Florales Abschiedslied: „Es dunkelt schon in der Heide“

Anonym 

Es dunkelt schon in der Heide

1. Es dunkelt schon in der Heide, 
nach Hause laßt uns geh'n;
wir haben das Korn geschnitten 
mit unserm blanken Schwert. 

2. Ich hörte die Sichel rauschen, 
ja rauschen durch das Korn. 
Ich hörte mein Feinslieb klagen, 
sie hätte ihr Lieb' verlor'n. 

3. Hast du dein Lieb' verloren, 
so hab ich noch das mein;
so wollen wir beide mit'nander 
uns winden ein Kränzelein. 

4. Ein Kränzelein von Rosen, 
ein Sträußelein von Klee, 
zu Frankfurt an der Brücke, 
da liegt ein tiefer Schnee. 

5. Der Schnee, der ist zerschmolzen, 
das Wasser läuft dahin, 
kommst mir aus meinem Auge, 
kommst mir aus meinem Sinn. 

6. In meines Vaters Garten, 
da steh'n zwei Bäumelein; 
das eine trägt Muskaten, 
das and're Braunnägelein. 

7. Muskaten, die sind süße, 
Braunnägelein sind schön;
wir beide uns müssen scheiden, 
ja scheiden, das tut weh.

Dieses bekannte und im Volk sehr beliebte Lied gibt es in vielen verschiedenen Fassungen. Strophen wurden (je nach Vorliebe der Singenden) dazugestellt – sogenannte Wanderstrophen – andere wiederum wurden vergessen oder absichtlich weggelassen. Motive, Wendungen und Metaphern zeigen eine Formelhaftigkeit, die typisch ist für das Volkslied. Vieles scheint auch unlogisch, mit dem Verstand nicht erklärbar, doch Gefühl und Gemüt werden um so stärker angesprochen, weil die Symbolhaftigkeit des Liedes eher durch die Seele als durch den Verstand erfasst wird.

Es gibt daher nicht nur eine mögliche Deutung und Interpretation eines Liedes, sondern ebenso viele, wie es Märchendeutungen gibt. Märchen und Lieder stammen in gleicher Weise aus tieferen Schichten der Seele und sprechen daher auch tiefere Schichten der Seele an. Hier also der Versuch einer Deutung des Liedes:

Es dunkelt schon in der Heide,
nach Hause laßt uns geh’n,
wir haben das Korn geschnitten

Bereits in der ersten Strophe fällt auf, dass „Heide“ und „Korn“ vom Verstand her nicht so recht zusammenpassen wollen. Von der Symbolik her jedoch sehr gut.

Betrachtet man Lieder, in denen die „Heide“ vorkommt – einschließlich der Kunstlieder von Walther von der Vogelweides Unter der Linden auf der Heiden bis hin zu Goethes Röslein auf der Heiden – so stellt sich die Heide als Ort dar, der außerhalb des vertrauten Bereiches, wild, jenseits des Sittlichen, als Ort der freien Liebe erscheint.

Das „Korn“ hat eine uralte erotische Vegetationssymbolik. In den Liedern ist Korn, Gerste, grasen gehen, in den Klee gehen, die Metapher für geschlechtliche Vereinigung.

wir haben das Korn geschnitten
mit unserm blanken Schwert

Das Schneiden mit dem Schwert hat etwas Gewaltsames – ein Bild für das Zerschneiden und Zerstören der Zuneigung und Liebe.

Ich hörte die Sichel rauschen

Hier gibt es eine Urfassung:

Ich hört ein sichelin rauschen
wol rauschen durch das korn,
ich hört ein fein magt klagen,
sie het ir lieb verlorn.

Die Eingangsformel der ersten Zeile kann kaum schlichter sein, aber sie trägt Bedeutung genug. So einfach sie sich gibt, so unüberhörbar tönt der Sichelklang. Die zweite Zeile „wol rauschen durch das korn“ nimmt den Klang auf und führt das begonnene Bild zu Ende: Die Sichel fährt durch reife Frucht. Ein verwandtes Bild haben wir in dem alten Lied Es ist ein Schnitter heißt der Tod – Liebe und Tod als zusammengehörendes Gegensatzpaar.

ich hört ein fein magt klagen

Die Klage des Mädchens geschieht unter dem Rauschen der Sichel; wer wollte eins vom anderen trennen? So übergangslos, wie die formelhaft ähnlichen Sätze aufeinanderfolgen, so eins ist beides: Klage und Sichelklang.

Die erste Strophe scheint als selbständiges Lied bestanden zu haben, und Strophe 2 und 3 sind, wie der Liedforscher und -sammler Franz Magnus Böhme meinte, ein altes Tanzlied: Es gibt das flüchtige Gespräch zweier Mädchen wieder, von denen die eine einen Geliebten verloren, die andere ihn gefunden hat. Ludwig Uhland hat die drei Strophen zusammengestellt, weil er die thematische Verwandtschaft spürte, und wir nehmen diese Vereinigung gerne hin.

