Arbeiterkampflied und Gewerkschaftshymne: Hermann Scherchens „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“

Hermann Scherchen

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit,
Brüder zum Licht empor!
Hell aus dem dunklen Vergangnen
leuchtet die Zukunft hervor.

Seht, wie der Zug von Millionen
endlos aus Nächtigem quillt,
bis eurer Sehnsucht Verlangen
Himmel und Nacht überschwillt!

Brüder, in eins nun die Hände,
Brüder, das Sterben verlacht!
Ewig, der Sklav'rei ein Ende,
heilig die letzte Schlacht!

Entstehung

Das Lied für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität war neben der Internationalen und Wann wir schreiten Seit an Seit (Interpretation hier) eines der bedeutendsten Kampflieder sozialistischer und kommunistischer Organisationen. Heute wird Brüder, zur Sonne, zur Freiheit häufig zum Abschluss von Parteitagen der Sozialdemokratischen Partei und Gewerkschaftskongressen gesungen.

Der deutsche Dirigent und Leiter eines Arbeiterchores Hermann Scherchen (1891-1966) dichtete den Text 1918, orientiert am russischen Revolutionslied Tapfer, Genossen im Gleichschritt. Die Melodie und den Text hatte Scherchen zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Lettland kennengelernt, wo er als Dirigent des Rigaer Staatsorchesters tätig war und als Zivilist 1914 in einem russischen Lager interniert wurde.

Das Lied geht auf ein altes Studentenlied zurück, auf dessen Melodie der Revolutionär, Poet und Leiter der Moskauer Arbeiter Union Leonid Petrowitsch Radin (1860-1900) im Moskauer Gefängnis Taganka den russischen Text mit sieben Strophen verfasste: Smelo, towarischtschi, w nogu. Erstmals gesungen wurde dieses Lied 1897 von politischen Gefangenen auf dem Marsch durch Moskau in die sibirische Verbannung. Seit der russischen Revolution von 1905 und besonders in der Oktoberrevolution 1917 wurde es in Russland zur Hymne.

In Deutschland war 1920 der rechtsgerichtete Kapp-Putsch auch durch einen Generalstreik der Arbeiterschaft gescheitert, als Brüder, zur Sonne, zur Freiheit zum ersten Mal im September 1920 in Berlin von einem Arbeiterchor unter der Leitung von Hermann Scherchen in der Öffentlichkeit gesungen wurde.

Abb. aus: Inge Lammel: Arbeitermusikkultur in Deutschland 1844–1945. Bilder und Dokumente. Leipzig 1984.

Interpretation

Wie Fanfarenstöße klingen die ersten beiden Zeilen, in denen Scherchen neoromantische Metaphern verwendet, wie sie auch in Liedern der Jugendbewegung auftauchen (vgl. Walter Gättkes Text „Und wenn wir marschieren, / dann leuchtet ein Licht, / das Dunkel und Wolken strahlend durchbricht“ oder „uns geht die Sonne nicht unter“ aus: Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht). Sonne und Licht werden hier als Symbole für eine bessere Welt, für Fortschritt und Entwicklung benutzt (vgl. „Der Erde Glück, der Sonne Pracht, / des Geistes Licht, des Wissens Macht / dem ganzen Volke sei’s gegeben“ aus dem 1891 von Max Kegel gedichteten Sozialistenmarsch). Sonne und Licht werden das dunkle Vergangene, nämlich „Hunger, Elend, tiefe Not (zweiter Vers aus Ludwig Renns Es wird die neue Welt geboren) überwinden. Eine Zuversicht, die sich auch im Hermann Claudius Lied Wann wir schreiten Seiten an Seit findet („fühlen wir, es muß gelingen: / Mit uns zieht die neue Zeit“) und die, bezogen auf den im November 1918 erkämpften Achtstunden-Tag als Etappensieg, zur Gewissheit wird.

Das Lied spricht in allen drei Strophen die Hörer und Singenden direkt an. „Brüder“ steht hier stellvertretend für alle Menschen (vgl. „Alle Menschen werden Brüder“ und „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). Es ist ein Appell, aktiv zu werden, mit der Verheißung auf eine bessere Zukunft.

