Clemens Bittlingers „Aufstehn, aufeinander zugehn“ – nicht nur ein Kirchentagslied

 

 

Clemens Bittlinger

Aufstehn, aufeinander zugehn

1. Viel zu lange rumgelegen, 
viel zu viel schon diskutiert.
Es wird Zeit, sich zu bewegen,
höchste Zeit, dass was passiert.

Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn,
voneinander lernen, miteinander umzugehn.
Aufstehn, aufeinander zugehn
und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht verstehn.

2. Jeder hat was einzubringen, 
diese Vielfalt, wunderbar.
Neue Lieder woll'n wir singen,
neue Texte laut und klar.

Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn […]

3. Diese Welt ist uns gegeben, 
wir sind alle Gäste hier.
Wenn wir nicht zusammen leben,
kann die Menschheit nur verliern.

Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn […]

4. Dass aus Fremden Nachbarn werden, 
das geschieht nicht von allein.
Dass aus Nachbarn Freunde werden,
dafür setzen wir uns ein.

     [Clemens Bittlinger: Lieder Vom Kirchentag. Pila Music 1999.]

Aufstehen ist das Gegenteil von liegen- oder sitzenbleiben. Wer aufsteht, bewegt sich. Die Forderung aufzustehen, ist bereits in der Bibel zu finden, im Alten Testament: „Vor grauen Häuptern sollst du aufstehen“ (3. Mose Kap.19, Vers 32) und im Neuen Testament als Worte Jesu gleich mehrmals, z, B. „Stehe auf und wandle!“ (Matthäus 9, 5)  und „Stehe behende auf!“ (Apostelgeschichte 12, 7).

In deutschen Volksliedern sollen die Angesprochenen sogar „früh aufstehen“ oder es wird von ihnen erzählt, dass sie früh aufstehen wollen, z.B. Wollt ein Bauer/eine Jungmagd/ein junger Geselle/ein Müller früh aufstehn. Auch Mädchen sollen früh aufstehn, so ein junges Mädchen, ein Mägdlein, ein Maderl, eine Jungfrau, ein Mädel, ein Jungfräulein. Von Jägern heißt es „Wer jagen will, muss früh aufstehn“) und von Soldaten (Liederbuch der deutschen Wehrmacht Wie ein stolzer Adler): „Soldaten müssen früh aufstehen“. In der DDR richtete sich der Appell an alle: „Aufstehn, alle aufstehn, der Morgen ist gekommen“ Den Vorteil des frühen Aufstehens, um danach das Tagespensum zu erledigen, hatten in der Antike bereits die Römer erkannt: Aurora habet aurum in ore. Der Volksmund machte daraus Morgenstund hat Gold im Mund oder – sehr frei – Der frühe Vogel frisst den Wurm.

Auch Singer / Songwriter entdeckten das anspornende Wort „Aufstehen“. Ihre Texte fordern bestimmte Gruppen oder Gleichgesinnte auf, etwas zu bewegen, aktiv zu werden. Den Anfang machte 1978 der österreichische Liedermacher Georg Danzer mit seinem Lied Morgenrot mit den Zeilen „Alle, die gegen Atomkraftwerke sind, sollen aufstehn“. 1980 folgte die niederländische Gruppe Bots mit Opstaan, einer zunächst fast wörtlichen Übersetzung des Danzer-Textes, später aber dann mit zusätzlich eigenen Zeilen wie „Alle, die zu ihrer Freiheit auch die Freiheit ihrer Nachbarn achten ,..“ oder „Alle, die ein bessres Leben wünschen, sollen aufstehn!“ (vgl. Bots: Aufstehn). Bereits 1973, zur Zeit der Duvalier-Diktatur in Haiti, hatte Bob Marley „Get up, stand up, stand up for your right!“ gefordert. Dieser inzwischen weltberühmte Song wurde von Bob Marley and the Wailers meist gegen Ende ihrer Konzertauftritte gespielt (vgl. Wikipedia).

Ob der Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger sich zu seinem Liedtext Aufstehen, aufeinander zugehen von den die Bots-Zeilen „Alle , die noch wissen, was Liebe ist, sollen aufstehn“, hat inspirieren lassen, ist nicht bekannt. Es spricht viel für die Annahme, dass dem Theologen die Stelle des Paulus-Briefes an die Römer geläufig war: „Darum nehmet euch untereinander an“ (Römer 15,7). Die Melodie für den Text von Bittlinger stammt von der Single Schöne Leute aus dem Jahr 1990 des Liedermachers und Gitarristen Rüdiger „Purple“ Schulz.

