Geschlecht und Sekret. Zu den Geschlechterrollen in Gerhard Schönes Kinderliedern „Der Popel“ und „Jule wäscht sich nie“

Zu den Pointen der gerade wieder aktuellen Debatte über Feminismus gehört es, dass oft ältere Männer (gelegentlich unterstützt von Frauen wie Birgit Kelle, deren Diskussionsniveau sich exemplarisch an ihrem Buchtitel Dann mach doch die Bluse zu ablesen lässt) einerseits Feministinnen vorwerfen, Frauen in eine Opferrolle zu drängen, andererseits aber mit großer Mühe meist rein fiktive Fälle konstruieren, in denen Männer Opfer einer imaginierten feministischen Hegemonie werden. Zu den jüngsten Beispielen zählen – erwartbar – Martin Walser und – überraschend – Rolf Zuckowski. Letzterer hat im Hamburger Abendblatt erlätert Warum ich mich um meine Lieder sorge. Er fürchte, dass seine Lieder, in denen regelmäßig das generische Maskulinum für alle Geschlechter verwendet wird, „bald als ’nicht mehr zeitgemäß‘ ins Abseits gedrängt, oder gar auf einen ‚Gender-Index‘ gesetzt“ würden. Bemerkenswert ist, dass er keinen konkreten Anlass dazu erwähnt, ihm also kein Vorfall bekannt zu sein scheint, bei dem tatsächlich jemand ein Zuckowski-Lied etwa aus dem Schulchorrepertoire verbannt hätte, weil es nicht geschlechtergerecht formuliert sei. Aber man wird sich ja noch fürchten dürfen, auch ohne einen Anlass dazu zu haben. In der Schilderung seiner Befürchtungen wird Zuckowski allerdings konkret:

Ein Beispiel ist mein beliebtes ­Geburtstagslied „Wie schön, dass du ­geboren bist“. Da heißt es im Originaltext: „Heut ist dein Geburtstag, darum feiern wir, alle deine Freunde freuen sich mit dir.“ „Gendergerecht“ müsste es wohl heißen: „… alle deine Freundinnen und Freunde freuen sich mit dir. Der Schrägstrich oder die Sternchenschreibweise (Freund/Innen oder Freund*Innen) kommen mangels Sprech- und Singbarkeit als „gender­gerechte“ Version sicher nicht infrage. Aber auch die Doppelnennung „Freundinnen und Freunde“ brächte einen unüberwindlichen Stolperstein in das Lied.

Gar so unüberwindlich scheint die Hürde nun aber nicht zu sein – hier ein paar metrisch identische geschlechtergerechte Alternativen zu: „alle deine Freunde freuen sich mit dir.“:

„Freundinnen und Freunde freuen sich mit dir.“

„Alle, die dich mögen, freuen sich mit dir.“

„Alle deine Lieben freuen sich mit dir.“

Das Problem bestünde also, selbst wenn das bislang lediglich von Zuckowski imaginierte Sprachdiktat einmal tatsächlich eingeführt werden sollte, nicht wirklich, wie ja auch in der alltäglichen Praxis eine geschlechtergerechte Sprache sich mit ein wenig Mühe recht gut umsetzen lässt. Interessanterweise fordert Zuckowski, um einem – wohlgemerkt bloß vorgestellten – Sprachdiktat zu entgehen, eine zu schaffende, der Académie française ähnliche Institution oder gleich den Bundespräsidenten mit der Durchsetzung eines tatsächlichen Sprachdiktats, allerdings in seinem Sinne, zu betrauen. Es ist die klassische reaktionäre Argumentation: Um einer gefürchteten zukünftigen Repression der anderen Seite zu entgehen, muss augenblicklich selbst repressiv gehandelt werden.