Doch allein der Sonne und dem Licht will man den Umschwung nicht überlassen. Man weiß, es bedarf des Klassenbewusstseins von Millionen von Mitkämpfern, das derart entwickelt sein muss (s. zweite Strophe), dass die Arbeiterklasse bereit ist, mit allen Mitteln – auch mit Gewalt – für die Befreiung der fremdbestimmten Arbeit („es gilt die Arbeit zu befreien“, Sozialistenmarsch) zu kämpfen. Und hieß es schon fast 30 Jahre früher Auf, Sozialisten schließt die Reihen und in der zweiten Strophe „Vernehmt den Weckruf! Schließt Euch an! / Aus Qual und Leid euch zu erheben“, so werden hier die „Brüder“ aufgefordert, sich im Kampf gegen die „Sklaverei“ zu vereinigen und in der als heilig genannten letzten Schlacht notfalls zum Sterben bereit zu sein. Bereits die Internationale hatte in der freien Übersetzung (1910) von Emil Luckardt (1880-1914) „zum letzten Gefecht“ aufgerufen.

Rezeptionsgeschichte

Brüder, zur Sonne wurde und wird noch heute von Arbeiterchören und auf Parteitagen und anderen Treffen von Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschaftlern, aber auch von NS-Anhängern bzw. Neo-Nazis gesungen. Eine weite Verbreitung erlangte es durch die Veröffentlichung 1920 in Kampflieder, hg. von der Freien Sozialistischen Jugend Deutschlands (Verlag Junge Garde, 3. Auflage 40.-60. Tausend; Quelle: Arbeiterlied Archiv, Akademie der Künste, Berlin) und in der 2. Auflage von Kampfgesang – Proletarische Freiheitslieder (Verlag der K.A.P.D). Aufgrund der großen Nachfrage von Chören brachte Scherchen das Kampflied 1921 im Selbstverlag als Partitur heraus.

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit wurde derart populär, dass bald zahlreiche Übersetzungen in europäische Sprachen folgten, nämlich ins Englische, Dänische, Norwegische und u.a. auch ins Kroatische und Estnische.

Abb. links: hdg.de, Lebendiges Museum online

 

Abb. rechts: Klaus Staeck: Plakat „Zum Lichte empor“, 1977 (Klaus Staeck: Plakate. Göttingen, Steidl 1988)

 

 

 

 

Wohl um sich von der SPD und dem ihr nahestehenden Deutschen Arbeitersängerbund auch im Lied abzugrenzen, wurden von kommunistischer Seite zwei Strophen hinzugedichtet (Text nach volksliederarchiv.de ):

Brechet das Joch der Tyrannen
die euch so grausam gequält
Schwenket die blutigroten Fahnen
über die Arbeiterwelt.

Brüder ergreift die Gewehre
auf zur entscheidenden Schlacht
Dem Sozialismus* die Ehre
Ihm sei in Zukunft die Macht.**

* auch: „dem Kommunismus die Ehre“

oder laut Deutschem Volksliederarchiv als weitere Variante: ** „Sowjet-Russland die Ehre / Den Kommunisten die Macht“

In den wirren Zeiten des Beginns der Weimarer Republik (Kapp-Putsch, Aufstand im Ruhrgebiet und Generalstreik) hatten im März 1921 kommunistische und linksradikale Kräfte in der Industrieregion um Halle, Leuna, Merseburg sowie im Mansfelder Land eine bewaffnete Arbeiterrevolte („Märzaktion“) initiiert. Dieser Mitteldeutsche Aufstand wurde noch im selben Monat von Regierungstruppen niedergeschlagen. Doch aus kommunistischer Sicht war die Notwendigkeit der Bewaffnung der Arbeiterklasse weiterhin gegeben. Und so entstanden in Mitteldeutschland martialische Verse, die erstmalig 1921 in der 3. Auflage von Kampflieder (40.-60. Tausend) veröffentlicht wurden: Brüder, ergreift die Gewehre (Text nach volksliederarchiv.de ).

1. Brüder, ergreift die Gewehre,
Auf zu  entscheidenden Schlacht.
Sollten denn unsere Heere
Fürchten das Trugbild der Macht.

