Weicher Kern, Harte Schale, Teil V. Hoffen auf eine bessere Welt. Zu Sidos „Zu wahr“

 

Sido

Zu wahr

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Dass die Welt ok ist, so wie sie geworden ist?
Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?
Wenn vor deinem Auge dein Zuhause einfach wegschwimmt?
Wenn man vor lauter Hunger lang schon nicht mehr Hunger sagt
Kein Tropfen Wasser und kein Schatten hat bei 100 Grad
Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat
Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat
Oder Flüchtlinge, die Kurs nehmen auf Garten Eden
Aber nie mehr in ihrem Leben einen Hafen sehen
Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt
Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent
Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch
Immer wenn ich diese Bilder sehe, raste ich aus
Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich
Alle kehren's unter'n Teppich, doch ich trau mich
Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht
Es ist traurig, traurig aber wahr
Du da, alles läuft aus dem Ruder
Wir wollen immer mehr, doch da ist nirgendwo ein Ufer
Das ist alles leider zu wahr
Es ist zu wahr, zu wahr um schön zu sein

Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist
Wenn man sich heute nicht mal sicher ist, was morgen ist
Wenn alle ihre Augen schließen und lieber alleine bleiben
Während sie auf Kinder schießen, nur weil sie mit Steinen schmeißen?
So viele Menschen, dass das Wasser nicht reicht
Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice
Die meisten treffen sich zur Weihnacht auf nen Abend zu viert
Während der Obdachlose leider auf der Straße erfriert
Mir stockt der Atem, wenn ich sehen muss, dass sie Menschen verkaufen
Auf Minen treten, statt problemlos über Grenzen zu laufen
Wenn die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen
Um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen
Vorurteile, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass
Ist schon erstaunlich, was die Dummheit aus dem Menschen macht
Ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen?
Wo ist die Hoffnung hin? Ich hab sie lang nicht mehr gesehen

Es gibt immer einen Weg, daran glaub ich […]

Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen
Wer kann das schon? Ich hoffe nur das der Song dich ein bisschen zum Nachdenken bringt
Ich weiß, es ist nicht immer einfach ein guter Mensch zu sein. 
Aber es kommt auf den Versuch an.
Lass es uns versuchen!

     [Sido: IV. Urban 2015.]

Ein Rapper will die Welt verbessern

An einem Lied, das konkret auf Missstände wie Kinderarbeit und Umweltverschmutzung aufmerksam macht, gibt es sicher in erster Linie inhaltlich wenig zu kritisieren. Ein solches ist Sidos Zu wahr, das in dieser Serie besprochen wird, weil es zwar nicht den Titel ‚zu wahr um schön zu sein‘ hat, diese Zeile aber im Liedtext genutzt wird und „zu wahr“ somit lediglich eine Abkürzung des für diese Serie herangezogenen ‚zu wahr um schön zu sein‘ darstellt. Der Berliner Rapper vollbringt darin einen Rundumschlag gegen die Übel dieser Welt. Er kritisiert die Wasserarmut, dass Menschen verhungern müssen oder Flüchtlinge sterben. Genauso werden Umweltverschmutzung („Vögel voll mit Öl oder Plastik im Bauch“) und die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern („Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“) thematisiert. Daran, dass Sido diese Probleme so klar thematisiert, ist sicher nichts auszusetzen. Wie wir in Sondaschules Text gesehen haben (siehe Teil III), kann so eine Liste an Missständen auch ironisch gebrochen werden, wobei Sidos klare Stellungnahme den Vorteil hat, dass keine Ambiguitäten bleiben.