Nun kann man nicht ausschließen, dass tatsächlich irgendwo im weiten deutschen Sprachraum eine Kindergärtnerin oder ein Kindergärtner sich an der Ausschließichkeit des generischen Maskulinums stören. Vermutlich würden sie aber in diesem Fall aber einfach den Text wie oben skizziert ändern, ebenso wie dies ja nun zum Ärger Andreas Gabaliers, eines ausnahmsweise jungen Antifeministen, bei der Österreichischen Bundeshymne, in der seit 2011 das Land als „Heimat großer Töchter und Söhne“ statt lediglich „großer Söhne“ besungen wird, gehalten worden ist (zur Einordnung Gabaliers ein Zitat: „Man hat es nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl noch auf Weiberl steht.“ Wäre es nicht zu gefährlich, möchte man Gabalier empfehlen, nach und nach in allen Ländern der Welt, von der er ja ausdrücklich spricht, sich Hand in Hand mit einem Mann in der Öffentlichkeit zu zeigen).

Dass das Bewusstsein dafür, wie Kinderlieder Geschlechterrollen normieren können, entgegen der Annahmen von Zuckowski und anderen allgemein nicht allzu ausgeprägt zu sein scheint, zeigt hingegen die ungebrochene Beliebtheit des Lieds Jule wäscht sich nie von Gerhard Schöne. Der war so etwas wie der Rolf Zuckowski der DDR (und das ist eher ein Ritterschlag für Zuckowski als für Schöne). Auch für Erwachsene hat er als Lieder geschrieben und sich dabei als engagierter evangelischer Christ so souverän auf dem schmalen Grad der gerade noch möglichen Kritik bewegt, dass er 1989 den Staatspreis der DDR erhielt. Aus dem umfangreichen Schaffen des bis heute aktiven Liedermachers haben aber vor allen die beiden Kinderlieder Der Popel und Jule wäscht sich nie eine Kanonisierung in Form einer vielfältigen produktiven Rezeption erfahren, die u.a. in Coverversionen auf Youtube (unbedingt sehenswert: Die klassisch-getragene Popel-Version des Jugendchors Mainstockheim) ablesbar ist.

Gerhard Schöne

Der Popel

Das Lied ist ausgeknobelt
für jeden, der popelt.

Ein Popel! Ein Popel! Ein Popel! O la la.

Spazierst du auf der Straß',
steck' den Finger in die Nas'!
Und irgendwo da hinten 
wird sich sicher etwas finden.

Ein Popel [...]

Die langen eleganten 
gibt's bei den Elefanten.

Ein Popel [...]

Was kann man von der Mama 
über's Popeln noch erfahr'n?
Sie wird erzählen, 
daß die früh'ren Popel besser warn.

Ein Popel [...]

Hast du mal eine Freundin,
dann sei immer nobel!
Und wenn sie dir ein Küßchen gibt,
schenkst du ihr einen Popel.

Ein Popel [...]

     [Gerhard Schöne singt Kinderlieder aus aller Welt. Amiga 1986.]

Das kommt dem – zumindest aus Kindersicht – perfekten Kinderlied schon recht nahe. Die Singalong-Strophen ermöglichen schon beim ersten Hören das Mistingen, im Refrain kann geklatscht werden und dann natürlich der Text: Besungen wird eine kindliche Lieblingsbeschäftigung, die gleich mehrere Attraktionen vereint: die Beschäftigung mit dem eigenen Körper, das Zutagefördern eines sicht- und tast-, ggf. sogar schmeckbaren Ergebnisses durch hartnäckige fortgesetzte Bemühungen („Und irgendwo da hinten / wird sich sicher etwas finden.“ – Selbstwirksamkeit!), der Ekel (v.a. der Anderen) und natürlich die Regelübertretung. Diese wird gleich im ersten Verspaar noch gesteigert, wenn ausdrücklich zum öffentlichen Popeln animiert wird. In der dritten Strophe wird dann zwar eine Erziehungsberechtigte erwähnt; doch statt, wie zu erwarten, das Nasebohren zu verbieten, wird der Mutter unterstellt, sie würde einen Qualitätsvergleich zugunsten der Popel ihrer eigenen Kindheit anstellen. Dabei wirkt nicht nur dieser Erwartungsbruch amüsant; zugleich stellt die Strophe einen (evtl. eher für erwachsene Mithörer erkennbaren) Seitenhieb auf „Früher war alles besser“-Suadas dar, die der Lächerlichkeit preisgegeben werden, indem als ihr Gegenstand etwas gewählt wird, das erstens üblicherweise nicht als wertig angesehen wird und zweitens wohl tatsächlich historisch relativ gleichbleibend ist; und schließlich eröffnet diese Strophe Raum für lustvoll-abwegige Spekulationen: In Hinsicht auf welche Charakteristika sollen führere Popel besser gewesen sein? Farbe? Konsistenz? Geschmack? Klebeeigenschaften? Flugbahn beim Schnipsen?