2. Die wir dem Elend entstammen,
Brüder aus Armut und Qual,
Brennen im Kampfe zusammen,
Werden geschliffener Stahl.

3. Uns aus dem Elend zu lösen,
Ballt die bewaffnete Faust,
Die auf die zitternden Größen
Wie ein Blitz niedersaust.

4. Ihnen war Macht und war Ehre.
Wir sind vor Hunger verreckt.
Ladet die blanken Gewehre,
Das Bajonett aufgesteckt.

5. Auf, und verjagt die Tyrannen,
Dass ihre Herrschaft zerfällt
Schmückt mit den blutroten Fahnen
Unsere Arbeiterwelt.

Ebenfalls in dieser Auflage erschien von einem unbekannten Dichter als weitere Variante von Brüder, zur Sonne, zur Freiheit das „Kampflied des jüdischen Proletariats“ Brüder, wir stehen geschlossen (Text nach volksliederarchiv.de ):

 

1. Brüder, wir stehen geschlossen,
auf Leben und Tod wie ein Mann:
Wir stehen im Kampf als Genossen,
die Fahne, die rote, voran!

2. Trifft dich ein Schuß mein Getreuer,
ein Schuß von dem Feinde, dem Hund,
Ich trag dich heraus aus dem Feuer
und heil dir mit Küssen die Wund’.

3. Bist du gefallen, ein Toter,
die Augen, die lieben, in Nacht,
bedeckt dich die Fahne, die rote,
ich folg dir in blutiger Schlacht.

Die Übersetzung Brüder, ergreift die Gewehre, die das Arbeiterlied Archiv der Akademie der Künste, Berlin, dem Schriftsteller Max Barthel (1893-1975) zuschreibt, lehnt sich enger an das russische Vorbild Smelo, towarischtschi, w nogu an als die freie Übersetzung von Hermann Scherchen. Barthel war derzeit KPD-Mitglied, trat 1923 in die SPD und wurde nach 1933 Mitarbeiter des Völkischen Beobachters.

Ebenso wie die Nationalsozialisten das sozialdemokratische Lied Wenn wir schreiten Seit an Seit (Interpretation hier) übernommen haben, so wurde auch Brüder, zur Sonne zur Freiheit von den Nazis gesungen, manchmal mit einer zusätzlichen vierten Strophe. Völlig im NS-Sinne wurde das Lied erst 1927 von einem nicht genannten Texter mit einem Treubekenntnis zu Hitler umgedichtet.

1. Brüder in Zechen und Gruben
Brüder ihr hinter dem Pflug,
Aus den Fabriken und Stuben,
Folgt uns’res Banners Zug.

2. Einst kommt der Tag der Rache,
Einmal, da werden wir frei;
Schaffendes Deutschland, erwache,
Brich deine Kette entzwei.

3. Börsengauner und Schieber
Knechten das Vaterland;
Wir wollen ehrlich verdienen,
leißig mit schaffender Hand.

4. Dann laßt das Banner fliegen,
Daß unsre Feinde es sehn,
Immer werden wir siegen,
Wenn wir zusammenstehn.

5. Hitler ist unser Führer,
Ihn lohnt nicht goldner Sold,
Der von den jüdischen Thronen
Vor seine Füße rollt.

6. Hitler treu ergeben,
Treu bis in den Tod.
Hitler wird uns führen
Einst aus dieser Not.

(Text aus: ingeb.org)

In einigen Fassungen von Brüder in Zechen und Gruben ist die 3. Strophe „Börsengauner […]“ weggefallen und eine neue  Strophe eingefügt worden:

Ladet die blanken Gewehre,
ladet mit Pulver und Blei!
Schießt auf die Vaterlandsverräter,
nieder mit der Judentyrannei!

Während Brüder in Zechen und Gruben vorwiegend von der SS gesungen und von Musikkorps diverser SS-Standarten intoniert wurde, sangen hauptsächlich Mitglieder der SA Brüder, formiert die Kolonnen.

1. Brüder formiert die Kolonnen
Hört der Tausende Schrei
Deutschland mein Deutschland wir kommen
Deutschland wir stürmen dich frei.

2. Hört ihr die Toten uns mahnen
Schaffendes Deutschland in Not
Stürmend entrollt unsere Fahnen
blutrot und schwarz wie der Tod.