Vor dem ersten Teil dieser Auflistung an Problemen wendet sich das Sprecher-Ich direkt an die Rezipienten („Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist / Dass die Welt ok ist so wie sie geworden ist? / Kannst du mir sagen, dass die Zeiten hier gerecht sind?“). In erster Linie ist der Text deshalb ein Aufruf, etwas an der Welt zu verändern (siehe zu dieser Thematik auch wieder Teil III). Das direkte Ansprechen des Publikums wird im Text immer wieder angewandt, im Refrain („Du da, alles läuft aus dem Ruder“) und besonders am Ende der Strophen: „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören, aber kannst du mich verstehen? Wo ist die Hoffnung hin?“ Nun, so schwer ist Sidos message sicher nicht nachzuvollziehen. Theoretisch ist eine Abkehr von „Vorurteilen, Missgunst, Ignoranz und Fremdenhass“ nicht schwer zu verstehen.

Die konkreteren Ausführungen sind dabei mal mehr und mal weniger gelungen. Dass beispielsweise religiöser Fanatismus thematisiert wird („Jeder Fanatiker und jedes Kind ne Waffe hat / Und das im Namen von dem, der uns alle erschaffen hat“), dabei aber keine Klischees von radikalem Islamismus aufgerufen werden und sich das Sprecher-Ich stattdessen gegen Fanatismus im Allgemeinen wendet, ist für das Lied, das sich gegen Intoleranz wendet, sicher stimmig. Ähnlich stimmig ist die Kritik an Arbeitsbedingungen bei der Produktion billiger Kleidungsstücke ( „Wenn in Indonesien über Tausenden das Dach brennt / Und du dich feierst, denn dein T-Shirt kostet 8 Cent“), weil dieser sich auch an Hörer von Sidos Lied wendet und gleichzeitig einen ganz konkreten Weg aufzeigt, etwas für eine bessere Behandlung von andere zu tun, nämlich keine Billigkleidung zu kaufen.

Ein Beispiel für problematischere Verse ist: „So viele Menschen dass das Wasser nicht reicht / Doch sie machen diese Videos mit nem Bucket voll Ice“. Selbstverständlich war die Ice Bucket Challenge ein umstrittener Trend, doch die meisten Teilnehmer hatten sicher gute Absichten, und das eingeworbene Geld floss einem guten Zweck zu (siehe Wikipedia). Auch wenn die Verse sprachlich sinnvoll sind, weil sie das Verschwenden eines Eimers Wasser mit dem Verdursten von Menschen entgegenstellen, ist es schwierig nachzuvollziehen, warum eine Spendenaktion für einen guten Zweck mit erschossenen Kindern und erfrierenden Obdachlosen auf eine Ebene gestellt wird. Ähnlich problematisch ist die Rede davon, dass „die Medien ihre Spiele spielen mit unserem Herzen/ um unsere Angst zu schüren, um uns zu unterwerfen“. Besonders im aktuellen politischen Klima, in dem vom amerikanischen Präsidenten bis zur AfD gegen die Presse in ihrer gesamtheit gewettert wird, sind die Zeilen problematisch. Vermutlich zielt Sidos Kritik auf das rechte Spektrum der Medienlandschaft, das Ängste, beispielsweise gegen Flüchtlinge, schürt. Doch bedient er sich dabei einer ähnlichen Rhetorik (besonders „unterwerfen“) wie die, die er kritisieren will, was die Zeilen problematisch macht.

Aber das für mich größte Problem im Text ist, dass das Sprecher-Ich sich als Aufklärer mit überlegener Einsicht geriert. Der Vers „Ich mein, ich weiß, du kannst mich hören aber kannst du mich verstehen?“ suggeriert, dass das Sprecher-Ich selber ‚es‘, also vermutlich die Missstände und Probleme dieser Welt, versteht. Noch deutlicher wird dies im Refrain: „Alle kehren’s unter’n Teppich, doch ich trau mich / Es wird Zeit, dass es endlich jemand ausspricht“. Davon abgesehen, dass das nicht stimmt, weil es zumindest im Internet inzwischen zu jedem gesellschaftlichen und sozialem Missstand Materialen gibt, klingen solche Zeilen doch sehr stark nach Selbstbeweihräucherung (zu dieser Thematik, siehe auch meine Interpretation zu Sidos Augen auf).