Während die zweite Strophe mit ihrem zoologischen Exkurs die kindliche wie erwachsene Freude am Grotesken bedient, ist die vierte vor allem an Kinder jenes Alters adressiert, in dem die Reaktion auf sich küssende Menschen „Iiiiiiih!“ lautet. Die brilliante Paradoxie dieser Strophe liegt darin, dass sie eben jenes in aller Regel auf ein bestimmtes Alter beschränkte Unbehagen des kindlichen Adressaten auf ihn als Protagonist in einer späteren Lebensphase („Hast du mal eine Freundin“) überträgt – paradox deshalb, weil er ja keine Beziehung mit einer Freundin im Sinne von ‚girlfriend‘ eingegangen wäre, wenn er Küssen nach wie vor als abstoßend empfände. Dass er das offenbar immer noch tut, wird an der angeratenen Reaktion auf das „Küßchen“ deutlich: Die ’noble‘ Überreichung getrockneten Nasensekrets dürfte beim Gegenüber wohl kaum Entzückung hervorrufen. Vielmehr dürfte dieses Verhalten die Beziehung sabotieren und damit eine polare geschlechtliche Strukturierung einer früheren Altersphase wiederherstellen, in der Jungs und Mädchen sich wechselseitig einfach nur doof finden. Man könnte darin also einen subversiven Akt des Widerstands gegen den Eintritt in die (heteronormative) Erwachsenenwelt, die bereits vorpubertäre Jungen mit der zudringlichen Frage „Und, hast du denn schon eine kleine Freundin?“ behelligt, sehen. Rebellische Regression sozusagen – ganz im Sinne des Prototyps aller anarchischen Kinderheldenfiguren, Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpfs, die mit Tommy und Annika Settergren „Krumme Luse“-Pillen einnimmt, um niemals erwachsen zu werden.

Kennt man den Popel, mag man kaum glauben, das Jule wäscht sich nie vom selben Verfasser stammt.

Gerhard Schöne

Jule wäscht sich  nie
Ein hübsches Mädchen ist die Jule. 
Sie geht auch gerne in die Schule. 
Nur eines finden alle schlecht, 
dass Jule sich nicht wäscht. 
Sieht man sie kommen, heißt es: Hmmm! 
Hört man sie reden, heißt es: Aaah! 
Doch riecht man sie, dann heißt es: Iiih! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Es kam einmal ein Herr von Thule, 
der war total verknallt in Jule. 
Sie brauchte sich nicht lang zu ziern 
und ging mit ihm im Park spaziern. 
Er nimmt ihr Händchen und denkt: Hmmm! 
Sie sehn sich an und flüstern: Aaah! 
Er kommt ihr näher und schreit: Iiih! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Da mußte Jule schrecklich weinen, 
trotz allem fand sie später einen, 
der Schnupfen hatte und nichts roch. 
Drum kam die Hochzeitskutsche doch. 
Man sieht die Kutsche und sagt: Hmmm! 
Man grüßt den Bräutigam mit: Aaah! 
Doch als die Braut kommt, hört man: Iiih! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Und wie sie vor dem Altar sitzen, 
beginnt der Bräutigam zu schwitzen. 
Da schnaubt er dreimal, 1 - 2 - 3, 
und schon ist seine Nase frei. 
Er schielt zur Jule und denkt: Hmmmm! 
Er nimmt das Ringlein und denkt: Aaah! 
Er will sie küssen und schreit: Iiihh! 
Denn Jule wäscht sich nie.

