erotischer Natur. Und schließlich ist unklar, ob Lou die Gefühle des Sprecher-Ichs erwidert oder ob er sie nur anminnt.

Gänzlich ohne Entsprechung im Originaltext ist die erste Strophe. Hier stellt sich zudem die Frage nach der Sprechsituation: Wem berichtet das Sprecher-Ich von seinem favorisierten Tanzlokal? Im Original handelt es sich um klassischen ‚locker room talk‘, mutmaßlich unter Männern. Bei Peter Kraus hingegen klingt es eher so, als erkläre der Sprecher seinen Eltern, was er so treibe bzw. wo er sich herumtreibe. Und wenn er am Ende der Strophe in der 1. Person Plural einräumt „Rock’n’Roll hat uns verrückt gemacht“, so erklärt er nicht nur sich, sondern seine ganze Generation nicht nur seinen Eltern, sondern eben der Elterngeneration. Dabei wird die intergenerationelle Kommunikation nicht nur innerfiktional, sondern auch realweltlich angestrebt: Die von Hans Raster getextete Version macht ihre eigene musikalische Gestaltung autoreflexiv zum Thema. Zum inhaltlichen Eingeständnis der eigenen musikinitiierten ‚Verrücktheit‘, das um das milde Verständnis der über die ‚Hottentottenmusik‘ sich empörenden Eltern wirbt, tritt kongenial Peter Kraus‘ lausbubenhafte Harmlosigkeit hinzu, die ihn zum Bindeglied zwischen Rock’n’Roll und Schlager prädestinierte, als das er später gezielt aufgebaut wurde.

In der zweiten Strophe fallen sprachlich die Anglizismen auf: „Denn so einen Swing gab’s noch nie / Kein Mädel rockt und rollt wie sie“. „Swing“ bezeichnet hier einerseits den (Hüft-)Schwung der Rock’n’Roll tanzenden Lou. Andererseits stellt es eine Verbindung her zum Swing als einer Jazz-Variante, die in der angesprochenen Elterngeneration populär war – die anglophile „Swing-Jugend„, die Swing hörte und darauf tanzte, sich an englischer/amerikanischer Mode orientiert kleidete und Anglizismen nutzte, war dann im Nationalsozialismus zunehmender Verfolgung ausgesetzt gewesen. So stellt der Anglizismus „Swing“ an dieser Stelle ein Identifikationsangebot für zumindest manche Angehörige der Elterngeneration dar, dergestalt, dass eine aktuelle Jugendkultur, Rock’n’Roll, zu einer solchen ihrer Jugend als strukturanalog in Bezug gesetzt wird – sinngemäß sagt die Wortwahl: ‚So wie ihr damals nach Swing verrückt wart, sind wir es heute nach Rock’n’Roll‘. Die deutsch flektierten Verben ‚rocken und rollen‘ bezeichnen zunächst Lous Tanz, aufgrund dessen sich das Sprecher-Ich in sie verliebt hat – ein Motiv, dass etwa der 1930er von Fritz Löhner-Beda getextete Schlager Oh Donna Clara schon vermeintlich anzüglicher ausgestaltet hat: „Oh Donna Clara, ich hab dich tanzen geseh’n / Und deine Schönheit hat mich toll gemacht / Ich hab im Traume dich dann im Ganzen geseh’n / das hat das Maß der Liebe voll gemacht“. Doch das ist lediglich die an die Elterngeneration adressierte Bedeutungsebene. Denn wer mit der englischen Umgangssprache und Rock’n’Roll vertraut war, kannte vermutlich auch die Slangbedeutung von ‚to rock‘. Und so subvertiert der letzte Vers der letzten Strophe die scheinbare Harmlosigkeit des Textes, indem es doch wieder um das Thema des Originals geht. Das Wissen darum, dass die Elterngeneration diese Doppeldeutigkeit kaum verstanden haben wird, dürfte dabei das Rezeptionsvergnügen keineswegs gemindert haben.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

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