3. Brüder wir machen ein Ende
Reißet von Ketten Euch los
Deutschland, Großdeutschland wir kommen
schaffen dich einig und groß.

4. Brüder formiert die Kolonnen
Setzet ein Ende der Not
Deutschland, mein Deutschland wir kommen
bringen dir Freiheit und Brot.

(Text aus volksliederarchiv.de )

1933-1945

Den beiden nationalsozialistischen Versionen war nur ein begrenzter Erfolg beschieden. Von 1933 bis 1941 enthielten die mir in Online-Archiven zugänglichen NS-Liederbücher überwiegend stattdessen Brüder, zur Sonne, zur Freiheit mit den drei Originalstrophen, z. B. 1933 das SA-Liederbuch und Deutsche Kampf- und Volkslieder der NSDAP von 1941, um nur zwei zu nennen. Auch die vom NS-Lehrerbund herausgegebenen Schulbücher erhielten wie weitere zahlreiche Liederbücher nur die drei ursprünglichen Strophen. Nur vereinzelt erschienen Liederbücher wie Uns geht die Sonne nicht unter (HJ 1934) oder Sturm- und Kampflieder für Front und Heimat (NSDAP 1941) mit der abgewandelten (s. o.) vierten Strophe „Brechet das Joch der Tyrannen, / die euch so grausam gequält. / Schwenkt die Hakenkreuzfahne / über dem Arbeiterstaat“ (in der kommunistischen Version „Schwenket die blutroten Fahnen / über die Arbeiterwelt“, s.o.). Deutschland voran (o.J., vor dem 1. März 1935, Wiedereingliederung des Saarlands in das Deutsche Reich) wies zusätzlich eine fünfte Strophe aus: „Brüder, bald schlägt sie, die Stunde, / Brüder, wir – ihr – all von der Saar: / Bald heilt auf ewig die Wunde, / deutsch bleibt die Saar immerdar!“

Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) erhielt Brüder, zur Sonne, zur Freiheit große Resonanz. Sowohl das Liederbuch Kampflieder – Spanisches Liederbuch (Madrid, 2. Auflage 1937) als auch die Canciones de las Brigadas (Barcelona. 5. Auflage 1938) enthielten das Lied in verschiedenen Übersetzungen (Quelle: Arbeiterlieder Archiv, Akademie der Künste, Berlin).

Nach 1945

Gleich nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs brachte die FDJ das Liederbuch der deutschen Jugend mit den drei Strophen von Brüder, zur Sonne, zur Freiheit heraus, noch im selben Jahr folgte in Westdeutschland das Naturfreunde-Liederbuch. Bis 1989 weisen das Schendel-Archiv (deutscheslied.com) und das Deutsche Musikarchiv, Leipzig (DMA), rund 100 Liederbücher und Partituren mit dem Lied aus. Von den Partituren entfallen rund ¾ auf die DDR, von den Liederbüchern ungefähr die Hälfte. Von den knapp 50 im DMA-Katalog aufgeführten Tonträgern wurden etwa ¾ in der DDR herausgegeben. Unter den Liederbüchern waren auch einige, denen eine vierte Strophe angehängt wurde („Brechet das Joch der Tyrannen“ s.o.), wie 1957 in der DDR Schreiten wir in Reih und Glied – Liederbuch der Kampftruppen oder das 1988 in der 18. Auflage erschienene Leben, Singen, Kämpfen der FDJ und in der BRD Es wollt ein Bauer früh aufstehn der Gruppe Zupfgeigenhansel (1979) oder Das sind unsere Lieder von Hein und Oss Kröher (1988). Im DMA-Katalog ist nur eine Schallplatte (LP) des Erich Weinert Ensembles mit der kommunistischen Version Brüder, ergreift die Gewehre zu finden, dagegen mehr als 30 andere Tonträger mit Brüder, zur Sonne, zur Freiheit; zum Vergleich: BRD: 1945 bis 1989 zwölf Tonträger.

Zu erwähnen ist noch, dass Brüder zur Sonne am 17. Juni 1953 in zahlreichen Orten in der DDR auf den Demonstrationen gesungen wurde, so beispielsweise in Berlin, Merseburg, Rathenow und Schmölln. Genauso wurde es mehrfach bei den Montagsdemonstrationen 1989 in Leipzig gesungen (Quelle: Historisch kritisches Liederlexikon).