Da ist 'ne gute Fee gekommen, 
hat Jule an die Hand genommen 
und sprach zur Jule: "Sei kein Schwein! 
Steig in die Badewanne rein!" 
Sie riecht die Seife und denkt: Hmmm! 
Sie wäscht sich richtig sauber: Aaah! 
Sie sieht sich selber und sagt: "Ei! 
Jetzt ist die Schweinerei vorbei."

     [Gerhard Schöne: Lieder aus dem Kinderland. Amiga 1982.]

Dass dieses Lied auf dem Album Lieder aus dem Kinderland erschienen ist, wirkt geradezu ironisch: Denn – abgesehen vom Mitmachspaß beim „Hmmm!“, „Aaah! und vor allem „Iiih!“ Rufen – ist alles an diesem Lied auf die Erwachsenenwelt ausgerichtet. Das beginnt im ersten Satz damit, dass das einzige Adjektiv, mit dem die Protagonistin charakterisiert wird, sich auf ihr Äußeres bezieht. Welches Kind kommt aus dem Kindergarten oder der Grundschule und sagt „Wir haben eine Neue, die ist hübsch?“ Nett, blöd, groß, klein, was auch immer, aber „hübsch“? Als nächte positive Eigenschaft Jules wird angeführt, dass sie gerne in die Schule gehe. Wieder denkt man, diesmal allerdings als Gegenbeispiel, an Pippi Langstrumpf, deren Berührungen mit dieser Bildungsanstalt sämtlich ebenso kurz wie amüsant ausfallen. Außerdem vermag Jule sich offenbar gewählt auszudrücken, wie sich aus der Reaktion ihrer Umgebung auf ihre Äußerungen ergibt. Aber was kann ein adrettes Kind, das artig – man ist versucht, in die Sprache der pädagogischen Kinderliteratur früherer Zeiten zu verfallen – in die Schule geht und wohlgesetzt spricht, überhaupt noch falsch machen? Natürlich: Es an Reinlichkeit mangeln lassen („Auch hinter den Ohren waschen!“). Doch benötigt es bei Jule nicht einmal einer erwachsenen Erziehungsinstanz, um auf diesen Mangel hinzuweisen, das erledigt das mobbende Mitschülerkollektiv, mit dem sich die singenden Kinder beim „Iiih!“ Rufen identifizieren können.

Kennt man den Popel, erwartet man trotz dieses Anfangs noch, dass sich Jules Anderssein irgendwann als nützlich erweisen wird, etwa um irgendjemanden Bedrohlichen in die Flucht zu schlagen. Aber nein. Genüsslich breitet der Text, psychologischen Sadismus bedienend, aus, wie Jule ungeachtet all ihrer positiven Eigenschaften allein aufgrund ihrer mangelnden Körperhygiene scheitert. Und das geschieht, weil sie ja eine Frau ist, natürlich nicht auf der Beziehungsebene: Zunächst bekommt sie den Prinzen (im Liedtext auf jeden Fall ein Adeliger, Jule könnte offenbar mittels ihrer Partnerwahl sozial aufsteigen) nicht und dann folgt auch noch die dramaturgisch infam aufgebaute maximale Demütigung in aller Öffentlichkeit vor dem Traualtar. Diese Szene muss sich, was schwarze Pädagogik angeht, keineswegs vor dem Struwwelpeter verstecken.

Die Auflösung der Problematik erfolgt schließlich nicht einmal durch einen eigenen Erkenntnisprozess Jules, selbst ihre Anpassung an die Rollenerwartungen muss von außen initiiert werden. Eine übernatürliche Instanz gibt harsch („Sei kein Schwein!“) den Befehl zur Reinigung, dem Jule dann freudig Folge leistet.