Zunächst wurde das Lied in überschaubaren kirchennahen Kreisen gesungen, bis es auf evangelischen Kirchentagen erfolgreich war. Bald wurde es auch auf vielen anderen kirchlichen Veranstaltungen, wie Gottesdiensten, Konfirmationen, Firmungen gesungen; es fand auch Eingang in Kindergärten und Kitas und in den Religionsunterricht mancher Schulen. Doch es dauerte noch einige Jahre, bevor das Lied breitere Bevölkerungsschichten erreichen sollte. Dazu beigetragen hat der Sänger und Gitarrist Sven Schuhmacher, der, nachdem er es auf einer Konfirmation gehört hatte, Anfang 2005 mit Aufstehen, aufeinander zugehn in  der damaligen Sarah-Kuttner-Show (bei VIVA) auftrat und seine Interpretation für begeisterte Reaktionen unter den Zuschauern sorgte.

Als Folge wurde Ende Mai 2005 der Song als Single veröffentlicht, und nachdem er kurze Zeit später die deutschen Singlecharts erreichte, brachte Sony noch im selben Jahr eine CD mit dem gleichnamigen Titel Aufstehn auf den Markt, die eine verkaufte Auflage von mehr als 300.000 Stück aufweisen kann. Zum Vergleich: Von der Single des auf dem Kirchentag 1963 vorgestellten Liedes Danke für diesen guten Morgen wurden rund 700.000 Stück verkauft.

Noch heute wird das Lied weit über kirchliche Kreise hinaus von Bürgerinitiativen, z.B. „Aufstehn gegen Rassismus“ und manchmal auch auf Kundgebungen für Toleranz und gegen Ausländerfeindlichkeit gespielt und gesungen. Der inzwischen 60jährige Singer/Songwriter Bittlinger selbst hat sein Lied in den vergangenen Jahren auf unzähligen Konzerten interpretiert.

Anmerkungen zum Lied

Das Lied hörte ich zum ersten Mal, gesungen vom Frauenchor Lenzlerchen, beim Nachbarschaftsfest 2019 der Hamburger Lenzsiedlung, die in den 1970er und 1980er Jahren im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus errichtet wurde. 60 % der rund 3.000 Bewohner, aus 60 Ländern stammend, haben einen migrantischen Hintergrund. Der Text, der sich im Gegensatz zu den o. a. Songtexten, die bestimmte Adressaten haben, an uns alle richtet, könnte speziell auch für die Anwohner und Bewohner der Siedlung geschrieben worden sein.

Der Refrain von „Aufstehn, aufeinander zugehn!“ ist eine Aufforderung an die Sänger*innen und Zuhörer*innen, nicht passiv alles über sich ergehen zu lassen und für sich zu bleiben. Stattdessen sollen wir auf unsere Mitmenschen zugehen, selbst wenn sie uns fremd sind. Wenn wir bereit sind, uns gegenseitig kennenzulernen, dann können wir, wenn wir etwas nicht verstehen, voneinander lernen, z.B. was es für eine Muslimin bedeutet, ein Kopftuch oder eine Burka zu tragen, oder warum ein katholischer Christ sich bekreuzigt.

Die erste Strophe macht uns darauf aufmerksam, dass wir bisher viel zu wenig getan haben, um voneinander zu lernen. Bisher haben viele von uns zwar über bestimmte Probleme diskutiert, es gilt jedoch, darüber hinaus etwas zu tun, z.B. in Begegnungsstätten oder in der Nachbarschaft mit Migranten über ihre Heimat zu sprechen oder – wie in der Lenzsiedlung –  zur Verbesserung der Sprachkenntnisse miteinander Konversation zu betreiben oder ausländische und deutsche Kreistänze zu üben oder ab und zu gemeinsam zu kochen.

Gerade, weil wir aus verschiedenen Ländern stammen, können wir die Vielfalt unserer Kulturen kennenlernen (vgl. Strophe 2). Für viele Besucher*innen waren manche Lieder neu, die beim Sommerfest vom Gute Laune Chor oder von den Lenzlerchen gesungen wurden, aber vielleicht singen wir ja im nächsten Jahr einige Lieder zusammen mit den Zuhörern*innen, z. B. Yakob usta (türkisch für Bruder Jakob) oder Trarira, der Sommer, der ist da.

Der christliche Liedermacher Bittlinger weist uns in der dritten Strophe darauf hin, dass wir alle nur vorübergehend auf dieser Welt sind, und dass es daher gilt, (in Frieden) zusammen zu leben (vgl. 1. Petrus 2, 11: „Liebe Freunde, ihr seid nur Gäste und Fremde in dieser Welt“). Wenn man nebeneinander her lebt, bleibt man einander fremd. Es gilt jedoch, „aufeinander zu[zu]gehn“, damit „aus Nachbarn Freunde werden“.

Georg Nagel, Hamburg (Mitglied des Gute Laune Chors)

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler/-innen, sondern auch Fans, Sammler/-innen und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge.

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.