Manches Lied, das uns als eine glückliche Einheit anmutet, ist mehr oder minder zufällig aus verschiedenen Teilen zusammengewachsen. Motive, Wendungen, Strophen gleichen Tons und gleicher Stimmung können im Reich des Volksliedes sehr wohl zu neuer Einheit zusammenfinden.

„La rauschen, lieb, la rauschen,
ich acht nit wie es ge:
Ich hab mir ein bulen erworben
in feiel und grünen kle.“

„Hast du ein bulen erworben
im veiel und grünen kle,
so ste ich hie alleine,
tut meinem herzen we.“

Wehmut der verlorenen Liebe hat die eine befallen, als sie die Sichel durch das Korn rauschen hörte. Doch die andere achtet nicht darauf, obwohl sie weiß, dass Sichelklang und Ende, Liebe, Kummer und Tod so sehr verwandt sind – „ich acht nit wie es ge.“

Das Lied konzentriert, indem es die Mädchen in sparsamsten Worten Freude und Klage aussprechen lässt, es bleibt im Typischen und berührt so menschliches Fühlen in seiner Allgemeinheit.

„Hast du ein bulen erworben
im veiel und grünen kle,“

Es fehlen nicht die Veilchen und der grüne Klee. Blumen überhaupt sind Lieblinge des Volksliedes, überall sprießen sie empor, Röslein auf der Heide und Blümlein blaue

Die Veilchen und der grüne Klee zeigen den Frühling an, wie er zur Liebe gehört, und führen nun im Ganzen der drei Strophen ein heimliches Widerspiel zum herbstlichen Klang der Sichel. Über dem Ganzen liegt wie ein Schein der Gegensatz zwischen Herbst und Frühling – zwischen Tod und Liebe. Soweit zu den Strophen des alten Liedes vom „Sichleinrauschen“. Nun zurück zum Lied, welches wir vor uns haben:

Hast du dein Lieb verloren,
so hab ich noch das mein:
So wollen wir beide mitnander
uns winden ein Kränzelein.

Ein Kränzelein von Rosen,
ein Sträußelein von Klee

Kranz, Jungfernkranz und Brautkrone, sie weisen symbolisch auf etwas Geschlossenes, noch vollständig Vorhandenes und Unverletztes, auf die bräutliche Unschuld hin. Der Blumenkranz oder auch Rosenkranz ist Sinnbild der jungfräulichen Blüte, das blumenlose Sträußelein von Klee hingegen ist Zeichen der verlorenen Jungfernschaft.

Zu Frankfurt auf der Brücke,
da liegt ein tiefer Schnee.

Die Brücke war früher der Ort der Brautübergabe. Wenn tiefer Schnee liegt, ist die Brücke nicht mehr begehbar. In unzähligen Liedern erscheint der Schnee als Trennungsmotiv. Siehe auch Und in dem Schneegebirge oder Es ist ein Schnee gefallen…

Der Schnee, der ist zerschmolzen,
das Wasser läuft dahin.

Das Wasser – ein Symbol des Eros – läuft davon, die Liebe zerrinnt, ist unwiederbringlich dahin. So z.B. auch im jiddischen Lied Ale vasserlech flisn avek, die gribelech blaybn leydig – All die Wasser fließen dahin, die Gräben sind ausgetrocknet (aus Cesar Bresgen: Europäische Liebeslieder).

Kommst mir aus meinem Auge,
kommst mir aus meinem Sinn.

Die Trennung, die so schmerzlich ist, findet Linderung im Vergessen.

In meines Vaters Garten,
da stehn zwei Bäumelein,
das eine, das trägt Muskaten,
das andre Braunnägelein.

Muskaten, die sind süße,
Braunnägelein sind schön;
wir beide müssen uns scheiden,
ja scheiden, das tut weh.

Seltsam, die beiden Wunderbäume, die Muskaten und Braunnägelein tragen. Muskaten und Braunnägelein sind eine Metapher für die sinnliche Liebe. Die beiden Gewürze mit ihrem starken Duft finden Verwendung als Aphrodisiakum im Liebeszauber. Bei „süßen“ Muskaten ist auch an Muskattrauben zu denken, während bei Braunnägelein wohl die Gewürznelken gemeint sind, deren Form einem Nagel gleicht. Interessant ist auch der Spruch aus dem Hohelohischen, nördlich der Rems:

Unter meim rote Rock
hab‘ i en braune Nägelesstock.
Is denn kei Bu so keck
un bricht mir des Nägele weg.

[aus dem Schwäbischen Wörterbuch]

„Muskaten, die sind süße, / Braunnäglein die sind räss“, wie es in einer anderen Fassung heißt. Räss – das bedeutet im süddeutschen Sprachgebrauch: herb, sauer, zusammenziehend. „Süß“ und „sauer“ als Gegensatzpaar – die Liebe ist sowohl als auch, sie kann Lust und Schmerz bedeuten. Auf süße Lieb’ folgt oft bitteres Leid, die Trennung der Liebenden.

Karin Kothe, Karlsruhe und Karl-Hans Frank

Zuerst erschienen in der Publikation Lied des Monats der Klingenden Brücke, Heft Nr. 29, November 2016.

 

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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