Dass Jule ein Mädchen und der Protagoinist im Popel mutmaßlich ein Junge ist, schein kein Zufall zu sein. Denn die Forderung nach geruchlicher Neutralität oder sogar Wohlgeruch richtet sich speziell an Frauen – in meiner schwäbischen Heimat war in meiner Jugend, nur halb ironisch, unter Jungen noch der Merksatz virulent „A Mo muaß stenka, an Bierranza und Hohr aufm Rucka hau.“ (Ein Mann muss sinken, einen Bierbauch und Haare auf dem Rücken haben.) Und die Empörung über Charlotte Roches Feuchtgebiete, dessen Klappentext ja direkt mit „Hygiene wird bei mir kleingeschrieben“ betitelt war (DuMont 2008), war untrennbar mit dem Geschlecht der Autorin und der Protagonistin verbunden.

Was also tun? Auf den nicht existierenden „Gender-Index“ mit Jule wäscht sich nie und damit Kindern ihre Freude am „Iiih!“ schreien nehmen? Die bessere Variante wäre wohl ein spielerischer Umgang mit Geschlechterrollen, wie ihn ja auch schon die Gründungsfigur der Gender Studies, Judith Butler, empfohlen hat. Und da es den Jungennamen „Ule“ gibt, ist eine Umdichtung auch ganz metrum- und reimkonform möglich.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

4 Responses to Geschlecht und Sekret. Zu den Geschlechterrollen in Gerhard Schönes Kinderliedern „Der Popel“ und „Jule wäscht sich nie“

  1. Josef says:

    Die Sorge des Herrn Zuckowski ist mehr als berechtigt in einer Zeit, in der Genderismus massiv propagiert (!) wird und auch die Bibel demensprechend umgeschrieben wurde.

    • Lieber Josef,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Was ich bemerkenswert und leider nicht untypisch für die aktuelle aufgeheizte Debattenkultur fand, war, dass Herr Zuckowski sich eben über etwas echauffiert, was gar nicht stattgefunden hat. Genau durch solche Szenarien wird der Eindruck verstärkt, dass ein „Genderismus“, wie du ihn nennst, herrsche. Würde man sich nicht nur mit solchen fiktiven Szenarien oder irgendwelchen in (sozialen) Medien hochgejazzten Skurrillitäten beschäftigen, sondern damit, was das Bemühen um geschlechtergerechte Sprach im Alltag bedeutet, so müsste man das Ergebnis natürlich immer noch nicht mögen, aber man könnte die Diskussion etwas sachlicher und gelassener führen.
      Außerhalb des öffentlichen Dienstes kann man ja ohnehin schreiben, wie man will. Und im öffentlichen Dienst bemüht man sich, so mein Eindruck, um pragmatsiche Lösungen, die keineswegs zwingend zu umständlichen Formulierugen führen müssen (vgl. etwa https://www.uni-bamberg.de/frauenbeauftragte/gender-diversity/sprachregelungen/). Und was die von dir angeführte Bibelfassung angeht: Es ist eben eine mehr unter einer sehr großen Anzahl an Übersetzungen, die sich ja keineswegs mehrheitlich am Ideal möglicht großer historischer Exaktheit, sondern an theologischen oder didaktischen Überlegungen orientieren. Und wenn nun eben eine Bibelfassung, in der Frauen präsenter sind, einigen Leserinnen oder auch Lesern den Zugang zu den biblischen Inhalten erleichtert, so sollte das aus christlicher Sicht doch eigentlich zu begrüßen sein. Übrigens ist die „Bibel in gerechter Sprache“ (https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/) ja ausdrücklich nur als Ergänzung bisheriger Übersetzungen gedacht und sollte diese nicht ersetzen. Hinzu kommt, dass seitens beider Kirchen der gottesdienstliche Gebrauch weitgehend abgelehnt wurde (einen guten Überblick zu den Zielen und der Diskussion bietet hier die Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Bibel_in_gerechter_Sprache). Wie gesagt: Niemand muss sie kaufen, lesen oder mögen. Aber dass du ein Übersetzungsprojekt, dessen theologische Absichten und Voraussetzungen offen mitteilt werden und das somit sehr unmanipulativ ausgelegt ist, das zudem explizit nur als Ergänzung gemeint ist und außerden in der kirchlichen Praxis kaum eine Rolle spielt, als Beispiel dafür, wie berechtigt Zuckowskis Angst vor dem „Gender-Index“ sei, anführst, scheint mir wiederum ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie derartige Debatten eskalieren. Deshalb plädiere ich für mehr Gelassenheit, für rhetorische Abrüstung, dafür, sich Dinge, die einem zunächst grotesk vorkommen, genauer anzuschauen, und schließlich dafür, sich gerade mit Leuten, die eine andere Meinung vertreten, auszutauschen. Ich würde mich deshalb über eine Fortsetzung der Diskussion mit dir freuen.

