Die Furcht vor der Andersartigkeit. Zu Knorkators „Dämon“

Knorkator

Dämon

Ein Dämon streift im Wald umher
Zwei Rüssel hat er im Gesicht
Sein Atem stinkt nach faulem Fleisch
Und seine Wunden heilen nicht

Ein Dämon streift im Wald umher
Durchkämmt den Hügel und die Schlucht
Sein Maul ist hässlich schwarz und tief
Und selbst der Wolf ergreift die Flucht

Er schaut dich an  (Er schaut dich an)
Du senkst den Blich (du senkst den Blick)
Er beugt sich vor (er beugt sich vor)
Du weichst zurück (du weichst zurück)

Ein Dämon streift im Wald umher
In seinem Magen liegt ein Stein
Ihm läuft der Speichel aus dem Maul 
Und rinnt hinab an seinem Bein

Ein Dämon streift im Wald umher
Der Boden zittert wenn er schreit
Ein jedes Tier von Angst erfüllt
Und nichts mehr regt sich weit und breit

Er schaut dich an [...] 

Die Haut ist blass (Die Haut ist blass)
Die Augen leer (Die Augen leer)
Doch er hält durch (Doch er hält durch)
Und streift umher (Und streift umher) 

Ahh, ahh, ahh

Ein Dämon streift im Wald umher
Schiebt seinen Fuß durch welkes Laub
Lässt eine Schleimspur hinter sich
Sie trocknet aus und wird zu Staub 

Er schaut dich an [...]

Er streift umher

     [Knorkator: Ich bin der Boss. Tubareckorz 2016.]

Die meisten Dämonen teilen sich einige wesentliche Attribute: ein erschreckendes, möglicherweise hässliches oder unnatürliches Äußeres, eine flexible Form, die es ihnen in vielen Fällen ermöglicht Besitz von anderen Wesen zu ergreifen, und eine Verbindung zum Satanischen. Auch der in Knorkators Lied besungene Dämon scheint ein unnatürliches Mischwesen zu sein. Da hören die Parallelen zu einem ‚klassischen Dämon‘ aber auch schon auf.

Das Aussehen des Dämons ist andersartig, aber nicht auf eine furchteinflößende Art und Weise. Ist Knorkator also ihre Darstellung schlicht misslungen? Nein, dazu sind die Brüche zu traditionellen Darstellungen eines Dämons zu offensichtlich. Man muss sich das beschriebene Wesen nur bildlich vorstellen: Zwei Rüssel und ein Maul aus dem Speichel fließt, dazu ein großer schwarzer, hässlicher Mund. Andersartig ist dies sicherlich, aber furchteinflößend nicht. Außerdem hat der Dämon eine sehr konkrete Form, nichts von der Fähigkeit sich aufzulösen oder von anderen Besitz zu ergreifen. In mancherlei Hinsicht erinnert dieser Dämon so an den britischen Kinderbuchklassiker The Gruffalo.

Knorkator gehen dabei aber noch weiter, denn an manchen Stellen erregt der Dämon sogar Mitleid, beispielsweise wenn beschrieben wird, dass seine Wunde nicht heilen, er einen Stein im Magen hat und sein Atem nach faulem Fleisch riecht. Diese drei Eigenschaften hören sich eher nach medizinischen Problemen als nach höllischen Attributen an. Wieder wird dem Zuhörer dadurch die Körperlichkeit des Dämons ins Gedächtnis gerufen, was auch dazu führt, dass der dämonische Protagonist verletzlich gemacht wird. Doch der Dämon wird dadurch sogar als lächerlich dargestellt. Wer würde sich schon überlegen, was im Magen eines wirklich Angst erregenden Dämons zu finden ist? Der Speichel des Dämons, der ihm vom Mund aus das Bein herunterläuft trägt zu diesem Eindruck der dysfunktionalen Körperlichkeit noch bei. An diesem Dämon ist nichts Furchteinflößendes zu finden.

