„Wo is denn des Gerchla?“ Fränkisches Kirchweih- und Tanzlied

Wo is denn des Gerchla?

1.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is heut net däham,
der is aff der Kärwa, frißt die ganz´n Brotwärscht zamm.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla wieder kummt.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla kummt.
Kummt er net am Montoch, kummt er halt am Dienstoch.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla wieder kummt.
Wart ner, wart ner, wart ner Bärbala, bis dei Gerchla kummt.

2.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is heut net däham ,
der höck in am Wertshaus, säfft sich immer wieder zamm.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is heut net däham,
der höck in am Wertshaus, säfft sich immer wieder zamm.
Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala wieder kummt.
Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala kummt.
Hulst di net am Montag, ganz bestimmt am Dienstag.
Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala wieder kummt.

3.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is vei schon däham,
der is in der Kammer, list den fregt‘n Bess‘n zamm.
Wo is denn des Gerchla? Gerchla is fei schon däham,
der is in der Kammer, list den Bess‘n zamm.
Siechst es, siechst es, so ist Gerchla, wennst net ham gehst, Gergla.
Siechst es, siechst es, so ist Gerchla, wennst da net ham gehst.
Ja so san die Weiber, Gerchla, tu net greina,
Wat ner, wat ner, wat ner, Gerchla, bis zur nächsten Kerwaszeit,
Wat ner, wat ner, wat ner, Gerchla, dann is grod wie heut.

     [Rohtext: dancilla.com; statt „Wou“ schreibe ich allerdings „Wo“, 
     „dahäm“ ersetze ich durch „däham“, „Gergla“ durch das im Fränkischen
     gebräuchlichere „Gerchla“, „Besse’n“ durch das sinnvollere „Bess’n“,
     „vei“ durch „fei“ sowie – im dritten Abschnitt „zam“ durch „zamm“.]

„Gerchla“ ist eine Namensableitung vom heiligen Drachentöter Georg, den man anderswo auch als Schorsch, Görch, Joris, Jorge, Jurek, Jiri oder auch Omar kennt. Als einer der vierzehn Nothelfer (Namensfest am 23. April) ist er u. a. für Pferde, Wandersleute und Gefangene zuständig. Offensichtlich auch für Dorffeste und Volkstänze, wie unser Kerwalied vom ebendort regelmäßig versumpften Protagonisten ausführt. Neben besagtem „Gerchla“ spielen in unserem Lied zwei weitere Figuren eine Rolle: das „Bärbala“, mit dem das „Gerchla“ höchstwahrscheinlich ehelich verbandelt ist, sowie die Sprechinstanz, die man sich als Einzelsänger(in) oder, eigentlich besser, als Chor vorstellen sollte, der die Dorfgemeinschaft repräsentiert. Diese Sprechinstanz agiert perspektivisch, kommunikativ und auch moralisch auf eine erstaunliche, fast zynische Weise flexibel: Manchmal scheint sie die Fragen zu stellen, die dem Bärbala oder dem Gerchla durch den Kopf gehen, dann hat sie die passenden Antworten darauf gleich parat; später räsoniert sie auch über den Lauf der menschlichen Dinge, warnt und tröstet. Grundsätzlich muss man wohl auch damit rechnen, dass mit Hilfe dieses Liedes auch bestimmte Personen verspottet werden sollten. Im traditionellen Ablauf einer fränkischen Kerwa kam es neben gesungenen Liebeserklärungen der Burschen an ihre Freundinnen mit zunehmendem Alkoholkonsum regelmäßig auch zum Austrag von Rivalitäten, sei es durch Spottgesänge, sei es durch Handgreiflichkeiten (vgl. Georg Schwarz: Kirchweih [Kerwa]. Sitte und Brauchtum, Bayreuth 1985, bes. S. 22-26).