      Freundliche Grüße

      Martin

  2. Torsten says:

    Hallo Herr Rehfeld,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag, dessen lustige Überschrift mich gleich angesprochen hat, der mich mit der Verknüpfung drei relevanter Phänomene überrascht (Geschlecht, Sekret, Gerhard Schöne) und mir stellenweise aus dem Herzen sprach. Ich fand das Jule-Lied als Kind tatsächlich wirklichkeitsfremd und bedrohlich, den Popelsong fand ich allerdings noch unsympatischer weil eklig. Außerdem hat mir Ihr Beitrag gefallen, weil er mir, wie manche der hier veröffentlichten Textbesprechungen, einige Denkumstöße und Anregungen für die eigene Textproduktion liefert.

    Aber ich bin sehr traurig, dass Sie schreiben: „…Gerhard Schöne. Der war so etwas wie der Rolf Zuckowski der DDR.“

    Ist das ein Blog von Westdeutschen für Westdeutsche? Würden Sie bei einer Besprechung eines Zuckowski-Textes auch schreiben „Rolf Zuckowski. Der war so etwas wie der Gerhard Schöne der BRD“? Überhaupt, warum schreiben Sie „war“? Hielten Sie Gerhard Schöne beim Entwerfen Ihres Textes tatsächlich für gewesen oder dachten Sie im übertragenen Sinne, weil alles Ostdeutsche (außer dem Grünen Pfeil) tot ist?

    Gute und richtige Aufforderungen zur Gerechtigkeit gegenüber Mitgliedern einer Gruppe nützen nichts, wenn sie andere Abdrängungsmechanismen offenbaren. Ich glaube, sie schaden den vermeintlich Begünstigten und Unterstützten sogar, weil es aussieht, als würde eine Ungerechtigkeit durch Verschärfung einer anderen gelindert. Das schürt Neid und schon hadern Menschen, die sich in einer Sache ungerecht behandelt fühlen, bei der Abschaffung einer anderen Ungerechtigkeit, an der sie nicht leiden. Herr Zuckowski, der sich oben so dünnhäutig gegenüber Gendergerechtigkeit äußert, wird mit seinen 71 Jahren durch Erfahrungen der Altersdiskriminierung viel empfindlicher für Ungerechtigkeiten bei der Bekämpfung von Ungerechtigkeiten sein, als jüngere Menschen wie Sie und ich.

    Mich allerdings trifft obiger, ganz sicher nicht zentraler, Satz ihrer Textbesprechung hart, weil er in mir den Verdacht erweckt, dass Sie hier, obwohl auf offenbar auf bestimmte Gerechtigkeiten drängend, exklusiv für eine westdeutsch kulturalisierte Öffentlichkeit schreiben, für deren Lebenswelt die ostdeutsche Kultur vor 1990 gar nicht existiert oder bestenfalls als exotisches Kuriosum, mit erhöhtem Erklärungsbedarf. Ich weiß nicht, ob es dafür einen Fachbegriff gibt, „Ostdeutschenfeindlichkeit“ ist vielleicht zu stark.