Dieses Gefühl verstärkt sich noch, wenn Knorkator besingen, wie der Dämon alleine durch Wald, Hügel und Schlucht streift. Das Verb suggeriert, dass der Dämon ohne genaueres Ziel durch die Landschaft läuft. Der einfache Beat, die repetitive musikalische Untermalung und wiederholte Verwendung der Zeile „Ein Dämon streift im Wald umher“ verstärken diesen rastlosen Eindruck. Später wird das „streifen“ noch weiter qualifiziert, nun „schiebt“ der Dämon „seinen Fuß durch welkes Laub“. Die Beschreibung dieser Fortbewegung lässt ahnen, dass der Dämon keineswegs angsteinflößend und majestätisch durch den Wald stolziert, stattdessen schlurft er durch welkes Laub, was hier auch als Metapher für den Gefühlszustand des Dämons verstanden werden kann.

Die Tiere haben Angst und „Selbst der Wolf ergreift die Flucht“, womit der Dämon auch von seinen animalischen Genossen im Stich gelassen wird. Wohin soll sich der Dämon also wenden? Im Gegensatz zu seinen Artgenossen kann er nicht einfach zurück in die Hölle, und auch die Tiere fliehen vor seiner Andersartigkeit. Dies ist also kein Dämon, vor dem man sich fürchten müsste. Vielmehr handelt es sich hier um einen einsamen Dämonen. So können die leeren Augen und die blasse Haut auch als Ausdruck der Einsamkeit des Dämons verstanden werden. Der Schrei, welcher den Boden zum Zittern bringt, ist in dieser Lesart ein Zeichen der Frustration und nicht ein Versuch, den Waldbewohnern Angst einzuflößen.

Schließlich trifft der Dämon dann doch noch auf einen Besucher, nämlich den Zuhörer. Doch als der Dämon diesen anschaut, senkt der Zuhörer den Blick. Dann beugt sich der Dämon vor, aber auch diese Wortwahl deutet auf keine Aggressivität von Seiten des Dämons, sondern vielmehr auf Neugier. Doch der Zuhörer weicht instinktiv zurück. Der Dämon greift den Zuhörer nicht etwa an und so entsteht eine Situation in der der Dämon mit seinen zwei Rüsseln, triefendem Speichel und stinkendem Atem dem Zuhörer gegenüber steht, dieser aber, fast reflexartig, zurückweicht. Der Dämon streift so weiter durch den Wald, und nicht einmal seine Schleimspur bleibt, denn (chemisch wohl unerklärlich) verwandelt sich diese in die Vergänglichste aller Materialformen: Staub. Nur so kann auch die Zeile im Refrain „Doch er hält durch“ verstanden werden, denn ein unbeschwerter Dämon, der Spaß daran hat, Mensch und Tier zu verängstigen, müsste nicht „durchhalten“. Ein Dämon, der auf Grund seiner Andersartigkeit ausgeschlossen wird, hingegen schon.

Auf einer abstrakteren Ebene kann diese Darstellung von Andersartigkeit auch als ein gesellschaftlicher Kommentar verstanden werden. Wegen der äußerlichen Andersartigkeit wird der Dämon ausgegrenzt und nicht etwa, weil er jemanden angreift. Vielmehr erschrecken sich Tiere und der Zuhörer vor dem Wesen, weil es anders ist als sie, und vermutlich auch, weil das Klischee des Dämons eben das eines teuflischen Wesens ist. Somit kann der Liedtext auch als Aufruf verstanden werden, nicht vor Andersartigkeit zurückzuschrecken. So ist vielleicht auch zu erklären, dass der an den Zuhörer gewandte Refrain keinen klaren Abschluss findet: der Dämon beugt sich vor, der Zuhörer weicht zurück, und dann beginnt die nächste Strophe. Dies kann als ein bewusst offenes Ende der Auseinandersetzung mit Andersartigkeit verstanden werden. Ob die Andersartigkeit akzeptiert wird, oder der Zuhörer sich davon abwendet, wird ihm selbst überlassen.

Martin Christ, Oxford

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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