Die Gliederung des Liedes in drei Versgruppen ist für das fränkische Volkslied typisch. „Wo ist denn das Gerchla?“ scheint sich eingangs die Frau eines allzu lange ausbleibenden Mannes zu fragen. Die Sprechinstanz weiß Bescheid und informiert mit seiner Antwort nicht nur das Bärbala, sondern alle am Ehedrama Interessierten: Das Gerchla amüsiere sich auf der Kerwa – und zwar ziemlich intensiv, wie die deftige Wortwahl andeutet. Das Bärbala müsse in dieser Situation einfach Geduld an den Tag legen – komme sein Bratwurstfresser nicht am Montag nach Hause, dann eben am Dienstag. Die Wochentagsangaben setzen als Hintergrundwissen voraus, dass fränkische Kirchweih-Feste normalerweise Donnerstags beginnen und Montags enden (Kernzeit: Freitag- bis Montagabend). Eine einschlägige (südbayerische) Redewendung besagt allerdings: „A richtiger Kirta dauert bis zum Irda [Dienstag], wann sie’s duat schicka, aa bis zum Migga [Mittwoch].“ Also scheint das Gerchla auf eine ,richtige Kerwa‘ gezogen zu sein … armes Bärbala!

Aus der zweiten Strophe erfahren wir, dass das liebe Gerchla nicht nur zu fröhlichen Kirchweihzeiten über die Stränge schlägt, sondern offensichtlich unter die Kategorie ,Gewohnheitssäufer‘ fällt. Üblicherweise scheint ihn sein trautes Weib regelmäßig mit sanfter Gewalt aus den Fängen des Alkoholteufels befreien zu müssen. Jedenfalls redet die Sprechinstanz in dieser Strophe das Gerchla entsprechend an: „Wart ner, wart ner, wart ner Gerchla, bis dei Bärbala wieder kummt.“ Im Vergleich zur Eingangsstrophe bekommt das „wart ner“ einen drohenden Unterton; anscheinend pflegt das Bärbala ihre Abholaktionen mit einem gehörigen Donnerwetter zu verbinden.

In der dritten Strophe finden wir das Gerchla tatsächlich einmal in häuslichen Gefilden; aber inzwischen scheint dem Bärbala der Geduldsfaden gerissen zu sein – es hat sich auf und davon gemacht (vgl. hierzu auch Seiler & Speer: Ham kummst). Derweilen macht er sich, offensichtlich geknickt, im Hause einigermaßen nützlich; wenn mich mein in gut fünfzehn Bamberger Jahren angelerntes Fränkisch nicht völlig in die Irre führt, klaubt („list“) er die Reste eines ,verreckten‘, d.h. kaputten (Reisig-)Besens zusammen. Die Sprechinstanz bzw. der Chor liest dem Gerchla zunächst die Leviten – er habe sich sein Elend selber zuzuschreiben: „Siechst es, siechst es, so ist Gerchla, wennst da net ham gehst.“ Das klingt einigermaßen moralisch, doch schon im Folgesatz wechselt die Stimme, möglicherweise von heulenden Elend des Gerchla gerührt, quasi die Fronten und versucht es zu trösten, indem es seine missliche Situation auf die Empfindlichkeit ,der Weiber‘ zurückführt und seine Gedanken auf Erfreulicheres, nämlich die nächste Kerwa ausrichtet. Allerdings entpuppt sich der nachgeschobene Satz bei genauerer Überlegung als nur vordergründig tröstlich, in Wirklichkeit aber als zutiefst zynisch: „Wat ner, wat ner, wat ner, Gerchla, dann is grod wie heut.“ Mit anderen Worten: Man traut Gerchla kein Entrinnen aus seiner Säuferkarriere zu, ganz gleich, ob das Bärbala dieses eine Mal noch zurückkommen wird oder nicht.