    Ich würde Ihnen eine gerne Sendung des Deutschlandfunk empfehlen, die Ihnen und vielleicht auch anderen Menschen verständlich machen könnte, wie in den letzten 30 Jahren in Ostdeutschland ein Klima entstehen konnte, in dem momentan so viele wirklich nervige Positionen öffentlich und diskutabel gemacht werden. Es sind auch Sätze wie „…Gerhard Schöne. Der war so etwas wie der Rolf Zuckowski der DDR.“ die dazu beitragen: https://www.deutschlandfunk.de/erinnerungspolitik-ddr-neu-erzaehlen.1184.de.html?dram:article_id=427797

    Ansonsten werfe ich noch „Ole“ in die Runde, das ist lt. Google leichter als Vorname zu erkennen als der „Ule“ und überhaupt sollten Kinder häufiger mal konsonante Reime zu hören bekommen.

    Viele Grüße,
    Torsten Philipp

    • Lieber Herr Philipp,

      vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Zunächst freut es mich, dass nicht nur ich das Jule-Lied befremdlich finde. Was den Themenkomplex Ost/West angeht, so hoffe ich, obwohl Westdeutscher, hier nicht unbewusst diskriminiert zu haben. Natürlich ist die Erklärung, wer Gerhard Schöne war, für den westdeutschen Teil der Leserschaft gedacht. Das schien mir nötig, nicht weil ich ihn für ein Kuriosum halte, sondern weil sich in der Zeit der deutschen Teilung ja tatsächlich der Großteil der BRD-Bevölkerung weitaus weniger dafür interessiert hat, was sich kulturell in der DDR tat, als andersherum. Deshalb hätte ich Zuckowski, wie Sie richtig annehmen, wohl nicht analog eingeführt. Speziell was westdeutsches Fernsehen angeht, sind manche in der DDR aufgewachsenen Gleichaltrige besser mit dem Programm der 1980er Jahre vertraut als ich (sofern sie nicht im ‚Tal der Ahnungslosen‘ wohnten). Also nehme ich an, dass die meisten ehemaligen DDR-Bürger Rolf Zuckowski kennen dürften, die meisten ehemaligen Bürger der alten BRD Gerhard Schöne aber nicht unbedingt. Dass dieses ungleich verteilte Interesse aneinander, gerade als es nach der Wende erfahrbar wurde, eine der Ursachen für viele Kränkungen war, ist mir bewusst. Jedoch reproduziere ich dieses Desinteresse nicht (ganz im Gegenteil, ich beschäftige mich ja mit Schöne), sondern kalkuliere es lediglich ein, wenn es um das angenommene Vorwissen meiner Leserinnen und Leser geht.
      Zum Präteritum in der Formulierung „war so etwas wie der Rolf Zuckowski der DDR“: Das „war“ bezieht sich auf das Gewesen-Sein der DDR, nicht Gerhard Schönes. Ebenso hätte ich geschrieben „Heino war eine der Reizfiguren der Bonner Republik“, weil diese eben auch der Vergangenheit angehört, wohingegen Heinz Georg Kramm ja seinem 80sten Geburtstag entgegensieht.
      Grundsätzlich haben Sie aber sicher recht, dass etwas mehr Sensibilität oder vielleicht besser: echtes Interesse von westdeutscher Seite angezeigt wäre, ebenso wie aber auch eine Skepsis gegenüber der eigenen Bereitschaft, sich gekränkt zu fühlen, – bei allen, nicht nur bei Ostdeutschen. Und hier würde ich den Ball gerne, nicht als Backlash gemeint, sondern ehrlich interessiert an einem Dialog, zurückspielen: Unmittelbar nach meinen Vergleich, von dem Sie sich gleich doppelt getroffen gefühlt haben, schreibe ich „(und das ist eher ein Ritterschlag für Zuckowski als für Schöne)“, womit ich ja nicht nur meine Wertschätzung Schöne gegenüber zum Ausdruck bringe, sondern implizit auch Kritik daran, dass Zuckowskis und nicht Schönes Lieder im wiedervereinigten Deutschland stärker kanonisiert sind.

      Ich würde mich freuen, wenn wir unsere Diskussion hier fortsetzen würden.

      Viele Grüße

      Martin Rehfeldt

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