Abb: Freimut Wössner. In: die tageszeitung, 27. 9.1989

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bis heute ist das Lied in sozialdemokratischen und Gewerkschaftskreisen beliebt geblieben. Auch nach 1990 sind einige Liederbücher mit dem Kampflied erschienen, von denen ich nur die zweibändige Sammlung des Liederforschers Kurt Klusen Deutsche Lieder und Unser dickes Liederbuch der St. Georg Pfadfinderschaft hervorheben will. Auf den wenigen CDs, die der Katalog des DMA nach 1989 ausweist, wird das Lied vorwiegend von Chören gesungen. Die Interpretationen von Hannes Wader und Hein und Oss Kröher stammen aus früheren Jahren. Erst vor einigen Jahren, nämlich 2013, erschien im B.T.M. Verlag, Berlin, die CD Soldaten singen: Kampflieder der NVA und der Deutschen Volkspolizei; Originalaufnahmen von 1957-1988 und im selben Jahr wurde das Lied in das Liederbuch des Freien Begegnungsschachts (Vereinigung reisender und ehemaliger Wandergesellen) aufgenommen.

Nachzutragen ist noch der Versuch, des Songschreibers und Musikers Peter Kühn, die „Schwestern“ einzubeziehen. Nicht bekannt ist, ob sich Kühn dabei am Brief des Paulus an Galater, 5, Vers 13: „Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen“ orientiert hat.

Brüder und Schwestern, die Freiheit
die Freiheit des Marktes ist groß
sind wir ins Ausland gegangen
sind wir die Finanzämter los

Seht nur die vielen Millionen
um die wir die Völker geprellt
wir pfeifen auf Staaten und Steuern
wir sind die Herren der Welt.

(Text aus liedermacher-peter-kuehn.eu/).

Passend dazu zu eine Karikatur von Tom Körner:

Abb: Tom. In: die tageszeitung, 5. Mai 1993.

Erwähnenswert finde ich noch eine Parodie aus dem Jahr 1979 des Musikkabaretts Die 3 Tornados Brüder im Wartburg zur Freiheit (Text: Arnulf Rating, Günther Thews, Hans-Jochen Krank):

Wartburg (M)arschlied

Brüder, im Wartburg zur Freiheit,
Schwestern, im Sputnik empor.
Hell aus dem Intershopladen
Leuchtet die Zukunft hervor.

Seht, wie der Zug von Millionen
aus den Betrieben quillt:
geschunden, kaputt und geschlagen,
aber das Plansoll erfüllt.

Arbeiter, Bauern und Meister,
Enkel von Marx und Lenin,
ihr seid historisch schon weiter
dankt der Parteidisziplin.

Brüder, im Wartburg zur Freiheit,
Schwestern, im Sputnik empor.
Deutschland, dein Sozialismus
bringt wahre Wunder hervor,
bringt Pepsi-Cola hervor.

Georg Nagel, Hamburg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Arbeiterkampflied und Gewerkschaftshymne: Hermann Scherchens „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“

  1. Peter Kühn says:

    Hier als Ergänzung noch eine parodistische Version:

    Brüder und Schwestern die Freiheit
    Die Freiheit des Marktes ist groß
    Sind wir ins Ausland gegangen
    Sind wir die Finanzämter los

    Seht nur die vielen Millionen
    Um die wir die Völker geprellt
    Wir pfeifen auf Staaten und Steuern
    Wir sind die Herrscher der Welt

    Brüder das Geld in den Händen
    Brüder, die Armut verlacht
    Ewig dem Hochlohn ein Ende
    Gewonnen die letzte Schlacht

    (Parodie auf das Lied von Leonid P. Radin: Brüder zur Sonne , zur Freiheit, dt. Text von Herrmann Scherchen/ Musik: Nach dem russischen Studentenlied: „Langsam bewegt sich die Zeit“)
    von Peter Johannes Kühn

  2. Pingback: „Wir sind jung, und das ist schön.“ Zu Jürgen Brands „Wir sind jung, die Welt ist offen“ | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

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