Nun wird diese – im Grunde tieftraurige – Geschichte, die sich der Realität so oder so ähnlich schon tausende Male zugetragen haben wird, als Stimmungslied bei Volksfesten vor gemischtem Publikum vorgetragen, dient auch als Tanzlied und scheint niemandem die gute Laune zu vermiesen (vgl. den Auftritt von Travelling Playmates & Kapelle Rohrfrei bei einem fränkischen Volksfest). Seltsam, oder? Anscheinend bewirkt der übliche Aufführungs-Kontext eine so konsequente Fiktionalisierung des im Lied erzählten Ehedramas, dass keiner der Rezipienten auf den Gedanken kommt, darin womöglich eine Prophezeiung des eigenen künftigen Schicksals zu sehen.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

PS:
Als Tanzlied ist das Gerchla ein sog. Marschwalzer. In einem Heft zum Thema Volkstänze, getanzt in Oberfranken (Schriften zur Heimatpflege in Oberfranken, Reihe II: Musik und Tanz, Nr. 1, Bayreuth, 2. Aufl. 1996, S. 21), habe ich nachfolgend sinngemäß referierte Tanzbeschreibung gefunden: Am Anfang stehen Tänzer und Partnerinnen mit Blick in Tanzrichtung auf der Kreisbahn nebeneinander, die Tänzerinnen außen, Innenhandfassung auf Schulterhöhe. Dann geht man 16 Takte lang, mit dem Außenfuß beginnend, in Tanzrichtung. Das Ganze wird wiederholt. Wieder 16 Takte lang werden wie folgt absolviert: Man löst die Fassung, die Männer bleiben im Kreis stehen und klatschen in die Hände, die Frauen machen kehrt und gehen gegen die Tanzrichtung. Danach bleiben die Tänzerinnen stehen und schnappen sich den nächsten Mann mit dem sie in gewöhnlicher Tanzhaltung 16 oder auch 32 Takte Walzer tanzen. Danach geht das Ganze wie am Anfang von vorne los. Im Prinzip bräuchte ich spätestens jetzt Unterstützung von Volkstanz-Experten, um die Frage zu erörtern, ob der Text unseres Liedes womöglich Hinweise auf die zu tanzenden Figuren liefert. Tatsächlich dürfen bei vielen Volkstanz-Liedern die darin erzählten Geschichten nicht wörtlich genommen, sondern müssen als Stenogramme von Bewegungsabläufen und Rhythmuswechseln decodiert werden, mit Hilfe derer sich die Tänzer rasch auf musikalische Überraschungen einstellen können. Bei Kerwa-Tänzen gibt es oft einen lustigen Wettstreit zwischen Musikanten und Tänzern, bei dem es jene darauf anlegen, diese – z.B. durch Taktwechsel – zu verwirren, wodurch unerfahrene oder auch ungeschickte Tänzer blamiert werden. Diese finden dann mitunter allerdings in den Texten der Kerwa-Lieder kleine Hilfestellungen. Für eine solche Interpretation fehlt mir dann aber ganz entschieden die notwendige Kompetenz. Und wenn schon Hilfe anrücken sollte, möge sie mir gleich auch noch Informationen über die Entstehung des Liedes – Jahr, Texter, Komponist – mitbringen, ich habe bei meinen Recherchen dazu nichts Klares gefunden; meine Zeitangabe im Titel beruht auf einer Erwähnung des Gergla im Anhang einer Dissertation von 1929 (Max Böhm: Volkslied, Volkstanz und Kinderlied in Mainfranken, Nürnberg: Franz Zorn, S. 247).

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to „Wo is denn des Gerchla?“ Fränkisches Kirchweih- und Tanzlied

  1. Hallo, es hat mich sehr gefreut, von einem Wahlfranken diesen Beitrag zu lesen. Ich habe ihn daraufhin befragt, ob er auch die zotigen Verse des Liedes kennt. Hat mich amüsiert, von ihm zu hören, dass er gar nicht wisse, dass es diese gibt. Aber habe sie schon mehrfach auf einer Kärwa gehört, den Text aber nicht im Kopf behalten. Meine Bitte an die Leserschaft ist, wenn jemandem diese Texte bekannt sind, möge er sie mir bitte mitteilen, ich möchte sie auf meiner Internet-Seite veröffentlichen. Sie würden einem Exilfranken im Rheinland eine große Freude bereiten.

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