Doch Sido scheint selbst zu wissen, dass er es mit seiner positiven Selbsteinschätzung etwas übertrieben hat, und gibt  im Outro zu „Ich kann meine Hände auch nicht in Unschuld waschen“. Doch auch diese selbstkritische Einschätzung kann er so stehen lassen und muss nachschieben „Wer kann das schon?“ (ganz anders als die Sprechinstanz in Teil II dieser Reihe). Aber Sido verbindet seine Selbstbewertung mit der Hoffnung, dass man noch etwas verändern kann. So konterkariert der Text auch den überheblichen Ton Sidos etwas, indem er dazu aufruft, gemeinsam etwas an der Welt, die „zu wahr um schön zu sein“ ist, zu ändern: „Lass es uns versuchen!“ Auch wenn Sido inhaltlich nicht immer ins Schwarze trifft und seine Selbstüberschätzung etwas viel wird, hat der Text durch seine Hoffnung auf eine bessere Welt besonders in der jetzigen Zeit durchaus Relevanz.

Epilog

Abschließend lassen sich einige Zusammenfassungen zu der untersuchten Reihe  von Liedern, die die Wendung „zu wahr um schön zu sein“ ganz oder teilweise im Titel tragen, machen: fünf unterschiedliche Künstler aus diversen Genres haben ihre ganz eigene Interpretation von „zu schön um wahr zu sein“ gefunden. Namentlich: melancholisch-depressiv (Hämatom), selbstkritisch reflektiert (Onkel Tom), nachdenklich (Dritte Wahl), ironisch verwirrt (Sondaschule) und selbstbewusst-hoffnungsvoll (Sido). Somit ist ein breites Spektrum an Emotionen abgedeckt, die auch von Resignation (Hämatom) und Unsicherheit (Onkel Tom) bis hin zu einem hoffnungsvollen Aufruf etwas zu ändern reichen (Sido).

Es gibt aber auch auffallende Parallelen. Mit der überraschenden Ausnahme Onkel Toms, der die Formulierung Zeilen auf das Sprecher-Ich selbst bezieht, wird ‚die Welt‘ als zu wahr um schön zu sein angesehen. Vier der fünf Lieder ist deshalb auch gemein, dass soziale oder politische Missstände thematisiert werden. Die genaue Ausführung variiert dabei freilich, in Hämatoms Lied führt die Erkenntnis beispielsweise zu einer sehr düsteren Stimmung, während sie bei Sido ins Hoffen auf eine bessere Welt mündet. Ähnlich variabel ist, ob die Texte im Allgemeinen verharren (wie bei Hämatom und Onkel Tom) oder genauere Details angeben, wer die Welt unschön macht (wie bei Dritte Wahl das Streben nach Reichtum oder bei Sondaschule die Umweltverschmutzung).

Kaum ein Lied enthält konkrete Hinweise, wie man die hässliche Welt verändern kann. Am ehesten tut dies Sido noch, wenn er z.B. den Kauf von billigen Kleidungsstücken verurteilt. In der Tat lässt sich in einer gespaltenen Welt, in der eines der wichtigsten Länder der Welt von einem Donald Trump regiert wird und in der die UNO vor einer Hungersnot, die 20 Millionen Menschen betrifft, warnt (vgl. zeit.de), der Feststellung , dass die Welt tatsächlich zu wahr um schön zu sein ist, wenig entgegenhalten. Doch, und hier wird der Text Onkel Toms wieder wichtig, sollte dies auch zur Selbstreflexion führen. Und die Unsicherheiten, die dadurch entstehen, teilen wir alle. Im Zweifel würde ich deshalb für Sidos „Lass es uns versuchen!“ gegenüber Hämatoms „Allein, allein“ plädieren.

Martin Christ, Oxford

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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